mediathek philosophy on stage #3

Corpus delicti. Denken, ein Ort des Verbrechens // Performance-Text

Susanne Valerie Granzer (CV) / Arno Böhler (CV) / Hans Hoffer / Wolfgang Mitterer / Chor MRS Hubertus Petroll

Corpus delicti. Denken, ein Ort des Verbrechens. // Philosophy On Stage #3

Musik: Wolfgang Mitterer

Akteure: Arno Böhler, Susanne Valerie Granzer, Chor des Max Reinhardt Seminars

VORSPIEL

Musikpart 1: Wolfgang

Lecture Text 9: Chor (Einspielung)

AKT 1

Lecture Texte 1, 3: Arno

Lecture Texte 2, 4: Chor plus Susanne (teils solo)

AKT 2

Musikpart 2: Wolfgang

Lecture Texte 5, 7: Arno

Lecture Texte 8: 2x Susanne (solo), 1x Chor (Einspielung)

AKT 3

Musikpart 3: Wolfgang

Lecture Text 9: Chor

Musikpart 4: Wolfgang

Lecture Text 10: Susanne

FINALE

Musikpart 5: Wolfgang

(ca. 60 min.)

Corpus delicti.

Denken, ein Ort des Verbrechens.

Auf der Bühne steht ein schwarzer Konzertflügel, hinter dem WOLFGANG bereits zu sehen ist. Sie ist vom Zuschauerraum durch eine Gazewand „getrennt“. In ihrer Mitte eine Türe (ebenfalls aus Gaze). Von hier aus stößt ein Steg wie eine Zunge oder ein Phallus schräg in die Leere des Zuschauerraums bis über seine Mitte hinaus. Auf dem Steg eine Badewanne. Eine Finger-Kamera und ein (altes großes?) Mikro hängen über der Wanne, die mit Wasser gefüllt ist. Ein einfacher Holzstuhl. Über dem Stuhl eine russische Glühbirne von der Decke. An einer Wäscheleine sind Textseiten an Kluppen befestigt. Zusätzlich eventuell ein Computer am Boden und ein Metronom.

ARNO, – die Stimme der Philosophie als Form eines Begehrens sitzt seit dem Beginn der Performance auf dem Stuhl. Er hat nur eine Art Badetuch um die Hüften geschlungen und hält eine Postkarte in der Hand.

Die ZUSCHAUERdie Sympathisanten oder die Mitläufer – sitzen links und rechts auf der Bestuhlung des Theatersaals. Der Platz vor der Eingangstüre zum Theaterraum – quasi in der Verlängerung des Stegs – ist frei und wird vom Chor bespielt werden. Es stehen dort leere Notenständer wie in einem Orchestergraben.

Der CHOR, – die Stimme der Macht – besteht aus 6 oder 8 Chormitgliedern des Max Reinhardt Seminars und Susanne. SUSANNE ist eine extra Stimme im Chor und sie wird sich im Akt 3 zur –  femininen Stimme der Affirmation – verwandeln. Zur Stimme der Freundschaft und Liebe, die sich mit der Philosophie paart.

Die Lecture_Performance beginnt in der Dunkelheit mit Musik (Stichwort: bedrohlich, unheimlich).  WOLFGANG, die Stimme der Gestimmtheit – ist hinter dem Konzertflügel durch die Gaze schemenhaft beleuchtet. (Der Gesetzgeber? Der Richter? Der Henker? Der Helfer? Der Freund?) Wenn seine Musik bis auf einzelne Töne ausfadet, hört man aus dem Off die Anfangspassage aus Christoph Ransmayrs Stück: „Odysseus. Verbrecher “, die der Chor spricht (Ton-Einspielung).

Anmerkung:

Die Texte von Foucault, Platon und Kafka sind bearbeitet und Textmontagen. Das Gedicht von Catull ist in seiner Adressierung auf einen Mann verschoben.


Vorspiel

Musikpart 1: Wolfgang

(ca. 03:00 min.)

CHOR aus dem Off:

Ton-Einspielung

(ca. 02:00 min.)

„Was haben wir Menschenseelen in irgendeinem schwarzen Abgrund dieses schwarzen Himmels bloß verbrochen, dass wir mit dem Leben bestraft werden?

Wie zur Vergeltung einer ungeklärten Schandtat reißt man uns aus einem gestaltlosen, schmerzlosen, namenlosen Frieden und pfercht uns in strampelnde, fressende Körper, die von ihrem Hunger und Durst, ihrem Hass, ihrer Angst oder der nackten Blödheit getrieben, am Ende doch auf irgendeinem Schlachtfeld des Lebens verstümmelt werden.

Und selbst wenn es uns gelingt, alt und gebrechlich zu werden, [...] gehen wir nach dem Ratschluss irgendeines gnadenlosen Schöpfers schließlich doch zugrunde – an unserer Lebensgier, an unserem Zerstörungswillen oder zugrunde am bloßen Lauf der Zeit. Und unsere Reste, faulend oder zu grober Asche verbrannt, fallen zurück in die Gestaltlosigkeit, in die Ursuppe irgendeiner nebelhaften Erbschuld, aus der sich dann das sogenannte Dasein [...] noch einmal und immer wieder erheben darf, um auf die immergleiche Art zu enden.“


AKT 1.

Lecture Text 1 (AKT 1): ARNO

(ca. 04.15 min.)

Arno alias Franz O. (Franz Overbeck, Intimfreund Friedrich Nietzsches) mit der Postkarte in der Hand, die ihm von Nietzsche geschickt wurde. Es sitzt auf dem einfachen hölzernen Stuhl unter einer hängenden russischen Glühbirne, die er ab und zu in eine Pendelbewegung versetzt. Oder stattdessen ein Metronom.

Zuerst hört man aus dem Off den Text der Postkarte (Stimme Arno), der simultan mit einer Schreibmaschine (Filmeffekt) auf die Gazewand oder auf die beiden Seitenwände getippt wird. Nach einiger Zeit übernimmt Arno (alias Franz O.) den aus dem Off gesprochenen Text live:

[POSTKARTE: NIETZSCHE // OVERBECK]

Text der Postkarte, der aus dem Off gehört und auf der Gazewand visuell sichtbar eingespielt wird:

„Ich bin ganz erstaunt, ganz entzückt! Ich habe einen Vorgänger und was für einen! Ich kannte Spinoza fast nicht: dass mich jetzt nach ihm verlangte, war eine ‚Instinkthandlung.’ Nicht nur, dass seine Gesamttendenz gleich der meinen ist – die Erkenntnis zum mächtigsten Affekt zu machen – in fünf Hauptpunkten seiner Lehre finde ich mich wieder […]: er leugnet die Willensfreiheit –; die Zwecke –; die sittliche Weltordnung –; das Unegoistische –; das Böse –; […] meine Einsamkeit […], die mir oft, oft Athemnoth machte, […] ist wenigstens jetzt eine Zweisamkeit. – Wunderlich!

Übrigens ist mein Befinden gar nicht meinen Hoffnungen entsprechend. […] Schon 6 schwere, zwei- bis dreitägige Anfälle!! […] Die Intensität meines Gefühls machen mich schaudern und lachen – schon ein Paarmal konnte ich das Zimmer nicht verlassen, aus dem lächerlichen Grund, dass meine Augen entzündet waren – wodurch? Ich hatte jedes Mal den Tag vorher auf meinen Wanderungen zuviel geweint, und zwar nicht sentimentale Thränen, sondern Thränen des Jauchzens; […]

– Ach, Freund, mitunter läuft mir die Ahnung durch den Kopf, dass ich eigentlich ein höchst gefährliches Leben lebe, denn ich gehöre zu den Maschinen, welche zerspringen können!

In herzlicher Liebe [F. N.]“[1]

Jetzt live gesprochen von Franz O. (alias Arno):

(Arno sitzt mit der Postkarte auf dem Stuhl, über die Rücklehne gebeugt, lesend)

Lieber Rätselfreund!

Schon 6 schwere Migräneanfälle. – Meine Sorge um Dich ist groß. Aber auch mein Erstaunen darüber, dass Du inmitten solcher leiblicher Torturen Tränenströme vergießt: Nicht des Schmerzes, wie Du mir schreibst, sondern Freudentränen.

Teurer Freund! Du schreibst mir, es wäre eine „Instinkthandlung“ gewesen, die Dich gerade jetzt, inmitten deiner in alle Himmelsrichtungen auseinander berstenden Leiblichkeit, nach ihm verlangt hatte – nach Spinoza.

Jetzt live gesprochen von Franz O. (alias Arno):

Arno sitzt mit der Postkarte auf dem Stuhl, über die Rückenlehne gebeugt, lesend

Lieber Rätselfreund!

Schon 6 schwere Migräneanfälle. – Meine Sorge um Dich ist groß. Aber auch mein Erstaunen darüber, dass Du inmitten solcher leiblicher Torturen Tränenströme vergießt: Nicht des Schmerzes, wie Du mir schreibst, sondern Freudentränen.

Teurer Freund! Du schreibst mir, es wäre eine „Instinkthandlung“ gewesen, die Dich gerade jetzt, inmitten deiner in alle Himmelsrichtungen auseinander berstenden Leiblichkeit, nach ihm verlangt hatte – nach Spinoza.

Arno dreht den Stuhl um, legt die Postkarte nieder, nimmt die Blätter auf

Spinoza und Du.

Was für ein denkwürdiges Band kündigt sich hier an?

Das Denken zum mächtigsten Affekt machen!

Die Erkenntnis zum mächtigsten Affekt machen!

Die Philosophie zum mächtigsten Affekt machen!

SIE, die Philosophie, ALS Form eines Begehrens lesen lernen –

als Prozess eines Geschehens denken lernen,

in dem das Begehren beginnt auf sich selbst aufmerksam zu werden –

selbstreflexiv zu werden.

Ich mir.

Du dir.

Wir uns.

Ihr Euch.

Lieber Freund.

Ach! – Was die Menschen alles Liebe nennen?

Wer kennt ihn noch, diesen Schauder des Denkens, von dem Du sprichst. Diesen Rausch der Erkenntnis, den die Griechen nicht umsonst Philo-Sophia nannten: Liebe zur Weisheit, Leidenschaft des Denkens. Erkennen, als eine Form von Liebe, als Pathos des Denkens, als Modus des Affizierens und Affiziertwerdens von der Welt!

Zur-Welt-sein, schreibt unser Freund Merleau-Ponty.

Unser zur Welt-sein heißt uns zu denken.

Es heißt uns, uns, die wir das Denken lieben,

als eine heiße, sublime Form des Liebens zu denken.

Unser In-der-Welt-sein heißt uns ins Denken zu kommen –

uns vom Denken anfallen zu lassen,

bis unsere Körper ins Denken fallen.

Ihm anheim fallen.

Bis Denken eben der Fall ist.

Bis ihm ein Körper,

dieser, mein Körper hier, verfällt.

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Lecture Text 2 (AKT 1): Chor plus Susanne

(ca. 02:45 min.)

Chor tritt durch Eingangstüre in den Zuschauerraum auf à Licht auf Chor.

Der Chor trägt graue Arbeitsanzüge, Tennisschuhe und Masken über dem Gesicht (Foucault). Susanne eine Maske ihres eigenen Gesichts. Alle bringen überdimensionale Partitur-Bücher alias Gesetzestafeln/Gesetzbücher mit und legen sie auf die Pulte. Umblättern ist immer gleichzeitig.

(Variante: Falls der Raum zu Beginn  doch besser leer sein sollte, bringt der Chor Notenständer und Partitur-Bücher mit.)

Susanne spricht alle Überschriften solo. Danach setzt jeweils der Chor ein.

SUSANNE (solo):

Michel Foucault

Überwachen und Strafen

Kontrolle der Tätigkeiten

CHOR:

Es geht um eine Zwangsbindung der Körper an den herrschenden Produktionsapparat. Die instrumentelle Codierung des Körpers ist das Ziel dieser Tortur.

Die gemessene und bezahlte Zeit muss eine Zeit ohne Fehl und Makel sein, in welcher der Körper ganz seiner Pflichttätigkeit hingegeben ist.

Wie lässt sich die Zeit der Individuen kapitalisieren? Wie lässt sich in jedem von ihnen, in ihren Körpern, ihren Kräften und Fähigkeiten ihre Zeit auf nutzbringende und kontrollierbare Weise kulminieren? Wie lassen sich profitable Dauerhaftigkeiten organisieren?

Durch ununterbrochene Kontrolle und Druck der herrschenden Produktionsverhältnisse – Effizienz, Effizienzsteigerung, Übertragung ökonomischer Organisationsprinzipien auf alle Lebensbereiche, globale Herrschaft der Ökonomie – durch diesen permanenten Zwang wird die Herstellung einer vollständig nutzbaren Zeit zu gewährleisten versucht.

SUSANNE (solo):

Michel Foucault, Überwachen und Strafen, Kontrolle der Tätigkeiten:

CHOR:

Im richtigen Einsatz des Körpers, der einen richtigen Einsatz der Zeit erlaubt, darf nichts müßig und nutzlos bleiben. Nur ein disziplinierter, von der Macht geformter, ihr angepasster Körper kann ein leistungsstarker Träger sein, dessen Code den gesamten Körper von der Fußspitze bis zum Zeigefinger erfasst.

Es geht schlichtweg darum, aus der Zeit immer noch mehr nutzbare Kräfte herauszuholen, um an den Punkt zu gelangen, wo die größte Schnelligkeit mit der höchsten Wirksamkeit eins ist.

Mit der Zeit durchdringen und durchsetzen den Körper alle minutiösen Kontrollen der Macht. Ein solcher Organismus wird zum Organ der herrschenden Macht. Er wird ihr Agent. Sichtbarer Ort ihrer Repräsentation. Reproduktion einer die Macht reproduzierenden Macht.

Dadurch wird die von der Macht durchgesetzte Reglementierung der Tätigkeit, ihre Forderung nach Disziplin und Disziplinierung der Körper zugleich das innerste Konstruktionsgesetz ihrer materiellen Manifestation.

SUSANNE (solo):

Universitätsgesetz 2002

§ 14. Abs. 1

CHOR:

Das Universitätsgesetz 2002 gebietet zwingend den Aufbau eines Qualitätsmanagements. Im Weiteren bezieht sich § 14 auf universitätsexterne und –interne Evaluierung. [...] Neben Effizienz und Effektivität der Leistungserbringung ist auch deren Qualität ein zentraler Gedanke des New Public Managements. Qualitätssicherungssysteme betonen insbesondere die Steuerung und Kontrolle der Qualität. [...] Der internationale Trend geht in Richtung der Frage, ob und wie Qualitätsmanagementsysteme in Universitäten implementiert werden können und welche Elemente des „Total Quality Managements“ relevant sein könnten.

SUSANNE (solo):

Ende des Zitats.

CHOR:

Total Quality Managements Total Quality Managements Total Quality Managements Total Quality Managements…

Chor bleibt.

Alle könnten jetzt mit leicht gegrätschten Beinen und vor der Brust verschränkten Armen dastehen. Wächter, Zeugen, imaginäre Beobachter und spätere Ankläger eines nicht gesetzes-konformen Textes.

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Lecture Text 3 (AKT 1): Arno

(ca. 03:30 min.)

[NEUES mediales BILD DES DENKENS]

Arno sitzt auf Stuhl

Das Denken zum mächtigsten Affekt machen?

Die Erkenntnis zum mächtigsten Affekt machen?

Die Philosophie zum mächtigsten Affekt machen?

SIE, die Philosophie, ALS Form eines Begehrens lesen lernen?

Als Prozess eines Geschehens, in dem das Begehren beginnt, auf sich selbst aufmerksam zu werden. –

Selbstreflexiv zu werden.

Ich mir.

Du dir.

Wir uns?

Ihr Euch.

Spinoza UND Du?

Wenn die Zeit angebrochen worden sein wird, in der die Vernunft des Leibes die Torturen von Effizienz und gewissenhafter Evaluation hinter sich gelassen haben wird, EINST,

dann, sagst Du, lieber Friedrich,

wird ein solches begehrlicheres Bild des Denkens nicht mehr gewillt sein, den Akt des Denkens in einer simplen Opposition zu den Affekten zu denken,

sondern mitten darin.

Mitten in diesem Zwischen,

in dem die Affektionen eines Körpers durch einen anderen Körper stattfinden.

Hier, in diesem Zwischen, genau hier, zwischen Dir und mir,

fungieren Körper als Medien füreinander:

Arno steht von Stuhl auf, geht auf dem Steg

Hier geht ein Körper zum anderen hinüber.

Hier geht einer in den anderen über.

Hier breiten sich die Körper selbst über ihre eigenen Körpergrenzen hinaus aus.

Hier, zwischen mir-hier und dir-dort,

exakt hier, wo ich Haut bin,

in diesem konkreten Zwischenraum zwischen uns,

wo ich mehr als Haut bin,

teile ich mich,

teile ich mich mit: den anderen.

Denen, die mit mir da sind.

Hier gehe ich mit einem Bruchteil meiner Masse, einem Bruchteil meiner Energie über mich selbst hinaus.

Hier fliehe ich mich,

hier entferne ich mich von mir selbst.

Hier wende ich mich anderen Körpern zu,

um in ihnen verankert / gegründet zu werden.

Hier, an der Schnittstelle meiner Haut,

wo sich ein Körper, auch mein Körper,

von sich selbst wegbewegt,

beginnt ein Körper, beginnt mein Körper, weltweit zu werden,

sich über sich selbst hinaus zu entfalten,

aufzuspannen,

zwischen Dir und mir,

zwischen deinem und meinem Körper.

Hier, an der Schnittstelle meiner Haut,

beginnt er sich, mein Körper, aus-ein-ander zu falten,

mit anderen Körpern in Kon-Takt zu treten.

Medium für andere Körper zu werden.

Medialer Empfänger von anderen Körpern zu werden,

die ihn, diesen Körper hier, affizieren.

Der menschliche Geist, schreibt Spinoza –

Ethik, Lehrsatz 11 und 13, zweiter Teil: Von der Natur und dem Ursprung des Geistes,

der menschliche Geist ist nichts anderes als die Idee eines wirklich existierenden Körpers.

Aber dieser wirklich existierende Körper ist selbst ein in steter Ausdehnung begriffener Körper.

Kein statisches Ding, sondern ein Körper in Bewegung.

Ein Körper, der andere Körper touchiert.

Der nicht an seiner Körpergrenze endet,

der mit anderen Körpern in Berührung ist.

Physis!

Expandierende Kraft.

Ein Weltweitwerden des Körpers!

Das ist es, was die Natur der Körper ausmacht.

Auch das Denken ist ein solcher physio-logischer Kraft-Akt,

Es denkt nicht nur über den Körper nach,

während es denkt,

es macht dabei auch Gebrauch vom eigenen Körper,

Es lässt ihn, den Körper, im Gebrauch des Körper immer schon mit-denken:

während es denkt,

wenn denkt,

und solange es denkt.

Immer schon rührt das Denken an einen Körper,

den es berührt – beim Denken.

Aber dieser, mein Körper, der von mir denkend berührt wird,

ist immer schon ein Körper unter anderen.

Ein Körper, der mit anderen Körpern da ist,

Mein Körper, der mit diesen andern Körpern da draußen da ist,

die mit mir mit da sind,

hier und jetzt,

mit-da,

hier und jetzt

mit-denkend,

hier und jetzt…

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Lecture Text 4 (AKT 1): Chor plus Susanne (solo)

(ca. 02:30 min.)

Der Chor liest weiter aus den Partiturbüchern alias Gesetzestafeln/Gesetzbüchern.

Jetzt könnte der Chor – zur Verdichtung und Vergrößerung der Stimme der Macht, die allmächtig und allüberall ihre Stimme erhebt und sei es als einverleibtes Denken (Foucault: der perfekte Disziplinierungs-Apparat) – durch einen on stage agierenden Kameramann gefilmt und simultan auf die beiden Seitenwände oder die Gazewand projiziert werden.

Susanne zieht das Buch Kafkas „Der Prozess“ (die kleine sonnen-gelbe Gesamtausgabe) aus der Tasche ihres grauen Arbeitsanzuge löst sich aus dem Chor und mischt sich unter die Zuschauerreihen. Ihr Platz inmitten des Chors ist also jetzt leer. Eine Leerstelle sozusagen. Sie hat sich vom „Gesetz“ abgesondert.

Der Chor schlägt die nächste Seite im riesigen Gesetzbuch auf und beginnt:

CHOR:

Michel Foucault

Überwachen und Strafen

Disziplin

Die normierende Sanktion

Strafbar ist alles, was nicht konform ist. Unter das Strafsystem der Disziplin fällt die Abweichung von der Regel. Deshalb arbeitet im Herzen aller Disziplinarsysteme ein Strafmechanismus, der mit seinen eigenen Gesetzen, Delikten, Sanktionsformen und Gerichtsinstanzen so etwas wie ein Justizprivileg genießt.

Mit einer solcherart hierarchisierten und stetigen Überwachung zur Erhöhung der Produktivität wird die Disziplinargewalt ein „integriertes“ System, das von innen her mit der Ökonomie und den Zwecken der jeweiligen Institution verbunden ist.

Universitätsgesetz 2002

§ 13 III. 4

Wissensbilanz

Die Wissensbilanz habe nach bestimmten, betriebswirtschaftlichen Kategorien eine Art „Bestandsaufnahme“ von Wissen zu geben. „[...] Diese Form der ‚Bilanz’ soll der Tatsache Rechnung tragen, dass für Universitäten Wissen [...] ein zentraler Produktionsfaktor ist“.

Nicht definiert wird im Gesetz, § 13 III. 6, was unter intellektuellem Vermögen, Human-, Struktur- und Beziehungskapital sowie Leistungsprozessen mit ihren Outputgrößen und Wirkungen zu verstehen ist. Es handelt sich um betriebswirtschaftliche Begriffe, die hier erstmals auf den universitären Bereich übertragen werden.

Susanne, die unter die Zuschauerreihen getreten ist, halb lesend, halb frei:

SUSANNE:

Franz Kafka: Der Prozess

die verhaftung

„Ach so“, sagte K., oder wer auch immer, und nickte, „die Bücher sind wohl Gesetzbücher, und es gehört zu der Art dieses Gerichtswesens, dass man nicht nur unschuldig, sondern auch unwissend verurteilt wird“.

CHOR:

Foucault

Überwachen und Strafen

Mittel der guten Abrichtung

Die hierarchisierte, stetige und funktionelle Überwachung beruht in ihrer schleichenden Ausweitung auf den neuen Machtmechanismen, die sie enthält. Sie entwickelt sich so zu einer autonomen und anonymen Gewalt. Denn die hierarchisierte Überwachung der Disziplin beruht zwar auf Individuen, doch wirkt sie wie ein Beziehungsnetz. Die Macht dieses „Netzes“ ist keine Sache, die man innehat, kein Eigentum, das man überträgt; sondern eine Maschinerie, die funktioniert. Zwar gibt ihr der pyramidenförmige Aufbau einen „Chef“, aber es ist der Apparat, der „Macht“ produziert. Es ist der Apparat, der die Individuen in seinem stetigen Feld verteilt. Das erlaubt es der Disziplinarmacht, absolut indiskret zu sein. Sie liegt immer und überall auf der Lauer.

SUSANNE:

Kafka: Der Prozess

Einzusehen, dass dieser große Gerichtsorganismus gewissermaßen ewig in Schwebe bleibt und dass man zwar, wenn man auf seinem Platz selbstständig etwas ändert, den Boden unter den Füßen sich wegnimmt und selbst abstürzen kann, während der große Organismus sich selbst für die kleine Störung leicht an anderer Stelle – alles ist doch in Verbindung – Ersatz schafft und unverändert bleibt, wenn er nicht etwa, was sogar wahrscheinlich ist, noch geschlossener, noch aufmerksamer, noch strenger, noch böser wird.

CHOR:

FOUCAULT

Der perfekte Disziplinarapparat wäre ein vollkommenes Auge, dem nichts entginge – und auf das alle Blicke gerichtet wären.

Zitat von J.A. Guilbert: Versuch über die Tactik:

Man müsste die Disziplin zu einer nationalen Sache machen. Ein solcher Staat wird eine dauerhafte und leicht zu führende Administration haben. Diese wird den großen Maschinen gleich sein, die die größten Wirkungen hervorbringen.

Während des letzten Satzes schließt der Chor das Gesetzesbuch/die Partitur.

SUSANNE:

KAFKA: DER PROZESS

DER ADVOKAT

„Sie sind zu unnachgiebig, Josef K., oder wie immer Sie heißen mögen. Gegen dieses Gericht kann man sich nicht wehren, man muss das Geständnis machen. [...] Es gibt keinen Irrtum. Die Behörde wird, wie es im Gesetz heißt, von der Schuld angezogen. [...] Machen Sie doch bei nächster Gelegenheit das Geständnis.“

„Und wenn ich das Geständnis nicht mache?“ fragte K. Oder wer auch immer.

Der Chor geht ab. Alle nehmen die Gesetzbücher und die Pulte mit. Es ist quasi alles gesagt.

Susanne geht ebenfalls ab. Ihr Pult mit dem Gesetzbuch bleibt aufgeschlagen zurück.

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Lecture Text 5 (AKT 1): Arno

(ca. 03:30 min.)

[SINNE, SINNLICHKEIT denkt]

Arno bringt den Stuhl auf die andere Seite des Stegs, setzt sich und adressiert seine Rede wieder an Nietzsche

Denken IN affectus, Denken im Affekt, nicht gegen den Affekt,

nennt Spinoza das Bild des Denkens, das er in seiner Ethik entwirft.

Dieses Bild des Denkens, das Du, teurer Freund, mit Spinoza teilst,

findet in steter Berührung mit der Sinnlichkeit statt,

Es sorgt sich um sie, die Sinnlichkeit,

und um die Entfaltung der Sinne inmitten der Sinnlichkeit.

Es denkt auf die Veredelung der Sinne inmitten der Sinnlichkeit hinaus,

Es denkt die Nobilitierung der Sinne,

ihre Entfaltung,

ihre Entwicklung,

ihr Werden,

ihre Veredelung.

Es trägt damit selbst zum Werden der Sinne bei.

Es denkt das Denken selbst als einen sinnlichen Vollzug der Sinnlichkeit,

als eine physische Form des Mit-seins mit anderen Körpern.

KON-TAKT!

[DELEUZE mitdenken]

Lieber Friedrich!

Vielleicht darf ich Dir an dieser Stelle die Lektüre eines jungen Denkers anempfehlen, dessen Schriften mir sehr wichtig geworden sind: Gilles Deleuze.

Er hat kürzlich ein denkwürdiges Buch über Dich geschrieben – Nietzsche und die Philosophie.

Auch er liebt Spinoza, wie wir beide.

Er hat Deinen Namen explizit neben DIE Philosophie gesetzt – Nietzsche und die Philosophie. Weil Du, wie er meint, Dich in Deinem ganzen Corpus neben sie gesetzt hättest. Neben die klassische Tradition DER Philosophie als Identitätsphilosophie.

Du seiest zwar aus ihr hervorgegangen und in ihr groß geworden, ihr zugleich aber auch entwachsen. Schlussendlich seiest Du sogar ihr radikalster Fremdkörper geworden:

Ihr Untergang und ihr Übergang:

Und daher auch ihr Neuanfang.

Ein konkreter Übergang in etwas Neues, Kommendes! Eine Leidenschaft des Denkens sei durch Dich noch einmal entfacht worden,

fast wie damals, als die Griechen, die guten alten Griechen, der Philosophie den Namen eines Begehrens gegeben haben.

Damals! Damals, bevor sie zur Wissenschaftslehre wurde, die Philosophie.

Bevor sie Wissenschaftsphilosophie wurde – eine blutleere Metatheorie des Wissens, die jeglichen Bezug zum Philein,

zum Begehren der Erkennenden selbst,

zur Erkenntnis als einer Form des Begehrens,

zur Leidenschaft des Denkens verloren hat.

Und damit auch ihre gesellschaftliche Relevanz.

Was für ein Dreigestirn: Spinoza – Deleuze und Du!

Denken, vollzogen im Medium „Körper“! – In einer dem Körper angemessenen Sprache! – –

Ist es nicht das, wofür Eure Namen einst gestanden haben werden!

Spinoza, Deleuze und Du? –

EINST!

Denn noch scheint mir dieses Bild des Denkens erst im Kommen zu sein…

Noch findet dieses Denken nur auf Bühnen statt.

Noch!

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AKT 2.

Musikpart 2:  Wolfgang

(3 Minuten solo,

dann fadet Musik aus – oder  einzelne Töne mischen sich in Lecture Text 6)

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Auftritt Susanne. Sie blättert um, schlägt die nächste Seite des verbliebenen Gesetzesbuches auf.

Lecture Text  6 (AKT 2): 2x Susanne solo und 1x Einspielung Chor

(insgesamt ca. 03:00 + 01:15 = insgesamt 04:14 min.)

SUSANNE (solo):

27. Juli 1656

auszug aus dem Gemeindebuch Amsterdam

Die Herren des Stadtrats tun Ihnen kund, dass sie, nachdem sie die üblen Ansichten und Werke von Baruch de Espinoza seit einiger Zeit kennen, sich auf verschiedene Weisen [...] bemüht haben, ihn von seinen schlechten Wegen abzubringen, und ihn nicht heilen konnten; ganz im Gegenteil erhielten sie täglich schlimmere Nachrichten von abscheulichen Ketzereien, die er begangen und gelehrt hat, und ungeheuerliche Taten, die er getan, wofür es viele glaubhafte Zeugnisse gibt, die alle [...] bestätigt und belegt worden sind; [...] nachdem das alles in Anwesenheit der Herren Rabbiner untersucht war, beschlossen diese, besagten Espinoza [...] mit folgendem Bann zu belegen:

„Nach dem Spruch der Engel, nach dem Wort der Heiligen bannen, trennen, verdammen und verfluchen wir Baruch de Espinoza… mit allen Flüchen des Himmels, die im Gesetz geschrieben stehen: Verflucht sei er bei Tag, und verflucht sei er bei Nacht, verflucht sei sein Zubettgehen, verflucht sein Aufstehen, verflucht sei er beim Hinausgehen und verflucht beim Eintreten; möge der Herr ihm nicht verzeihen, so dass des Herrn Zorn und seine Eifersucht gegen diesen Menschen entbrennen… [...]“

Die Herren des Stadtrats geben bekannt, dass niemand mit Baruch de Espinoza sprechen darf, weder mündlich noch schriftlich, noch ihm einen Gefallen tun darf, noch mit ihm unter einem Dach sich aufhalten darf, noch sich ihm auf vier Ellen nähern darf, noch ein Papier lesen darf, das von ihm gemacht oder geschrieben ist.[2]

CHOR (Einspielung aus dem Off):

370 v. Chr.

Platon

Der Staat

Verbot für die Dichter

Drittes Buch, 40f: Wir müssen diejenigen überwachen, die schmählich über Tod und Schrecken erzählen, die Furcht erregen und vor der Unterwelt Schaudern machen. Je dichterischer sie dies tun, desto weniger dürfen sie gehört werden. Löschen wir alles dergleichen aus wie:

„…wie zur Vergeltung einer ungeklärten Schandtat [...] pfercht man uns in strampelnde, fressende Körper, die von ihrem Hunger und Durst, ihrem Hass, ihrer Angst oder der nackten Blödheit getrieben, am Ende doch auf irgendeinem Schlachtfeld des Lebens verstümmelt werden.“

Alles Klagen und Jammern werden wir also abschaffen, Politeia, drittes Buch, 40g. Ebenso alle Lachlust, drittes Buch, 40g. Denn auch übermäßige Lachlust ist schädlich. Allzu leicht kann sie sich in ihr Gegenteil verkehren. Wir dürfen daher alle Darstellungen von Menschen, die von Gelächter oder von Klagen überwältigt werden, in unserem Staate nicht durchgehen lassen. Oder Erzählungen über Unbeherrschtheit wie drittes Buch, 40. i, dass der Olympier Zeus aus Verlangen nach Liebeslust beim Anblick der Hera dergestalt außer sich gesetzt wird, dass er nicht einmal ins Gemach gehen will, sondern gleich dort auf der Erde sich zu ihr zu gesellen begehrt.

In unserem Staate ist untersagt, sowohl toll zu sein als Tolles darzustellen. All dies werden wir zu sagen verbieten. Vielleicht auch noch mehr als dies.

Susanne blättert weiter, auf der nächsten Seite steht, sie liest:

SUSANNE (solo):

399 v. Chr.

Mit 361 von 501 Stimmen der Geschworenen verurteilte einer der Gerichtshöfe der Attischen Demokratie Sokrates zum Tode.

Diese Passage auswendig. Sie spricht direkt mit den Worten von Sokrates:

„Die beschworene Klage, ihr Richter lautet also etwa so: Sokrates [...] frevle, indem er die Jugend verderbe und die Götter, welche der Staat annimmt, nicht annehme, sondern Anderes, Neues, Daimonisches.“

Wieder lesend.

Sokrates wurde nach seiner Verurteilung den elf Männern übergeben, denen die Aufsicht über die Vollstreckung der Todesstrafe oblag. Im Gefängnis wurde ihm der Trank schon zubereitet im Becher von dem Vollstrecker dargeboten. Er nahm ihn ohne Zögern zu sich. [...] Er hatte sich schon vorher über die Verlaufsart der Vergiftung unterrichten lassen [Der Schierling ruft, vor allem durch Coniin, eine Lähmung des Rückenmarks und Gehirn hervor. Das Atemzentrum versagt zuerst den Dienst. Der Vergiftete erstickt, während das Bewusstsein bis zuletzt erhalten bleibt.] “Nichts weiter hast Du zu tun,” sagte der Giftbereiter, “als wenn du getrunken hast herumzugehen bis dir die Beine schwer werden, und dann dich niederlegen.” Als Sokrates merkte, dass ihm die Schenkel schwer wurden, legte er sich gerade hin auf den Rücken. Darauf berührte ihn der Vollstrecker von Zeit zu Zeit und untersuchte seine Füße und Schenkel [...] und fragte, ob er es fühle, was er verneinte. Und darauf hin die Knie und so ging er immer höher hinauf und zeigte den Umstehenden, wie Sokrates erkaltete und erstarrte. Als er aufgedeckt wurde, war er tot.

Susanne schlägt Gesetzbuch zu, sie nimmt Pult und Buch und geht damit ab.

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Lecture Text 7 (AKT 2): Arno

(ca. 02:30 min.)

[NANCY, KÖRPER DENKEN – DENKENDE KÖRPER denken]

Arno sitzt auf Stuhl, wieder die Rede an Nietzsche adressierend, immer noch auf der anderen Seite des Stegs.

Noch ist dieses Bild des Denkens DER KÖRPER im Kommen,

das ich meine.

Noch spricht es erst im Modus des Versprechens.

Die Erprobung eines Denkens der Körper steht hier auf dem Spiel,

das sich nicht einfach damit begnügt, den Begriff von Körperlichkeit zu denken. –

Denn „Körper“, schreibt Jean-Luc Nancy in Corpus zu Recht,

ist in jeder Sprache das eine Wort zuviel.

Das eine Wort, das notwendigerweise lügt.

Es sagt nie das, was es zu sagen vorgibt.

Es sei denn, es gäbe ein Denken der Körper,

das sie, die Körper selbst ins Denken brächte:

Dhyana, dharana, samadhi würde unser Freund Paul Deussen als Indologe wohl sagen.

Ich habe immer wieder Deine Worte aus Deiner Götzen-Dämmerung im Sinn, wenn ich mir die Ausbildung eines solchen asiatischeren, indischeren Denkens imaginieren soll:

„Man hat sehen zu lernen,“ schreibst Du dort,

„man hat denken zu lernen, man hat sprechen zu lernen […].

Sehen lernen – dem Auge die Ruhe, die Geduld, das An-sich-herankommen-lassen angewöhnen; das Urtheil hinausschieben, den Einzelfall von allen Seiten umgehen und umfassen lernen.

Das ist die erste Vorschulung zur Geistigkeit:

auf einen Reiz nicht sofort reagieren […]“. [3]

Was für Sätze!

Denken, sagst Du,

heißt soviel wie pausieren –

eine Reiz-Reaktionslücke einbauen, in der Nichts passiert – – –

Ein solcher Denkakt will gelernt sein, wie Tanzen gelernt sein will:

Als eine Form des Tanzens.

Als Stanzen einer Lücke in die geschlossene Form eines Körpers.

Körper. Das ist also keine dumme dumpfe Masse.

Körper, das ist die Öffnung der Existenz für ihr eigenes weltweites Drumherum.

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Erste EINSPIELUNG: WUTTKE/Pollesch: Schmeiß Dein Ego weg!

(ca. 02:00 min.)

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Nach der Filmabspielung geht Arno über den Steg zur Badewanne und spricht von dort

Erste Fortsetzung  Lecture Text 7 (AKT 2): ARNO

(ca. 01:00 min.)

Gerade Körper verlangen nicht nach sich selbst,

gerade sie verlangen danach, außer sich zu geraten,

sich in Richtung Außenwelt zu veräußern.

Körper sind draußen.

Sie sind ihrer Natur nach draußen.

Draußen IN der Welt.

Sprich drinnen, „in-der-Welt“.

Draußen in der Welt sind sie drinnen in der Welt,

weil sie naturgemäß von einer Welt umgeben sind.

Jeder Körper ist ein Ding an sich,

aber nur, weil er eine Welt um sich herum an sich selbst herumträgt.

Und exakt darum ist er kein Ding an sich,

sondern Raumkörper:

Ein belebtes Ding,

das von seiner Peripherie angegangen wird. Das seine Peripherie etwas angeht.

Das ist ein Körper.

Ein verwundbarer Hohlraum

das ist ein Körper.

Dichte einer Weite –

das ist ein Körper.

Singular plural –

das ist ein Körper.

Teil einer mit andern Körpern geteilten Welt, die berührt wird –

das ist ein Körper.

Form des Mitseins in einer mit anderen Körpern geteilten Welt –

das ist ein Körper.

Arno gibt den roten Puder ins Bad, zieht sich aus, legt das Head-Set ab, nimmt das Handmikro und steigt in die Badewanne.

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Zweite EINSPIELUNG: WUTTKE/Pollesch: Schmeiß Dein Ego weg!

(ca. 02:00 min.)

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Zweite Fortsetzung 2 Lecture Text 7 (AKT 2): Arno

(ca. 05:00 min.)

Psyche ist ausgedehnt, weiß nichts davon, schreibt Freud in seiner vorletzten Notiz vor seinem Tod.

Jean-Luc Nancy hat diesen Satz zu einem Mantra seiner eigenen Philosophie erhoben.

Psyche IST Haut.

Psyche, das ist nichts da drinnen – da drinnen in mir.

Sie ist umgekehrt vielmehr das Außer-sich-geraten eines Körpers.

Sie ist exakt das, was ihn, diesen Körper hier,

über sich selbst hinaus geraten lässt;

was ihn, diesen, meinen Körper hier, für seine eigene Peripherie empfänglich, intelligibel, vernehmbar macht.

Sie lichtet einen Körper für sein eigenes Drumherum.

Peri Psyche, Über die Psyche, das ist nicht nur der Titel einer berühmten Schrift von Aristoteles:

Peri Psyche, Über die Psyche handelt von nichts anderem als der Peripherie der Köper.

Von ihrem Drumherum, von ihrem Weltweit-Werden!

Er, der Körper, jeder Körper, auch dieser hier badet in ihrem Licht! Psyche!

Denn sie macht ihm, diesem Körper hier, die Welt um ihn herum intelligibel, sichtbar, vernehmbar, durchsichtig!

Und zwar so, dass er, dieser Körper hier, in seinem eigenen In-der-Welt-sein auf sein Sein mit anderen gestoßen wird.

Auf sein Mit-sein mit anderen Körpern, die mit ihm in seiner Welt da sind.

Die mit ihm sein In-der-Welt-sein teilen.

„Psyche ist ausgedehnt, weiß nichts davon“.

Sie hat es vergessen.

Dass sie ein nach außen gestülpter, der Außenwelt zu-gewendeter Körper ist.

Dass sie die Zu-Wendung eines Körpers zur Außenwelt ist.

Dass sie der über einen Körper hinaus andere Körper kontaktierende subtile Teil eines Körpers ist:

Der eigene Körper außer sich.

Der eigene Körper,

insofern er über sich selbst hinaus drängt.

Psyche: Das ist eine in Ausdehnung begriffene Körperlichkeit –

ganz wörtlich: res ex-tensa.

Keine Innerlichkeit, sondern die Innigkeit der Körper insofern sie in-ein-ander, durch-ein-ander, unter-einander, gegen-einander, für-ein-ander, mit-ein-ander verflochten sind.

Psyche, das ist also der Auszug, der Exodus eines Körpers aus sich selbst heraus.

Auch unsere Emotionen sind da draußen.

Die Privatisierungswelle der Gefühle,

und damit auch ihr Ausschluss aus dem öffentlichen Raum,

hat erst in den letzten beiden Jahrhunderten,

in einem kurzen Wimpernschlag unserer Weltgeschichte stattgefunden. Forgett it!

Emotion, das war die längste Zeit so und wird auch wieder einmal so geworden sein, ist die Bewegung der Auferweckung, der Animation, der Stimulation und Belebung eines Körpers,

und zwar durch das Interesse eines Körpers an einem anderen Körper.

Aufgespannt zwischen dir und mir sind unsere Körper „innig“,„selig“.

Und diese mediale Spannung da draußen,

diese Tension,

dieser Zug zwischen Dir und mir,

zwischen Ihnen und mir, genau das ist die Seele.

Sie liegt immer schon da, ausgebreitet, vor mir, vor dir, aufgespannt, vor unseren Augen, offenkundig.

Arno spricht den folgenden Text direkt in die Kamera, die über der Badewanne hängt.

All diese Körper,

all diese anderen,

die mit mir da sind.

Die da,

die da draußen!

die Ihr mein konkretes Umfeld bildet,

Ihr bewohnt die Seele meines Körpers.

Er, dieser, mein Körper hier,

er, der hier,

er, der an dieser Stelle hier anwest,

und doch zugleich von ihr wegwest, abwest,

indem er sich selbst flieht,

er, dieser, mein Körper hier,

auch er trägt seine weltweite Öffnung mit sich selbst herum.

Auch er ist also keine undurchdringliche Masse,

kein starres Ding,

auch er ist ein Flugkörper,

ein Leuchtkörper,

ein Strahlkörper,

Fluchtlinie eines punktierten Feldes.

Hier eines weltweiten DA,

das von anderen Körpern,

von Myriaden anderer Körper „dort“ bevölkert wird.

Hier, im Da des Dort.

Genau das ist die Ortangabe eines belebten Körpers.

Als Zwischen-Körper ist dieser, mein Körper da:

Zwischen Dir und Mir.

Zwischen hier und dort ist er da, mein Körper.

Mit-Körper ist er.

Mit-ein-ander ist er da,

mein Körper.

Lieber Friedrich.

Ist es das, was die NÄHE von Euch beiden ausmacht, Spinoza & Dir?

Dass wir nicht wissen, was die Körper, insofern sie rein ihrer Physis folgen, alles zum Ausdruck bringen könnten?

Dass es noch keine Ontologie der Körper gibt, als Orte der Exposition des Seyns?

Wissen wir was ein Körper kann?

Das Denken der Körper als Öffnung der Körper, als prima philosophia, als erste Philosophie, die dem Denken sein Gewicht zurückgegeben haben wird?

Ist es nicht dieses Versprechen, das Euch beide eint?

Nicht als Werkzeug, als Spielzeug wollt ihr die Körper, damit sie sprechender werden, durch Euer denken,

damit sie denkender werden,

reflektierter,

vielstimmiger,

dunkler,

komplexer,

geheimnisvoller,

fühlender, zerbrechlicher,

fragiler, subtiler, poröser, (leises Ausfaden der Stimme)

durch Euer Denken,

denkender, liebender?

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AKT 3.

Musikpart 3:  Wolfgang

(3 Minuten solo)

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Lecture Text 8 (AKT 3): Chor

(ca. 02:15 min)

Auftritt Chor. Der Chor trägt jetzt rote Arbeitsanzüge und andere Masken (das Gesicht Kafkas). Diesmal spricht er den Text auswendig. Die Gesetzbücher werden nicht mehr gebraucht. Sie sind inwendig wirksam geworden. Die Körper wurden vom herrschenden Gesetz erfolgreich codiert. Es ist zum innersten Konstruktionsgesetz auch der Gesetzgeber selbst geworden. Die Konsequenz der Struktur ihrer Macht ist für alle unausweichlich geworden. (Kafka, Der Prozess: Herr K.: „Sie können einwenden, dass es ja überhaupt kein Verfahren ist, Sie haben sehr recht, denn es ist ja nur ein Verfahren, wenn ich es als solches anerkenne.“)

Arno hat in der Zwischenzeit im Lichtwechsel auf Wolfgang einen Theaterblutbeutel geöffnet und das Wasser damit rot gefärbt.

Die Wanne mit dem blut- (liebes-)roten Wasser, in dem Arno jetzt liegt, wird auf die beiden Seitenwände (bzw. die Gaze) projiziert.

CHOR (ohne Susanne):

Kafka: Der Prozess

ende

„So kamen sie rasch aus der Stadt hinaus. [...] Ein kleiner Steinbruch, verlassen und öde, lag in der Nähe eines noch ganz städtischen Hauses. Hier machten die Herren halt. [...] Jetzt ließen sie K. los, der stumm wartete, nahmen die Zylinderhüte ab und wischten sich, während sie sich im Steinbruch umsahen, [...] den Schweiß von der Stirn. Überall lag der Mondschein mit seiner Natürlichkeit und Ruhe, die keinem anderen Licht gegeben ist.

Nach Austausch einiger Höflichkeiten [...] ging der eine zu K. und zog ihm den Rock, die Weste und schließlich das Hemd aus. K. fröstelte unwillkürlich, worauf ihm der Herr einen beruhigenden Schlag auf den Rücken gab, [...] während der andere Herr den Steinbruch nach irgendeiner passenden Stelle absuchte. Als er sie gefunden hatte, winkte er, und der andere Herr geleitete K. hin. Es war nahe der Bruchwand, es lag dort ein losgebrochener Stein. Die Herren setzten K. auf die Erde nieder, lehnten ihn an den Stein und betteten seinen Kopf obenauf. [...] Dann öffnete der eine Herr seinen Gehrock und nahm aus einer Scheide [...] ein langes, dünnes [...] Fleischermesser, hielt es hoch und prüfte die Schärfe im Licht. [...] K. wusste jetzt genau, dass es seine Pflicht gewesen wäre, das Messer [...] selbst zu fassen und sich einzubohren. Aber er tat es nicht. [...] Alle Arbeit den Behörden nicht abnehmen. [...] Seine Blicke fielen auf das letzte Stockwerk des an den Steinbruch angrenzenden Hauses. Wie ein Licht aufzuckt, so fuhren die Fensterflügel eines Fensters dort auseinander, ein Mensch, schwach und dünn in der Ferne und Höhe, beugte sich [...] weit vor und streckte die Arme noch weiter aus. Wer war es? Ein Freund? [...] Einer, der teilnahm? Einer, der helfen wollte? [...] War noch Hilfe? Gab es Einwände, die man vergessen hatte? [...] Wo war der Richter, den er nie gesehen hatte? Wo war das hohe Gericht, bis zu dem er nie gekommen war? Er hob die Hände und spreizte alle Finger.

Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung überwachten.

Dunkel. Abgang Chor.

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Dritte EINSPIELUNG: Musik + Film

Film: WUTTKE/Pollesch: Schmeiß Dein Ego weg!

(ca. 02:00 min.)

Musikpart 4:  Wolfgang

(+ ca. 3 Minuten solo)

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Während der Musik tritt Susanne auf der Bühne hinter der Gazewand im roten Arbeitsanzug auf mit einer Stabmaske von Nietzsche vor dem Gesicht.

Die Musik endet nicht. Sie mischt sich zart in den Text.

Lecture Text 9 (AKT 3): Susanne (solo)

(ca. 02:00 min)

friedrich Nietzsche

das Nachtlied

„Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen.

Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden.

Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir; das will laut werden. Eine Begierde nach Liebe ist in mir, die redet selber die Sprache der Liebe

Nacht ist es: nun bricht wie ein Born aus mir mein Verlangen, – nach Rede verlangt mich.

Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen.

Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden.

Oh Mensch! Gieb Acht!

Was spricht die tiefe Mitternacht?

‚Ich schlief, ich schlief–,

‚Aus tiefem Traum bin ich erwacht: –

‚Die Welt ist tief,

‚Und tiefer als der Tag gedacht.

‚Tief ist ihr Weh –,

‚Lust – tiefer noch als Herzeleid:

‚Weh spricht: Vergeh!

‚Doch alle Lust will Ewigkeit –,

‚– will tiefe, tiefe Ewigkeit!’

Susanne legt nun die Stabmaske Nietzsches zur Seite auf den Boden, zieht die Tennisschuhe und den roten Arbeitsanzug aus, montiert das Headset ab. Darunter hat sie ein kurzes Trägerhemd an. Sie nimmt ein riesiges rotes Lebkuchenherz mit Zuckerguss aus dem Flügel, an dem Wolfgang sitzt und hält es in den Händen vor sich hin. Auf dem Herz ist zu lesen: Amor fati. Es wird langsam dunkler. Wie zu Beginn ist jetzt das Tippen einer Schreibmaschine zu hören und simultan dazu wird ein Liebesgedicht Catulls auf die Gazewand projiziert (Susanne aus dem Off – Einspielung)

Das Liebesgedicht Catulls ist auf einen Mann hin umgeschrieben.

Gaius Valerius Catullus

carmen 5

Lass uns leben, Geliebter, lass uns lieben!

All das verdrossene Denken der Asketen soll

[...] niemals uns stören!

[...]

Liebster, küsse mich tausendmal und noch hundert.

und so immer fort eintausendmal und noch hundert.

Dann wenn’s viele Tausende sind, dann verwirren

wir sie, alle die Küsse, die unzählbaren,

dass kein Neider das Glück uns mindere, wissend,

wie viel süßeste Küsse wir zärtlich uns schenkten.

Nach dem Ende des Textes tritt Susanne durch den Schlitz der Gazewand auf den Steg, geht zu Arno und steigt zu ihm in das liebesrot-todesrot gefärbte Wasser der Badewanne. Dabei ist es bereits ganz dunkel geworden und man hört nur mehr das Plätschern des Wassers beim Hineinsteigen in die Wanne.

Jetzt dazu fällt Licht auf den Schlitz der Gazewand. Man sieht eine übergroße Nietzschemaske, die von einem Menschen im roten Arbeitsanzug vor dem Gesicht gehalten wird. Die Maske hat Fäden, sodass man – wie bei einem Hampelmann – den überdimensionalen Schnurrbart Nietzsches von unten nach oben ziehen kann, sodass er lacht.

FINALE

Musikpart 5: Wolfgang

Musik a la großes Hollywood oder Bollywood Finale.

Imaginärer Kuss und Schluss!

Anmerkungen:

[1] Montage aus Friedrich NIETZSCHE, Sämtliche Briefe, KSA 6, 111-112. Friedrich Nietzsche, Postkarte vom 30. Juli 1881 an seinen Freund Overbeck + Friedrich Nietzsche, Brief vom 14. August 1881 an Heinrich Köselitz

[2] Aus: Yirmiyahu Yovel, Spinoza, Das Abenteuer der Immanenz, Steidl Verlag, 19941.Kapitel, Seite 19:

[3] Nietzsche, Friedrich: Götzen-Dämmerung. In: Giorgio Colli, Mazzino Montinari (Hg.), Kritische Studienausgabe, DTV: München, Berlin, New York, Band 6,  S. 108.


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