Documentation Philosophy On Stage #4

Sublin/mes. Philosophieren von unten // Nietzsche –, wie? // Text-Collage 2

Early Readings by Sublin/mes. Philosophieren von unten [CV]

SUBLIN/MES: READING PERFORMANCE 2
[Saturday 28.11. 11:30-13:30; Studio 2 TQW]
Textcollage zusammengestellt von Tanja Traxler aus den Textbeiträgen von „Nietzsche, wie?“, Sublin/mes #5, Wien, 2015. Online unter: https://sublinesblog.wordpress.com/category/ausgaben/

[Position A]

[3]
Was sich jenseits befindet, hinter den Schleiern, wissen nur die Verführerinnen.

[11]
As you probably know, at the current stage, natural science finds itself in a foundational crisis.

[10]
Lieber Friedrich, Nie war mein Verhältnis zu Dir ein einfaches, und längst schon ringe ich mit mir, Dir zu schreiben oder nicht.

[Position B]

[1]
Philosophieren von unten will endlich und unendlich wieder die Lust am Schreiben und Denken befreien!

[4]
Ich suche nach den Taubenfüssen und finde höchstens deren Spuren; vereinzelte Abdrücke im Schlamm, durchkreuzt, verwischt, platt gefahren. Da bleibt von den Täubchen kaum was übrig. Vielleicht haben sie sich rechtzeitig davongemacht, haben sich woanders niedergelassen, um dort ihre zarten Spuren zu hinterlassen.

[14]
Die Mauer, die als Dichte unermessliche Offenheit ist.

[Position C]

[3]
Die Wahrheit, die eigentlich keine sein kann und nie eine war, dieser Restbestand einer zu demolierenden Philosophiegeschichte, ist immer noch verführerisch – gerade indem sie sich nicht (mehr) zeigt. Sie verbirgt sich hinter Schleiern, geht auf Distanz, ist unerreichbar, weit draußen auf dem Meer, sie verspricht dem ewig suchenden Mann Stille und Glück. Und dann, unerwartet, auch unpassend, in kurzen Momenten, Satzblitzen, zeigt sie sich doch in ihrer ganzen verführerischen und deshalb unverlässlichen Schönheit: „Nietzsche’s writing is an inscription of the truth. And such an inscription … is indeed the feminine ‚operation‘.

[13]
Reden wir also über die Genesung von Friedrich Nietzsche.

[2]
[Zwischenruf aus Nietzsches Buch] »Ja, was zwingt uns überhaupt zur Annahme, dass es einen wesenhaften Gegensatz von ›wahr‹ und ›falsch‹ giebt?«
[Position B]

[6]
Manchmal erhebt er sich noch. Und kommt seinen Bedürfnissen nach. Manchmal meldet ihm sein Leib noch, was zu tun ist.

[6]
Kann er denn noch … spielen? Das ist doch … Vielleicht ist das …

[6]
Es ist nichts. Es sind Regungen … nicht einmal mehr Fantasien

[Position A]

[4]
Mit Taubenfüssen kommt er daher; leise, behutsam, schüchtern; so wie er es sich für ein kraftvolles Denken vorstellt: „Die stillsten Worte sind es, welche den Sturm bringen, Gedanken, die mit Taubenfüssen kommen, lenken die Welt.“

[9]
I have no doubt. Skin. Tactile surface of all writing.

[4]
Eine Sprache wie einen Regenponcho überziehen gegen das Affektgewitter.

[Position C]

[14]
Die Mauer, die als Dichte unermessliche Offenheit ist.

[1]
Müssen wir also werden wie Nietzsche?!

[12]
„Warum ich [Nietzsche] so gute Bücher schreibe“ Eine entscheidende Bedeutung kommt dabei den Orten des Schreibens zu.

[Position B]

[9]
To you sitting next to me on my writing desk being the grandmother of my thoughts.

[2]
Ich denke an Bartleby, den tragischen Held des hoffnungslosen Versuchs, sich dem unkontrollierbaren Ausgang des eigenen Schreibens zu entziehen. Ursprünglich in einem Büro für unzustellbare Briefe beschäftigt, kannte er das Schicksal von Briefen, die es nicht an das ihnen bestimmte Ziel geschafft hatten.

[3]
Wenn andererseits alles Oberfläche ist, ist die Verführung die einzige Möglichkeit.

[Position A]

[9]
So being with Nietzsche – there is no way out.

[10]
Kurt Tucholsky macht mich lachen, wenn er witzelt: „Einige Analphabeten der Nazis, die wohl deshalb unter die Hitlerschen Schriftgelehrten aufgenommen worden sind, weil sie einmal einem politischen Gegner mit dem Telephonbuch auf den Kopf gehauen haben, nehmen Nietzsche heute als den ihren in Anspruch. Wer kann ihn nicht in Anspruch nehmen! Sage mir, was du brauchst, und ich will dir dafür ein Nietzsche-Zitat besorgen.“ Nun, verzeih mir das polemische Zitat

[9]
It is that I hate polemics. That’s not my style of fighting.

[Position C]

[13]
Reden wir also über die Genesung von Friedrich Nietzsche.

[9]
Writing, my friends, is being with.

[4]
Ich kann wirklich sagen, ich mag das Fragmentarische. Ein Schreiben, das sich bruchstückhaft annähert, entfernt, herumtreibt, zirkuliert, sich öffnet. Fragmente sind Ermöglichungsräume, weil sie immer wieder neue Öffnungen und Zwischenräume erzeugen. Und indem sie das tun, sind sie auch gastlich. Sie sind offen für vieles.

[Position A]

[9]
We are chanting, if we cannot touch each other immediately.

[6]
Ich bin das Archiv, Gast. Ich bin das Archiv in einem viel weitreichenderen Sinn, als Sie es jemals werden oder verstehen können.

[1]
Müssen wir also werden wie Nietzsche?!

[Position B]

[1]
Philosophieren von unten heißt, das Philosophieren nicht allein den Köpfen und Stühlen der „Akademia“ zu überlassen sondern es überall dort geschehen und ankommen zu lassen wo es wuchert, notwendig und anstößig wird, ins Leben gerufen wird, wo es Unwucht in die Wucht der Wissenschaftsbetriebe bringt.

[11]
“Er ist »vielleicht nicht ganz so unsinnig wie ein ›dreieckiger Kreis‹, aber erheblich unsinniger als ein ›geflügelter Löwe‹«.”

[9]
Yes, yes, yes … I hear you. And I do not hear you. I am your hearing. Between you and yourself, I ensure the vocal medium.

[Position C]

[1]
Philosophieren von unten gibt dem Begehren zu Denken bedingungslos Raum.

[4]
Die „Zu-Wenig-Theorie“ besagt, dass ein zu geringer Kontakt mit einer Substanz zu mangelnder Anpassung führt, was in Folge bei vermehrten Kontakten wiederum allergische Reaktionen auslösen kann, weil man gewissermaßen auf den betreffenden Stoff nicht ausreichend vorbereitet war. Die „Zu-Viel-Theorie“ besagt, dass ein ursprünglich vermehrter Kontakt mit einer Substanz schließ- lich zu einer Art Übersättigung führt und in Folge schon kleine Mengen jenes Stoffes das Fass zum Überlaufen bringen, also zur allergischen Reaktion führen können.

[2]
Fragen wir nicht nach der wahren Autorität eines Textes, und begnügen wir uns nicht damit, jetzt Nietzsche zu zitieren

[Position B]

[14]
Aus Verstand und Gefühl besteht das, was fortan in den Theatern stattfindet.

[4]
Auf jeden Fall spielt das Immunsystem eine nicht zu vernachlässigende Rolle, das ist bei sämtlichen Allergie-Theorien unumstritten. Es reagiert über. Führt sich also quasi ganz unnötigerweise völlig übertrieben auf.

[1]
Wie – also einen, der sich dreht und dreht – sogar in sich – lesen?! Wie sprechen, wie antworten, wie denken, widersprechen, wie hören und wie fortfahren – an, mit und zu Nietzsche? Wie … einem begegnen, der sich dreht und dreht. Wie könnte dieses Ringelspiel enden?! Wenn es denn endet …

[Position C]

[9]
So being with Nietzsche – there is no way out.

[3]
Die Männer spekulieren („if style were man [...], then writing would be woman“),

[2]
Fragen wir nicht nach der wahren Autorität eines Textes, und begnügen wir uns nicht damit, jetzt Nietzsche zu zitieren
[Position B]

[1]
solange müsse die Transformation dauern, bis man wirklich sagen könne: ich bin Nietzsche.
Müssen wir also werden wie Nietzsche?!

[9]
Writing, my friends, is being with.

[14]
Mit Nietzsche lässt sich darüber nachdenken, was ein Publikum ist.

[Position A]

[11]
“Es ist möglich, 1) die vorhandene Welt auf punktuelle Raumatomistik zurückzuführen, 2) diese wieder auf Zeitatomistik zurückzuführen 3) die Zeitatomistik fällt endlich zusammen mit einer Empfindungslehre.”

[4]
Achtung, diese Philosophie wird sich in 10 Sekunden selbst zerstören!

[3]
Die Männer projizieren („[...] dort bei den Frauen wohne sein besseres Selbst: an diesen stillen Plätzen werde [...] das Leben selber zum Traume über das Leben.“

[Position B]

[10]
Ich vergesse nicht, dass Auschwitz für Dich nicht mehr ist als ein polnisches Städtchen an der Soła, und Antisemitismus Dir nicht das gleiche bedeutet wie für mich.

[2]
Es sind Fragen nach der Verantwortung im Verstehen von aufgeschriebenem Denken, die gestellt werden müssen; Fragen an das Verstehen-Wollen und den Moment, in dem die Schrift aufhört, sich zu bewegen.

[9]
Writing, my friends, is being with.

[Position C]

[11]
If philosophy, science and the arts had to be separated once and for all, could there even be something like a philosophy of physics? Is any attempt to surpass the boundaries between philosophy and physics limited to the twilight, and is your work readable and only readable during this hour when you mistrust
your friend

[13]
Es ist aber ein Verschließen der Augen, eine Hingabe an die Krankheit auf Zeit.

[11]
“wir müssen Physiker sein, um, in jenem Sinne, Schöpfer sein zu können, – während bisher alle Werthschätzungen und Ideale auf Unkenntniss der Physik oder im Widerspruch mit ihr aufgebaut waren. Und darum: Hoch die Physik! Und höher noch das, was uns zu ihr zwingt, – unsre Redlichkeit!”

[Position B]

[11]
Friedrich, now tell me, how do you take atomism?

[10]
Drum schreib’s mir selbst, Friedrich, sag’s mir nur frei heraus: Wie hast du’s mit den Jüd_innen? Ich erzähle Dir dafür von Auschwitz. Bis dann sei wohl! Dein David

[13]
Machen Sie mir und machen Sie vor allem sich selbst nichts vor. Aber wir verlieren das Ganze aus den Augen.

[Position A]

[2]
Wir kennen es von Nietzsche: „Das Eine bin ich, das Andre sind meine Schriften.“ Das schreibende Ich von der Schrift losgelöst, verabschiedet sich der Schriftsteller sowohl von dem Anspruch als auch dem Glauben, Kontrolle über das Geschriebene zu haben. Löst er sich damit auch von der Verantwortung für Wirkungen und Nebenwirkungen dieser Schriften, von ihrem zukünftigen Eigenleben, jenseits des Autors? Immerhin sind es meine Schriften um die es geht, also seine Schriften, signiert mit seinem Namen: Friedrich Nietzsche.

[9]
And yes, if you want, again, I will sign this writing with “my” name. Which is mine and it is not.

[2]
»Sobald ein Text einen Autor zugewiesen bekommt, wird er eingedämmt, mit einer endgültigen Bedeutung versehen, wird die Schrift angehalten.«

[Position C]

[9]
“How should I love you if to speak to you were possible.”

[13]
Während die Reisenden auf irgend Etwas in ihnen vertrauen, das für sie die Stunden abzählt, sie aufweckt aus dem erholsamen Schlaf, so vermeinen wir Philosoph_innen zu wissen, dass uns der entscheidende Augenblick wach finden wird.

[14]
Teilnehmen an Kunst, Publikum-Sein kommt mir heute sehr fragwürdig vor.

[Position A]

[9]
Writing, my friends, is being with.

[12]
Vielmehr besinnt sich der Text seiner Anfänge, um sich von diesen abzulösen.

[6]
Pusselchen hat er mich genannt. Und er hat mich behütet. Für mich gesorgt. Ich habe immer aufgeblickt zu diesem Berg, zu diesem Geist, der einen so langen Schatten geworfen hat. Doch auch ich habe Sorge getragen. Ich habe alles Lästige, alles Banale getragen, von ihm abgehalten, habe …

[Position B]

[13]
Aus diesem Grund ist Friedrich Nietzsche dankbar für seine Krankheit, und gleichzeitig trunken vom Unerwartetsten: der Genesung.

[3]
dass die männliche Wissenschaft nicht die einzig mögliche ist

[6]
Ich beginne, mit den Augen meines Bruders zu sehen … im übertragenen Sinn … Sie wissen ja um sein Augenleiden … mit seinen Ohren zu hören und mit seinem, ja … womit nur? zu empfinden … zu fühlen … zu urteilen …

[Position C]

[13]
Aber lassen wir Herrn Nietzsche: was geht es uns an, dass Herr Nietzsche wieder gesund wurde?

[2]
Die ewige Wiederkehr nicht eines abgeschlossenen Textes, sondern sein ewiges Werden, sein endloses Verstanden- und Nicht-Verstanden-Werden, darin liegt die Kraft einer Schrift, die nicht angehalten wird.

[10]
Doch lauf auch ich Gefahr, selbst Unrecht Dir zu tun und Dich, nach rückwärts blickend, herauszulösen aus Deinem Geist und Deiner Zeit, als der Tod noch kein Meister aus Deutschland war.

[Position B]

[13]
Aus diesem Grund ist Friedrich Nietzsche dankbar für seine Krankheit, und gleichzeitig trunken vom Unerwartetsten: der Genesung.

[12]
Nietzsches Schreiben versteht sich hier als ein „Finden“, als Effekt der spezifischen, dynamischen Kräfteverhältnisse der Orte. Die Schrift verdankt sich einer Gabe, wird zur Gabe

[14]
Der Blick fokussiert, der Chor stimuliert.

[Position A]

[1]
Philosophiert von unten, gründet Bewegungen, werdet Welt … turn IT on!

[9]
I give you what is about to give itself to you.

[6]
Seine Abscheu vor dem Sozialismus stand der Abscheu vor der Gesinnung Ihres Gatten um nichts nach.

[Position C]

[13]
Philosophie also und Gesundheit, Philosoph_innen und die Krankheit.

[12]
Die Verortung der Schrift kann sich ihrer Orte also niemals restlos sicher sein, sich ihrer nicht endgültig vergewissern.

[2]
Wann beginnen wir also zu schreiben und wo fängt die Schrift an, Schrift zu werden?

[Position A]

[12]
Wie schreibt Nietzsche?

[9]
The object of writing is a true open nutshell. With it’s tight surface. With it’s folding. Yes, indeed, it lies open.

[13]
wir machen gleichsam vor uns die Augen zu

[Position B]

[3]
Wenn die Wahrheit nur mehr in Verführung besteht, dann werden die Verführerinnen zu den eigentlichen Wahr-Sagerinnen. Aber es geht ihnen wie allen Wahr-Sagerinnen vor ihnen, niemand schenkt ihnen Glauben …

[14]
Das Ende der Tragödie kommt weder von außen, noch ist es ein natürliches Altern und Sterben, begleitet von Nachwuchs, sondern die Tragödie ist einsam und begeht Selbstmord.

[12]
Die Schrift gibt die Inschrift der erfundenen Orte

[Position C]

[2]
Von links nach rechts, von rechts nach links, Zeile für Zeile zur nächsten Seite, Tasten drückend, Flächen berührend, mit Fingern auf Bildschirmen Buchstaben verbindend, stehen selbst die Augen nicht still, wenn sie dem Schreibfluss folgen, der sich bewegen muss, um zu werden, was er ist. Schreiben erfordert Bewegung, das weiß selbst die Sprache, die auf- und niederschreibt.

[9]
“How should I love you if to speak to you were possible.”

[13]
Reisende können sich vornehmen, zu einer ganz bestimmten Stunde aufzuwachen, um sodann beruhigt zu schlafen.



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IMPRESSUM

Led by Arno Böhler, the PEEK-Projekt „Artist Philosophers. Philosophy AS Arts-Based-Research“ [AR275-G21] is funded by the Austrian Science Fund (FWF) as part of the programme for artistic development and investigation (PEEK). Research location: University of Applied Arts Vienna. Brought about in national and international cooperation with: Jens Badura (HdK Zürich), Laura Cull (University of Surrey), Susanne Valerie Granzer (Universität für Musik und darstellende Kunst Wien/Max Reinhardt Seminar), Walter Heun (Tanzquartier Wien), Alice Lagaay (Zeppelin Universität Friedrichshafen). Postdoc: Elisabeth Schäfer (University of Applied Arts Vienna). The lecture series was produced in collaboration with: Institut für Philosophie Universität Wien, University of Applied Arts Vienna [Arno Böhler] and Institut für Theater- Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien [Krassimira Kruschkova].

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