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Nachrichten als soziale Erfahrung: Selektion in Facebook und Twitter

[Zuerst erschienen im APA OTS-Blog]. Werner Faymanns verfehlte Social Media ‚Strategie’ ist nur das momentan prominenteste Beispiel für das – teilweise eben auch bei PR-Profis wie jenen im @teamkanzler – vorhandene Unverständnis zu Kultur und Praxis der Kommunikation in sozialen Medien. Eine Kommunikationskultur, die – wie an anderer Stelle ausgeführt – mit den tradierten Strategien politischer Kommunikation und Marktkommunikation oftmals inkompatibel ist. Denn es macht einen gewaltigen Unterschied, ob man sich als Partei, Organisation oder Unternehmen zuerst an professionelle Vermittler – Journalisten – wendet oder direkt an das ‚vormalige Publikum’.

Nachrichten werden sozial erlebt und verarbeitet. Nun, das wurden sie immer schon; Denken wir nur an Gespräche über das aktuelle Tagesgeschehen mit Freunden oder Kollegen. Auf Facebook und Twitter können Nutzer jedoch mit ungleich mehr Menschen gleichzeitig ‚reden’. Sie teilen und kommentieren Nachrichten – unabhängig von zeitlicher und räumlichen Kopräsenz – mit einem größeren ‚Publikum’. So werden Internetnutzer zunehmend zu Vermittlern von Informationen, ihre aggregierten individuellen Handlungen spielen eine heute kaum zu überschätzende Rolle bei der Verbreitung von Medieninhalten aller Art. Gleichzeitig nutzen immer mehr Menschen Social Media als Kanäle des Zugangs zu aktueller, öffentlicher Information, wie aktuelle Studien zeigen.

Wenn Social Media-Nutzer Inhalte teilen, haben sie eine relativ konkrete Vorstellung an wen sie sich wenden und passen ihre Mitteilungen an das antizipierte aktuelle Interesse ihres persönlichen ‚Publikums’ (oder Teile desselben) an. Ganz im Gegensatz zu Journalisten, die von ihrem dispersen Massenpublikum nur eine vage Idee haben und sich an einer abstrakten Vorstellung allgemeiner Informationsinteressen orientieren. Entsprechend unterschiedlich werden Selektionsentscheidungen getroffen. Social Media Nutzer suchen das Spezifische, das Besondere, das aktuell Reizvolle für ihr ‚Publikum’; sie suchen Medieninhalte, mit denen sie in ihrem sozialen Umfeld einen Unterschied machen können; und sie posten Texte, Bilder oder Videos, um spannende, humorvolle oder ergreifende Medienerfahrungen in ihrem sozialen Netz zu teilen.

Die Praxis ist zutiefst geprägt von einer der zentralen Funktionen sozialer Medien: dem Identitätsmanagement, wie Jan Schmidt es nennt. Menschen nutzen Facebook und Twitter, um sich gegenüber ihren Freunden, Kollegen und Bekannten darzustellen. Neben Profil und Statusmeldungen tragen auch „geteilte“ Medieninhalte zu dieser Selbstpräsentation bei. Denn mit der Vermittlung bestimmter Texte, Bilder und Videos an ihre Kontakte zeigen Menschen, welche Themen für sie relevant sind, welche Quellen sie für vertrauenswürdig halten und welche Meinungen und Weltanschauungen sie teilen oder ablehnen. Oftmals verknüpfen sie in den begleitenden Kommentaren die geteilten Medieninhalte zusätzlich mit persönlichen Kommentaren und stellen so Verknüpfungen zwischen dem öffentlichen, aktuellen Tagesgeschehen und dem eigenen Leben und Erleben her.

Die Facebook- und Twitter-Netzwerke einer Person setzen sich zumeist aus Menschen zusammen, die diese aus unterschiedlichen sozialen Kontexten (bei Twitter z.T. auch gar nicht) kennt. So zeigen die Nutzer den Teilen ihres ‚Publikums’ oftmals Lebensbereiche, Interessen und Einstellungen, die sie diesen in traditionellen sozialen Situationen nicht zeigen würden. Sie präsentieren multiple Facetten ihres Selbst, zeigen sich als „authentisches Ganzes“ in einer Praxis, die dazu geeignet ist, bestehende Beziehungen zu vertiefen oder neue, im sozialen Netzwerk ‚naheliegende’ Beziehungen (‘latent ties’) einzugehen.

Diese, zwar nicht grenzenlose aber weitgehende, Authentizität erwarten sie auch von anderen Akteuren in Facebook und Twitter; von Privatpersonen ebenso, wie von Personen des öffentlichen Lebens, Unternehmen und Organisationen. Sie erwarten eine – im Rahmen des möglichen – persönliche Form der Kommunikation; und sie erwarten Kommunikation, die dem niederschwelligen Charakter des Mediums entspricht: Sie erwarten Austausch, keine Durchsagen; sie erwarten Gespräche, kein ‚Broadcasting’.

Der Beitrag baut auf einem Forschungsprojekt zu „Sharing in sozialen Medien“ von Axel Maireder und Julian Ausserhofer auf, dass am 5. Dezember 2011, 18:30h im Museumsquartier in Wien (Quartier 21, QDK, Raum D) präsentiert wird. Nähere Infos auf der Website der Gruppe Internetforschung an der Universität Wien.

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