Documentation Philosophy On Stage #4

Sublin/mes. Philosophieren von unten // Nietzsche –, wie? // Text-Collage 1

Early Readings by Sublin/mes. Philosophieren von unten [CV]

SUBLIN/MES: READING PERFORMANCE 1
[Friday 27.11. 11:30-13:30; Studio 2 TQW]

Textcollage zusammengestellt von Elisabeth Schäfer aus den Textbeiträgen von „Nietzsche, wie?“, Sublin/mes #5, Wien, 2015. Online unter: https://sublinesblog.wordpress.com/category/ausgaben/

POSITION A
[13]
Wie Nietzsche?
So nicht, so Nietzsche.

[14]
Teilnehmen an Kunst, Publikum-Sein kommt mir heute sehr fragwürdig vor.

(Pause: Soundintervention)

[6]
War das ein Zucken?

POSITION B

[3]
Männer, Philosophen unterhalten sich also über Frauen … Soweit nichts Neues.

[13]
Flattersatz

[4]
Fragmente sind Ermöglichungsräume, weil sie immer wieder neue Öffnungen und Zwischenräume erzeugen. Und indem sie das tun, sind sie auch gastlich. Sie sind offen für vieles.

POSITION C

[9]
I give you what is about to give itself to you. The object is subject to interpretation. The object of writing is a true open nutshell. With it’s tight surface. With it’s folding. Yes, in¬deed, it lies open.

[2]
Von links nach rechts, von rechts nach links, Zeile für Zeile zur nächsten Seite, Tasten drückend, Flächen berührend, mit Fin¬gern auf Bildschirmen Buchstaben verbindend, stehen selbst die Augen nicht still, wenn sie dem Schreibfluss folgen, der sich be¬wegen muss, um zu werden, was er ist. Schreiben erfordert Bewe¬gung, das weiß selbst die Sprache, die auf- und niederschreibt. Nur sind Schreiben und Schrift eben nicht dasselbe – und wenn¬gleich es die Schriftstellerin ist, die sich schreibend bewegt, ist die Bewegung der Schrift nicht die ihre. Die Schrift anhal¬ten heißt, sie an die Schriftstellerin zu binden, anstatt sie in jenes Eigenleben zu entlassen, in dem eine solche nicht mehr gegenwärtig ist. Wir kennen es von Nietzsche: „Das Eine bin ich, das Andre sind meine Schriften.“
[12]
„Hat man mich verstanden?“

POSITION B

[3]
… was der Mann Nietzsche schon vor langer Zeit erkannt hat, dass die Frau nämlich eine einzige Verführung ist.

[4]
Es gibt so viele weibliche Figuren in den Werken und Briefen Nietzsches: Ariadne, Demeter, Persephone, Baubo, Lou, die Moiren, die Erinnyen, Elisabeth, George Sand, die Großmütter, Mütter, Fräuleins und „Weiber“ – Aber welche Stimme haben sie?

[5]
YOU CAN’T SWEAT ME OUT

POSITION A

[1]
„For round and round, you keep on turning [...]“

[4]
Sie nomadisieren in den Schriften Nietzsches umher, wie die Wahrheit. Vielleicht liegt darin ihre Kraft?

[1]
Mit-Drehen … Mit-Wenden … Mit-Tanzen … Wie, wie? WIE?
Nietzsche kannte viele Ws. Die Wahr¬heit, das Weib, das Weh und das Wie. Und alle hängen irgend-wie zusammen.

POSITION C

[1]
„For round and round, you keep on turning. Within yourself.“

[6]
Und eben darum weiß ich, dass es nicht möglich ist. Sie können nicht die Gedanken … sie können nicht die letzte Absicht erkennen, den Ausblick. Ihr Bruder selbst wusste nicht, wohin er es im Endeffekt leiten sollte, es ist viel zu … verstehen sie … es sind doch bloß Frag¬mente.

[3]
Die Wahrheit, die eigentlich keine sein kann und nie eine war, dieser Restbestand einer zu demolierenden Philosophiegeschichte, ist immer noch verführerisch – gerade indem sie sich nicht (mehr) zeigt.

POSITION A

[1]
„Mut will lachen“

[7]
Nietzsche is nei¬ther Zarathustra nor the overman. He is the opening that names their possibility.

[4]
Das Aphoristische wiederum ist mir zu viel. Es läuft auf eine Speerspitze hinaus, nämlich eine, die unbedingt treffen will …

POSITION C

[10]
… und längst schon ringe ich mit mir, Dir zu schreiben oder nicht.

[2]
Die ewige Wiederkehr nicht eines abge¬schlossenen Textes, sondern sein ewiges Werden, sein endloses Verstanden- und Nicht-Verstanden-Werden, darin liegt die Kraft einer Schrift, die nicht angehalten wird.

[9]
It is distance, it is difference, which enable us to speak and chant, write and dedicate our songs and words, which mobilize our desire to become expressive and to hand over our selves to the sway of transformation.

POSITION B

[3]
Wahrheit und Frau, Frau und Wahrheit – beide angeblich schon immer aneinander gebunden. Der Übercoup: Die philosophische Männerwelt kann sich nun guten Gewissens von beiden verabschieden.

[11]
What would you propose as the nonscience which science needs? What would Zarathustra say and would it be related to the arts, to philosophy and maybe even to your philosophy and art and your¬self as an artist-philosopher?
I hope we get the chance to chat about that soon.

[12]
Für ein Schreiben, das sich einem bestimmten Ideal von Objektivität verpflichtet (für ein Schreiben also, das einen „neutralen Standpunkt“, eine „Perspektive von nirgendwo“, ohne Ort, einnehmen will), werden die Orte des Schreibens zu einer Gefahr – und somit notwendi¬gerweise zum Objekt einer Verdrängung. Die Orte des Schreibens, das sind die stillgelegten „Souterrains“, „the subterranean region in which the system constitutes itself by repressing what makes it possible, which is not systematic.“6 Das philoso¬phische System verdrängt die Orte, an denen es sich konstitu-iert – d. h. jene Orte, an denen sich der Kreisgang seiner Ar-gumentation nicht schließen lässt und in einen Abgrund (abyss) zu stürzen droht (worin allerdings gerade die Herausforderung, die Verführung zu einer ständigen Neu-Konstituierung des Sys¬tems besteht). Die Einschreibung der Orte, (die Datierung der Schrift) markiert den Ort der einsetzenden Dekonstruktion des Textes, insofern hier etwas sichtbar wird, was sich vielleicht als eine materielle Schwere, eine Materialität der Schrift ver¬stehen lässt.

POSITION A

[12]
Die Orte geben die Schrift:

[3]
Die Verführerinnen haben sich damit arrangiert, nicht gehört zu werden. Denn obwohl sie ihre Kunst zur Perfektion beherrschen, sind sie immer auch anderswo – weit draußen auf dem Meer, hinter Schleiern, dort, wo sie auch einen Körper haben.

[12]
Die Schrift gibt die Orte:

POSITION B

[3]
Und dann ist es tatsächlich geschehen um die Wahrheit – aber nicht um die Sprache und auch nicht um die Schrift. „Es ist Zeit, daß die Frau ihre Coups landet, in der geschriebenen und in der gesprochenen Sprache.“

[3]
Aber den Expertinnen für Oberfläche, Schein und Dekor kann all das nichts anhaben – diese lachend-singenden Körperwesen sind immer schon woanders.

[12]
Wie vollzieht sich dieses Antworten auf die Orte, die Verortun¬gen der Schrift?

POSITION C

[13]
Über die Philosophie den Tauwind ziehen lassen
– auch hier und heute:
ebenfalls eine Nähe zum Winter,
der kurz vorm Kommen ist, vielleicht schon da ist
– jetzt Ende November –
trotzdem Zeit zu tauen.

[5]
I will be with you

[6]
Er wollte verstanden werden.

POSITION B

[7]
In an application that Nietzsche himself would not have anticipated or con¬doned, we might state as a cor¬ollary: There is no gender iden-tity behind the expressions of gender; that identity is perfor-matively constituted by the very “expressions” that are said to be its results. Judith But¬ler: Gender Trouble.

[8] „… Wesen schaffen …“

[7]
For many of the con¬cepts that Nietzsche develops are ones that would traditionally be associated with a notion of the “femi¬nine” (though Nietzsche himself would hardly have used this term). Nietzsche’s critique of objectivity and reason, his emphasis on the Dio¬nysian, his interest in metaphor and language, his consideration of questions of style, and his attention to the body seem more compatible with a “feminine” than a “masculine” phi¬losophy. Lorraine Markotic: Nietzsche, the Gift, and the Taken for Grant¬ed.

POSITION C

[7]
You fold the mem¬brane between us in your own way. [...] The membrane was not yours to have. We formed it together. And if you want it for yourself, you make a hole in it just because I lack any part. And don’t you make God out of that absence? Luce Irigaray: Marine Lover of Friedrich Nietzsche.

[10]
Deine Überlegungen zu und Bemerkungen über Juden und Jüdinnen aus Deinem eigenen Umfeld, über die Juden als Volk, als kul¬turelle und religiöse Gruppe in der europäischen Gesellschaft, über die jüdischen Begründer_innen einer religiösen Tradition und über den politischen Antisemitismus sind solch verschiedener Natur, dass sie zunächst vor Widerspruch zu ächzen scheinen. So laut und deutlich Du den Antisemitismus auch schmähst und von 46
Dir weist, Dich gar einen „unverbesserlichen Europäer und Anti-Antisemiten“3 nennst, so gern umarmst Du selbst das antijüdische Klischee und gibst dich hin dem unverbesserlichen Ressentiment. Ob negativ,4 ob positiv5 konnotiert, der Stereotype mangeln Deine Hinterlassenschaften nicht.
Ich erkenne wohl die Wandlungen, die Du durchliefst: …

[11]
It is a bundle of questions on science, the arts and your phi¬losophy that is feeding into this desire. And the reason for my writing is maybe the most common reason for any writing: I have a problem.

POSITION A

[13]
Eine Philosophie des Experiments,
ein ständiger Selbst-Versuch, eine Selbst-Versuchung, eine Selbst-Befragung,
auch eine ständige Selbst-Überwindung,
aber ohne konstantes Selbst, ohne ursprüngliches Ich, ohne Standortneutralität –
keine denkenden Frösche, keine Objektivir- und Registrir-Apparate mit kalt gestellten Einge¬weiden.

[6]
»… die unausrechenbare Gemeinheit der Instinkte, …«

[14]
Die Frage nach dem Maß entscheidet sich deswegen im Zuschauen,
Es ist dabei vollkommen unerheblich, aus wie vielen ein solcher Chor besteht, dieser Chor kennt keine Anzahl.

POSITION B

[14]
Eine aus dem Chor heraus verstandene künstlerische Arbeit hat keine Zuschauer_innen, die man kalkulieren und einschätzen müsste, keine Botschaft, die man verstehen und kein Gefühl, das man mit- oder nachempfinden könnte.

[4]
Auf jeden Fall spielt das Immunsystem eine nicht zu vernachlässigende Rolle …

[14]
Alle und Keiner als Chor, der das Außen im Innen öffnet.

POSITION C

[4]
Das hat auch mit Übertragung zu tun. Ich schwanke … [...] Was ist Nietzsches Schreiben? Aphoristisch oder doch mehr?

[14]
Kein Gegensatz von Publikum und Chor, Aufgehen der ZuschauerInnen im Chor, einem Chor von Verwandelten – nicht Bestimmte, nicht Einzelne, nicht Individuen –, in der Einheit als Schauer. Schauer, weder persönlich noch unpersönlich, ebensowenig aus Schauspiel und Leidenschaft heraus gedacht, wie aus Philosophie und Verstand, weder theatral noch theoretisch, sondern ein anderes, sehr viel weiteres und zugleich dichteres Schauen, das woanders ist als jenes, das Schauspieler und Zuschauer miteinander verbindet.

[6]
War das ein Blinzeln?



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IMPRESSUM

Led by Arno Böhler, the PEEK-Projekt „Artist Philosophers. Philosophy AS Arts-Based-Research“ [AR275-G21] is funded by the Austrian Science Fund (FWF) as part of the programme for artistic development and investigation (PEEK). Research location: University of Applied Arts Vienna. Brought about in national and international cooperation with: Jens Badura (HdK Zürich), Laura Cull (University of Surrey), Susanne Valerie Granzer (Universität für Musik und darstellende Kunst Wien/Max Reinhardt Seminar), Walter Heun (Tanzquartier Wien), Alice Lagaay (Zeppelin Universität Friedrichshafen). Postdoc: Elisabeth Schäfer (University of Applied Arts Vienna). The lecture series was produced in collaboration with: Institut für Philosophie Universität Wien, University of Applied Arts Vienna [Arno Böhler] and Institut für Theater- Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien [Krassimira Kruschkova].

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