Documentation Philosophy On Stage #4

Nachahmungsbewegungen_F.N. erschreiben // Performance-Text

Writing Performance by Manora Auersperg [CV]
Inter-esse. In der Begegnung mit den Schriften Friedrich Nietzsches ist es die Strenge, die in seiner Sprache zum Ausdruck kommt, die mich dazu drängt nach der Leiblichkeit zu fragen, aus der diese Sprache hervorgeht. Um mich in diesen Zwischenraum von Empfindung und sprachlicher Bezugnahme zu bewegen, suche ich nach einer Form Nietzsche körperlich zu begegnen. Die Handschrift Nietzsches ist jene Spur, die es mir ermöglicht die materielle Formung eines Gedankens sinnlich nach zu vollziehen. Denn „zu allem Geistigen gehört etwas Körperliches; mit dessen Hülfe vermag man den Geist zu binden, zu schädigen, zu vernichten; das Körperliche giebt die Handhabe ab, mit der man das Geistige fassen kann.“ (Friedrich Nietzsche, Menschliches Allzumenschliches, I: § 111. Erste Veröff. 07/05/1878.) Das Auf-spüren der Körperlichkeit, der Spur, in der sich ein Gedanke manifestierte, will einen Moment der Berührung finden, in dem sich etwas abseits der Sprache einschreibt. Indem ich die Schreibgeste nachahme, sie mir mimetisch aneigne, taste ich mich an den Anderen heran.

Die Nachahmung selbst war das zentrale Ereignis der Performance Nachahmungsbewegungen _ F.N. erschreiben, die im Rahmen des Forschungsfestivals SCORES // PHILOSOPHY ON STAGE #4 über drei Tage andauerte und sich in einem Zusammenspiel von Theater-Raum, Licht, Sound, Publikum und einer Apparatur in raumzeitlicher Ko-präsenz mit den Beiträgen Anderer realisierte.

Beiseite geschrieben #1. Der Versuch einer nachträglichen Be-schreibung, wie ich sie in Folge vornehme, ist eine Form der Umkehrung; in seinem Ansinnen etwas im Werden begriffenes in Sprache über zu führen ein Wieder-spruch, ferner ein Nachhall der etwas Gewordenes erst gedanklich fasst.

Konstellation. Das nachdrückliche Bemühen um das Erlernen der Handschrift Friedrich Nietzsches geht mit einer Unterwerfung des Körpers einher, die ihre Entsprechung in der Apparatur der Performance findet. Einem Möbel nachempfunden, das einstmals Kinderkörper in eine disziplinierte Lern-haltung brachte (in Erwartung, dass der äußeren Einstellung auch die innere folge), bilden Schreibpult, Stuhl und Schriftband ein Ensemble das den Körper der Schreiberin miteinschließt. Die transparente Arbeitsfläche ist schräg aufgestellt, sodass ein darin eingespanntes Papierband von 14 Meter Länge und die darauf hinterlassenen Schriftspuren dem Betrachter dargeboten werden. Ein wenig darunter, ähnlich dem Fach einer Schulbank, ist eine weitere transparente Fläche, auf der die Schriftvorlagen – Reproduktionen von Nietzsches handschriftlichen Aufzeichnungen zu Die Fröhliche Wissenschaft, Dispositionen und Fragmente, Frühjahr-Herbst 1881 – und das nötige Werkzeug bereitliegen.

Das Publikum betritt den Theaterraum über eine Passage, von der man den vier Meter tiefer liegenden Bühnenraum überblickt. Bis an die Kante herangerückt, ist die Performance einer Situation ausgesetzt, in der verschiedene Kräfte aufeinander wirken, ohne dass sich Gewissheit über die Verhältnisse einstellt. Von der unteren Raumebene aus kann die Schreibgeste durch die schräg gestellte transparente Arbeitsfläche beobachtet werden. Das Pult wird so zum analogen Medium, einem Display über den sich die Geste visuell vermittelt. Auf der materiellen Ebene wiederholt sich die Übertragung durch das in sich geschlossene Schriftband, dass über die Schreibfläche hinausläuft, sich über die Kante zieht, in den anderen Raum hineinreicht. Während des Schreibens vollzieht das Material eine andauernde Bewegung, die sich in den Raum schiebt und gleichzeitig wieder zurückkehrt, um immer weiter beschrieben zu werden, in beharrlichem In-verbindung-treten.

Werden. Die Performance Nachahmungsbewegungen_ F. N. erschreiben war als Versuchsanordnung auf die Geste ausgerichtet, deren leibliche Spur Nietzsche in seiner Schrift hinterlassen hat. Im Wieder-holen dieser Geste, der Nachahmung des Nicht-eigenen, vollzog sich ein Werden wie (Nietzsche). Diese Annäherung bedarf einer inneren Haltung, die in Demut vor dem Gegebenen das Eigene zurücknimmt. Jeder Impuls den Text zu erfassen, sich den Sinn anzueignen, manifestierte sich augenblicklich in der Spur meiner Nachahmung. Das Verstehen-wollen legte sich in meine Bewegung und führte so zur Abweichung von der Ähnlichkeit zu Nietzsches Schrift und dem Verlust seiner Geste.

Die Kontinuität des Schreibens setzte die Performance in ein immer neues Verhältnis zu den wechselnden Beiträgen Anderer und warf so immer neue Fragen auf. Gleichzeitigkeit, Konzepte möglicher Vielstimmigkeit, das Ensemble… Ein Zusammen-spiel, das gerade durch seine Unvorhersehbarkeit etwas eröffnet, das dem Einzelnen unzugänglich bleibt. Was vermag ein Einzelner?

Das Publikum betritt den Raum mit Erwartung. Allem was darin vorgefunden wird haftet bereits Bedeutung an. Die Tätigkeit (wie-nietzsche-schreiben lernen) erfährt Beachtung, schon der Konstellation wegen, gesteigert durch das Andauern. Mit fortschreitender Zeit wird es zunehmend be-deutet; die Aufmerksamkeit lädt es gleichsam auf. Je mehr die Spur das Papierband füllt, desto mehr Gewicht erhält es. Das Material zieht Begehren auf sich – legt sich zwischen das Tun und die Aufmerksamkeit.

Enden. Was ist dieses Material, das sich beiläufig entwickelte? Die andauernde Geste führte die Schriftspur, ungeachtet der vorliegenden Textseiten, immer weiter über das in sich geschlossene Band. Der Text schloss sich kurz, wurde seiner Fragmentierung enthoben, unbestimmt in sich neu kontextualisiert. In Übereinstimmung mit der zeitlichen Rahmung der Performance kündigte der abnehmende Leerraum am Papier ein Ende des Schreibens an.

Das Beenden des Schreibens verdeutlichte einen möglichen Übergang vom Werden zum Sein, von Performance zum Kunstwerk, eine Verschiebung der Bedeutung, die Ephemeres zu Etwas von bleibendem Wert werden lassen will. Der Moment, in dem ich das Schreiben beende und aus der Konstellation heraustrete, leitet eine Auflösung ein. Die Ablösung des Materials von der Apparatur schafft die Bedingung, unter der das Material in den Vordergrund tritt, verfügbar wird und so das Begehren nach Aneignung weckt. Das Schriftband, in das Publikum hineingetragen, löste sich -unter den Händen Vieler- in Fragmente auf.

Beiseite geschrieben #2 … neben der Widersprüchlichkeit von Performance und beschreibender Dokumentation zeigt sich mir im Schreiben eine Ebene, die in dem Nachspüren zunehmend auftaucht und die über den Wert einer sehr persönlichen Erfahrung hinaus etwas von allgemeinerem Interesse haben kann. Aber gerade dieses hinüber-reichen in die „öffentliche” Sphäre ruft eine Empfindung hervor, die mich etwas von Nietzsches Sehnsucht erahnen lässt. Und indem ich meinen Gedanken eine andere Spur gestatte, zeigt sich ein Muster, das sich wiederholt – in dem, was „in der Berührung mit Nietzsche“, in der Performance und jetzt im Schreiben wahrnehmbar wurde. Es ist ein Sehnen nach dem Anderen, ein in Beziehung sein wollen, das sich seinen Weg über die gedankliche Ausrichtung sucht, letztlich aber oft unbeantwortet bleibt und den Rufenden, Fragenden, Behauptenden, Schimpfenden…. auf sich zurückwirft. Jetzt sehe ich, dass es eine Art von „Gespräch” war das ich gesucht habe, da ich grundlegend davon überzeugt bin, dass alles Neue im Dazwischen entsteht.



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IMPRESSUM

Led by Arno Böhler, the PEEK-Projekt „Artist Philosophers. Philosophy AS Arts-Based-Research“ [AR275-G21] is funded by the Austrian Science Fund (FWF) as part of the programme for artistic development and investigation (PEEK). Research location: University of Applied Arts Vienna. Brought about in national and international cooperation with: Jens Badura (HdK Zürich), Laura Cull (University of Surrey), Susanne Valerie Granzer (Universität für Musik und darstellende Kunst Wien/Max Reinhardt Seminar), Walter Heun (Tanzquartier Wien), Alice Lagaay (Zeppelin Universität Friedrichshafen). Postdoc: Elisabeth Schäfer (University of Applied Arts Vienna). The lecture series was produced in collaboration with: Institut für Philosophie Universität Wien, University of Applied Arts Vienna [Arno Böhler] and Institut für Theater- Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien [Krassimira Kruschkova].

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