Das Buch das ich hier besprechen (diskutieren) und vorstellen
(befragen) moechte, entzieht sich fast jedweden Zuordnungen. Weder ist
es einem bestimmten Zielpublikum zugedacht, noch ist hier ein
Schwerpunkt im Unterhaltung-Problem-Literatur-Dreieck auszumachen
(reicht es doch bis tief hinein in philosophische Gefilde! - ob es das
selbst auch weiß ?).
Vielmehr verschwimmen und verschmelzen hier die Grenzen zwischen
Wunschlesern, Alterszuschreibungen und literarischen Gattungen. Dieses
Buch vereint alle Ebenen, es umfasst beinahe alles, es ist einfach
Und nachdem es zuvoerderst auch eine "Geschichte" sein will und bleiben soll, moechte ich diese auch kurz vorstellen.
Der Autor erzaehlt uns von einem Jungen, Bastian (Balthasar Bux), der
in einem Buch liest: in der unendlichen Geschichte. Er verfolgt lesend
die Geschichte vom drohenden Untergang Phantasiens, bis er selbst in
die Handlungsstraenge mit einbezogen wird, denn nur er kann das Land
vor dem Nichts retten. Waehrend des Lesens schon stoeßt er auf
die - verdoppelte - unendliche Geschichte als Buch im Buch, und
Phantasien entpuppt sich als Geschichte die in einem Buch
aufgeschrieben steht (vom Chronisten Phantasiens) und von einem Jungen
gelesen wird. Bastian, der zuerst noch Atreju und seine Abenteuer
begeistert lesend mitverfolgte, wird selbst zum Protagonisten, und
muß nun selbst geheimnisvollen Regeln und Gesetzen folgend,
verschiedenlichste Aufgaben meistern, ferne Orte besuchen, Raetsel
loesen, phantastische, lustige oder monstroese Gestalten treffen, und
eben selbst nun Abenteuer bestehen, denen allesamt etwas
Geheimnisvolles, etwas Phantastisches eben, anhaftet, was wiederum die
große Verzauberung an diesem Buch ausmacht.
Bastian gelingt es schließlich auch Phantasien zu retten, der kindlichen Kaiserin (und Herrscherin ueber das Land) einen NAMEN zu geben, das Nichts zu besiegen, Phantasien und seinen Bewohnern neue Geschichten zu schenken, das Auryn (den Glanz, ein Amulett mit Zauberkraeften) und seine Macht zu nutzen, und letztendlich wieder nach Hause - in die Realitaet - zurueckzukehren. Wenngleich jetzt nichts mehr so sein kann wie vorher. Doch dazwischen stehen vielerlei Unter-geschichten und Verwicklungen, die allesamt aufgeloest werden wollen (so zum Beispiel, als Bastian das Gedaechtnis an die Realitaet verliert und sich nicht erinnern kann, warum und wie er nach Phantasien gekommen war).
Die "Rahmenerzaehlung" erzaehlt und thematisiert Bastians Verhaeltnis zur Schule, der er lesend fernbleibt, weil er von seinen Mitschuelern gehaenselt und als Traeumer verspottet wird. Weiters erfahren wir ueber Bastians Bezeihung zu seinem Vater, einem alleinerziehenden und berufstaetigen Mann. Ihm bringt Bastian - gleichsam metaphorisch - am Ende der Erzaehlung die Wasser des Lebens: sein Vater weint, nachdem sein Sohn zurueckgekehrt und seine Geschichte vor ihm ausgebreitet hatte.
Grundlegend fuer dieses Buch scheint wohl ein zentraler
Ansatzpunkt im Gesamtwerk Michael Endes zu sein: die Kritik am
drohenden Verlust von Phantasie und Geschichten beim modernen,
aufgeklaerten Menschen, einem durch und durch rationalen und
selbst-verantwortlichen Wesen (?) - oder: eben nicht ? Etwas verwirrend
fuer Kinder und juengere Leser duerfte vielleicht einerseits die
komplexe und schichtenreiche Handlung, andererseits die - auch
farblich/graphisch/setz-technisch - Teilung der Geschichte in reale und
irreale Teile, die zeitweilig verschmelzen, sein.
Denn das Buch, das eine reale und eine irreale, eine reale und eine
phantastische Erzaehlung verschmilzt zu einer einzigen
irrealen-phantastischen Erzaehlung, ist auch graphisch und
drucktechnisch in zwei Teile gespalten: ROT gedruckt ist hier die reale
Erzaehlung ueber Bastian und seine Welt und sein Buch, GRUEN gedruckt
ist die (unendliche) Geschichte in und um Phantasien.
Was hier einerseits verwirren kann, ist andererseits ein Moment, das die Spannung in diesem Werk steigert und zur Geltung bringt: eben jene Verquickung und Verschmelzung von Ebenen, indem Bastian als Leser in seine Lektuere eintaucht, was aber nur geschehen konnte, weil er faehig war, der Geschichte Leben einzuhauchen und Glauben zu schenken. Eine Geschichte uebrigens, die, vor allem in den phantastischen Partien, stellenweise eine notwendigerweise sehr getragene oder fast schon pathetische Sprache verwendet. Was sich umgekehrt aber in den haeufig auftauchenden ironisierenden Sprachspielen und Sprach- und Sprechweisen diverser Wesen humorvoll bricht.
Zum Sprachspiel gehoert es freilich auch, daß Michael Ende das Buch, nach einer Art Vorgeschichte, in 26 Kapitel einteilt, und an deren Beginn der Reihe nach die Buchstaben des Alphabeths einerseits setzt (mit dem das je erste Wort des jeweiligen Kapitels dann auch beginnt), und andererseits sowohl die Kapitel von eins bis 26 numeriert, als auch ihnen Titel voranstellt, die meist Eigennamen oder Namen von Orten oder Personen - die aus dem entsprechenden Kapitel genommen sind - bezeichnen (zum Beispiel: Die Wasser des Lebens, Im Gelichterland, und aehnliches).
Anschließend moechte ich noch einige Motive aufzeigen,
die ueber das Buch an sich hinausverweisen, was allemal den
Unendlichkeitscharakter unterstreichen soll.
Die Silberstadt AMARGANTH auf dem Traenensee Murhu findet ihr Pendant
in der Stadt SAMARKAND in der usbekischen SSR, die einst Herrschersitz
von Timur war. Samarkand findet sich aber auch in einem anderen Buch
als Herrscherstadt wieder, naemlich am Beginn des Geschichtenreigens
von Tausendundeiner Nacht, ein Buch, das selbst schon die Allueren, die
Gesten, den Nimbus einer nahezu unendlichen Geschichte in sich traegt.
Eine weitere Parallele finden wir auch in den nicht 1000, sondern genau
100 Geschichten der Bewohner von Amarganth. Wie Samarkand liegt auch
Mesopotamien zwischen zwei Fluessen, einem Teilgebiet des ehemaligen,
biblischen Babylonien. An den sagentraechtigen Turm von Babel, und
damit an das mythische Bild der Bibliothek von Babel, erinnert die
Geschichte der Bibliothek von Amarganth, sprich der Bibliothek von
Bastian Balthasar Bux, die Bastian mit seinen Geschichten fuellt.
Und wenn ich von Babel spreche, muß ich doch auch von J.L.Borges sprechen und mit ihm auch gleich von U.Eco; u.s.f.
Und wenn ich von Babel spreche, spreche ich immer schon vom
unendlichen Buch, vom Buch, das alle Buecher in sich traegt; oder
umgekehrt: auch von EINEM Buch, von DEM Buch: und damit vom "Buch der
Buecher": der BIBEL.
Ohne also wahllos herumzuinterpretieren, kann ich Parallelen ziehen zu
anderen Buechern und zu anderen unendlichen Geschichten: 1001 Nacht,
Buch von Babel, Bibliothek von Babel, Bibel, ... und so verweisen auf
den Unendlichkeitsgedanken des Buches, der sich auch spiegelt in der
Unabgeschlossenheit, denn mehrfach heißt es am Ende eines
Kapitels (der unendlichen Geschichte): "...aber das ist eine andere
Geschichte, und sie soll ein andermal erzaehlt werden." - oder so
aehnlich. Der Leser ist also so aufgerufen, die begonnenen Geschichten
weiterzuspinnen. (Michael Ende wird sie uns wohl kaum mehr selbst
weiter-erzaehlen koennen.)
Der Anspruch der Unendlichkeit bringt mich auch zu einem
anderen, aelteren Konzept, das dem Michael Endes aber aehnelt: der
ROMANTISCHEN POESIE. War es doch das aesthetische Programm von
Schlegel, Schelling und Novalis, die Universalpoesie zur romantischen
Form schlechthin zu erklaeren, zu erheben. Sie zeichnete sich aus durch
ihr Wesen als Dichtart, die im Werden ist, die nie vollendet, und
mithin unendlich sein muß. Sie soll in humorvoller Weise einen
SPIEGEL der Welt vorhalten, und das Leben poetisieren, poetisch machen.
Ein Konzept uebrigens, das just zu der Zeit entwickelt wurde, zu der
auch die ersten Kinderbuecher als solche produziert wurden, naemlich zu
Ende des 18.Jahrhunderts, zur Zeit der Frueh-Romantik. Schelling
formuliert 1800: Der Grundcharakter des Kunstwerkes ist eine
bewußtlose Unendlichkeit. Der Kuenstler soll Unendliches endlich
in Schoenheit darstellen. Dies steht auch ganz im Einklang mit der
Theorie von Intertextualitaet: Buecher sprechen sich und andere mit,
sie sprechen immer auch von anderen Buechern, und Geschichten erzaehlen
immer schon erzaehlte Geschichten. Eine weitere Theorie schließt
sich hier an: der - ebenfalls (auch) in der Romantik wurzelnde -
Hypertext, in den der Leser einsteigen und ihn (den Text) veraendern
kann (ihn gewissermaßen sogar er-schaffen kann, denn vor seiner
Intervention, vor seiner Lektuere ist dieser Text ja nicht, hat keine
Gestalt, kein Gesicht, keine Form); denn nichts anderes macht ja
Bastian in seiner Geschichte, in seinem Buch, in seinem TEXT.
Allgemein zur unendlichen Geschichte ließe sich
ausfuehren, was sich auch fuer das Gesamtwerk Michael Endes als
Charakterisierung gelten kann:
Auf der Ebene der Unterhaltung nimmt Ende Anleihen bei der PHANTASTISCHEN LITERATUR.
(siehe: INTERTEXT!)
Immer finden wir ein Happy End vor, das sich nach abenteuerlichsten
Verwicklungen, der Rettung durch Befolgung bestimmter Regeln und durch
Geschick, Koennen, Glueck, Fuegung und Wissen, und unter Zuhilfenahme
diverser (meist magischer) Hilfsmittel oder Dienstleistungen durch
Kontaktpersonen, einstellt. (Beispiele: die Wasser des Lebens, Fuchur
und das Auryn)
Auf der Ebene der Problematik nimmt Ende Anleihe in der gegenwaertigen
realen Welt (Umwelt, Kommunikation, Stadt, Zeit, Phantasieverlust,
...). Immer ist es bei ihm eine einfache Idee, die aus der uns
bekannten Welt gegriffen wird, und die durch die Hand des Autors zu
einer komplexen, kurzweiligen Geschichte gerinnt, einer Geschichte oft
ohne naehere Orts- oder Zeitbestimmungen.
Auf der Ebene der Literarizitaet und der Form nimmt Ende eindeutig
kraeftige Anleihen bei den ROMANTIKERN und ihrer unendlichen Poesie. So
gelingt es dem Autor, der immer gleichzeitig der Erzaehler ist, immer
etwas fuer alle zu bieten - fuer alle Altersgruppen wie fuer alle
Interessen -, wenngleich nicht immer alle vorhandenen Informationen und
Anspielungen wichtig sind zum Verstaendnis der Geschichte, der
Geschichten.
Es ist Ende auch zugutezuhalten, daß er durch die Bruchstellen in seiner Verfremdungstechnik etwas schafft (neben Komik und Unterhaltungswert), das eine Konfrontation des - oft jungen - Lesers mit der Thematik und somit eine Identifikationsmoeglichkeit mit den Charakteren und deren Problematiken schafft und ermoeglicht. Dies ist umso wichtiger, je mehr Gewicht man der Faehigkeit zur Weltschaffung (bei Kindern), also der eigenen Imaginations und Phantasiebegabung, zuschreibt. WELTschaffung durch TEXTschaffung also?
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