(1) 1996 fasste der US-amerikanische Informatiker Nicholas Negroponte 18 seiner zuvor im Magazin Wired veröffentlichten Kolumnen zur Zukunft von Internet und Gesellschaft in einem Buch zusammen. Der Band mit dem Titel Being Digital wurde ein internationaler Bestseller und brachte Negroponte einen Ruf als visionären Vordenker des Informationszeitalters ein. Eine seiner zentralen Thesen brachte es unter dem Schlagwort The Daily Me zu breiter Popularität. Negroponte argumentiert, dass es mit der zunehmenden Popularisierung des Internet zu einer massiven Individualisierung des Medienkonsum kommen wird, da die modulare Struktur digitaler Medien die Zusammenstellung individuell zugeschnittener Medienangebote ermöglicht:
„Our interaces will vary. Yours will be different from mine, based on our respective information predilections, entertainment habits, and social behaviour- all drawn from the very large palette of digital life“ (Negroponte, 1996: 159)
Diese Individualisierungstendenz sieht Negroponte insbesondere im Bereich des Journalismus. Die Zeitung von morgen ist digital und stellt sich für jede/n Leser/in anders dar, weil die Selektion der Nachrichten auf die Interessen der Individuen zugeschnitten sein wird – so die Vision:
„Instead of reading what other people think is news and what other people justify as worthy of the space it takes, being digital will change the economic model of news selection, make you interest play a bigger role, and, in fact, use pieces from the cutting-room floor that did not make the cut on popular demand“ (153).
Diese Daily Me wird die Daily Us des Massenmedienzeitalters ablösen. Während wir jedoch mit der Daily Us auch von Themen und Ereignissen erfahren haben, die wir nicht von vornherein als interessant eingestuft hätten, wird uns die Daily Me nur noch Nachrichten liefern, die wir auf Basis unserer Interessen ausgesucht haben. Damit einher gehe der Verlust des gemeinsamen Horizonts – ein Entwicklung, die in der Sozialwissenschaft als Fragmentierung von Öffentlichkeit diskutiert wird.
(2) Ich nutze Twitter. Zeitweise durchaus intensiv. Auf Twitter lese ich jeden Tag Nachrichten, die ihr für mich ausgewählt habt. Mit euch meine ich diejenigen, die ich ausgewählt habe mir jeden Tag (oder zumindest dann und wann) Nachrichten zu schicken (bzw. „zur Verfügung zu stellen“, weil Tweets werden ja kaum „geschickt“. Aber das ist eine andere Diskussion). Ihr seid aktuell Sechshundersiebenunddreißig. Ihr seid meine 637, denn nur ich und niemand anderer bekommt genau von euch 637 tagtäglich Nachrichten in seinen Newsfeed (Abgesehen vom höchst unwahrscheinlichen Fall, jemand würde bewusst oder zufälllig ebenfalls genau diesen 637 Accounts folgen). Selbstverständlich folgen jedem von Euch noch andere als ich. Aber euch als Gesamtes, folge nur ich. Und seid euch sicher: ihr seid handverlesen. Bei jedem Einzelnen von euch hatte ich Gründe auf den Follow-Button zu drücken – und werde gegebenenfalls auch Gründe haben, auf den Unfollow-Button zu drücken
(3) Seid ihr meine Daily Me? Ihr wählt für mich Nachrichten aus, die mich interessieren. Ich habe euch ja auch ausgewählt, weil ihr Nachrichten tweetet, die mich interessieren, bzw. habe ich euch im guten Glauben ausgewählt, ihr würdet Nachrichten tweeten, die mich interessieren. Diese Entscheidung konnte ich jeweils nur auf Basis der Informationen und Erfahrungen treffen, die mir zum Zeitpunkt der Klicks auf den Follow-Button über jeden Einzelnen von Euch zur Verfügung standen. Nun – das kann doch durchaus mal gesagt werden – in meinem Newsfeed ist auch viel Schrott. Viele von Euch tweeten des Öfteren Dinge, die mich einfach wirklich nicht interessieren. Nicht weiter verwunderlich: Ihr tweetet zu Themen, die euch interessieren. Einige diese Themen, interessieren auch mich. Nur eben nicht alle. Aber: Das, was mich interessiert, scheint zu überwiegen. Sonst würde ich euch nicht (mehr) folgen.
(4) Seid ihr meine Daily us? Neben den Nachrichten, die ich von euch zu Themen erhalte von denen ich wusste, das sie mich interessieren, und den Nachrichten, die ich von euch zu Themen erhalte, die mich nicht interessieren, gibt es noch ein dritte Kategorie: Nachrichten die ich von euch zu Themen erhalte, von denen ich nicht wusste, dass sie mich interessieren. Laufend bekomme ich spannende Tweets zu einer Vielzahl unterschiedlichster Themen. Themen, die sicher nicht ausschlaggebend dafür waren, euch zu folgen. Themen, die, hätte ich zum Zeitpunkt des Klicks auf den Follow-Button gewusst, dass ihr darüber tweetet, mich vielleicht sogar davon abgehalten hätten, euch zu folgen. Und dennoch: Spannend, was alles so passiert auf der Welt und in eurem Leben! Ihr erweitert ständig meinen Horizont!
(5) Eure Tweets sind meine mediale Realität. Nicht nur eure Tweets, aber in einem hohem Maße. Die Basis für die Konstruktion meiner Realität ist jedenfalls anders beschaffen als die eure. Ihr folgt Anderen und bekommt so auch andere Tweets in euren News Feed. Manchen folgen wir (also Einzelne von euch) gemeinsam, manchen nicht. Manche von euch folgen auch mir, manche nicht. Manche folgen mir, ohne dass ich ihnen folge. Wir stellen uns die ProduzentenInnen unserer jeweiligen Daily Me individuell zusammen und sind gleichzeitig ProduzentenInnen der Daily Me Anderer. Und doch: So individuell die Zusammenstellung an sich ist, ist sie gleichzeitig Teil von etwas Grösserem – einer überindividuellen Struktur die aus unseren gegenseitigen Verknüpfungen und den Verknüpfungen mit anderen und anderem besteht: Verknüpfungen von Accounts, Verknüpfungen von Themen, Verknüpfungen von Ereignissen, Verknüpfungen von alledem untereinander. All diese Verknüpfungen repräsentieren Bedeutung; und es ist dieses Netz aus Bedeutung – nennen wir es Internet – dass wir gemeinsam laufend aktualisieren. Die individuelle Auswahl derer, die unsere jeweilige Daily Me produzieren, ist die Auswahl aus einer Daily Us, in der jeder Einzelne von uns an der Konstruktion unseres gemeinsamen Horizonts beteiligt ist. Mit jedem Tweet, den wir absetzen, konstruieren wir ein Stück dieses Horizonts mit. Die Fenster jedoch, durch die wir diesen Horizont erblicken, sind verschieden; die Perspektiven, die wir von diesem Horizont haben, sind individuell strukturiert. Nicht die Öffentlichkeit ist fragmentiert, sondern die Wahrnehmung von Öffentlichkeit. Jeder von uns ist das Zentrum unseres gemeinsamen Universums.
(P.S.) Die Metaphorik dieses Beitrags, vor allem jene am Schluss, ist himmelschreiend. Die nüchterne Analyse, die ich eigentlich bevorzuge, ist in Arbeit. Eignet sich für einen Blogbeitrag aber kaum…
