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Potentiale für Gewalt auf Social Network Sites (preprint)

Cybermobbing im Kontext sozialer Praktiken des Kommunikationsraums

Social Network Sites (SNS) stellen als soziale Kommunikationsräume Potentiale für Gewalt bereit, insbesondere unter Jugendlichen ist ‚Cybermobbing’ ein verbeitetes Phänomen. In dem Beitrag diskutieren wir auf Basis eines qualitativen, explorativen Forschungsprojektes die sozialen Prozesse, in die solche Gewalthandlungen eingebettet sind. Dabei beziehen wir die Spezifika des Kommunikationsraumes ebenso in die Analyse ein wie die Regeln und Normen, die sich in der Aneignung von SNS etabliert haben.

[Preprint des Textes von Manuel Nagl und mir, erschienen in Medien Journal – Zeitschrift für Kommunikationskultur, 34/3 (2010). Themenheft “Europas Jugend im Social Web: Soziale Perspektiven“. Studienverlag: Innsbruck. S. 36-48; erhältlich hier]

Abstract in English:
Potentials for Violent Behaviour on Social Network Sites: Cybermobbing Within the Social Practices of the Communication Space

Social network sites (SNS) provide specific potentials for violent behaviour – ‚cyberbullying’ is a widespread phenomenon, particularily among teenagers. Based on data from an exploratory, qualitative research, we discuss the broader social processes violent behaviour online is part of. In doing so, we particularily take both the character of the communication spaces SNS provide and the social rules and norms developed within the media adoption processes, into account.

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Disclaimer: Dieser Artikel basiert auf Teilergebnissen des vom österreichischen Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur in Auftrag gegebenen und finanzierten Projektes „Jugend – Medien – Gewalt“ unter der wissenschaftlichen Leitung und Supervision von Univ. Prof. Dr. Thomas A. Bauer, Universität Wien. Die Originalversion des Textes ist erschienen in Medien Journal – Zeitschrift für Kommunikationskultur, 34/3 (2010). Themenheft “Europas Jugend im Social Web: Soziale Perspektiven“. Studienverlag: Innsbruck. S. 36-48; Zur Zitierung bitte die Version im Medien Journal heranziehen; Paginierung und Text sind nicht ident!

1. Einleitung

Social Network Sites (SNS) stellen, wie jedweder Kommunikationsraum in dem sich soziale Prozesse abspielen, Potentiale für Gewalt bereit. Insbesondere unter Jugendlichen sind Beschimpfungen, Beleidigungen, Verleumdungen und Denunzierungen als Akte psychischer Gewalt in den internetbasierten, soziotechnischen Kommunikationsräumen wie SchülerVZ, Netlog oder Facebook Teil ihres alltäglichen sozialen Erlebens im Rahmen der Auseinandersetzung mit den Peers. Zahlreiche Befragungen im amerikanischen Raum (Kowalski/Limber 2007; Williams/Guerra 2007; Juvonen/Gross 2008) sowie in Deutschland (MPFS 2008; Grimm et al 2008; Jäger et al 2009) konnten dies zeigen, wobei die Zahlen zu den Betroffenen je nach Land und auf Grund unterschiedlicher Erhebungsmethoden durchaus divergieren. In einer österreichischen Befragung unter elf- bis 19-Jährigen (vgl. OIAT 2010) gaben jedenfalls 34 Prozent der Jugendlichen an, dass Freunde online schon einmal beschimpft wurden. Bei 20 Prozent der Jugendlichen wurde schon einmal ein Foto online gestellt, das unangenehm war, und 18 Prozent gaben an, dass ihr Profil schon einmal gehackt und von anderen mutwillig verändert wurde.

In Soziologie und Sozialpsychologie wird – wie auch im öffentlichen Diskurs – auf diese Phänomene als ‚Cybermobbing’ bzw. der englischen Entsprechung ‚Cyberbullying’ verwiesen. Cyberbullying wird dabei als Übertragung traditioneller Formen des Mobbing in den ‚Cyberspace’ verstanden, als wiederholtes, „aggressives Verhalten“ (Grimm et al 2008, 229) im Internet bzw. digitalen Technologien, mit dem Ziel Anderen zu schaden: „Any behavior performed through electronic or digital media by individuals or groups that repeatedly communicates hostile or aggressive messages intended to inflict harm or discomfort on others“ (Tokunaga 2010, 2). Willard (2007, 5ff.) unterscheidet acht Formen von Cyberbullying, auf die in neueren Studien immer wieder Bezug genommen wird: Flaming (kurzlebige Auseinandersetzung in roher, vulgärer Sprache), Harassment (wiederkehrende Beschimpfung über persönliche Kommunikationskanäle), Denigration (Veröffentlichung von beleidigenden Aussagen, Denunzation), Impersonation (im Namen einer anderen Person Handlungen durchführen, die auf diese zurückfallen), Outing and Trickery (Veröffentlichen von privaten Kommunikationselementen einer anderen Person), Exclusion (Ausschluss einer Person aus den Kommunikationskanälen anderer), Cyberstalking (wie Harassment, aber extremer und verbunden mit Drohungen) und Cyberthreats (Drohungen jemandem physisch zu schaden). Agatston et al. (2007, 46ff.) fügen diesen acht Formen noch Happy Slapping als physische Gewalt gegen andere, die aufgezeichnet (Handyvideos) und anschließend veröffentlicht wird, hinzu.

Ein Großteil der Studien zum Thema beschäftigt sich mit Formen von Cybermobbing, mit Alters-, Geschlechts- und Persönlichkeitsunterschieden der TäterInnen sowie Auswirkungen auf schulische Parameter wie Leitung und Devianzverhalten, wie Tokunaga (2010) in einem Review einschlägiger Literatur feststellt. Auch die oben angesprochene definitorische Nähe von Cyber- zu traditionellem Mobbing spiegelt sich in der Forschungspraxis oftmals wieder, insbesondere bei jenen Studien, die versuchen Zusammen­hänge zwischen traditionellem Mobbing und jenem über Onlinemedien zu ergründen. So konnten Raskauskas/Stoltz (2007) als auch Katzer et al (2009) zeigen, dass ein Zusammenhang zwischen Tätern und Opfern online und in der Schule besteht. Schulbullies wären entsprechend „signifikant häufiger als andere Jugendliche auch Chatbullies“ (ebd., 1). Ybarra et al. (2007) kamen im Rahmen einer Online-Befragung wiederum zum Ergebnis, dass 64 Prozent der Jugendlichen, die online Mobbing erleben, keine Erfahrung mit Mobbing in der Schule haben. Die AutorInnen vermuten, dass zwischen der Gruppe derjenigen, die online und jenen die in der Schule gemobbt werden, durchaus ein Unterschied besteht, der auf die spezifischen kommunikativen Möglichkeiten im Internet zurückzuführen ist. Auch Fawzi (2009) betont den Unterschied zwischen Cyber- und traditionellem Mobbing. Sie identifiziert zentrale Merkmale von Cybermobbing, um anschließend basierend auf ExpertInneninterviews vor allem mangelnde soziale Kompetenz und mangelnde Medienwirkungskompetenz gepaart mit ausreichender technischer Medienkompetenz als Problemkonstellation im Hinblick auf das Cybermobbing-Verhalten von „TäterInnen“ auszumachen.

Diesen spezifischen Aspekten, die Cybermobbing von traditionellem Mobbing unterscheiden, wird in der Forschung oftmals kaum Rechnung getragen, wie Fawzi (ebd., 32) anmerkt. Soziale Kommunikation in internet­basierten, soziotechnischen Räumen unterliegt jedoch spezifischen Möglichkeiten und Einschränkungen, die durch die Spezifikationen der technischen Systeme, dem Code (vgl. Lessig 2006; Schmidt 2006), vorgegeben werden. In der Aneignung der Systeme durch die Jugendlichen ergeben sich eine Reihe an Herausforderungen und Chancen für die in und über dieses Medium laufenden Kommunikationsprozesse, die für die Ausbildung von sozialen Regeln und Normen grundlegend sind. Erst in der Analyse dieses Kontextes werden jene Praktiken sichtbar und dadurch verständlich, denen wir – zumindest von einer Außenperspektive aus betrachtet – Gewalt zuschreiben.

Antworten darauf, welche Funktionen Gewalt in Social Media für die Jugendlichen haben kann, in welchen Kontexten sie sich vollzieht und welche Rolle sie im Rahmen von Kommunikationsprozessen innerhalb der Peergroups in einer Gesamtbetrachtung spielt, konnte die bisherige Forschung nur vereinzelt im Rahmen der wenigen qualitativen Studien (EU Kommission 2007; Agatston et al 2007; Smith et al 2008; Grimm et al 2008; Fawzi 2009) geben, die zu diesem Thema durchgeführt wurden. Diesen Studien, auf die wir im Rahmen der Aufarbeitung unserer Ergebnisse noch vereinzelt zurückkommen werden, ist gemeinsam, dass sie die Phänomene aus der Perspektive von tatsächlich erfolgten Gewalthandlungen bewerten. Die Kontexte rund um die Gewalthandlungen werden in deren Analyse nur dann mit einbezogen, wenn sie sich als Ursachen oder Konsequenzen der Gewalthandlungen zeigen. Dadurch bleibt die Beschreibung von ‚Cybermobbing’ tendenziell auf den konkreten Phänomenbereich beschränkt. Hier setzt nun unsere Studie an.

 

2. Forschungsziel & Forschungsdesign

Ziel der vorliegenden Studie ist die Beschreibung des Phänomens ‚Gewalt in Social Network Sites’ bzw. ‚Cybermobbing’ unter Einbeziehung (a) der sozialen Praktiken und Normen, die sich in Social Media unter den Jugendlichen in der Aneignung von SNS Applikationen etabliert haben, und (b) der (auch ‚Offline’-)Kommunikationsprozesse, in die entsprechende Gewalthandlungen in SNS eingebettet sind. So richten wir unseren Fokus auf Strukturen und Prozesse, die sich im gegenseitigen Wechselspiel der Spezifika der medialen Infrastruktur, den sozialen Regeln und Normen des Kommunikationsraumes und konkreter sozialer Praktiken entfalten und unter bestimmten Konstellationen in Gewalthandlungen münden können.

Das Forschungsdesign orientiert sich an interpretativen, rekonstruktiven Methoden der empirischen Sozialforschung und der theoriegeleiteten Analysepraxis der Grounded Theory (vgl. Strauss/Corbin 1996) sowie der auf Kurt Lewin (1946) zurückgehenden Tradition der Aktionsforschung (‚action research’). So wurden die ‚Forschungsobjekte’ selbst zu TeilnehmerInnen des Forschungs- und Erkenntnisprozesses gemacht, um sie zu befähigen, den entsprechenden Ausschnitt ihrer Lebenswelt besser zu verstehen und ihre Handlungen diesem Verständnis anzupassen (vgl. Atweh et al 2002).

Konkret wurden mit sechs Gruppen von jeweils 10-12 SchülerInnen im Alter zwischen 13 und 17 Jahren jeweils zwei mehrstündige, multimethodische Workshops an fünf Schulen unterschiedlichen Typs und in vier Bundesländern durchgeführt, wobei neben Gewalt im Social Web auch Gewalt in Computerspielen und in gewalthaltige Internetvideos Themen waren, die jedoch für den vorliegenden Text ausgespart werden.

Während die ersten Workshops, durchgeführt im Frühjahr 2009, vor allem der Exploration des Feldes dienten und entsprechend offen und sehr diskursiv gehalten waren, wurden im Rahmen der zweiten Workshops auf den Ergebnissen der ersten aufbauend konkrete Problemszenarien bearbeitet. Beide Workshops zeichneten sich durch ihre Offenheit gegenüber den von den Jugendliche eingebrachten Inhalten aus, so wurde unter anderem der Begriff Gewalt als solcher zu Beginn nicht vorgegeben, sondern von den Jugendlichen in ihrer Auslegung des Begriffes eingebracht.[1] Die Auseinandersetzung mit dem Thema wurde von einer breiten Palette an Arbeitsmethoden angeregt: Assoziationsübungen, Planspiele, szenische Spiele, Mind-Mapping und vieles mehr. Die Workshops wurden komplett auditiv und bei einigen Übungen auch audiovisuell aufgezeichnet und eine thematisch orientierte breite Auswahl der Mitschnitte wurde transkribiert. Diese Transkripte, im Feld angefertigte Notizen und die im Rahmen des Workshops von den SchülerInnen angefertigten schriftlichen Aufzeichnungen wurden in eine schrittweise Kodierung und Interpretation mit einbezogen, die sich an hypothesengenerierenden Techniken der interpretativen Kommunikationsforschung (vgl. Krotz 2005), insbesondere der Grounded Theory orientierte (vgl. Strauss/Corbin 1996).

Im Folgenden werden wir nun jene aus der Interpretation der Diskussionen der Jugendlichen generierten Thesen möglichst dicht wiedergeben, die sich als zentral für das Verständnis der Bewertungen und Prozesse von Cybermobbing herausgestellt haben. Die Praktiken und ihre Bewertung durch die Jugendlichen, wie wir sie hier beschreiben, sind dabei grundsätzlich als allgemeine Praktiken und Bewertungen zu verstehen. Der Gewaltbegriff, den wir nachfolgend verwenden, orientiert sich nicht direkt am Begriffsverständnis der SchülerInnen, denn dieses hat sich im Rahmen der Workshops – wie schon erwähnt – gewandelt. Vielmehr ist “Gewalt” in diesem Text als Sammelbegriff für all jene Handlungen und Prozesse zu verstehen, die das soziale Gefüge wesentlich stören in dem sie kulturell erwartbare Handlungsabläufe zwischenmenschlicher Kommunikation unterbrechen.

3. Eskalations- und Deeskalationspotentiale

Soziale Kommunikation in SNS hat im Vergleich zu anderen Kommunikationsmodi eine Reihe von spezifischen Vor- und Nachteilen für die verschiedenen Kom­muni­kations­bedürfnisse der Jugendlichen, deren Bewusstsein für und implizite Wissen über die Spezifika des Kommunikationsraumes durchaus ausgeprägt sind. So entscheiden sie sich auf Basis dieses impliziten Wissens situationsabhängig für oder gegen die Nutzung internetbasierter Kommunikationskanäle, wobei drei Spezifika für die Jugendlichen von besonderer Relevanz sind:

(a) Räumliche Distanz: Das Fehlen der Möglichkeit zur physischen Intervention des Gegenübers senken die Angst der SchülerInnen vor direkten physischen Konsequenzen auf Grund von verbalen (verschriftlichten) Gewaltakten und somit auch die Schwelle für entsprechende Handlungen. Gleichzeitig bietet die Kommunikation im Internet auch einen Schutz vor zu starker emotionaler Involvierung durch die fehlende Möglichkeit physische Reaktionen zu beobachten, z.B. wenn für den/die Kommunikations­partnerIn unangenehme Mitteilungen zu machen sind.

(b) Schriftform: Da in schriftlicher Kom­munikation leicht Miss­verständ­nisse entstehen können, die auch durch den Einsatz von Smilies oder Inflektiven (z.B. *gähn*, *kopfkratz*) nicht unbedingt vermieden werden können, eignet sich die SNS Kommunikation kaum für Kommunikationsprozesse, die eine hohe emotionale Sensibilität beider Kom­munikations­partnerInnen erfordern. Entsprechende Missverständ­nisse werden zum Teil auch zum Auslöser von Gewalt, wobei die SchülerInnen sich dieses Umstandes bewusst sind und versuchen potentiell missverständliche Gespräche face-to-face oder zumindest per Telefon zu führen.

(c) Asynchronität: Die häufige Asynchronität von Kommunikation verleiht den Jugendlichen eine stärkere Kontrolle über die Kommunikationsprozesse, da mehr Zeit zur Verfügung steht, um über das von Anderen Geschriebene nachzudenken und die eigene Antwort zu konstruieren. Unmittelbare, unter Umständen heftige emotionale Reaktionen auf eine unangenehme Mitteilung oder auf die Gewalthandlungen eines Anderen werden so oft nicht zurückvermittelt. Dies kann sich sowohl eskalierend als auch deeskalierend auswirken: So bleibt Zeit, die Antwort auf einen Vorwurf innerhalb eines Streitgespräches möglichst sensibel zu formulieren, um den Kom­muni­kations­prozess wieder auf eine sachlichere oder weniger aggressive Ebene zu bringen. Doch kann die Zeit auch dazu genutzt werden, Antworten zu konstruieren, die das Gegenüber emotional besonders empfindlich treffen.

Dieser Potentiale für die Eskalation und Deeskalation von Kommunikationssituationen sind sich die Jugendlichen bewusst. Je nachdem ob sie eine Situation anspannen oder beruhigen wollen, bedienen sie sich dieser Kommunikationskanäle in der einen oder anderen Weise. Die persönliche Kontrolle über die Dynamik von Situationen ist entsprechend höher, da sie die Jugendlichen bis zu einem gewissen Grad vor vorschnellen, unüberlegten, emotional zu stark aufgeladenen Kommunikationsakten bewahrt. Anderseits können im Rahmen sozialer Onlinekommunikation auch Hemmungen überwunden werden, die in anderen Kommunikationssituationen bestünden. Insbesondere Jugendliche, die in Face-to-Face-Kommunikationssituationen über verhältnismäßig wenig Selbstbewusstsein und/oder Schlagfertigkeit verfügen, um in Konflikten angemessen reagieren zu können, nutzen SNS zur Kommunikation in Konfliktkontexten.

 

4. Gewalt in persönlichen Öffentlichkeiten

Zentral für die Einschätzung von Gewalthandlungen in SNS ist die Sichtbarkeit entsprechender Kommunikationsinhalte innerhalb der Systeme, definiert durch die Friendlist sowie Systemeinstellungen zu Privatsphäre. Die Praxis des ‚friendens’ und die daraus folgende Zusammensetzung der Friendlist definiert die Teilhabe von Personen und Personengruppen am individuellen kommunikativen Raum, der persönlichen Öffentlichkeit (vgl. Schmidt 2009) der Jugendlichen. Die Friendlist setzt sich dabei immer aus Personen zusammen, die die Jugendlichen aus unterschiedlichen sozialen Kontexten kennen. Die Kommunikation mit diesen Personen erfolgt in SNS jedoch innerhalb ein und desselben Kommunikationsraums, da die allermeisten Aktivitäten, die innerhalb der SNS gesetzt werden, innerhalb dieses Kommunikationsraumes öffentlich sind. Einschränkungen durch die genaue Definition von Privatsphäre-Einstellungen innerhalb der Systeme (z.B. Definition von Gruppen, an die bestimmte Informationen ergehen und solche an die sie nicht ergehen) werden von den Jugendlichen kaum genutzt, obwohl sie sich selbst ein hohes Bewusstsein für Privatheit bescheinigen – ein ‚Privacy Paradox’, wie es auch Bryce/Klang (2009) und Boyd/Ellison (2007) ansprechen. Gründe für die Schere zwischen Problembewusstsein und tatsächlich gesetzten Handlungen sind fehlende Nutzungskompetenz, der hohe Verwaltungsaufwand solcher Einstellungen und die fehlende Dynamik der Einstellungen, die in der Alltagskommunikation jedoch notwendig wäre.

4.1. Zeugenschaft und Ressource bei Gewalthandlungen

Im Rahmen von Gewalt in SNS hat dieses Netzwerk für die Jugendlichen zwei Funktionen: Zum einen wird dieses Zeuge der sich in dem Kommunikationsraum manifestierenden Gewaltakte. Die Zeugenschaft konstituiert eine, zumindest passive, Beteiligung am Geschehen. Die Jugendlichen sprechen davon als ‚in etwas hineingezogen zu werden’. Eine aktive Beteiligung am Geschehen gehen sie dann ein, wenn sie das (in diesem Falle als solches angesehene) ‚Opfer’ einer Gewalthandlung unterstützen, indem sie es verbal verteidigen oder in der einen oder anderen Weise gegen die ‚TäterInnen’ vorgehen.

Tatsächlich bleibt gewalttätiges Verhalten meistens weder unbemerkt noch ohne Reaktion seitens der Peers. Insbesondere dann, wenn das ‚Opfer’ diese aktiv um Hilfe bittet. Das sich so einschaltende Kollektiv kann Handlungen setzen, die das Gegenüber deutlich empfindlicher treffen als Einzelaktionen (z.B. kollektives Flaming). Das Netzwerk stellt so auch eine Ressource für initiative Gewalt dar, unterstützt durch den Umstand, dass keine gemeinsame zeitliche oder räumliche Anwesenheit der Beteiligten erforderlich ist. So schildert eine 14-jährige Schülerin im folgenden Beispiel einem Online-Mobbing-Vorfall, bei dem Teile des persönlichen Netzwerks aktiviert wurden, um auf die Verleumdungen durch ein anderes Mädchen zu reagieren:

w: [...] (     ) und dann hat sie mir über=s Profil; mir ein Kommentar geschrieben am Foto. dass ich fett bin; oder sowas. und dass ich noch Tokio Hotel hör; oder so. ein Blödsinn halt geschrieben; was nicht stimmt. und dann haben sie alle irgendwelche; weil eine Freundin von mir hat sich ur aufgeregt und haben sie gleich zurück gemobbt. @alle gegen einen@

Zudem lässt sich am Beispiel des soeben erwähnten „kollektiven Flamings“ zeigen, dass sich neue Täter-Opfer- wie auch Mittäter-Mitopfer-Konstellationen auftun, die sich in kurzen Intervallen dynamisch verschieben können. Die traditionellen Täter-/Opfer-Konstellationen samt den dazugehörigen Rollenzuschreibungen sind für die Analyse des dynamischen Rollenverhaltens in internetbasierten Kommunikationsräumen ungenügend. Gewalt­formen bzw. -kontexte, die sich, speziell in soziotechnischen Systemen, schnell und relativ aufwandslos, auf viele „TeilnehmerInnen“ ausweiten können und damit neue Gewalt-Partizipationsformen ermöglichen, brauchen andere Problemzugänge und -beschreibungen.

4.2. Öffentlichkeit als Grund und Regulativ für die Einschätzung als Gewalt

Bestimmte Handlungen werden von den Jugendlichen erst deswegen als Gewalt angesehen, weil sie innerhalb des Netzwerks öffentlich sind. Das Zeigen eines für den/die Abgebildete/n peinlichen Fotos mag innerhalb des Freundeskreises oder auch der erweiterten Peer-Group problemlos sein, nicht jedoch in einer persönlichen Öffentlichkeit, der auch Respektspersonen und Verwandte angehören. Als Beispiel folgt die Aussage eines 16-jährigen Burschen zu den Problemen, die daraus entstehen, wenn die eigene Semi-Öffentlichkeit bestimmte Respektspersonen umfasst:

m1: Ja; wenn jetzt irgendwer Gerüchte über mich verbreitet und ich hab in facebook ur viele Familienmitglieder; Cousins; Cousinen; Onkels und ähnliches; und die würden sich dann auch was denken. also; das wär eigentlich das. so; wenn er das liest; er kennt mich; er weiß; ich bin nicht so; wie derjenige das behauptet; aber

Verleumdungen oder Beschimpfungen, die in der Face-to-Face-Kommunikation von Jugendlichen als unproblematisch angesehen werden, da sie Teil der Jugendsprache sind oder innerhalb einer Gruppe von Peers als wiederkehrendes ‚Necken’ verstanden werden, können in der erweiterten Öffentlichkeit der SNS problematisch sein. Die Ausgestaltung der persönlichen Öffentlichkeit reguliert so die individuelle Zuschreibung von Gewalt zu bestimmten Kommunikationsakten als auch das eigene Verhalten. So wollen Jugendliche auch nicht, dass ihr gesamtes SNS-Netzwerk sehen kann, wie sie selbst Gewalthandlungen ausführen.

Ein wesentliches Problemfeld liegt in Diskrepanzen hinsichtlich der Zusammensetzung der persönlichen Öffentlichkeiten zweier Personen. Die Jugendlichen projizieren die eigene Praxis auf die Praxis anderer, d.h. nehmen oft an, dass die Art und Weise wie sie ihre persönliche Öffentlichkeit regeln dem entspricht wie es andere auch tun. Da dies oftmals nicht der Fall ist, können eine Reihe von Missverständnissen auftreten, die für den jeweils anderen Kommunikationspartner zu unangenehmen Situationen führen und deshalb die damit verbundenen Kommunikationsakte als Gewalt angesehen werden können. Als Beispiel wäre das Posten und namentliche Verlinken eines Fotos zu sehen, dass eine andere Person in einer misslichen Lage zeigt. Während im Verständnis desjenigen, der das Foto veröffentlicht, das Gezeigte für den anderen nicht als „peinlich“ eingeschätzt wird, da es nur die „Peers“ sehen könnten, mag es für den Abgebildeten durchaus unangenehm sein. Der Grund für diese Divergenz mag neben der möglicherweise unterschiedlichen Einschätzung des Gezeigten an sich auch die jeweils unterschiedliche Zusammensetzung der persönlichen Öffentlichkeit sein, die beim Veröffentlichenden nur die „Peers“ enthält, aber bei der gezeigten Person unter Umständen auch Respektspersonen.

 

5. Identitätsarbeit und Identitätsraub

Freundschaftsnetzwerke und das Feedback, das Jugendliche aus diesen Netzwerken bekommen, stellen wichtige Ressourcen bei der Konstruktion der eigenen Identität dar (Boyd 2006; Zhao et al 2008). Die Vergegenwärtigung der (aktuellen) persönlichen Öffentlichkeit führt zu Identitätsdarstellungen, die als ‚mehrheitsfähig’ konstruiert werden. Die Wahrnehmung der eigenen Person durch eine/n Andere/n soll unabhängig von der Beziehungsnähe gleichermaßen positiv wie authentisch sein. Ambivalenzen in der eigenen Identitätsdarstellung werden so gut es geht vermieden, da zum Beispiel entfernte Bekannte solche mangels Personenkenntnis missverstehen und dadurch negativ interpretieren könnten. So mag ein Jugendlicher, der als draufgängerischer Partylöwe gilt und sich gegenüber seinen entsprechenden Peers auch so darstellt, in Facebook auf Schilderungen allzu ausschweifender nächtlicher Lokalrunden ebenso verzichten wie auf die Mitteilung des Umstandes, dass er aus Gründen der schulischen Testvorbereitung nicht zum Stadtfest kommen kann. Auf erstere Darstellung würde er verzichten, weil dies auch seine braven und geschwätzigen Cousinen mitbekämen die dadurch ein ganz anderes Bild von ihm entwickeln könnten, und auf zweitere, weil er sonst vor seinen Saufkumpanen als Streber gelten würde.

5.1. Implizite Konventionen der Identitätsarbeit

Zur Darstellung der eigenen Identität gehören neben Photos und einem Profil auch Statusmeldungen. Diese werden in hohem Maße dazu genutzt, um aktuelle Gefühle mit anderen zu teilen. Dieses ‚Gefühls-Sharing’ muss allerdings auch innerhalb der Grenzen des sozial Akzeptablen stattfinden, also hinsichtlich Intensität und Intimität der Äußerung angemessen sein. Negative Aspekte des Lebens, wie Gefühle der Niedergeschlagenheit oder der Trauer, sollten, laut den Jugendlichen, nicht explizit in der Statusmeldung artikuliert werden. Zu offenes bzw. zur Schau gestelltes Gefühls-Sharing wird in der Regel als Versuch Mitleid zu erheischen aufgefasst und ist innerhalb der Peer Group äußerst negativ belegt. So wird Jugendlichen, die ihre innersten Gefühle ‚hinausposaunen’, in der Regel fehlende soziale Kompetenz zugeschrieben. Leichtfertiger Umgang mit solcherart privater bzw. intimer Information wird von den Jugendlichen stark negativ bewertet und wird zum Teil auch, z.B. in Form sozialer Exklusion, sanktioniert. Das folgende Beispiel, eine Unterhaltung zwischen zwei 16-jährigen Mädchen, zeigt diese Problematik aus der Sicht der Jugendlichen im Original:

w1: Wenn=s [Anmerkung: andere, bestimmte Jugendliche] so öffentlich ihre ganzen Probleme schildern; vor allem da wollen=s irgendwie nur Aufmerksamkeit; dass sie irgendwer bemitleidet; find ich.

w2: Das denk ich mir auch; manchmal schreiben=s; ja gestern war das das und das; da denk ich mir; oida; bitte;

Die Jugendlichen haben jedoch Strategien entwickelt, mit diesem Problem umzugehen: Wollen sie Gefühle oder Gedanken nur an einen definierten Personenkreis richten, passen sie ihre Kommunikationsakte an das Interpretationsvermögen des Adressatenkreises an, welcher sich nach dessen Insiderwissen richtet. Gern und häufig genutzte Formen dieser indirekten Emotionsvermittlung sind das Posten von Musiktexten, Gedichten, Zitaten oder auch von Videos bzw. Bildern aus dem Netz. Diese konnte auch Enochsson (2007) beobachten, wurde aber dort nicht weiter kontextualisiert.

Direkte Emotionsvermittlung, wie z.B. das explizite Posten eines Gemütszustandes als Statusmeldung oder Kommentar, stellt einen Verstoß gegen implizite Konventionen auf Social Media- Plattformen dar. Auch leichtfertiger Umgang mit privaten Informationen wird von den Jugendlichen negativ bewertet, und wenn er mehrmals vorkommt auch sanktioniert. Verstößen gegen diese sozialen Konventionen wird nicht selten mit Gewalt als Form sozialer Sanktionierung begegnet. Auch eine landesweite, amerikanische Studie der Ofcom (2008) konnte zeigen, dass übertriebene Selbstdarstellung von den Friends als störend eingestuft und ihr oftmals mit Zynismus begegnet wird.

5.2. Identitätsraub

Eines der schwersten ‚Vergehen’, das in der Wahrnehmung der Jugendlichen in Social Media begangen werden kann, und das durchgängig als gewalttätiges Verhalten in unserem Sinne verstanden wird, ist der ‚Raub der Identität’ – der grob Willards ‚Impersonation’ entspricht (vgl. Willard 2007) – wobei auf Basis unserer Ergebnisse drei unterschiedliche Praktiken zu identifizieren sind:

(a) Kopieren von Teilen einer anderen Identitätsdarstellung: Dabei kopieren NutzerInnen Fotos und Texte aus dem Profil von anderen NutzerInnen oder bedienen sich bestimmter Ideen Anderer für die Darstellung der eigenen Identität.

(b) Fälschung des Profils: Noch ärgerlicher ist für die Jugendlichen die Fälschung des eigenen Profils, d.h. wenn ein/e andere/r NutzerIn ein neues Profil mit demselben UserInnennamen wie das Original anlegt und zuweilen auch Bild, Text und Gestaltung übernimmt. In diesem Fall existieren innerhalb eines Social Media Systems zwei praktisch gleiche Profile, die für die NutzerInnen kaum unterscheidbar sind. Problematisch wird dies dann, wenn der/die ‚Fake-UserIn’ in Erscheinung tritt und im Namen eines/r anderen Kommentare abgibt, in Gästebücher schreibt, private Nachrichten an Bekannte des ‚Fake-Opfers’ schickt und vieles mehr.

(c) Hacken: Damit bezeichnen die Jugendlichen die Vorgehensweise, wenn jemand anderes mit Hilfe des persönlichen UserInnennamens und Passwortes für kurze Zeit ‚Besitz’ von der eigenen Onlineidentität ergreift. Um an solche Passwörter zu gelangen, gibt es diverse Softwareanwendungen, die gängige Passwörter der Reihe nach in ein Login-Fenster eingeben und so nach ein paar Stunden das Passwort herausfinden. Im folgenden Gesprächsauszug zwischen Workshop-Moderator und einem 14-jährigen Burschen schildert dieser einen entsprechenden Vorfall:

m: Bei mir hams; mein myspace Account is schon amal gehackt worden.

y: Ok, was hast du dann gemacht? auf sein eigenes Profil gestellt oder was?

m: Na der hat alles auf dänisch gestellt; und hat irgendwie bei der sexuellen Orientierung auf schwul tan und so (         ); ich weiß nicht wer das war; nein aber ich weiß nicht lauter so Sachen; dann hat er als Hintergrund gmacht irgendwie so Brüste von Frauen.

Denn die die Jugendlichen verlieren als ‚Opfer’ einer solchen ‚Tat’ die Kontrolle über die eigene Identitätsdarstellung, und da all jene von den IdentitätsräuberInnen vorgenommenen Veränderungen für jede Person in der Friendslist sichtbar sind, konterkariert Identitätsraub die Bemühungen der positiven Selbstdarstellung, nach der die sozialen Konventionen verlangen.

Von den guten Freunden in der Friendslist erwarten die Jugendlichen, dass sie sofort erkennen, wenn die eigene Identität gefakt wurde, wozu u.a. sowohl falsche oder ambivalente Profilinformationen als auch in falschem Namen übermittelte Beleidigungen in Form von Statusmeldungen oder Kommentaren gehören. Da jedoch ein großer Teil der Friendslist mangels Personenkenntnis das Fake nicht erkennen könnte, sind die Jugendlichen in solchen Fällen vehement darum bemüht falsche oder bloßstellende Aussagen richtigzustellen sowie den/die TäterIn auszuforschen und gegebenenfalls von AdministratorInnenseite entfernen zu lassen, um die Integrität des Selbstprofils wieder herzustellen.

 

6. Mobbing als kommunikationsraumübergreifender Prozess

Gewaltprozesse laufen – wie Peer-Kommunikationsprozesse im Allgemeinen – quer durch die verschiedenen Kommunikationsräume, wie Schule und SNS, ab. Streit kann in der Schule beginnen, und in Facebook oder Netlog fortgesetzt werden, ebenso wie sich Mobbingprozesse in gewalttätigen Handlungen sowohl in der Schule als auch in in Social Media manifestieren. Für die Jugendlichen ist es unerheblich, ob die „Initialzündung“ für einen sozialen Prozess, in dem gewalttätiges Verhalten vorkommt,  in dem einen oder anderen Kommunikationsraum erfolgt ist. Je nach Situation wählen sie auf Basis ihres impliziten Wissens über die Spezifika der Kommunikations­räume und der jeweiligen Situation entweder die Schule (bzw. andere nicht-medienvermittelte Räume) oder Social Media (oder andere Kom­muni­kations­medien) zur Weiterführung eines Prozesses. Kein Kommunikationsraum bzw. -medium fördert oder hemmt Gewalt an sich, ermöglicht aber unterschiedliche Ausprägungen von Gewalt und macht Anpassungen des Kom­muni­kations­verhaltens notwendig.

Immer wieder wurde von den Jugendlichen hervorgehoben, dass sich SNS jedoch für eines definitiv nicht eignen: Versöhnung. Bedingt dadurch, dass in Social Media Gefühle nur schwer ausgedrückt werden können bzw. man die Mimik/Gestik des Kommunikationspartners/der Kommunikationspartnerin nicht sehen kann, fällt es auch schwer beispielweise die Ernsthaftigkeit von Entschuldigungsversuchen einschätzen zu können. Versöhnung muss daher auf andere Räume, wie z.B. den der Schule, ausgelagert werden, wodurch jener im Kontext von Versöhnung und Streitschlichtung an Bedeutung gewinnt.

 

7. Conclusio

Im Rahmen unserer Studie konnten wir soziale Praktiken und deren Gewaltpotentiale identifizieren, wie sie sich in den neuen Kommunikationsräumen der Social Network Services zeigen und etabliert haben. Anders als bisherige Studien (vgl. Tokunaga 2010), hatten wir die sozialen Prozesse rund um die vielfältigen Phänomene, die als „Cybermobbing“ zusammengefasst werden können, im Blick. So konnten wir Beschreibungen und Bewertungen der Jugendlichen zu verschiedenartigen Gewaltformen im Rahmen der allgemeinen sozialen Praxis in Social Media analysieren und dadurch ein besseres Verständnis dafür gewinnen, welche Herausforderungen und Probleme diese neuen Gewaltphänomene tatsächlich schaffen und wie diese – fernab von der zuweilen starken medialen Hysterie – zu bewerten sind.

Es zeigt sich, dass Cybermobbing kaum losgelöst vom erweiterten sozialen Umfeld Jugendlicher bewertet werden kann: Gewalthandlungen in Social Media sind immer Teil kommunikationsraumübergreifender sozialer Prozesse. Gleichzeitig sind sie Ausdruck hybrider Regeln sozialen Austausches in einem soziotechnischen Raum, in dem NutzerInnen proaktiv in Gewaltprozessen mitwirken und auf solche Prozesse einwirken. So zeigen sich Momente der (Selbst)Regulation in den miteinander vernetzten persönlichen Netzwerken, die Gewaltprozesse fördern, fortführen und hemmen können.

Kommunikation über Social Network Services unterliegt jedenfalls bestimmten (technisch bedingten) Strukturen, die spezifische kommunikative Möglichkeiten und Einschränkungen schaffen. Die Jugendlichen sind sich dieser Spezifika und den damit verbundenen Herausforderungen und Problemen vielfach durchaus bewusst und nutzen die internetbasierten sozialen Kommunikationsräume zum Teil auch entsprechend funktionsorientiert. Abseits der bewussten Nutzung von SNS für Gewalthandlungen zeigen sich Probleme oftmals im Graubereich der – in einem laufenden Aus­handlungs­prozess befindlichen – sozialen Normen, deren Einhaltung von den NutzerInnen zwar erwartet wird, die jedoch zum Teil noch nicht ausreichend beziehungsweise überall gleichermaßen verfestigt sind. So sind die Jugendlichen gefordert, Form und Inhalt der Kommunikation mit ihren Peers nicht nur an die Struktur der eigenen persönlichen Öffentlichkeit anzupassen, sondern auch an diejenige der jeweiligen Kom­muni­kations­partnerInnen. Vom Erfolg oder Misserfolg der hier notwendigen Antizipation hängt oftmals ab, wie Kommunikationsakte von den anderen Kom­muni­kations­teil­nehmer­Innen bewertet werden – und ob „Gewalt“ im Sinne einer wesentlichen Störung des sozialen Gefüges, einer Unterbrechung der kulturell erwartbaren Handlungsabläufe, vorliegt oder nicht.

 

Literatur

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[1] Dabei zeigte sich, dass die Schülerinnen und Schüler Gewalt in erster Linie mit physischer Gewalt gleichsetzen. Formen psychischer Gewalt, wie sie im Rahmen von Mobbing und Cybermobbing vorkommen, werden zwar als problematisch und für die Betroffenen sehr unangenehm empfunden, wurden aber zu Beginn der Workshops nicht mit dem Begriff Gewalt belegt. Dies änderte sich im Laufe der Auseinandersetzung der Jugendlichen mit dem Thema.

 

3 comments

  1. Pingback: Studien-Präsentation: “Sharing” in sozialen Medien (5.Dez) // Internetforschung

  2. Da Mobbing ein ständig wachsendes Problem darstellt und die Mobbingopfer auch immer jünger werden (Mobbing beginnt oft schon im Kindergartenalter), sollte viel mehr Augenmerk auf Prävention gelegt werden. Mit speziellen Programmen in Kindergarten und Schule könnte man bestimmt einiges verbessern und auch die Wahrnehmung diesbezüglich schulen.

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