Abstract

 

XXIV. Namenkundliches Symposium, Kals am Großglockner, 18.-21. Juni 2009

 

 

Blümle, Rikl, Sorl - Rituelle jüdische Mädchennamen in Wien (2.H. 19. Jhdt.)

 

Rituelle Namen werden aus dem eigenen Vornamen und dem Namen des Vaters gebildet, bei Buben verbunden mit ben (Sohn), bei Mädchen mit bat (Tochter). Buben erhalten ihn bei der Beschneidung, Mädchen beim Akt der Namensgebung. Rituelle Vornamen sind in Wien eher selten identisch mit dem bürgerlichen Vornamen, der in die Geburtsmatrik im Beisein von zwei Identitätszeugen nach Angabe der Eltern eingetragen wurde. Was die bürgerlichen Vornamen betrifft, so hatten Juden seit dem Jahr 1787„deutsche“ Vornamen zu tragen, alttestamentliche waren erlaubt, jedoch nur in ihrer christlichen Aussprache, auch bei Mädchen – Rebekka statt Rifka, Sara statt Sorl. Verboten waren bis zum Jahr 1868, bis zu den Interkonfessionellen Gesetzen, Jargonnamen - Namen aus dem jüdischen Schtetl, wie Sprinze, Rikl, Zartl. Neben den bürgerlichen Vornamen hielten sich jedoch im rituellen Kontext weiterhin die traditionellen Namen als schemot ha-kodesch, die erst ab den 1860er Jahren in die Namensrubrik der Geburtsmantriken (Zweitschriften) aufgenommen wurden. Rituelle Namen finden sich zunächst vereinzelt in der Quadratschrift, dann häufig in der alte hebräischen Kursive, reich an Ligaturen, ab dem ausgehenden 19. Jhdt. immer seltener, nicht mehr in der Namensrubrik, sondern in den Rubriken der rituellen Eintragungen.

Buben erhielten öfters als Mädchen hebräische Namen oder Namen, welche auf hebräische Namen zurückzuführen sind wie Eisig oder Izig auf Jitzchak. Mädchen hingegen gab man häufiger deutsche Namen wie Blimele (Blume), Feigele (Vögelchen), Gitl (abgeleitet von gut), Kröndl (Diminutiv zu Krone). Aus dem Romanischen kommen Rikl, Bele, Breindl und Sprinze: Rikl wird aus Ricca abgeleitet, Bele aus Bella, Breindl aus Bruna und Sprinze aus Esperanza. Überaus häufig kommen bei den rituellen Namen von Mädchen Diminutive vor, die weiter und weiter abgewandelt wurden, sodass ihre ursprüngliche Form kaum mehr erkennbar ist: Aus Sara wurde Sarl, Sorl, Zortl. Pessel und Fatschel entstanden aus Bat Schewa. Und ganz sicherlich tragen diese Namen auch die Spuren ihrer Wanderungen mit sich, sodass ihr Ursprung nicht immer gänzlich geklärt werden kann: Der Name Itl, Jitl, Jittel zum Beispiel könnte einerseits von Judith, andererseits vom mittelalterlichen recht verbreiteten Ita, Yta, Itte abgeleitet worden sein.

Rituelle Namen brauchten auf amtlich vorgegebene Namen und deren Aussprache keine Rücksicht nehmen – sie sind daher eine wertvolle onomastische und auch sozialgeschichtliche Quelle.

 

Wien, am 5. Februar 2009

Anna L. Staudacher