Documentation Philosophy On Stage #4

Sublin/mes. Philosophieren von unten // Nietzsche –, wie? // Einleitung

Early Readings by Sublin/mes. Philosophieren von unten [CV]
Esther Hutfless
[27. November 2015 – Philosophy On Stage #4 – Tanzquartier Wien HALLE G]

Bevor wir Sie einladen mitzudiskutieren und Fragen zu stellen, möchten wir gerne uns und unser Projekt vorstellen.
Die Textbeiträge, die Sie eben gehört haben, stellen eine Collage aus der aktuellen Nummer unserer Zeitschrift „Sublin/mes. Philosophieren von unten. A queer reviewed Journal“ zum Thema „Nietzsche, wie?“ dar. Unsere Lesung wurde ein und ausgeleitet mit einem Musikstück das Friedrich Nietzsche im Jahr 1862 komponiert mit Titel „Zigeunertanz“ komponiert hat.
Nietzsche hat die engen Grenzen wissenschaftlicher Gepflogenheiten permanent überschritten und so die Frage des „wie?“ auch immer wieder zu einer philosophischen Frage gemacht. Mit der Frage des „wie?“ beschäftigen wir uns auch in unserem Zeitschriftenprojekt und zwar nicht nur in Zusammenhang mit Nietzsche. Wir haben Sublin/mes vor dem Hintergrund einer immer rigider und normierender werdenden akademischen Publikationspraxis gegründet, die viele Formen des Philosophierens ausschließt, und zwar jene die sich explizit mit der Frage des „wie?“ beschäftigen. Der Untertitel unserer Zeitschrift „a queer reviewed“ Journal adressiert die heute gängige Praxis des peer-review-Verfahrens kritisch, das wissenschaftliche aber auch philosophische Artikel, so scheint es, weniger nach dem Inhalt oder der innovativen und kreativen Kraft beurteilt, sondern gemäß der Anwendung formaler Strukturen: Texte müssen einen bestimmen formalen Aufbau haben, die Argumentation muss bestimmten Regeln folgen, es muss genau bedacht werden, wen man wie zitiert etc. … Davon wie gut man diese Praxis beherrscht hängt heute auch ab, wie erfolgreich man etwa Drittmittel einwerben kann. Was durch die Unterwerfung unter diese normierenden Strukturen in der Philosophie verloren geht das Kritische, Kreative, Wilde, Anstößige, …
Philosophische Texte haben den engen Rahmen akademischen Schreibens immer schon gesprengt: Denken wir an die Platonischen Dialoge, an die Schriften Nietzsches, Heideggers, Derridas, an die Arbeiten Sartes und Camus (das Dramaturgische und das Prosaische), an die vielfältigen Ansätze innerhalb der feministischen Philosophie, etwa die Schriften Cixous, Irigarays, Min Ha’s, die das Ausgeschlossene, das Unbewusste über die Praxis des Schreibens ins Symbolische bringen möchte. Die Philosophie hat immer schon Brücken geschlagen zu verschiedenen Formen künstlerischer Praxis: der Poesie, der Musik, der Dramaturgie, der Performance, ohne sich ihrer bloß als Werkzeug zu bedienen, sondern eher in einer ineinandergreifenden Praxis.
In unserer Zeitschrift versuchen wir an eben dieser Praxis weiter zu arbeiten. Wir versuchen das philosophische Schreiben immer wieder zu befreien, uns mit Inhalt und Form auseinanderzusetzen, es kommt immer wieder zu Kooperationen mit Künstler_innen: Musiker_innen, bildenden Künstler_innen, Performer_innen, … Im aktuellen Heft finden sich Arbeiten von Manora Auersperg und Bernadette Anzengruber, die beide ebenso hier am Festival vertreten sind. Hier bei der Lesung hat uns der Komponist und Musiker Martin Schlögel unterstützt, der sich aus musikalischer Perspektive Nietzsche angenähert hat.
„Nietzsche, wie?“ hat auch mit der Frage der Annäherung an Nietzsche aus heutiger Perspektive zu tun. Vielleicht geht es Ihnen ähnlich wie mir, wenn sie Nietzsche lesen; Einerseits gibt es bei Nietzsche ganz erstaunlich wunderbare Stellen, z.B. jene in den Nachgelassenen Fragmenten in denen Nietzsche schreibt „In jenem berühmten cogito steckt 1) es denkt 2) und ich glaube, daß ich es bin, der da denkt“ (NF-1885,40[23]). Nietzsche schlägt hier eine radikale Dekonstruktion des Cogitos vor, eine die später Freuds Begriff des „Es“, des Unbewussten zentral prägen wird. Freud selbst erwähnt einmal, dass er den Begriff des „Es“ bei Nietzsche gefunden habe.
Andererseits gibt es im Werk Nietzsches viele verstörende Passagen: etwa über die Demokratie, über die Frauen, die Juden und Jüdinnen, … Zugleich gibt es viel Widersprüchliches im Werk Nietzsches, das jedoch nicht den Charakter einer dekonstruktiven Herangehensweise annimmt.
Die vorliegende Ausgabe „Nietzsche, wie?“ ist also ein Versuch der Annäherung und Auseinandersetzung mit Nietzsche in all seiner Ambivalenz.



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IMPRESSUM

Led by Arno Böhler, the PEEK-Projekt „Artist Philosophers. Philosophy AS Arts-Based-Research“ [AR275-G21] is funded by the Austrian Science Fund (FWF) as part of the programme for artistic development and investigation (PEEK). Research location: University of Applied Arts Vienna. Brought about in national and international cooperation with: Jens Badura (HdK Zürich), Laura Cull (University of Surrey), Susanne Valerie Granzer (Universität für Musik und darstellende Kunst Wien/Max Reinhardt Seminar), Walter Heun (Tanzquartier Wien), Alice Lagaay (Zeppelin Universität Friedrichshafen). Postdoc: Elisabeth Schäfer (University of Applied Arts Vienna). The lecture series was produced in collaboration with: Institut für Philosophie Universität Wien, University of Applied Arts Vienna [Arno Böhler] and Institut für Theater- Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien [Krassimira Kruschkova].

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