NOVALIS und sein HEINRICH VON OFTERDINGEN

Ich habe vor:

(I) Novalis' Heinrich von Ofterdingen als Buch konzipiert aufzufassen, mich auf ihn und ihn auf sich selbst zu beziehen, um so zu einem Begriff von Endlichkeit und/oder Unendlichkeit von Kunst und/oder Leben zu kommen.

(II) soll Novalis' Verstaendnis von Poesie und sein Begriff von Romantik vorgestellt und untersucht werden, um

(III) einige Ausblicke auf zeitgenoessische Auseinandersetzungen mit diesen Begriffen und Motiven geben zu koennen; (-und in thesenhaften Interpretationsversuchen zu enden, nein: zu scheitern; -also laß' ich's.)

Der Titel, der auch schon als These verstanden werden will, wird sein:

"Das unendliche Buch

oder: unheimliche Begegnung mit der dritten Art.
Eines Dichters Weg von der Poesie in das Reich der Poesie
als ein Zirkel in einem und um ein Maerchen-Buch;
samt einem Ausbruch in die Romantik-Literatur des Jetzt."

hierzu einige moegliche Motti, einstimmende Zitate, "Einuebungen in das Vermeidbare"(Kolleritsch):
" Jeder Versuch, unmittelbar an die romantischen Impulse, und sei es an die einst kritischen, wieder anzuknuepfen, ist hoffnungslos zum Scheitern verurteilt." (s.u.)
" Das Wort `romantisch' erscheint doch heute eher obsolet denn kaprizioes." - W.Martin Luedke (Aufsatz "Truebsal blaest des Knaben Wunderhorn - ueber einige romantische Tendenzen unserer Gegenwartsliteratur" in: Wespennest 42, 1981)
"Der moderne Roman traegt noch zurecht seinen Namen."
"(Doch) das romantische Symbol hat aus bald 200jaehriger Geschichte gelernt. (..) Es bedient sich handgreiflicherer Aussagen." - Josef Haslinger (Aufsatz "Das romantische Element in der modernen Literatur" in: Wespennest 39, 1980)

(I). Die jaeh enden wollende Unendlichkeit, oder: der Weg ist das Buch.
Zur Konsequenz der Inkonsequenz des Novalis, der in der Niederlage siegreich bleibt.

Novalis konzipiert seinen Heinrich von Ofterdingen als Buch im Buch, als Selbstreflexivum, als poetisiertes Leben, und beziehtden Leser so gleich noch mit ein in diesen Zirkel des Artifiziellen, der beim Lesen jedoch nicht ohne weiteres offensichtlich wird, werden muß. Doch eines nach dem anderen, statt mit der Tür ins Haus zu fallen.

Ein gewisser Friedrich von Hardenberg beginnt, unter dem Pseudonym Novalis schreibend, 1799 einen Roman. Er schreibt, oder besser, entwirft ein Buch ueber einen gewissen Heinrich, einen zum Dichter berufenen Juengling, der - verstanden als Reaktion auf Goethes klassisch angelegten Wilhelm Meister - aufbricht zu einer Reise: nach Augsburg und zum Grossvater einerseits, ins Land der Poesie und der blauen Blume andererseits. Er schreibt also ein Buch, ein Maerchenbuch, und schreibt sich - als Heinrich - gewissermassen selbst in das Buch hinein. Er literarisiert sich, poetisiert sein Leben - oder besser: läßt seine Poesie lebendig werden - , nimmt Anleihe bei sich. Heinrich selbst wiederum findet sich im Laufe des Romans ebenfalls in einem Buch wieder, in einem geheimnisvollen Werk, das ihm bei einem Eremiten zufaellt (zufaellig?):

"Die letzten Bilder waren dunkel und unverstaendlich; doch überraschten ihn einige Gestalten seines Traumes mit dem innigsten Entzuecken; der Schluss des Buches schien zu fehlen. Heinrich war sehr bekuemmert, und wuenschte nichts sehnlicher, als das Buch lesen zu koennen, und vollstaendig zu besitzen. (...) machte das Buch zu, und fragte den Einsiedler nur obenhin nach dem Titel und der Sprache desselben, wo er denn erfuhr, dass es in provencalischer Sprache geschrieben sey" (Novalis, 109).

Im erklaerenden Nachwort heisst es dazu:
"Im 'Ofterdingen' ist eben im Gegensatz zum Entwicklungsgedanken des Bildungsromans das Ziel im Anfang schon gegenwaertig. Das Symbol der Blauen Blume weist darauf hin. Heinrichs Reifungsprozeß ist in jenem Buch des Einsiedlers bereits vorgezeichnet. Es besteht keine Gefahr, daß er seinen Weg verfehlt und sich etwa aufgrund problematischer innerer Anlagen schicksalhaft verstrickt. Alles Spaetere ist in den bedeutungsvollen Vorkommnissen von Anfang an praefiguriert." (Pfotenhauer, in Novalis, 226f.)

Ich wage einen Vergleich:
Dem Buch im Buch, dem provencalischen Buch des Eremiten, fehlt der Schluss, Heinrich erfaehrt nichts ueber den Ausgang seiner Unternehmungen. Auch dem Roman selbst fehlt - und zwar mehr als - der Schluss, der Leser erfaehrt nichts ueber den Ausgang seiner Lektuere. (abgesehen von einigen Entwuerfen und der Skizzierung des Weiteren durch Ludwig Tieck ). Fertig ist das FRAGMENT!
Novalis, der mir in seiner Biographie wie in seiner Literatur (hier als alter ego Heinrich) vorliegt, fehlt - so koennte man sagen - ebenfalls ein Schluß, ein Stueck seines Lebens; starb er doch 1801 im 29.Lebensjahr. Keine Vollendung, keine Befriedigung!
Der Leser und Nachgeborene erfaehrt nichts ueber einen eventuellen weiteren Verlauf, über den Fort- und Ausgang, den wir "als normal verstanden" voraussetzen und erwarten würden. Ich kann SO eine Abstufung, eine Parallelisierung oder eine Linearisierung, die einen Zirkelschluss nahelegt, nicht unterdruecken (ein Behelfskonstrukt): ICH-romantik-NOVALIS-BUCH-HEINRICH-BUCH-ich;
oder: Novalis hat als Heinrich das Buch des Einsiedlers vor sich, wie ich als Novalis das Buch "Heinrich von Ofterdingen" vor mir habe.

Nichts in diesem Zirkel findet ein Ende, eine Fortfuehrung,eine Konsequenz, genau deshalb weil es seinen Schluss und Beschluss schon gefunden hat. -ein Widerspruch? Jedes Buch, jedes Leben endet zu frueh, falsch. Das Unendliche findet seine endliche Darstellung.
"So bleibt das Buch Absichtserklaerung" schreibt H.P.Piwitt im Aufsatz "Die Rueckkehr des Mythus" 1982, allerdings bezogen auf das deduktive Verfahren des Novalis, Bilder zu seinem Weltbegriff zu erfinden. Nichtsdestotrotz bleibt das Buch (das Buch, die Kunst, das Leben) auch nach meiner Argumentation schoene Absichtserklaerung. Das Einsiedlerbuch bricht vor dem erwarteten Ende ab, Heinrich erfaehrt das weitere nicht. Wie soll er (sich) aber das Vorgedachte erfuellen, wenn da einfach NICHTS ist ? Kein weiter, kein fort. Kein Bild, kein Text(ende).

Also kann das Buch "Heinrich v.O." selbst auch keine lineare Stringenz und also Konsequenz zeigen, in der und indem es eine, seine Geschichte brav zu Ende erzaehlen wuerde (es wäre ein konstruiertes und unglaubwürdiges Ende - wie jedes Ende überhaupt); und wohl auch deshalb, weil sein Autor verfrueht gestorben war - ob Zufall oder nicht. Vielleicht waere er - hätte er noch über Jahre hinweg weiterschreiben können an seinem Roman-Märchen - ohnehin nach wenigen Kapiteln oder Saetzen gescheitert. Vielleicht. Absicht und Fragment bleibt das Buch im Buch, das Buch H.v.O., und Novalis´ Leben selbst.
Und ebenso kann und will ich die Romantik im grossen und ganzen verstehen: als Fragment, Entwurf, Plan; und mich ebenso, der ich mich an all dem delektiere, es denke und daran scheitere. Wäre mein Ende denkbar, ich wäre nicht nur nicht mehr am Leben, sondern in einem existentiellen Paradoxon bis in alle Unendlichkeiten gefangen.
Doch besteht eine Konsequenz, oder: liegt die Konsequenz nicht auch darin, dass alles scheitert ? oder aufhoert und sein Ende findet irgendwann, will heissen: gerade dann, wenn es nicht erwartet wird ? Will heißen: sein Ende nie findet, weil es schon irgendwo aufgehört hat ? Ist DAS nicht ein Ansatz, ein Beitrag zum grossen letztendlichen Zusammenfall /-führung /-fügung der Dinge und Gegensaetze, von Natur und Kunst, von Poesie und Leben, von Literatur und Welt ? Keine Kunst als Kunst ? Keine Antwort als Antwort ?

Ist das Scheitern des Novalis nicht sein eigentlicher grosser Sieg? Denke ich somit das Aufhoeren der Konsequenz als hoechste Konsequenz? Leben wir demnach schon im "goldenen Zeitalter", jener neuen Welt, die Novalis doch angestrebt hatte, die er so gerne verwirklicht gesehen haette ? Wie auch Schelling in Form einer neuen Mythologie, die er erwartete ?

Ein exkursorisches Zwischenspiel zum goldenen Zeitalter.

Bei Ovid heisst es im ersten Buch der Metamorphosen:
"und es entstand die erste, die goldene Zeit. ohne raecher, ohne gesetz. von selber bewahrte man Treue und Anstand. Strafe und Angst waren fern. kein Text von drohenden Worten stand an den Waenden auf Tafeln von Erz."
Ist DAS nun jene Zeit, die Novalis im Sinne hat, wenn er schreibt: "es bricht die neue Welt herein" oder "wenn nicht mehr Zahlen und Figuren/sind Schluessel aller Kreaturen(...)und man in Maehrchen und Gedichten/erkennt die wahren Weltgeschichten/dann fliegt vor einem geheimen Wort/das ganze verkehrte Wesen fort."?

Ludwig Tieck erklaert in seinem "Bericht ueber die Fortsetzung" hierzu:
"Dem Dichter, welcher das Wesen seiner Kunst im Mittelpunkt ergriffen hat, erscheint nichts widersprechend und fremd, ihm sind die Raetsel geloest, durch die Magie der Fantasie kann er alle Zeitalter und Welten verknuepfen, die Wunder verschwinden und alles verwandelt sich in Wunder: so ist dieses Buch gedichtet" (Tieck, in Novalis, 202)

Was unaufgeloest bleibt, ist die Frage:Ist diese Zeit gegenwaertig oder unerreichbar? Leben wir also schon in Novalis' neuer Welt, die er im Auge hatte bei seinen literarischen Unternehmungen und mythischen Weltreisen? Oder ist diese Welt nicht nur nicht denkbar, sondern auch keinesfalls wünschenswert ? (-Stechschritt!)
Oder aber war es ihm nur um das Streben und Versuchen und Suchen zu tun gewesen, und nicht um die Erreichung seines Zieles? Das Leben als Plan, als Streben, als Flickenteppich, der nie das Praedikat "vollendet" oder "abgeschlossen, erledigt, beendet" erhalten wird koennen. Und wenn ICH das sehe als Leser seines Buches, wie sollte es Novalis selbst nicht gesehen haben, als quasi-Leser des Buches des Einsiedlers? Und freilich auch als Leser seines eigenen HvO.-Textes.
(Ich fuehle mich hier natürlich an die "unendliche Geschichte" von Michael Ende erinnert, in dem ein Kind in einem Maerchen-Buch liest und darueberhinaus selbst darin vorkommt, ein Buch, das wiederum sich selbst zitiert und das ich gleichzeitig als Leser in Haenden halte.)
siehe Michael ENDE!

Wie aeussert sich nun Novalis selbst zum (nur) geplanten Ausgang oder Ausklang seines Roman-Maerchens? In den Paralipomena heisst es dazu:
"Das Buch schliesst just umgekehrt wie das Maerchen - mit einer einfachen Familie." (188)
"Hinten Farbenspiel. (...) Hinten wunderbare Mythologie." (189)
"Hinten ein ordentliches Maerchen in Szenen, fast nach Gozzi - nur viel romantischer. Hinten die Poetisirung der Welt. - Herstellung der Maerchenwelt. (...) Das ganze Menschengeschlecht wird am Ende poetisch. Neue goldene Zeit. Poetisirter Idealism. Menschen, Thiere, Pflanzen, Steine und Gestirne, Flammen, Toene, Farben muessen hinten zusammen, wie eine Familie (handeln) oder Gesellsch(aft) wie Ein Geschlecht handeln und sprechen. Mystizism der Geschichte."(190)
Nachdem nun einige als Stichworte auftretende Begriffe wie Maerchen, provencalisch oder Poetisierung der Welt, gefallen sind, tut es not, im folgenden auf diese erneut und ausfuehrlicher zu sprechen zu kommen und sie auch aus dem Text heraus sich entwickeln zu lassen, um sie nicht als Phrasen abzutun, als solche sie baldigst in Vergessenheit geraten wuerden.

(II). Die Poesie ist der naemliche Farbtopf, in welchen die Welt wir tauchen (sollen?).

Um zu einem Begriff von Romantik zu kommen, habe ich mir zuerst den Romantext in jenen Stellen besehen, in denen die Dichtkunst und der Dichter benannt und umschrieben wurden. So heisst es also im Heinrich beispielsweise:
"die Poesie muss nie der Hauptstoff, immer nur das Wunderbare seyn."
"Poesie ist wahrhafter Idealismus"
"wer recht poetisch ist, dem ist die ganze Welt ein fortlaufendes Drama"
"Die Poesie will vorzueglich als strenge Kunst getrieben werden. Als blosser Genuss hoert sie auf, Poesie zu seyn."
Und in einem Brief an L.Tieck: "Das Ganze soll eine Apotheose der Poesie sein."
Ueber den Dichter erfahren wir: "Freye Gaeste sind sie, deren goldener Fuss nur leise auftritt, und deren Gegenwart in Allen unwillkuerlich die Fluegel ausbreitet."
"Der junge Dichter kann nicht kuehl, nicht besonnen genug seyn."
"Der Dichter ist reiner Stahl, eben so empfindlich, wie ein zerbrechlicher Glasfaden, und eben so hart, wie ein ungeschmeidiger Kiesel."
Und immer wieder finden wir die Natur als Poetin, oder Heinrichs Verklaerung als Dichter (nachdem er zu einem solchen herangereift war).

Novalis will "Roman und Maerchen in einer gluecklichen Mischung" und "die Vermischung des Romantischen aller Zeiten". "Der Roman soll allmaehlich in Maerchen uebergehen" fordert er und nennt sein Buch "mein Maerchen". In dieser Metamorphose, dieser Wandlung und mannigfachen Verwandlung von Text und Held finden wir stets jenes Motiv wiederholt, das ich zuvor schon kurz angesprochen hatte, naemlich die "Poetisierung der Welt" und weiters diese als "Herstellung der Maerchenwelt".
"Es ist mehr Wahrheit in ihren Maerchen als in gelehrten Chroniken" heisst es hierzu aus dem Munde des Grafen von Hohenzollern, dem Eremiten, nachdem er ausfuehrt "mir scheint als wenn ein Geschichtsschreiber nothwendig auch ein Dichter seyn muesste". Der Geschichtsschreiber als Geschichtenerzaehler, Novalis als Bruder des Thukydides und umgekehrt.

Bevor ich, ausgehend von diesen Motiven der grossen Poetisierung und vom Begriff Maerchen, zu einer gerafften Betrachtung des Wortes ROMANTISCH komme und seines Gebrauches im Text, erscheint es mir als ein notwendiger Nachtrag, ueber den Begriff der "provencanischen Sprache" eine kurze Bemerkung und Ergaenzung gleichsam als hinfuehrendes Moment zum Wort ROMANTISCH einzufuehren. Man erinnert sich, es ist dies die Sprache, in der er sich selbst und der Leser den Roman selbst wiederfinden könnte, in der jenes Buch verfasst ist, das Heinrich beim Eremiten findet und verwundert betrachtet. Er erkennt sich selbst in den Abbildungen wieder, doch vermag er die Zeichen nicht zu lesen.

"Er erfuhr, dass es in provenzalischer Sprache geschrieben sey." Im Anhang heisst es in der Erlaeuterung hierzu: "Die provenzalische Dichtung galt um 1800 als Ursprung der neueren Kultur (Herder, 1796) und Vorlaeuferin der romantischen Poesie (Friedrich Schlegel, 1798)." (242)
Der Einsiedler erklaert noch, er habe diese Handschrift in Jerusalem in der Verlassenschaft eines Freundes gefunden und aufgehoben. Mehr erfaehrt Heinrich nicht. Auch wir nicht; doch scheint es wohl kaum ein Zufall oder eine beilaeufige Fuegung gewesen zu sein, dass der Verfasser genau hier zu dieser Wortwahl sich entschlossen hat.Warum Jerusalem?/Bergmann?/Erz?

Nachdem Novalis so mit dem kleinen Wort "provenzalisch" ja schon andeutet und - fuer den, der dieses Wort zu lesen weiss, gewissermassen nahelegt, dass es sich bei jenem alten Buch um ein Heraufdaemmern oder einen Beginn des Romantischen schlechthin handelt oder handeln koennte, laesst sich auch leicht die Parallele zum Roman als Ganzes ziehen, wonach der "Heinrich von Ofterdingen" (als ein fruehromantisches Werk) gleichsam als ein Beginn-unter-anderen, als Mitinitiator und Mitbegruender dessen zu gelten haette, was wir unter dem Terminus ROMANTIK verstehen: Romantik als Richtung, als Stroemung, als Gattung.
Wir befinden uns hier also schon in ihr selbst, und sind schon mehr als mittendrinnen, wenn es im Text heisst: "Eine hoehere Macht (...) brachte sie unter sonderbaren Umstaenden in diese romantische Lage." (65) oder "Das Land der Poesie, das romantische Morgenland, hat euch mit seiner suessen Wehmuth begruesst" (127) oder "Selbst das Gewissen erscheint mir wie der Zufall der ewigen romantischen Zusammenkunft, des unendlich veraenderlichen Gesamtlebens." (174), oder in Briefen: (an Fr.Schlegel) "die Vermischung des Romantischen aller Zeiten" (201); (an L.Tieck) "Es sind einige Lieder drin, nach meiner Art. Ich gefalle mich sehr in der eigentlichen Romanze." (199)

Es findet sich also das Wort, der Name einer Art von Literatur, bereits mehrfach in einem Werk dieser Literatur selbst. Wozu ein Herr Dr.H.Pfotenhauer 1978 in seinem Nachwort zum Ofterdingen erklaert: "Im damaligen Sprachgebrauch ist romantisch sogar weitgehend identisch mit romanhaft und meint die alle Formen mischende und umfassende, antiklassische Kunstuebung."

In der Welt, die Novalis in und mit seinem romantischen MaerchenRoman herbeizuschreiben trachtete, soll es zu einem Zusammenfall der Gegensaetze, zu einer "Vermaehlung der Jahreszeiten" kommen, sodass diese Welt - nun eine Welt der Mythen und Allegorien - als Maerchen, und somit als zu Kunst gemachter und gewordener Natur, als poetisiertes Leben, weiter existiert; als Maerchen in Romanform - und damit romantisch. (- Rom - Roman - Romantik ...)
Das Wort romantisch bringt mich nun auch gleich zum dritten und letzten Teil, in dem ich einige Parallelen und Konsequenzen, aber vielleicht auch Differenzen in der Literatur und Sekundaerliteratur der Gegenwart aufzuspueren und zu belegen versuche.

(III). Und jetzt? Zur Frage der Gegenwaertigkeit oder Allgegenwaertigkeit von blauen Blumen; zur Benutztheit oder Abgenutztheit eines Dichters des (vielleicht) goldenen Zeitalters der Romantik.

Peter Handke und die romantische Literatur

Ich mache zunaechst erneut den Schritt zum Wort ROMANTISCH und damit zu Peter Handke. Er habe sich "immer von der Literatur veraendern lassen - nie von den offiziellen Erziehern"; er "kann in der Literatur keine Geschichte mehr vertragen", ihm "scheint die Methode des Realismus verbraucht zu sein" schreibt er im Aufsatz "Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms".
Davon ausgehend entwickelt er eine Auffassung von unengagierter Literatur die er in "Die Literatur ist romantisch" folgendermassen entwickelt:

"Der engagierte Schriftsteller beschreibt nicht ein Sein, sondern ein Sollen. Seine Arbeit ist utopisch. Sie genuegt sich nicht selber.(...) Eine engagierte Literatur gibt es nicht. Wer koennte ueberhaupt ein Werk einer engagierten Kunst nennen? Es waere absurd.(...)Das Engagement ist materiell bestimmt, die Literatur hingegen formal:wird ihre Form geaendert, so aendert sich auch ihr Wesen. Kunst ist nicht ernst und nicht direkt, sondern eine Form und als solche auf nichts GERICHTET, hoechstens ein ernsthaftes Spiel.(...) Je vollkommener die Form durchgehalten ist, umso mehr wird das Engagement abgelenkt, verliert an Wirklichkeit. Am staerksten ist diese Ablenkung durch die Form wohl bei der kompliziertesten Literaturform, beim Roman.(...) Es gibt also in der Literatur kein natuerliches Sprechen: jedes natuerliche Sprechen muss kuenstlich und formal werden: das natuerliche Sprechen wird dann eben zur Form der Literatur.(...) Jedes Engagement also wird durch literarische Form entwirklicht. Die Literatur macht alles Wirkliche, auch das Engagement, zu Stil."

Fuer ihn ergibt sich schlussendlich die Erkenntnis, ja geradezu ein Bekenntnis: "Die Literatur macht die Wirklichkeit zu Spiel. Die Literatur ist unwirklich, unrealistisch, romantisch."
Dieses Denken der Literatur als Spiel, als romantisch und als Erzieherin kommt - beinahe woertlich - dem entgegen und zu, was in jenem "aeltesten Systemprogramm des deutschen Idealismus" schon aehnlich programmatisch formuliert worden war: "Die Poesie wird am Ende wieder, was sie am Anfang war - Lehrerin der Menschheit."
Und aehnlich folgert Handke aus folgendem anarchisch anmutenden unausgewiesenen (vermutlich Goethe-) Zitat (das er in seiner "Geschichte des Bleistifts" anfuehrt): "Alles was unseren Geist befreit, ohne uns die Herrschaft ueber uns selbst zu geben, ist verderblich." seine Frage: "Ist nicht die hoechste Poesie dann Lehrpoesie?" - aber das kennen wir bereits.

Findet sich also SO, einer der in seinem Schreiben anfaenglich alle Grenzen und Gattungen aufreisst und ueber den Haufen wirft und hinter sich laesst, dann nicht doch wieder in einer Tradition wieder, in eine Tradition eingebettet? - "Wie man sich bettet, so liegt man" so sagt man.
Trotzdem vermag ich bei einem Autor, wie Peter Handke einer ist, nie zu sagen "seht her; HIER LIEGT ER; und ich weiss es!" Die nicht fassbare Ironie einer literarischen Sprache ist mir viel zu raffiniert dazu, als dass ich mich zu solch einer Unvorsichtigkeit versteigen wollte.

Josef Haslinger und die romantische Literatur

Einer der ueber Novalis sicher gerne aussagen wuerde, wo er liegt (ein fuer alle mal) scheint mir Josef Haslinger zu sein. Mit ihm schliesse ich an Novalis' Konzeption einer neuen Welt an, und diesen Abschnitt ab. In seinem Aufsatz "Novalis' Hoffnung auf ein goldenes Zeitalter" erklaert er "die Ueberwindung der Entfremdung von Mensch und Natur sowie der Menschen untereinander zum vordringlichsten Aspekt der Utopie eines Goldenen Zeitalters".
Den Geschichtsbegriff bei Novalis verwendet er als Sprungbrett fuer die Konzeption eines imaginaeren Zukunftsbegriffs, eben einer neuen Welt. So ist fuer Haslinger das Goldene Zeitalter ein Repraesentationssymbol fuer die kuenftige nicht entfremdete Gesellschaft. Nicht realhistorisch also versteht er Novalis' Paradieses-vorstellung "als Ideal des Erdbodens" (Novalis), sondern als Vision, die sich an den Ursprung der Menschheit stellen wollte; wonach (so Haslinger) "alle Vorwuerfe an die romantische Utopie (von Heine bis heute) keine Gueltigkeit haetten." Wonach aber diese Vision, als Ursprung gedacht, die Vision eines "Planeten der Affen" bedeuten koennte: man will, dass wird, was war - oder wie man denkt, dass es gewesen sein koennte.

Das Ziel, von dem her Novalis Geschichte denkt, ist fuer Haslinger die Negation des gegenwaertigen Zeitalters der Zerrissenheit: "Die eigentliche Geschichte spielt sich fuer Novalis ab im Zeitalter der Disharmonie, der Entfremdung." Verstaendlich wird daraus weiters: "Die fortschreitende Geschichte ist fuer Novalis eine Anhaeufung von Enttaeuschungen, eine Unterdrueckung von Hoffnungen. Zugleich auch DIE Sphaere, in der sich diese Hoffnungen immer wieder neu entfalten."
Vielleicht ist es das, was Haslinger - den ich in Verdacht diesbezueglich habe - mit uns vorhat: Hoffnungen wecken.

Und vielleicht war es auch das, was Novalis - so mein weiterer Verdacht - stets im Sinne hatte: Hoffnungen wecken, sie schueren und bei Glut halten, auf dass sie einmal noch zu lodernden Flammenzungen erwachen moegen; Hoffnungen also wecken, und mit ihnen und von ihnen nach Moeglichkeit leben. Denn so gross sein Idealismus auch gewesen sein mag (und "Poesie ist" nach Novalis "wahrhafter Idealismus"), so musste er doch - wie ich vermute sich eingestehen, dass das, dem er nachhing, zu seiner Zeit ein schoenes Bild war, eine Utopie; und nicht mehr, und das - so unterstelle ich ihm - wusste er.
Aber wir Heutigen wissen von E.M.Cioran:"Utopie und Apokalypse durchdringen jetzt einander.(...) und bilden eine dritte Gattung, die in wunderbarer Weise geeignet ist, die Art Realitaet, die uns bedroht, wiederzuspiegeln." ("Geschichte und Utopie", 1965)

Vielleicht war Novalis' Utopie demzufolge nur EIN Teil zur Erlangung einer neuen Welt, in einer dritten Art und Weise, als "Unheimliche Begegnung mit der dritten Art"?
Vielleicht ist diese dritte Gattung bereits so etwas wie die Poesie, verstanden als ein letztes grosses aber kurzes "Goldenes Zeitalter" (ohne "Text von drohenden Worten"), das uns in ihr hier heraufdaemmert?

Das heisst: so werden wir angelockt,
von etwas, das wir selbst herangelockt.
Drin'steht: es kann die neue Welt,
versteh'n nur, wer die Klappe haelt.

Auch ich will nicht Schuld tragen am Ovid'schen "Text von drohenden Worten".
So soll das Schweigen des Narziss nun mein Schweigen werden ...


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