INTERTEXT
Romantik, Phantastik, Literatur

"Inter-" steht fuer da/zwischen: zwischen Texten (Beziehung Text-Text), oder zwischen Text-Teilen (Beziehungen IM Text).

Wenn ich es al-so nie nur mit EINEM Text zu tun habe, weil andere Texte sich eingeschrieben haben, weil der Text aus anderen Texten hervorgegangen ist, oder weil ich einfach andere Texte mit-lese, mitlesen muß: macht dieser Wegfall von diesen und weiteren EINDEUTIGkeiten oder EINheiten Pluralismen notwendig. Denn ein derartiges Manko ruft Alternativen auf den Plan - der Schlaf der linearen Eindeutigkeit gebiert andere textuelle Ungeheuer. Hoffentlich!

Zwischen: etwas und etwas anderem (als etwas anderes). Der/die/das Andere - wenn schon nicht EINS, dann etwas Weiteres. Eine etymologische Standortbestimmung im Raum zwischen den literarischen und den philosophischen Texten. Oder: vom Einen zum Anderen.

Intertext heißt auch, daß - wie der Text als Hypertext nicht einheitlich und linear und abgeschlossen sich gibt - der Text nicht als nur ein bestimmter/der gewisse Text auftritt, sondern sich immer schon nicht mehr abgrenzen kann von Anderem (CONTEXT), von anderen Texten (INTERTEXT), oder vom Text-Außen - falls es dieses geben kann.

"der Wurzelstock eines Rhizoms kann an jeder beliebigen Stelle aufbrechen, weiterwuchern und sich nach allen Richtungen verzweigen. (...) "Alle Dinge naemlich, die mir einfallen, fallen mir nicht von der Wurzel aus ein, sondern erst irgendwo gegen ihre Mitte."(Kafka) Das Ideal eines Buches, das viele Eingaenge und Ausgaenge hat, besteht in einer mehrdimensionalen Verkopplung von Aussageketten, die sich wie auf einer Landkarte ausbreiten und verzweigen." (Idensen/Krohn, in DS, 384)

Intertext ist/wird somit nicht nur der NICHT-EINE Text, sondern auch der NICHT-REINE Text! Will heißen: der inzestuoese Text, der sich von anderen durchdringen und sich befruchten laeßt. Stoerungen und Brueche sind willkommen! (INTERferenzen, Differenzen)

- ROMANTIK: zwischen Einheit und Differenz?
- Novalis, Schelling, Handke; siehe NOVALIS
- Ende/1001Nacht; siehe Michael ENDE
- PHANTASTIK: zwischen Philosophie und Literatur? (Kafka, Borges, Babel, Cervantes, Spiegel, Bibel, Barock,...)

"Ich glaube, daß Philosophie Teil der Literatur ist und nicht umgekehrt. Schreiben ist nicht moeglich ohne Bilder. Dabei muessen Bilder nicht notwendig etwas beschreiben; sie koennen Begriffe sein." (Virilio, in Lettre 30, 38)

"Haette es z.B. keinen Mann namens Schopenhauer gegeben und wuerde Borges uns die ontologische Doktrin von der "Welt als Wille" praesentieren, hielte man sie nie fuer ein ernst zu nehmendes philosophisches System, sondern fuer das Beispiel einer 'phantastischen Philosophie'. Aber eine Philosophie wird im Augenblick, da sie der Assertion [Anm.: =Behauptung, Feststellung] beraubt wird, automatisch phantastische Literatur." (Lem, in Phaicon, 106)

"Und es ist nicht schwierig, in vielen postmodernen Konzepten der Literaturkritik die Idee des permanent wegschlitternden Sinnes zu entdecken. Es war eine hermetische Idee, die Paul Valery ausdrueckte, als er sagte: "Il n'y a pas de vrai sens d'un texte" (es gibt keinen wahren Sinn eines Textes).
(...) Dieses Modell eines Denkens, das von der Norm des griechisch-lateinischen Rationalismus abweicht, bleibt jedoch unvollstaendig, wenn wir nicht ein weiteres Phaenomen in Betracht ziehen, das in derselben geschichtlichen Phase hervortritt. Geblendet von blitzartigen Visionen, waehrend er tastend durchs Dunkel tappt, entwickelt der Mensch des zweiten Jahrhunderts auch ein neurotisches Bewußtsein der eigenen Rolle in einer unbegreiflichen Welt: die Wahrheit ist geheim, keine Befragung der Symbole und Raetsel sagt je die letzte Wahrheit, alle verlagern das Geheimnis immer nur in ein Woanders. Wenn dies die conditio humana ist, so muß die Welt das Ergebnis eines Irrtums sein. Der kulturelle Ausdruck dieser psychischen Kondition ist die Gnosis.
(...) Die gnostische Offenbarung erzaehlt in mythischer Form, daß die Gottheit, die dunkel und nicht erkennbar ist, bereits in sich das Prinzip des Boesen enthaelt, sowie eine Androgynie, die sie von Anfang an widerspruechlich macht, nicht-identisch mit sich selbst.
(...) Eine irrtuemlich geschaffene Welt ist ein mißratener Kosmos, ein Fehlschlag. Zu den ersten Auswirkungen dieses Fehlschlags gehoert die Zeit, eine ungeschlachte Imitation der Ewigkeit." (Eco, 18f.)


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