wissen wir was ein körper kann? philosophy on stage

WS 1996/97 und SS 1997 Auf der Suche nach einem neuen Sinn von Gerechtigkeit

Auf der Suche nach einem neuen Sinn von Gerechtigkeit.
Lyotards` Kantinterpretation: Der Enthusiasmus, die Analytik des Erhabenen, der Widerstreit.

1. Zielsetzung der Lehrveranstaltung

Im laufenden Wintersemester 1995/96 haben wir uns in meiner Lehrveranstaltung mit den historisch-politischen Schriften des späten Kant (Zum ewigen Frieden/Idee einer Geschichte in weltbürgerlicher Absicht) auseinandergesetzt. Von diesen “kleinen” Schriften sagt Jean-Francois Lyotard in seinem Hauptwerk, Der Widerstreit (J.F. Lyotard, Der Widerstreit, München 1987, 12):

Prätext
“Die beiden Denkrichtungen, von denen der Autor einen Wink erhält: der Kant der “dritten” Kritik und der historisch-politischen Texte (“vierte Kritik”), der Wittgenstein der Philosohischen Untersuchungen und der Nachlaßschriften. Im Kontext, den der Autor sich ausmalt, sind sie Epiloge der Moderne und Prologe einer achtenswerten Postmoderne … .”

J.F. Lyotards` eigenen Aussagen folgend, gibt es eine verborgene Denkbewegung, die vom späten Kant über Wittgenstein zur postmodernen Philosophie führt. Ein Ziel meiner Lehrveranstaltung ist es, diese Denkbewegung in ihrer inneren Logik sichtbar zu machen.

Nachdem wir uns im laufenden Semester anhand von Kants “Kritik der politischen Vernunft” schon ein philosophisches Vorverständnis für die “vierte Kritik” angeeignet haben, sind wir für diese Frage nach der Herkunft einer “achtenswerten Lesart” der Postmoderne gerüstet. Im Laufe des Wintersemesters 1996/97 und Sommersemester 1997 gilt es also folgende Fragen zu beantworten:
Was heißt postmoderne Philosophie, wenn sie mehr sein soll als ein leeres Schlagwort?
Wieso führt eine achtenswerte Interpretation der Postmoderne von Kant über Wittgenstein zu Lyotard?

2. Inhalt der Lehrveranstaltung

Schon in der Philosophie der Romantik, die uns in meiner Lehrveranstaltung im Sommersemester 1996 zentral beschäftigen wird, wurde die große Erzählung der universellen Vernunft fragwürdig und brüchig. Die Folge war schon hier eine Rückbesinnung auf narrative Diskursarten wie Mythos und Literatur (v.a. die Romankunst), die den Kampf gegen die Vormachtstellung des wissenschaftlich deduktiven Diskurses in der Philosophie der Aufklärung aufgenommen hat (vgl. Novalis, Die Christenheit oder Europa). Diese Besinnung auf narrative Sprachspiele teilt die postmoderne Philosophie mit dem Denken der Romantik.

Während sich die Romantik allerdings als sehnsüchtige Rückbesinnung auf das goldene Mittelalter verstand, das noch in die große Einheitserzählung des Christentums eingebettet war, ist dieser Weg für die postmoderne Philosophie nicht mehr gangbar, da für sie alle großen (Einheits-)Erzählungen obsolet geworden sind. Zwar appelliert auch der postmoderne Philosoph in romantischer Manier an ein möglichst offenes und plurales Verständnis der in der Philosophie erlaubten Sprachspiele – in diesem Sinne sucht er den Dialog und den Widerstreit mit der Kunst, der Religion, der Politik, der Wissenschaft – aber für ihn ist eben auch der religiöse Diskurs des Mittelalters oder der wissenschaftliche Diskurs der Aufklärung keine Metaerzählung mehr, die es erlaubt, andere Diskursgenre dialektisch in sich aufzuheben und zu verschlingen. Sowohl der wissenschaftlich-rationale Diskurs der modernen Emanzipationserzählungen als auch der mythisch-religiöse Diskurs der mittelalterlichen Heilsgeschichten sind für den postmodernen Philosophen zwar legitime Sprachspiele, die innerhalb ihres Regelsystems Evidenz besitzen, ihr Rechtsanspruch bleibt jedoch beschränkt. Sie verfügen über kein Recht, fremdartige Sprachspiele auszuschließen, zu unterdrücken, aufzuheben oder zu diskriminieren.

Im Unterschied zur Romantik geht es der Postmoderne also nicht mehr um eine dialektische Aufhebung der mannigfaltigen Erzählungen in eine alles einverleibende, große Metaerzählung, in die alle anderen Sprachspiele letztendlich – als archeologischer Letztbegründungsmacht – aufgehoben werden, sondern um ein Gewährenlassen der Mannigfaltigkeit der Sprachwelten in ihrer Ausdifferenzierung.

Die postmoderne Kulturtheorie ist daher keine romantisch-reaktionäre Aufhebung der technisch-wissenschaftlichen Welt der Moderne und ihrer instrumentalen Vernunft. Sie ist keine Antimoderne, sondern die Brechung der “Allmachtsansprüche” des modernen Sprachspiels zugunsten einer pluralistischen Sprachspieltheorie, die auf eine möglichst vielfältige und differenzierte Ausformulierung der verschiedensten Diskursarten (Genres) abzielt. In diesem Sinne ist der Schlachtruf der Postmoderne: “Rettet die Differenzen”, der sich gegen die moderne Vermassungsgesellschaft wendet, zu verstehen. Der Mut zur Differenz ist der Mut zur Segmentierung unserer Eksistenz. Diese Ausdifferenzierung der Sinnlichkeit in die Unendlichkeit ihrer Differentiale versteht der postmoderne Philosoph selbst als unendliche Aufgabe, durch deren Vollzug die Sinnlichkeit allererst in den Reichtum ihrer möglichen Horizontbildungen und Intentionalitäten hervorkommen kann.

Während die Romantik noch von der Sehnsucht nach Einheit getragen wurde, sucht der postmoderne Philosoph gerade die unterschiedlichsten Sprachwelten auf, prüft sie auf ihre immanente Sinnhaftigkeit, um sie dann innerhalb der Schranken ihrer inneren Logik sein (bestehen) zu lassen. Bei dieser sprachphilosophischen Reflexion geht es dem postmodernen Philosophieren besonders um die kritische Grenzbestimmung der Rechtsansprüche einzelner Sprachspiele (Segmente), wodurch diese zu klar umgrenzten Territorien möglicher Satzfamilien werden.

Verstehen wir nun das, was sich in der Phänomenologie als Horizont der Intentionalitäten gezeigt hat, als mögliche Satzuniversen, die jedem Erscheinen von Etwas (Intentionalität) als apriorischer Verweisungszusammenhang von Welt (Bedeutungsganzheit, Heidegger) zugrunde liegen, dann haben wir den Absprung von der Phänomenologie zur Sprachphilosophie vollzogen. Ein Absprung, den Lyotard selbst in den 50-er Jahren vollzogen hat und der sich schon beim späten Kant angekündigt hat. Die Intentionalität unserer Eksistenz enthüllt sich dann als Archipel möglicher Satzuniversen. Der Ozean, der Archipelagos, der diese Satzfamilien als Inseln (Häuser) beheimatet, zeigt sich nun als das Vermögen der Urteilskraft (J.F. Lyotard, Der Enthusiasmus, 33). Sie verbindet die Satzfamilen (Inseln) untereinander, indem sie über die Geltungsansprüche der einzelnen Satzregelsysteme (Territorien) urteilt. Als das Vermögen des Mediums und der horizontalen Grenzbestimmung wird die Urteilskraft zur Mutter des Rechts, die die Grenzen sinnvoller Satzuniversen bestimmt und damit beschränkt.

Diese Fragestellung nach der sinnvollen Beschränkung einzelner Diskursarten ist es, die in Kant einen Vorläufer der Postmoderne entdeckt. – Denn genau in diesem “postmodernen” Sinne hat schon Kant den Terminus Kritik in seinen Werken verstanden: Kritik ist Grenzbestimmung von Vermögen.

Im Anschluß an Wittgensteins Sprachspieltheorie und die Destruktion des Subjekts in der europäischen Philosophie des 19 Jh. (Nietzsche) nennt Lyotard die Vernunftvermögen zwar nicht mehr Vermögen, sondern Satzuniversen, aber ungeachtet dieser Differenz lassen sich die “vier” Kritiken Kants von Lyotard her als Grenzbestimmung von Satzuniversen lesen, deren territoriale Rechtsansprüche kritisch untersucht werden müssen, um sie in der Bewandtnis ihrer Rechtsansprüche (Horizont) sichtbar zu machen und damit vor territorialen Übergriffen zu schützen, in die sich z. B. der transzendentale Schein dialektischer Urteile verstrickt.

Die Kantische Kritik enthüllt sich einer solchen Lesart folglich als horizonthafte Grenzziehung der Geltungsansprüche der theoretischen, praktischen, ästhetischen, religiösen und politischen Satzuniversen.

Das Kantische Philosophieren eignet sich aus diesem Grunde in ausgezeichneter Weise für einen postmodernen Diskurs. Kant unterliegt noch nicht dem Systemzwang der Idealisten, der alle Differenzen nivelliert und schlußendlich in die Vollendungsruhe des absoluten Geistes aufhebt. Er läßt die Konflikte, den Widerstreit der Vermögen stehen und deckt damit schonungslos die Brüche und Abgründe der menschlichen Erkenntnis auf. Das Unversöhnliche in der Kantischen Dialektik, die Unaufhebbarkeit der Antionimien, die abgründige Kluft zwischen Sinnlichkeit und Verstand, theoretischer und praktischer Vernunft, all das macht aus postmoderner Sicht die Größe dieses Denkens aus. Es läßt den Widerstreit Widerstreit sein, ohne nach einer dialektischen Allversöhnung zu schielen. In diesem Sinne wahrt das kritische Denken die Achtung vor der Pluralität der Sprachspiele und Regelsysteme und wird so zu einem Anstoß, der als Wink in Richtung Postmoderne deutbar ist.

Die postmoderne Kulturtheorie, die den Mythos von Metaerzählungen endgültig aufgegeben hat, kann zwar nicht länger mit dem Anspruch auftreten, alle Widersprüche aufheben zu können, aber sie muß bei dieser schmerzlichen Einsicht in die widerstreitende Komplexität des Lebens weder verzweifeln noch in eine sorglose Gleichgültigkeit und Lethargie verfallen. Sie kann sich, inmitten des Widerstreits eksistierend, um ein wechselseitiges Gewährenlassen eines pluralistischen Nebeneinander möglichst vieler Sprachuniversen bemühen. Damit leistet sie zum Projekt einer friedlichen Coexistenz fremdartigster Lebensformen ihren ureigensten Beitrag.

In diesem Sinne wird eine postmoderne Kulturtheorie zu einem Plädoyer für eine tolerante Haltung der Kulturen und Lebensformen untereinander innerhalb einer gemeinsamen multikulturellen Weltzivilisation. Die Postmoderne, in ihrer achtenswerten Lesart, gibt damit die imperialistische Haltung der Einverleibung fremder Territorien auf, die selbst noch die Emanzipationserzählungen der Aufklärung kennzeichen, um sie durch die Gebärde des gewährenlassenden Nebeneinander fremdartiger Sprachspiele zu ersetzen. In diesem Sinne ist der Terminus Postmoderne kein Kulturbegriff der amerikanisch-europäischen Kultur mehr, sondern jener inter-kulturelle Raum, der sich als Bedingung der Möglichkeit einer Ausformulierung multikultureller Gesellschaften inmitten eines global village eröffnet. Er ist die distanzierte, gastfreundliche Haltung der Achtung des Anderen in seiner Andersheit.

3. Didaktik der Lehrveranstaltung

Im Laufe meiner derzeitigen Lehrveranstaltung hat sich für mich folgendes didaktische Vorgehen als sinnvoll und effizient herausgestellt:

Die jeweilige Übung wird durch ein zwanzig Minuten langes Referat von mir eingeleitet, wobei ich vor allem darauf wert lege, den kontinuierlichen Gang der in den vorigen Stunden zurückgelgten Denkbewegung herauszuarbeiten und für die Studenten sichtbar zu machen. Neben der zusammenfassenden Erläuterung von Textstellen der vorhergehenden Übungsstunden gehe ich in diesen Referaten auch auf philosophiegeschichtliche Bezüge ein. Die Studenten sollen am Ende des Semesters ein Gespür für die Stellung der jeweiligen Philosophie innerhalb der Philosophiegeschichte bekommen. Wo stehen Kant und Lyotard innerhalb der europäischen Geistestradition?

Nach dieser synoptischen Einführung in die Lehrveranstaltung wird ein Referat von einem Studenten zu einem vorher vereinbarten Buchabschnitt gehalten.
Im Wintersemester 1996/97 werden wir den Übungseinheiten das 1988 in Wien erschienene Buch (Passagen), Der Enthusiasmus, von J.F. Lyotard zugrundelegen und auf die Kantexkurse im Der Widerstreit, J.F. Lyotard, München 1987, eingehen.
Im Sommersemester werden wir uns dann dem Zentrum der Kantauslegung von Lyotard zuwenden, der Analytik des Erhabenen, erschienen in Bonn 1993.

4. Literaturhinweise

1. Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft, Stuttgart 1963.
2. Jean Francois Lyotard, Der Widerstreit, München 19892.
3. J. F. Lyotard, Der Enthusiasmus, Wien 1988.
4. J. F. Lyotard, Die Analytik des Erhabenen, Bonn 1993.
5. J. F. Lyotard, Das Inhumane, Wien 1989.
6. Richard Rorty, Habermas, Lyotard et la postmodernité, in: Critique, 1984,
442: 181-197.
7. R. Rorty, Habermas, Lyotard et la postmodernité, in: Praxis International, 1984,
4: 32-44.
8. R. Rorty, Le cosmopolitisme sans émancipation (en réponse à Jean Francois Lyotard), in: Critique, 1985, 456: 569-580.
9. Burghart Schmidt, Postmoderne – Strategien des Vergessens. Ein kritischer Bericht, Darmstadt/Neuwied: Lichterhand, 1986.

I. Zusätze Lektorat

In diesem Widerstreit stehend, zeigt sich Lyotard ein Ausweg aus dieser schmerzlichen Aporie der global im Widerstreit befindlichen Weltkultur des 20. Jds., indem er die Sprachspieltheorie des späten Wittgenstein auf das Kulturphänomen Moderne anwendet.
Damit gibt er eine postmoderne Antwort auf die globalen interkulturellen Konflikte, die unsere Erde derzeit zerrütten: z. B. auf den Widerstreit zwischen der europäischen großen Emanzipationserzählung der Moderne und den religiösen Diskursen des Islam, der Hindus, der Katholiken etc. Zwar lassen sich diese Konflikte durch eine postmoderne Kultutheorie nicht mehr aufheben, aber in ein gewährenlassendes Nebeneinander der Konfliktparteien besänftigen: Denn wenn – und solange – wir “allgemeine” Ansprüche auf Territorien einschränken, innerhalb derer sie für das an diesem Terrotorium teilhabende Gemeinwesen Gültigkeit besitzen, dann läßt sich das friedliche und gerechte Nebeneinander unterschiedlichster und selbst widerstreitender Sprachspiele (Kulturen) denken. So wie die newtonschen Gesetze für bestimmte Größenordnungen absolute Gültigkeit besitzen, im Mikro- bzw. Makrophysischen Bereich jedoch “unscharf” werden, so verhält es sich auch mit Sprach- und Kulturgemeinschaften. Sie gelten für die Masse (Quanten) ihrer Teilnehmer, besitzen jedoch für Angehörige anderer Sprachspiele nur eine beschränkte Relevanz. Die “Allgemeingültigkeit” von Sprachspielen beschränkt sich also auf das ihnen immanente Regelsystem. Dieses bildet den “kategoriellen Wahrnehmungshorziont” aus, den das Ensemble der möglichen Partizipanten bewohnt. Die Bewohner eines solchen “Satzuniversums” sind sich selbst in der Weise von ostensiven Sätzen erschlossen und “phänomenal” gegeben. Ein solches Territorium eines Satzuniversums nennt Lyotard einen Archipel (J.F. Lyotard, Der Enthusiasmus, Wien 1988)
Damit eröffnet sich die Möglichkeit einer postmodernen Kulturtheorie, die im Zentrum meiner eigenen derzeitigen Studien steht und für welche ich derzeit ein Humbold/Schrödingerstiipendium beantrage. (Mögliche Aufenthaltsorte: Heidelberg bei Prof. Heimo Hofmeister/Hannover bei Prof. Peter Koslowski).
Verstehen wir das, was sich in der Phänomenologie als Horizont der Intentionalitäten gezeigt hat, als Satzuniversen, die uns Objektbezüge allererst ermöglichen und insofern als apriorischer Verweisungszusammenhang von Welt (Bedeutungsganzheit, Heidegger) jedem möglichen erscheinen von Etwas zugrunde liegen, dann haben wir Lyotards Werdegang von der Phänomenologie zur Sprachphilosophie mitvollzogen.

Das historische Bewußtsein soll also durch ein geschichtliches Bewußtsein ergänzt werden, indem die Frage nach… Im Anschluß an Hans Küngs Projekt Weltethos

II. Zusätze

Erkenntnistheorie:

Erkennen: Sich in das Licht der Intentionalität begeben. Die Gesamtheit der Intentionalitäten = die Sinnlichkeit. Jeder Sinn der Sinnlichkeit zeigt etwas und ist insofern intentional. Die Intentionalität eines solchen Sinnes ist also das horizontale Spektrum der Intention.

Sprache: Die Sinnlichkeit ist kein leerer Zeitraum, der mit Objekten gefüllt ist (Leere/Atom). Ihre Durchmessungen sind das Verweisungsgefüge der Sprache. Der Logos ist insofern das lichtende, sichtbarmachende Prinzip der Sinnlichkeit: ihr Sinn. Jeder Sinn hat folglich seinen Logos. Lyotard nennt diese Logoi eines sinnlichen Horizonts ein Satzuniversum. Sie machen die “Fülle” einer sinnlichen Dimension aus. Die horizonthafte Sinnlichkeit unseres Da-seins ist folglich nicht nur eine raum-zeitliche Durchmessung der “Lichtung des Seins”, sondern ein eingehen in den Verweisungszusammenhang von Satzuniversen.
Jede Intentionalität erweckt einen Sinn und damit einen Horizont eines möglichen Satzuniversums. Wenn eine Sache zu uns spricht, wenn sie uns erregt, berührt, etwas zu sagen und zu verstehen gibt, dann ruft sie das ihr adequate Satzuniversum ab. Wir müssen die Sache im rechten Licht sehen. Wir müssen ihr ihren Horizont, also ihren
sprachlichen Verweisungszusammenhang zuordnen. Wird die Intentionalität in den richtigen Verweisungszusammenhang (sinnlichen Horizont) eingeordnet, dann wird die Sache in ihrem “An-sich-sein” von mir verstanden. Die Sache blitzt in ihrer Weltlichkeit auf. Sie wird in ihrer Sinnhaftigkeit freigelegt, bedeutet und verstanden.

Das Korrelationsapriori zwischen Intention und Horizont: Ein Minimum an Korrelation ist immer schon vorausgesetzt, damit ein intentionales Objekt überhaupt erscheinen kann. Es muß schon eine Lichtung geben, die mir den Gegenstand zeigen kann, sonst kann er mich ja gar nicht affizieren. Er muß mich ja angehen können. Und dieses Können meint das Korrelationsapriori.

Zwar können mich also intentionale Objekte nur “innerhalb” einer Lichtung etwas angehen, aber die Lichtung selbst ist nicht nur ein harmonisch gefügtes Korrelieren von Intention und horizonthaftem Verweisungszusammenhang, sondern auch ein Irritieren. Die “Wahrnehmungen der Sinnlichkeit” sind folglich nicht nur entdeckend, sondern auch verdeckend. Der Mensch ist als eksistierende Sinnlichkeit nicht nur in der Wahrheit, sondern ebensosehr in der Irre, in der Unwahrheit. Intentionale Objekte zeigen sich anders als sie sind. Vom berühmten Stock im Wasser bis zur Verstockung des Menschen.

Auch diese Erscheinungen sind unmittelbar evident und insofern wahr. Wir können z.B. fragen, wie es zur Brechung der Erscheinung des Stockes kommt. Immer wenn wir einen Stock ins Wasser geben, dann erscheint er um so und so viel Grad gebrochen, weil … . Die Erscheinung wird dann wahr im Sinne von verständlich. Der Stock als solcher bleibt “an-sich” ungebrochen, erscheint jedoch jeder Wahrnehmung als so und so gebrochen, wenn er im Wasser liegt, weil … . Diese Differenz von an-sich und erscheinen kann gewußt werden (Hegel), womit die Wahrnehmung relativiert wird und in ihrem wahren Sein als Schein entlarvt wird.
Ebenso die Verstockung. Wir können fragen, was eine Verstockung des Menschen ist. Wir können also diese Erscheinung unmittelbar in ihrer Verweisungsganzheit freilegen. Wir können ihr Satzuniversum artikulieren. Damit verstehen wir ihr “an-sich-sein”, ihr In-der-Welt-sein. Legen wir verstehend den Verweisungszusammenhang des Satzuniversums “Verstockung” aus, dann können wir diese z. B. als eine Verschließung der Motorik, eine Blockierung der Lebensenergien etc. beschreiben. Der Verweisungszusammenhang “Verstockung” kann mit anderen Verweisungszusammenhängen wie Lebensfreude in einem Widerspruch stehen. Er verhindert das freudvolle Fließen der Lebensenergie. Die Motivation, die Lebensgeister neuerlich zum lustvollen Fließen zu bringen, verweist daher auf die Blockierung derselben durch die Verstocktheit eines Menschen.
Sich dem Verweisungszusammenhang der Welt anvertrauen heißt also, in der Sinnlichkeit möglicher Satzuniversen eksistieren, Da-sein, In-der-Welt-sein: aufgehendes Eingehen (Physis) in sprachliche Verweisungszusammenhänge, Physio-logie.
Zur Welt kommen heißt kann: Ausforumung der apriori möglichen Verweisungszusammenhänge von sinnvollen Satzuniversen.

Das Heilige, der heilige Geist, die soteriologische Vernunft: In das Ereignis des Verweisungszusammenhangs der soteriologischen Eingehen. Die soteriologische Vernunft ist das Ereignis des spekulativen Geistes im entfalten der soteriologischen Zeitlichkeit. Diese ist das sich absolvieren der Pluralität und Pluralisierung der absoluten NotWendigkeit. Alles Seiende verbleibt und absolviert solange das NotWendige, bis sich dieses für das je einmalige, einzelne Seiende absolviert hat (perfekt). Dann ist es selbst in die Essenz der Eksistenz, in den materialisierten Verweisungszusammenhang der soteriologischen Vernunft eingegangen. Wenn alle Verhältnisse zu anderem Seienden so geregelt sind, daß sie nicht mehr leidvoll sind, dann hat sich für dieses Seiende die absolute NotWendigkeit absolviert, ereignet. Das A+O jedes Seienden ist das Ereignis dieser Absolution, das ek-sistentielle Freigesprochenwerden vom leidbringenden Karma. Die Lichtung des Seins qua Sinnlichkeit ist erstletzlich die Freigabe des Seienden auf das Ereignis der soteriologischen Vernunft als jenem wonnevollen (ANANDA) Verweisungszusammenhang, in dem sich der heilige Geist in die unendliche Pluralisierung der Mannigfaltigkeit physiologischer (“materieller”) Erlösungsereignisse (Samadhi, Moksha) realisiert. Heilsgeschichten.
Aufgabe: Wie können die Verweisungszusammenhänge in ihre lustvolle (Ästhetik) Realisierung befreit werden?
Differenziere: die abstrakte Antwort, die noch ihre technische Umsetzung (Realisierung) in den materiellen Verhältnissen verlangt bzw. die leibhaftige Antwort, in der sich der Verweisungszusammenhang der Welt in diese Realisierung ereignet hat. Die den materiellen Verhältnissen zugrundeliegende Sprachlichkeit des apriorischen Verweisungszusammenhangs möglicher Satzuniversen hat sich selbst zur Ek-sistenz, zur sinnlich leibhaftigen Sprache gebracht.
Die Sprache als die Sprache zur Sprache bringen (Heidegger) bedeutet in diesem Falle: den apriorischen Verweisungszusammenhang der soteriologischen Vernunft inmitten der Sinnlichkeit bezeugen. Dessen leibhaftige Sage sein. Die Weltverhältnisse in ihre soteriologische Realisierung ereignen. Sie von da her, ek tou freigeben, sichtbar machen, verstehen.
Alles aus der Vorhabe der soteriologischen Vernunft verstehen als jener Lichtung des unvordenklichen Seyns, die alles Seiende auf dessen höchste Realisation, die es yst und daher werden kann und werden wird, freigibt. Diese Freigabe: Erlösung aus der Welt des leidvollen Dharmas. Das göttliche Licht. Ho theos … . Moksha. Er-leuchtung. Sich in jenem Horizont des göttlichen Dharma bewegen, leiben und leben.

Comments are closed.