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Vortrag zu Identität & Authentizität im Social Media Sharing

“Die ethische Frage nach ‘Authentizität’ in der computervermittelten Kommunikation” war das Thema einer Tagung letzte Woche in München, auf der Julian Ausserhofer und ich einen Teilaspekt unserer qualitativen Interviewstudie zu ‘Sharing in sozialen Medien’ vorgestellten. Als besonders spannend empfand ich dabei das Publikum, dass sich zu gleichen Teilen aus Internetforschern der DGPuK-Fachgruppe Computervermittelte Kommunikation und Medienethikern der Fachgruppe Kommunikations- und Medienethik zusammensetzte. Eine Mischung, die Diskussionen entstehen lies in denen Ergebnisse empirischer Forschung zu neuen IK-Technologien mit Verweisen af christliche Moralethik kommentiert wurden. Ungewöhnlich, aber nicht unspannend. Anbei nun unsere Slides und der extended Abstract für unseren Vortrag.

Identität im Social Media ‚Sharing’: Authentizität als Präsentation multipler Facetten des Selbst

Menschen nutzen Social Media wie Facebook und Twitter zunehmend, um Medieninhalte mit ihren Kontakten zu “teilen” und tragen dadurch in hohem Maße zur Diffusion von Nachrichtenberichten, Blogbeiträgen, YouTube-Videos und vielem mehr, bei (CMRC, 2011; Pew Research, 2010; Woong Yun & Park, 2011). Diese Praxis ist dabei geprägt von den Funktionen, die Social Media für die NutzerInnen erfüllen. Eine dieser Funktionen ist Identitätsmanagement (Schmidt, 2009): Menschen nutzen Social Network Applikationen SNA um sich gegenüber ihren Peers, ihren Freunden, Familienmitgliedern, ehemaligen und aktuellen Schul- und ArbeitskollegInnen darzustellen. Facebook, Twitter und andere SNA werden entsprechend als Identitätsmedien verstanden und waren unter diesem Gesichtspunkt in den letzten Jahren Gegenstand intensiver sozialwissenschaftlicher Auseinandersetzung (Back et al., 2010; Beer, 2008; D. boyd & Ellison, 2007; Ito et al., 2008).

Neben der Gestaltung des Profils, den eingestellten Fotos, persönlichen Statusmeldungen und Kommentaren tragen eben auch „geteilte“ Medieninhalte zur Konstruktion der jeweiligen Selbst(re)präsentation bei. Denn mit der Vermittlung bestimmter Texte, Bilder und Videos an ihre Kontakte zeigen Menschen welche Themen sie für relevant sind, welche Quellen sie für vertrauenswürdig halten und welche Meinungen und Weltanschauungen sie teilen oder ablehnen (Martin, 2008). Tatsächlich kann in den „reduced cue environments“ (Baym, 2010, p. 120) von Social Network Sites, in denen auch kleinste Informationselemente einen nennenswerten Einfluss auf die Wahrnehmung einer Person durch andere haben können (vgl. ebd.), jeder geteilte Medieninhalt und der sie begleitende individuelle Kommentar zu einem relevanten Element im Rahmen der Online-Selbstdarstellung werden. Rezeptionsverhalten, gesellschaftspolitische Ansichten, Mediengeschmack und vieles mehr kann für die Kontake von Social Media NutzerInnen aus der Praxis des “Sharing” heraus interpretierbar sein.

Während Menschen in Face-to-face Gesprächssituationen über Medieninhalte ihr Auftreten an die situationsspezifisch unterschiedlichen KommunikationspartnerInnen anpassen (Goffman, 1959) – in der Tradition des Two-Step-Flow wurde das in der Vergangenheit vielfach untersucht (Gantz & Trenholm, 1978; Schaap, 2009; Schenk, 1995; Sommer, 2010; Troldahl & van Dam, 1965) –, ist dies in Social Network Applikationen kaum möglich. Denn NutzerInnen unterhalten Netzwerke aus “weak” und “latent ties“ (Haythornthwaite, 2002, 2005), die sich aus Personen zusammensetzen, die sie aus unterschiedlichsten Kontexten (oder auch gar nicht) kennen. Es liegt, wie es Marwick & boyd (2010) bezeichnen, ein “context collapse” vor, für den NutzerInnen neue Formen von Selbstpräsentationstechniken und -strategien entwickeln, für die eine laufende Reflexion über das Verhältnis des selbst zu den anderen, den „Friends“ und „Followers“, notwendig ist.

Die Ausgestaltung des Identitätsmanagements im Rahmen der Intermediationspraxis in Social Media, die Fragen nach der Konzeption des vielfach unklaren und dynamischen Gegenübers und die Form in der diese Konzeption die Praxis prägt, standen im Kern eines explorativen Forschungsprojektes im Winter 2010/11. Basierend auf 41 offenen Interviews mit Menschen, die Facebook und/oder Twitter intensiv nutzen um Medieninhalte mit ihren Kontakten teilen, konnten wir diese Fragen auf Basis einer an der Grounded Theory orientierten Analyse intensiv bearbeiten.
So zeigt sich, dass die Pflege der Onlineidentität nicht nur die Intermediation prägt, sondern auch ein wesentliches Motiv für diese Praxis darstellt. Die Befragten sind sich absolut im Klaren darüber, dass sie mit den geteilten Inhalten assoziiert werden und orientieren sich entsprechend. Wiewohl viele einschlägige Begriffe wie „Personal Branding“ und „self promotion“ zur Beschreibung ihrer Praxis ablehnen, steht die Konstruktion einer authentischen Online-Identität oft im Vordergrund. So stellen NutzerInnen in den begleitenden Kommentaren häufig einen eindeutigen Zusammenhang zwischen dem eigenen Leben und Erleben und den geteilten Medieninhalten her.

Menschen konstruieren ihr – mehr oder weniger – diffuses Gegenüber als Kreise von Kontakten, indem sie zwischen Gruppen von Menschen differenzieren mit denen sie unterschiedliche Erfahrungen und Interessen teilen. Den verschiedenen Gruppen unterstellen sie unterschiedliches Wissen um die eigene Person, die eine spezifische Dekodier-Fähigkeit der Mitteilungen im persönlichen Kontext mit sich bringt. Sie vertrauen auf die Dekodierungsfähigkeit ihrer Kontakte; eine Fähigkeit, die durch die Spezifität der Beziehung zwischen Nutzer/in und jedem seiner/ihrer Kontakt geprägt ist. Die Mitteilungen werden je nachdem, welche Personengruppe angesprochen werden soll, kodiert – auch wenn alle Kontakte die Mitteilungen sehen können. In anderen Fällen versuchen NutzerInnen einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, welcher der Diversität der Kontakte gerecht wird.

Social Media NutzerInnen sehen Online-Identitätsmanagement als Präsentation multipler Facetten des Selbst. Menschen bestimmte Lebensbereiche, Interessen und Einstellungen zu zeigen, die sie diesen in traditionellen sozialen Situationen nicht zeigen würden, sehen viele jedoch weniger als Problem als Chance. Indem sie sich als „authentisches Ganzes“ präsentieren (wollen), brechen sie die traditionellen Rollenstrukturen auf. Dabei heben sie die Intensivierung von Beziehungen und die Aktivierung von „latent ties“ als positive Effekte hervor, die spezifische Rollenidentitätskonstruktion steht Bedürfnissen im Rahmen des Beziehungsmanagement (Schmidt, 2009) im Kontext einer hohen Bewertung der Rolle phatischer Kommunikation (Miller, 2008), nach. „Authentizität“ ist die zentrale, auch von den Interviewten selbst so genannte, Kategorie, unter der sie die eigene Kommunikationspraxis als auch die Praxis anderer beurteilen. Natürlich hat „Authentizität“ auch Grenzen: NutzerInnen vermeiden es, Medieninhalte zu teilen, die der Identitätskonstruktion, an der sie arbeiten, fragwürdig erscheinen lassen.

Extended Abstract

Literatur

Back, M. D., Stopfer, J. M., Vazire, S., Gaddis, S., Schmukle, S. C., Egloff, B., & Gosling, S. D. (2010). Facebook Profiles Reflect Actual Personality, Not Self-Idealization. Psychological Science. 21: 372-374 doi:10.1177/0956797609360756

Baym, N. (2010). Personal Connections in the Digital Age (1st ed.). Cambridge: Polity.

Beer, D. (2008). Social network(ing) sites…revisiting the story so far: A response to danah boyd & Nicole Ellison. Journal of Computer-Mediated Communication, 13(2), 516-529. doi:10.1111/j.1083-6101.2008.00408.x

boyd, D., & Ellison, N. B. (2007). Social Network Sites: Definition, History, and Scholarship. Journal of Computer-Mediated Communication, 13(1). Retrieved from http://jcmc.indiana.edu/vol13/issue1/boyd.ellison.html

CMRC, C. edia R. C. (2011). Social Networks Transforming How Canadians Get the News. Retrieved from http://www.mediaresearch.ca/en/projects/socialmedia.htm (14.10.2011)

Gantz, W., & Trenholm, S. (1978). Why People Pass on News Events: A Study of Motivations for Interpersonal Diffusion. Paper presented at the Eastern Communication Association, Boston, March 16-18, 1978. Retrieved from http://www.eric.ed.gov/ERICWebPortal/contentdelivery/servlet/ERICServlet?accno=ED153270 (12.10.2011)

Goffman, E. (1959). The Presentation of Self in Everyday Life. New York City: Anchor Books.

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Ito, M., Heather, H., Bittanti, M., Boyd, D., Herr-Stephenson, B., Lange, P. G., Pascoe, C. J., et al. (2008). Living and Learningwith New Media:Summary of Findings from the Digital Youth Project. Berkeley: The John D. and Catherine T. MacArthur Foundation. Retrieved from http://digitalyouth.ischool.berkeley.edu/report

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Marwick, A. E., & boyd, d. (2010). I Tweet Honestly, I Tweet Passionately: Twitter Users, Context Collapse, and the Imagined Audience. New Media & Society, preprint. doi:10.1177/1461444810365313

Miller, V. (2008). New Media, Networking and Phatic Culture. Convergence, 14(4), 387-400. doi:10.1177/1354856508094659

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Schaap, G. (2009). Interpreting Television News. Walter de Gruyter.

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Schmidt, J. (2009). Das neue Netz: Merkmale, Praktiken und Folgen des Web 2.0 (1st ed.). Kosntanz: UVK.

Sommer, D. (2010). Nachrichten im Gespräch : eine empirische Studie zur Bedeutung von Anschlusskommunikation für die Rezeption von Fernsehnachrichten. Baden-Baden: Nomos.

Troldahl, V. C., & van Dam, R. (1965). Face-to-Face Communication About Major Topics in the News. The Public Opinion Quarterly, 29(4), 626-634.

Woong Yun, G., & Park, S.-Y. (2011). Selective Posting: Willingness to post a message online. Journal of Computer-Mediated Communication, 16(2), 201-227. doi:10.1111/j.1083-6101.2010.01533.x

One comment

  1. Dilek Yücel

    15/09/2013 @ 10:30

    S.g. Hr. Maireder,

    Ich bin Dissertantin an der TU Wien auf dem Gebiet der Techniksoziologie und interessiere mich für Identitätsbildung auf SOcial Media, insbesondere der Jugendlichen mit migrantischen Eltern/migrantische Jugend.
    Können Sie mir Literatur bzw. weitere Experten auf dem Gebiet (auch international) nennen?
    Halten Sie Vorlesungen an der Uni Wien dieses Semester zu diesem Thema?

    MfG
    Dipl.Ingin Dilek Yücel

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