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Mag. Dr. Andreas Olbrich-Baumann Sozialpsychologe |
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| Lehrveranstaltung
Politische Einstellung und Vorurteile
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Die
politische Partizipationsforschung beschäftigt sich mit den Gründen für
politische Aktivität und politisches Interesse. Die Aktivitäten der
politischen Partizipation können recht mannigfaltig sein. Unter
politischer Partizipation versteht man einerseits das Diskutieren mit
Freunden am Stammtisch bis hin zur Bekleidung eines öffentlichen Amtes.
Die politische Partizipation wird z.T. mit sehr einfachen Skalen
gemessen, die eine Bandbreite von politischen Aktivitäten umfassen.
Eine der ersten Studien, die politische Partizipation untersuchte, war
die American National Election Study (ANES). Diese wird seit 1952 jedes
zweite Jahr durchgeführt. Tabelle T-3.1, gibt eine Auswahl der Items
dieser Studie wieder. Diese Studie wurde aufgrund ihrer Einfachheit sehr
oft kritisiert (Brady, 1999) und in Nachfolgeuntersuchungen wurden die
Items ergänzt. Winkler,
Judd und Kelman (1981) versuchten, die politische Partizipation durch
eine faktorenanalytische Studie auf die zugrunde liegende Faktoren zurückzuführen.
Tabelle T-3.2 gibt die Items der Studie von Winkler, Judd & Kelman
(1981) wieder. Die politische Partizipation lässt sich nach Winkler,
Judd & Kelman (1981) in vier Faktoren einteilen: (1) politische
Diskussion (z. B. mit Freunden, Verwandten, etc.), (2) Wählen, (3) Ausübung
eines politischen Amtes und (4) einer generellen politischen Aktivität.
Unter dem vierten Faktor verstehen die Autoren Mithilfe bei
Wahlveranstaltungen, Geldspenden, Teilnahme an Demonstrationen etc. Die politische Partizipation hängt von einigen
demographischen Variablen ab. So zeigt sich, dass Personen
mit höherer Bildung eher zur politischen Partizipation neigen, ebenso
spielt das Alter eine wesentliche Rolle. Je älter die befragten
Personen sind, desto eher werden sie aktiv. Dieses Ergebnis konnte auch
von Burn & Konrad (1987) repliziert werden. Sie fanden weiters, dass
der erlebte Stress im Beruf eine entscheidende Rolle spielte, ob jemand
politisch partizipierte oder nicht. Je mehr Stress erlebt wurde, desto
weniger wurde am politischen Geschehen teilgenommen. Dies ist verständlich,
da die geringe Freizeit zumeist mit der Familie verbracht wird. Tabelle
T-3.1. Die Items der ANES
Tabelle T-3.2. Die Items der Studie von Winkler, Judd & Kelman
(1981).
Frauen
nehmen weniger am politischen Geschehen teil, wenn sie kleine Kinder
erziehen (McGlen, 1980; Lafferty, 1980). Ein weiterer Grund, nicht am
politischen Geschehen (aktiv oder passiv) teilzunehmen, ist der Umzug in
eine andere Gegend, denn dies ist meistens mit einem mittleren bis hohen
bürokratischen Aufwand verbunden (Erikson, 1981; King, 1981; Sanders,
1980). Einerseits muss man sich geographisch orientieren (z. B. wo das nächste
Wahllokal ist) und andererseits muss man sich mit den politischen
Gegebenheiten des neuen Ortes vertraut machen. Wer ist der
Spitzenkandidat der präferierten Partei? Werden die eigenen Interessen
durch die etablierten Parteien abgedeckt, oder gibt es spezifische Bürgerinitiativen?
Wenn man weiters in einen anderen Staat zieht, kann es notwendig sein,
sich für Wahlen aktiv registrieren zu müssen (wie z. B. in den USA). Die
Zugehörigkeit zu einer Partei und die Identifikation mit ihr spielt
ebenfalls eine signifikante Rolle, ob jemand zur Wahl geht oder nicht
(Greene, 1999). Außerdem spielen die persönlichen Werte (Barnea &
Schwartz, 1998) und die Persönlichkeit des Wählers (Caprara,
Barbaranelli & Zimbardo, 1999) eine wichtige Rolle bei der
Vorhersage des Wahlverhaltens. Barnea und Schwartz (1998) zeigten, dass
persönliche Werte im politischen Kontext dann einen Einfluss ausüben,
wenn sich die Parteien klar ideologisch differenzieren. In diesem Fall
diskriminieren sie sogar besser zwischen den einzelnen Wählertypen als
die demographischen Variablen (Alter, Bildung und ethnische Zugehörigkeit).
In einem indifferenten politischen Kontext verhält es sich umgekehrt,
hier zeigen die demographischen Variablen eine höhere Diskriminationsfähigkeit. Der handlungstheoretische Ansatz der politischen
Partizipation Ein
handlungstheoretischer Ansatz der politischen Partizipation wurde von
Krampen (1991, 2000; Krampen & Wünsche, 1985) vorgestellt. In seinem Modell wird politische Aktivität als
zielgerichtetes Handeln definiert, das aus der Transaktion des
Individuums mit seiner (politischen) Umwelt resultiert. Dieses Handeln
wird auf subjektive Bewertungen von Handlungsergebnissen und auf
subjektive Erwartungen darüber, dass einer bestimmten Handlung in einer
gegebenen Situation ein Ergebnis folgt oder nicht, zurückgeführt. Das
differenzierte Erwartungs-Wert-Modell für die Vorhersage politischer
Partizipation besteht aus folgenden situationsspezifischen
Basisvariablen: (1)
Situations-Ereignis-Erwartungen (S): Die subjektive Erwartung eines Ereignisses (ER) in der
gegebenen Lebenssituation (Sit), ohne dass das Individuum handelt. (2)
Valenz der Folgen (V ’):
Die subjektive Bewertung der Folgen (F), die ein politisches Ereignis
(ER) haben kann. (3)
Ereignis-Folge-Erwartungen
(I): Die subjektive Erwartung, dass ein politisches Ereignis
(ER) eine bestimmte Folge (F) hat oder nicht
(Instrumentalisierungserwartung). (4)
Situations-Handlungs-Erwartungen
(SK): Die subjektive Erwartung, dass dem Individuum in
der gegebenen Lebenssituation (Sit) eine oder mehrere Handlungen zur
Verfügung stehen oder nicht (Kompetenzerwartung). (5)
Handlungs-Ereignis-Erwartungen
(K): Die subjektive Erwartung, dass auf eine Handlung (H) ein
Ereignis (ER) folgt oder nicht folgt (Kontrollerwartung). Diese
situationsspezifischen Variablen werden von Persönlichkeitsfaktoren
beeinflusst. Wichtige Prädiktoren für die Vorhersage der Partizipation
sind die Variablen: (1) Systemvertrauen (system trust), (2)
Selbst-Konzept seiner eigenen politischen Kompetenz, (3) politische
Kontrollorientierungen, (4) politisches Wissen und (5) politische
Werthaltungen. Unter Systemvertrauen versteht Krampen (1991) das
Vertrauen in das politische System, die Politiker und die politischen
Parteien. Das Systemvertrauen resultiert aus generalisierten
Situations-Ereigniserwartungen, den subjektiven Ereignisbewertungen und
den erwarteten Folgen. Ein hohes Vertrauen in das System gibt an, dass
positiv bewertete Ereignisse auch dann eintreten, wenn man selbst nichts
dazu beiträgt. Ein Individuum besitzt hohes Misstrauen in das System,
wenn es meint, dass ohne sein eigenes Zutun keine politisch positiven
Ergebnisse eintreten, oder dass nur durch eigene politische Aktivität
negative Ereignisse (z.B. Steuererhöhungen) verhindert werden können.
Dass Systemvertrauen ein signifikanter Einflussfaktor für die
politische Partizipation ist, wurde bereits von Milbrath und Goel (1977)
und Lotsof und Grot (1973) bestätigt. Wer ein hohes Vertauen in das
politische System besitzt nimmt weniger an politischen Protestmaßnamen
(wie z.B. Demonstrationen) teil. Hohes Systemvertrauen führt zu einer
geringeren exponierten politischen Aktivität.
Das Selbst-Konzept der eigenen
politischen Kompetenz besteht aus generalisierten Erwartungen und
Erfahrungen in politischen Situationen. Wenn man erwartet, dass
verschiedene Verhaltensalternativen in einer politischen Situation zur
Verfügung stehen, ist das Selbst-Konzept der eigenen politischen
Kompetenz stark ausgeprägt. Es ist schwach ausgeprägt, wenn man nicht
weiß, wie man sich in einer Situation verhalten soll. Wenn man mit dem
Bau einer neuen Schnellstraße nicht einverstanden ist, kann man bei
hoher politischer Kompetenz verschiedene Handlungen setzen. Z.B. Kann
man einen Brief an den Vorsitzenden des Bezirks schreiben, eine
Demonstration besuchen oder organisieren, Massenmedien auf Missstände
aufmerksam machen, etc. Bei niedriger politischer Kompetenz kennt man
wahrscheinlich nur wenige Verhaltensalternativen und weiß über deren
Wirksamkeit kaum Bescheid. In mehreren Untersuchungen konnte bestätigt
werden, dass erhöhte politische Partizipation mit einer hohen
Wirksamkeitserwartung und hohem Selbstwert einhergeht (Crawford &
Naditch, 1977; Marsh, 1977, Barnes et al., 1979; Sears, 1987). Politische Kontrollorientierungen sind generalisierte
Situations-Handlungserwartungen. Sie werden durch die Erfahrungen, die
man durch eigene politische Einflussnahme gemacht hat, bestimmt.
Politische Kontrollorientierungen setzen ein gewisses Maß an ausgeprägtem
Selbst-Konzept seiner eigenen politischen Kompetenz voraus. Politisches Wissen definiert Krampen (1991) als subjektive
Annahmen über das politische System, die das Verhalten dieses Systems
korrekt vorhersagen. Dieses Wissen bezieht sich auf rein subjektive
Konsequenzerwartungen und basiert nicht auf objektivem Wissen. Dies
bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Person über falsches Wissen
oder über große Wissenslücken verfügen und sich trotzdem als
„wissend“ bezeichnen kann. Das subjektive Wissen wird meist mit der
Frage „Sind Sie über die politische Situation in Österreich
(Deutschland) informiert?“ In Umfragen wird kaum das objektive Wissen
der Wähler getestet. Dies hat mehrere Gründe. Erstens ist es sehr mühsam
Probanden, längere Zeit zu befragen, und zweitens mit finanziellen
Kosten (für die Auftraggeber) verbunden. Die
Werthaltungen stehen in Beziehung zu Handlungszielen, zu der Bewertung
von Ereignissen und Ergebnissen, sowie zur Bewertung der
Handlungskonsequenzen. Politische Wertorientierungen können einerseits
durch die subjektiven Bewertungen der politischen Ideologien, Parteien
und Ereignisse und andererseits durch individuelle politische Ziele
definiert werden. In Abbildung A.3-1 ist das gesamte Modell graphisch
dargestellt. Der Kern der Abbildung enthält die situations- und
handlungsspezifischen Variablen. Die Persönlichkeitsvariablen und deren
Verbindung zueinander umschließen diese. Um dieses handlungstheoretische Modell zu überprüfen,
unterscheidet Krampen zwischen (1) konventioneller politischer
Partizipation (Wählen, Sammeln von politischer Information,
Diskussion), welche nur geringes persönliches Engagement erfordert und
(2) unkonventioneller (exponierter) politischer Partizipation
(Engagement für eine politische Partei oder Bewegung, Kandidatur für
eine politische Funktion, Teilnahme an einer Demonstration, etc.),
welche starkes persönliches Engagement erfordert und manchmal sozialen
Normen widerspricht. Subjektiv bekannte Situationen der politischen
Partizipation können sehr leicht antizipiert werden. Es ist genügend
Wissen über die Handlungsmöglichkeiten in diesen Situationen
vorhanden. Die
situations- und verhaltensspezifischen Variablen sind vor allem in
subjektiv gut definierten Situationen gute Prädiktoren. In
neuen Situationen kann man nicht auf bereits gemachte Erfahrungen zurückgreifen.
Man weiß nicht, wie man sich richtig verhalten soll. Es liegen keine
kognitiven Pläne (scripts) zur Bewältigung dieser zumeist schlecht
definierten und ambiguen Situationen vor. Persönlichkeitsmerkmale wie
z. B. Vertrauen, Kompetenzerwartung, Kontrollorientierung und
Werthaltungen spielen hier eine wesentliche Rolle und beeinflussen die
Wahl der Handlungen. Folgt
man dem handlungstheoretischen Modell von Krampen (1991), so sollten in
subjektiv bekannten Situationen die situations- und
handlungsspezifischen Variablen gute Verhaltensprädiktoren sein, in
subjektiv neuartigen Situationen sollten die Persönlichkeitsvariablen
einen größeren Einfluss auf die gezeigten Handlungen haben. Um
dieses Modell zu überprüfen, wurde die politische Partizipation 100
erwachsener bundesdeutscher Vpn untersucht. 50 Personen gehörten einer
politischer Partei oder Bewegung seit mindestens zwei Jahren an, die
anderen Versuchspersonen engagierten sich nicht aktiv in einer
politischen Bewegung.
Abbildung
1. Das Gesamtmodell der politischen Partizipation nach Krampen (1991, S.
5). Für
die Überprüfung des Modells wurden drei Prädiktorensets (Itemsets)
gebildet. Das erste Set dient zur Bestimmung der situationsspezifischen
Verhaltensweise, das zweite bereichsspezifischer Persönlichkeitsvariablen
und das dritte generalisierte Persönlichkeitsvariabeln. Im
ersten Schritt wurden zehn politische Ereignisse ausgewählt, die in der näheren
Zukunft eintreten könnten (Erhöhung der Arbeitslosenzahlen, Konstruktion
von atomaren Wiederaufbereitungsanlagen, Gesundheitsrisiken durch
verunreinigte Lebensmittel, Häuserabriss, CDU/CSU-Mehrheit, Grüne im
Bundestag, Radikalenerlass, Raketenstationierung in der Bundesrepublik,
NATO-Interventionen im Mittleren Osten zur Sicherung der Ölexporte, Militärische
Intervention der USA in Nicaragua). Für jedes Ereignis musste von den
Versuchspersonen folgende Fragen beantwortet werden: (1)
Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein,
dass dieses Ereignis in der nächsten Zeit eintritt
(Situations-Ereignis-Erwartung)? (2)
Können Sie auf dieses Ereignis reagieren
(Kompetenzerwartung)? (3)
Glauben Sie, dass Sie durch ihr Verhalten das
Ereignis beeinflussen können? (Kontrollerwartung) (4)
Welche Relevanz hat dieses Ereignis für Ihre persönlichen
Interessen (Instrumentalität des Ereignisses für die Folgen)? (5)
Ist das Eintreten dieses Ereignisses gut oder
schlecht für Sie (Bewertung des Ereignisses)? (6)
Welche Konsequenzen hätte das Ereignis für Sie
(gute oder schlechte) (Bewertung der Ereignisfolgen)?
Das
zweite Set bestand aus Tests zur bereichsspezifischen Persönlichkeitsvariablen.
Hierzu wurden die Skala zur Messung des Selbstkonzepts eigener politischer
Kompetenzen (SKP, Krampen, 1986), und der Fragebogen zu Kompetenz- und
Kontrollüberzeugungen IPC-I*P* von Krampen (1987) verwendet. Das
dritte Test-Set bestand aus 6 Indikatoren aus dem Moralischen-Urteil-Test
(Lind, 1980). Weiters
mussten die Vpn angeben, wie sehr sie über die zehn politischen
Ereignisse informiert waren und wie sehr sie sich im Moment um
Informationen zu diesen Themen aktiv bemühen. Die
Ergebnisse zeigten, dass konventionelle politische Partizipation durch die
handlungsspezifischen Variablen vorhergesagt werden können. Die beiden
anderen Prädiktionssets hatten keinen signifikanten Einfluss auf die
konventionelle politische Partizipation. Für
die exponierte politische Partizipation zeigte sich ein differenziertes
Bild. Für politische Aktivisten (Personen, die einer Partei oder einer
politischen Bewegung länger als zwei Jahre angehören) waren wiederum die
handlungsspezifischen Variablen die besten Prädiktoren. Für Personen,
die nicht aktiv einer politischen Bewegung angehörten, waren die
bereichsspezifischen Persönlichkeitsvariablen die besten Prädiktoren für
die exponierte politische Partizipation. Krampen (1991) führt dieses
Ergebnis auf die adäquatere kognitive Repräsentation der politischen
Themen der politischen Aktivisten zurück. Sie nehmen das politische
Geschehen differenzierter wahr und reflektieren die einzelnen
Informationen genauer. Die Erwartungen und Bewertungen der politischen
Ereignisse sind subjektiv klar definiert. Personen, die keiner politischen
Bewegung angehören, haben ein diffuses politisches Bild und berichten über
geringes politisches Wissen. Entwicklung
der politischen Partizipation
Die
Entwicklung der politischen Partizipation setzt bereits sehr früh ein.
Kinder lernen von ihren Eltern die politischen Einstellungen und werden am
Mittagstisch oder bei gesellschaftlichen Anlässen Augen- und Ohrenzeugen
von politischen Diskussionen. Hyman (1959) meinte etwas populistisch
formuliert, dass die politischen Einstellungen dem Kind bereits in die
Wiege gelegt werden („A man is
born into his political party just as he is born into probable future
membership in the church of his parents“, Hyman, 1959, S. 74). Die
Präferenz für eine bestimmte Partei ist über die Lebensspanne nahezu
konstant (Converse, 1969, 1976). Die Stärke und Stabilität nimmt sogar
noch im Erwachsenenalter zu, da man sehr viele (einseitige) Erfahrungen
sammelt (in dem man auf Parteiveranstaltungen, Wahlkampfveranstaltungen,
zu politischen Diskussionsrunden – insbesonders zu Stammtischen im
Gasthaus oder im Cafe – geht oder sich Fernsehsendungen ansieht). In
einer großangelegten Sozialisationsstudie von Jennings und Niemi (1974,
1981; Jennings, Stoker & Bowers, 1999) konnte ein starker Zusammenhang
zwischen den Parteipräferenzen der Eltern und ihrer Kinder nachgewiesen
werden. In der Adoleszenz nimmt die Auseinandersetzung mit politischen
Themen signifikant zu (Dreher & Dreher, 1985; Krampen, 1990). Dreher
und Dreher (1985) sehen das Begreifen der komplexen Strukturen von Staat
und Umwelt und die Entwicklung eines politischen Bewusstseins als
vorrangige Entwicklungsaufgabe in dieser Altersstufe. Es wird eine
Klarheit über politische Ziele und die Entwicklung von Handlungsmöglichkeiten
für Umweltschutz und Friedenssicherung angestrebt. In dieser Phase
konnten Jennings, Stroker & Bowers (1999) einen geringeren
Zusammenhang zwischen den Parteipräferenzen der Eltern und ihrer Kinder
nachweisen. Nach dieser Phase stieg er wieder an. Interessanterweise
konnten sie für andere politische Einstellungen nur einen wesentlich
geringeren Zusammenhang zwischen Eltern und ihren Kindern nachweisen.
Eltern, die eine stabile und extremere politische Einstellung aufwiesen,
waren in ihren Sozialisationsbemühungen erfolgreicher als jene Eltern,
die nur eine schwache Einstellung zu politischen Themen hatten. Glass,
Bengtson und Dunham (1986) wiesen nach, dass auch eine umgekehrte
Beeinflussung bei „modernen“ Themen (wie z.B. Umweltschutz) möglich
ist (d.h. Kinder beeinflussen durch politische familiäre Diskussionen die
Einstellungen ihrer Eltern). Unklare
Befunde liegen für die Sozialisation in instabilen Familienverhältnissen
und für Alleinerziehende vor. Jennings, Stoker und Bower berichten, dass
eine ähnliche Sozialisation wie in traditionellen Familienverhältnissen
vorliegt. Hardy, Carrier & Endersby (2000) konnten nur einen schwachen
Zusammenhang zwischen den politischen Einstellungen der geschiedenen
Ursprungsfamilie und deren adolesezenten Kindern nachweisen. Die
Stärke des Zusammenhangs der Parteipräfenzen zwischen Eltern und Kindern
hängt auch von politischen Ereignissen ab (z.B. von politischen Wahlen).
Sears und Valentino (1997) beobachteten Familien vor, während und nach
US-Präsidentschaftswahlen. Am Ende des Wahlkampfs waren die Meinungen der
Eltern und ihrer Kinder ähnlicher und stärker ausgeprägt als zu Beginn
des Wahlkampfs und nach der Wahl. Politische Skandale haben ebenso einen
positiven Einfluss auf die politiscche Sozialisation. Während des
Impeachment-Verfahrens von US-Präsident Clinton (Er hatte eine Affäre
mit der Praktikantin Monica Lewinsky) zeigten sich Jugendliche ganz
besonders an Politik interessiert. Eltern berichteten, dass sie ihre
eigenen Werte zu dieser Zeit ihren Kindern vermitteln konnten.
Konservative, republikanische Eltern glaubten besonders erfolgreich bei
der Vermittlung ihrer Einstellung zu sein (Pew Reseach Center, 1998).
Dieser „Skandal“ wurde als hilfreich und nicht als schädlich für die
politische Sozialisation gesehen. Krampen
(1990, 1998, 2000) analysierte mit seinem handlungstheoretischen
Partialmodell der Persönlichkeit die politische Sozialisation in der
Adoleszenz. Er untersuchte hierfür 162 Realschüler und Gymnasiasten der
Geburtskohorten 1971-1973 im Alter von 14 bis 17 Jahren. Variablen mit
hoch ausgeprägter absoluter und positionaler Stabilität sind das
Selbstkonzept eigener politischer Fähigkeiten, persönliches politisches
Interesse (im Vergleich zu anderen Interessen) und die Bereitschaft zur
Ausführung politischer Aktivitäten. Für diese Selbsteinschätzungen
politischer Fähigkeiten und Handlungsbereitschaften waren weder
statistisch bedeutsame altersbezogene Entwicklungsveränderungen. Variablen
mit hoher positionaler Stabilität und absoluter Plastizität sind
politisches Wissen, Häufigkeit politischer Aktivitäten im Alltag und die
Anzahl realisierter unterschiedlicher Aktivitäten. Die Quer- und Längsschnittbefunde
zu diesen kognitiven und behavioralen Aspekten politischer Orientierungen
weisen auf signifikante Zunahmen mit dem Alter hin, wobei die
interindividuellen Unterschiede in der Stichprobe relativ stabil bleiben. Variablen
mit geringer positionaler Stabilität und inkonsistenten Befunden zur
absoluten Stabilität sind die Zufriedenheit mit den politischen
Gegebenheiten und das Vertrauen in die Politik. Bei diesen systembezogenen
Indikatoren politischer Handlungsorientierungen traten im Verlauf des
Jahres sehr starke Positionsveränderungen in der Stichprobe auf, was auf
bedeutsame interindividuelle Unterschiede im Entwicklungsgeschehen deutet.
Gleichzeitig fanden sich für die systembezogenen Variablen des Vertrauens
und der Zufriedenheit lediglich bedeutsame Unterschiede zwischen den
beiden Erhebungszeitpunkten. Diese reinen Zeit- und Periodeneffekte weisen
auf die relativ geringe entwicklungspsychologische Bedeutung dieser
Variablen und ihre starke Abhängigkeit von politischen Ereignissen hin.
Die gleichzeitig festgestellten großen interindividuellen Unterschiede in
ihren Entwicklungsverläufen deuten darauf, dass die politischen
Ereignisse höchst unterschiedlich von den Jugendlichen verarbeitet und
bewertet werden. Insgesamt
können vier Modelle der politischen Einstellungsbildung unterschieden
werden: (1)
Das Persistenz-Modell besagt, dass die politischen Einstellungen vor dem
Erwachsenenalter gelernt werden und über die gesamte Lebensspanne stabil
bleiben. Hierzu zählt die Parteipräferenz, die in meheren
Langzeitstudien in den USA (Converse & Markus, 1979) und in Kanada,
Großbritannian und in der Bundesrepublik Deutschland (Schickler &
Green, 1997) als stabil identifiziert wurde. (2)
Das zweite Modell geht davon aus, dass es im Leben eines Menschen eine prägende
Phase gibt („impresssionable years“), die für die weitere Entwicklung
der politischen Einstellungen entscheidend sind. Newcomb (1943)
untersuchte eine weibliche Kohorte, die aus konservativen Familien
stammte, aber eine progressive Schule besuchte. Er konnte eine relativ
hohe Stabilität der politischen Einstellungen von der Schulzeit bis ins
Erwachsenenalter nachweisen. In der Adoleszenz ist man zum ersten Mal mit
der Möglichkeit, am politischen Geschehen aktiv teilnehmen zu können,
konfrontiert. Hier gilt es, Informationen über die einzelnen Parteien und
Erfahrung im Umgang mit politisch anders denkenden Mitmenschen zu sammeln
und diese für den eigenen politischen Entscheidungsprozess und den daraus
folgenden Handlungen einzusetzen. Diese ersten Erfahrungen prägen für
das weitere Leben. In dieser Phase werden die Meinungen und Einstellungen
sehr oft gewechselt (Jennings & Stoker, 1999). Erst mit ca. 30 Jahren
bilden sich stabile Einstellungen heraus. Alwin (1993) sowie Visser und
Krosnick (1998) wiesen einen umgekehrt U-förmigen Zusammenhang zwischen
Stabilität der Einstellungen und des Alters nach. In besonders jungen
Jahren und im Alter zeigen sich vermehrt Schwankungen der Einstellungen.
Im Erwachsenenalter hingegen sind die Einstellungen über einen längeren
Zeitraum stabil. Warum gerade im Alter die Stabilität der Einstellungen
abnimmt, ist noch nicht ausreichend geklärt. Eine Hypothese besagt, dass
durch die Veränderung im sozialen Gefüge (Pensionierung, Verlust von
Freunden und der Verkleinerung des sozialen Netzwerks) die Einstellungen
nicht mehr durch ausreichende Informationen gestützt werden. Die
Stabilisierung der Einstellungen wird außerdem durch sogenannte life
events bzw. außergewöhnliche historische Ereignisse geprägt. Hiervon
sind ganze Generationen betroffen. Der zweite Weltkrieg, die Ermordung
John F. Kennedys, der Vietnamkrieg und terroristische Anschläge beeinflußen
die Einstellungen (Schuman & Scott, 1989). Für verschiedene
Generationen sind unterschiedliche Ereignisse von Bedeutung. Um das
kollektive Gedächtnis zu testen, wird nach dem bedeutensten Ereignis der
letzten 50 Jahre gefragt. Personen aus jeder Generation ziehen hierfür
Erfahrungen aus ihrem dritten Lebensjahrzehnt heran (Schuman & Scott,
1989). Neuere historische Ereignisse werden mit Metaphern aus dieser Zeit
beschrieben und erklärt (Schuman & Rieger, 1992). Jennings (1996)
wies außerdem Wissensunterschiede zwischen den Generationen nach. Jervis
(1976) zeigte, dass bedeutende Politiker auf jenes Wissen in neuen akuten
Krisen zurückgriffen, das sie am Beginn ihrer beruflichen Laufbahn
gemacht hatten. Dies kann natürlich dazu führen, dass Fehleinschätzungen
der politischen Lage entstehen. (3)
Im Gegensatz zu den ersten beiden Modellen postuliert das Dritte, dass man
das ganze Leben lang offen für neue politische Erfahrungen ist und
jederzeit seine Einstellung ändern kann. Empirische Belege für dieses
Modell gibt es nur wenige. Sigel (1989) untersuchte den Einfluss von
Lebensereignissen (Arbeitsplatzwechsel, Militärzeit, Heirat,
Elternschaft) auf die Stabilität der politischen Einstellungen. Hierbei
spielen drei Faktoren eine Rolle: (a) Persönlichkeitsentwicklung, (b) Übernahme
neuer Rollen und (c) der Umgang mit neuen Belastungen. Mit ihrer
Untersuchung trug sie aber kaum zur Unterstützung dieses Modells bei. Die
von ihr untersuchten Lebensereignisse treten vor allem im frühen
Erwachsenenalter ein und der Wechsel des Lebensmittelpunktes ist in jungen
Jahren drei Mal so häufig (Brown, 1988). Der politische Kontext spielt
beim Wechsel der Parteipräferenz ebenfalls eine Rolle. Wenn Parteien eine
klare Wertevorstellung repräsentieren und Einigkeit innerhalb der
Parteien herrscht, wird kaum ein Parteipräferenzwechsel vollzogen. Bei
instabilen Verhältnissen bzw. Streitigkeiten innerhalb der Parteien kann
es zu einem Wechsel kommen (Converse & Pierce, 1992). (4)
Das Lebenszyklus-Modell beschäftigt sich mit den Lebensphasen des
Menschen. Es besagt, dass in den einzelnen Lebensphasen spezifische
politische Inhalte von Interesse sind und je nach Lebensphase die
politischen Einstellungen schwanken. Dieses Modell konnte bisher empirisch
nicht bestätigt werden. Kohortenanalysen ergaben keine signifikante
Einstellungsveränderung über die Lebensspanne (Abramson, 1983; Alwin,
1992; Glenn, 1974). Vielmehr zeigte sich ein Generationeneffekt. Dieser
zeigte sich ebenso im Wahlverhalten. Junge Bürger gehen seltener wählen
als ältere (Putnam, 2000). Eine soziologische Hypothese lautet, dass
junge Bürger mehr Lebensaufgaben zu bewältigen hätten, die sie bei der
Suche nach geeigneter politischer Imformation und am Wählen hinderten.
Die wichtigsten sechs Lebensaufgaben junger Erwachsener sind nach dieser
Hypothese: Beendigung der Ausbildung (Schulabschluß), Verlassen der
Herkunftsfamilie und Aufbau einer eigenen Existenz, Berufswahl, Heirat und
geographische Mobilität. Highton und Wolfinger (2001) überprüften den
Einfluss der Bewältigung dieser Lebensaufgaben auf das Wahlverhalten
empirisch. Der Einfluss scheint sehr gering zu sein: Nur 6 Prozent der
Varianz im Wählerverhalten konnte durch die Bewältigung erklärt werden.
Das Alter spielte hingegen eine entscheidendere Rolle (37 Prozent der
Varianz konnte durch das Alter erklärt werden). Je älter eine Person
war, desto eher ging sie auch wählen. Dieses Ergebnis spricht für die
Lernhypothese (Man lernt im Laufe der Zeit, wählen zu gehen) und nicht für
das Lebenszyklus-Modell. Wahlverhalten
In
demokratischen Nationen ist die Mitbestimmung durch Wahlen ein wichtiger
politischer Aspekt, wenn nicht sogar der wichtigste für die Mitbürger.
Zum Wahlverhalten wurden nun schon einige Studien durchgeführt, die sich
zumindest zwei Paradigmen zuordnen lassen. Das erste Paradigma sieht im Wähler
ein rational handelndes und sich
informierendes Individuum. Er/Sie vergleicht die einzelnen politischen
Alternativen und wägt die Vor- und Nachteile des politischen Angebots
klar ab. Zuerst wird - nach diesem Paradigma - Information gesammelt und
danach gewählt. Nach
dem zweiten Paradigma geht der rationalisierende
Wähler hierbei anders vor: Er/Sie wählt zuerst den Kandidaten aus
und entscheidet sich erst daraufhin für die von diesem Kandidaten
vertretenen Standpunkten. Die Rationalisierung dieses Verhaltens kann auf
zwei Arten erfolgen: (a) Projektion:
Der Wähler favorisiert den Kandidaten aus Gründen, die er nicht zugeben
möchte und nimmt an, dass der Kandidat auch in diesen Inhalten mit ihm übereinstimmt.
Das Gleiche gilt auch für jenen Kandidaten, den der Wähler nicht mag.
Hier nimmt er an, dass der Kandidat jene Inhalte vertritt, die der Wähler
selbst ablehnt (Markus & Converse, 1979). (b) Überzeugung:
Der Wähler nimmt die Position des Kandidaten an, obwohl er ihn ursprünglich
aus anderen Gründen präferiert hat. Visser
(1994) versuchte, in einem Modell diese beiden Paradigmen zu vereinen und
ihre Prädiktionsfähigkeit zu überprüfen. Hierzu verwendete er Heiders
(1958) Balance-Theorie. Die
Balance-Theorie geht von den Beziehungen zwischen zwei oder drei Elementen
zueinander aus. Diese Beziehungen können entweder negativ oder positiv
sein. Heider geht von zwei unterschiedlichen Beziehungen aus: Die
Einheitsrelation besagt, ob zwei Elemente zueinander gehören oder nicht.
Die weitaus wichtigere Relation ist die Wertrelation. Unter dieser wird
die Bewertung der Beziehung zwischen zwei Elementen verstanden (Die
Beziehung kann zwischen den Elementen gut oder schlecht sein). Um die
Beziehungen und die Bewertungen darzustellen, werden von den meisten
Balance-Theoretikern graphische Darstellungen bevorzugt. Die Elemente
werden hierbei mit Buchstaben abgekürzt, und die Beziehungen zwischen den
Elementen werden durch Linien dargestellt. Eine durchgehende Linie wird
als positive Bewertung definiert, während eine strichlierte oder
punktierte Linie als negative Bewertung definiert wird. Weiters wird in
der Balance-Theorie die Struktur der Beziehungen bewertet. Hierbei gibt es
zwei Zustände: den balancierten und den unbalancierten Zustand. Nach
Heiders Balance-Modell befindet sich eine Struktur (Beziehungen zwischen
drei kognitiven Elementen) in balanciertem Zustand, wenn alle Verbindungen
positiv sind, oder wenn zwei der drei Verbindungen negative Ausprägungen
aufweisen. Befindet sich nur eine Verbindung oder alle drei Relationen in
negativer Relation, so spricht man von einem unbalancierten Zustand.
Abbildung 1 gibt die acht unterschiedlichen Beziehungsstrukturen
drei-elementiger Modelle wieder.
Abbildung 1. Balancierte und unbalancierte Strukturen Ein
unbalancierter Zustand löst im Individuum Unbehagen aus. Es wird daher
bemüht sein, dieses Unbehagen zu reduzieren, dies gelingt, indem wieder
ein balancierter Zustand hergestellt wird. Hierzu stehen mehrere Optionen
zur Verfügung: Entweder kann durch den Aufbau einer weiteren negativen
Relation oder durch Umwandlung einer negativen Relation in eine positive
ein balancierter Zustand erreicht werden. Welche Relation geändert wird,
hängt von der Stärke der jeweiligen Relation ab. Je stärker eine
Relation zwischen zwei Elementen ist, desto weniger wird sie verändert.
Es werden – im Sinne eines Ökonomieprinzips –zuerst die schwachen
Relationen verändert. Je nachdem welche dieser drei
Relationen verändert wird, kann man laut Visser (1994) von verschiedenen
Verhaltensweisen sprechen. Abbildung 2 gibt einen Überblick über die
Konzeptionalisierung des Modells.
Abbildung
2. Die Konzeptionalisierung des Wahlverhaltens nach Visser (1994). Wird
die Relation zwischen Wähler und inhaltlichen Standpunkt verändert, so
spricht Visser (1994) von Überzeugung (persuasion), wird die Relation
zwischen Wähler und Kandidat verändert, so erfolgt eine Wahl der
Politik. Wird die Relation zwischen inhaltlichem Standpunkt und Kandidaten
verändert, so spricht man von Projektion (Hier muss nochmals darauf
hingewiesen werden, dass der Wähler diese Relation verändert und nicht
der Kandidat, deshalb ist dies eine subjektive und keine objektive Veränderung
des Standpunktes! D.h. der Wähler interpretiert eine Standpunktänderung
des Kandidaten, obwohl diese objektiv nicht vorliegen muss!). Visser (1994) überprüfte sein
Modell mittels Daten aus der niederländischen Nationalratswahl von 1986.
Im Jahr 1985 entschied sich die niederländische Regierung mehrere
Atomkraftwerke zu bauen, um einer drohenden Energiekrise vorzubeugen. Am
30. April 1986 kam es jedoch im Atomkraftwerk Chernobyl (ehemalige UdSSR)
zu einem großen Unfall. Dies löste in den Niederlanden eine Diskussion
unter den politischen Parteien aus, ob weitere Atomkraftwerke gebaut
werden sollten. Die politischen Parteien waren in dieser Frage gespalten.
Am 31. Mai 1986 wurde die zweite Kammer des niederländischen Parlaments
gewählt. Visser befragte niederländische Wähler im März und April 1986
vor der Wahl, welche Meinung sie über die Erhöhung der Anzahl der
Atomkraftwerke hatten, welche Meinung die vier größten Parteien zu
diesem Thema hatten, und wen sie bei der Wahl im Mai wählen werden. Die
Einstellung zu den Atomkraftwerken wurde auf einer 7-stufigen Skala (1= es
sollen mehr Atomkraftwerke gebaut werden, 7= es sollen keine
Atomkraftwerke mehr gebaut werden) gemessen. Nach den Wahlen wurden die
Personen wiederum nach ihrer Einstellung, und der Einstellung der Parteien
gefragt. Weiters sollten sie berichten, wen sie bei der Wahl gewählt
hatten. Insgesamt nahmen an der
Untersuchung 571 Personen zu beiden Zeitpunkten teil. In Tabelle xx sind
die Ergebnisse bzw. die Veränderungen der Einstellungen, der
Wahrnehmungen und des Wahlverhaltens zwischen dem ersten und zweiten
Zeitpunkt für alle Versuchspersonen dargestellt. 483 (85%) Personen waren zum
ersten Zeitpunkt in einem balancierten Zustand, während sich 88 Wähler
in einem unbalancierten Zustand befanden. Um zu überprüfen, ob sich die
balancierten Wähler auch nach der Wahl in diesem Zustand befanden, und ob
die unbalancierten Wähler ihre Beziehungen zu einem balancierten Zustand
veränderten, müssen die beiden folgenden Tabellen genauer inspiziert
werden. Tabelle xx. Die Veränderung der Einstellung, der
Wahrnehmung und des Wahlverhaltens aller 571 Versuchspersonen (Visser,
1994, S. 707).
Die erste Tabelle gibt die Veränderungen
der balancierten Wähler wieder. Hier zeigte sich, dass rund 59% der Wähler
ihre Einstellungen und ihr Wahlverhalten nicht änderten. Nur 10% der
balancierten Wähler änderten ihr Wahlverhalten! Ein wesentlicher Teil
(rund 28%) der Wähler änderte die Wahrnehmung der Parteien, während
ihre eigene Einstellung rund 29% der Wähler änderten. 19% der Wähler
wechselten in einen unbalancierten Zustand. Bei den Wählern, die sich in
einen unbalancierten Zustand befanden, änderten auch nur 15% ihr
Wahlverhalten. Die anderen Strategien (Überzeugung und Projektion) wurden
in Summe öfters angewandt. 11% der Wähler blieben in ihrem
unbalancierten Zustand, den sie zum ersten Zeitpunkt hatten. 13% veränderten
sich in einen anderen unbalancierten Zustand. Somit wechselten rund 76%
der Wähler in einen balancierten Zustand.
Tabelle
xx. Die Veränderung der Einstellung, der Wahrnehmung und des
Wahlverhaltens der 483 balancierten Wähler (Visser, 1994, S. 707).
Tabelle
xx. Die Veränderung der Einstellung, der Wahrnehmung und des
Wahlverhaltens der 88 unbalancierten Wähler (Visser, 1994, S. 708).
Diese Ergebnisse lassen daher
darauf schließen, dass nur eine geringe Anzahl der Wähler als Wechselwähler
in Frage kommt und dass eine große Mehrheit bei ihren vorher festgelegten
Wahlverhalten bleibt. Die meisten Wähler lassen sich somit durch
Argumente überzeugen oder projizieren eine Einstellungsänderung der
Parteien oder der Kandidaten. Einschränkend muss man hier aber die
Arbeiten von Tannenbaum erwähnen, der die Wertigkeiten bzw. extremen
Ausprägungen der Relationen untersuchte (Osgood und Tannenbaum, 1955). In
seinen Untersuchungen zeigte sich, dass vor allem jene Relationen stark
verändert werden, die eher geringere Ausprägungen aufwiesen. Deshalb
sollte man in nachfolgenden Untersuchungen auch die Wertigkeiten der
einzelnen Inhalte und der Relationen für die Wähler berücksichtigen, um
eine bessere Prädiktion des Verhaltens zu erhalten. Weiters ist
anzumerken, dass Wahlentscheidungen sicherlich nicht nur von einer
einzigen Einstellung abhängen, sondern mehrere Einstellungen eine Rolle
spielen. Die Persönlichkeitsprofile der Wähler Die
Persönlichkeitsprofile der Wähler wurden in mehreren Untersuchungen nach
dem zweiten Weltkrieg erforscht. In den Fünfziger und Sechziger Jahren
des letzten Jahrhunderts waren Einzelaspekte der Persönlichkeit von
Interesse. Inbesonders die Forschung zur autoritären Persönlichkeit
erregte große Aufmerksamkeit (Adorno, Frenkel-Brunswik, Levinson &
Sanford, 1950). Autoritäre Persönlichkeiten wählen vor allem
konservative und anti-liberale, nationalistische Parteien. Einhergehend
mit der Entwicklung sophistizierterer Persönlichkeitsmodelle entwickelte
sich auch die Erforschung der Persönlichkeitsprofile der Wähler weiter.
Das vorherrschende Paradigma der Persönlichkeitstheorie (McCrae &
John, 1992; McCrae, 1996) geht von fünf zugrundeliegenden Persönlichkeitsfaktoren
aus (Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für Erfahrung, Verträglichkeit
und Gewissenhaftigkeit). Personen, die Offenheit für neue Erfahrungen
zeigen, sind eher liberaler und sind auf der dichotomen politischen Skala
eher links orientiert (Trapnell, 1994; McCrae, 1996). Für McCrae ist
dieser Persönlichkeitsfaktor eine wichtige psychologische Determinante,
ob eine Person eher liberal oder konservativ eingestellt ist: „Openness predisposes individuals toward liberal political views“ (McCrae,
1996, S. 327). Caprara,
Barbaranelli und Zimbardo (1999) befragten insgesamt 2030 italienische Wähler.
Unter anderem wurden sie mittels eines Fragebogens zur Fünf-Faktoren-Theorie
der Persönlichkeit getestet und nach ihrem Wahlverhalten bei der letzten
Wahl gefragt. Wähler, die bei der letzten Wahl die Mitte-Rechts-Koalition
unterstützt haben, waren dominanter und gewissenhafter. Die Mitte-Links-Wähler
waren freundlicher (sozial verträglicher) und waren offener gegenüber
neuen Erfahrungen. Die Wählergruppen diskriminierten nicht auf dem Faktor
emotionale Stabilität. Weiters unterschieden sich die Wählergruppen
nicht in den demographischen Variablen wie z.B. Alter oder
Geschlecht. Einstellungsänderungen
nach der Wahl
Einstellungsänderungen
nach der Wahl treten bereits nach dem Wahlvorgang ein. Regan und Kilduff
(1988) interviewten Wähler vor Betreten des Wahllokals und nach Verlassen
desselben. Zu beiden Zeitpunkten mussten die Wähler die
Wahrscheinlichkeit, dass ihr Kandidat gewinnt, schätzen. Es zeigte sich,
dass die Wähler nach der Wahl die Wahrscheinlichkeit eines Sieges ihres
Kandidaten signifikant höher einschätzten als vor der Wahl. Die
Veröffentlichung des Wahlergebnisses gibt jedem Wähler Informationen, ob
er selbst einen Kandidaten gewählt hat, der auch von der Mehrheit der Wähler
unterstützt wurde oder nicht. Wenn er den „Gewinner“ der Wahl gewählt
hat, so wird dies eine konsonante Information sein, die seine Einstellung
zu seinem Kandidaten unterstützt. Er wird in seiner Einstellung somit
bestärkt. Eine diskrepante Information liegt vor, wenn ein anderer
Kandidat oder eine andere Partei gewonnen hat. Kognitive Dissonanz liegt
vor, wenn der Wähler eine positive Einstellung zu seinen Mitbürgern hat
(d.h. wenn er glaubt, dass alle Wähler rational handeln, und somit so wählen
müssen, wie er gewählt hat), die Mehrheit der Wähler aber einen anderen
Kandidaten oder eine andere Partei gewählt hat. Dissonanz erzeugt
psychologisches Unbehagen (Spannungszustand bzw. unangenehme Aktivierung),
welches man zu reduzieren versucht. Wähler, die einen unterlegenen
Kandidaten unterstützt haben, können ihre Dissonanz dahingehend
reduzieren, dass sie den Gewinner aufwerten und den Verlierer abwerten.
Eine andere Möglichkeit zur Reduktion der Dissonanz besteht außerdem in
der Abwertung des gesamten Wahlganges. Die Dissonanztheorie postuliert,
dass man gerade dann Dissonanz nach einer Entscheidung verspürt, wenn die
Wahl besonders schwer gefallen ist. Die positiven Eigenschaften der
abgelehnten Alternative und die negativen Eigenschaften der gewählten
Alternative spielen für die Stärke der Dissonanz eine wesentliche Rolle.
Dies ist ganz besonders der Fall, wenn die Entscheidung unumkehrbar und
wichtige Konsequenzen hat (Harvey & Mills, 1971). In mehreren
Experimenten von Brehm (1956) und Festinger (1964) wurde nachgewiesen,
dass Personen die Dissonanz durch eine weitere Aufwertung der gewählten
Alternative und durch eine weitere Abwertung der abgelehnten Alternative
reduzieren. Cooper und Fazio (1984) fassten
die Ergebnisse der Dissonanz-Experimente zusammen. Mehrere Bedingungen müssen
erfüllt sein, damit Dissonanz erlebt wird. Abbildung xx zeigt einen
Entscheidungsbaum der bisherigen Forschungsergebnisse. Zuerst muss eine
Entscheidung, eine Intention oder ein Verhalten vorliegen, die der
bisherigen Einstellung der widersprechen. Dieses Verhalten muss negative
Konsequenzen aufweisen, wobei diese nicht sofort eintreten müssen (sie müssen
zumindest erwartet werden, Cooper & Worchel, 1970). Diese negativen
Konsequenzen sind entweder nicht reversibel oder es besteht kein
Entschluss, diese zu beseitigen (Davis & Jones, 1960). Außerdem muss
Entscheidungsfreiheit vorhanden gewesen sein (Festinger & Carlsmith,
1959). Denn wenn dieses Verhalten aufgrund eines äußeren Drucks ausgeübt
worden ist, hat man selbst keine Verantwortung zu tragen, und verspürt
daher keine Dissonanz. Goethals, Cooper und Naficy (1979) zeigten weiters,
dass die negativen Konsequenzen vorhersehbar gewesen sein müssen, um
Dissonanz zu verspüren. Die Veröffentlichung des
Wahlergebnisses sollte somit zu einer weiteren Diskrepanz in den
Einstellungen zwischen jenen Wählern, die den Gewinner gewählt haben und
jenen, die den Verlierer gewählt haben, führen. Vor allem sollte sich
dies in der absoluten Differenz der Einstellungen zu den Kandidaten
zeigen. Personen, deren Erwartungen sich nicht erfüllt haben, sollten
eine Einstellungsänderung zeigen, während jene Personen, die den
Gewinner der Wahl gewählt haben, keine Einstellungsänderung vornehmen. Granberg und Nanneman (1986) überprüften
diese Hypothesen anhand einer Meinungsumfrage anlässlich der US-Präsidentschaftswahl
im Jahr 1980. Für diese Studie konnten insgesamt 1408 Versuchspersonen
gewonnen werden. Die Versuchspersonen mussten ihre Einstellungen auf einer
Skala von 0 (sehr negative Einstellung) bis 100 (sehr positive Einstellung
angeben). Die Instruktion für diese Einschätzung lautete: „I’d like to get your feelings
toward some of our political leaders and other people who are in the news
these days. I’ll read the name of a person and I’d like you to rate
that person using this feeling thermometer. You may use any number from 0
to 100 for rating. Ratings between 50 and 100 mean that you feel favorable
and warm toward the person. Ratings between 0 and 50 degrees mean that you
don’t feel too favorable toward the person. If we come to a person whose
name you don’t recognize, you don’t need to rate that person…If you
do recognize the name, but don’t feel particularly warm or cold toward
the person, you would rate the person at the 50 degree mark.” Nach dieser Instruktion
mussten die Versuchspersonen zuerst den damaligen Präsidentschaftskandidaten
Jimmy Carter und dann Ronald Reagan bewerten. Außerdem wurden sie
gefragt, wen sie wählen würden und wer nächster Präsident der USA
werden würde. Kurz nach der Wahl wurden die
Versuchspersonen nochmals kontaktiert und gefragt, ob und wen sie gewählt
hatten. Auch beim zweiten Messzeitpunkt mussten sie die Kandidaten auf der
Gefühlsskala bewerten. Die Ergebnisse der
Untersuchung zeigten ein differenziertes Bild der Einstellungsveränderung.
Personen, die den Verlierer Carter gewählt hatten, änderten ihre
Einstellung zu ihm nicht signifikant. Jene Personen aber, die vor der Wahl
Carter präferierten und ihn auch wählten, bewerteten ihn nach der Wahl
signifikant negativer. Reagan-Wähler differenzierten in ihren
Einstellungen zu Carter und Reagan signifikant stärker nach der Wahl.
Carter-Wähler passten ihre Einstellungen zu Carter und Reagan-Wähler an.
Ob die Erwartungen an das Wahlergebnis erfüllt wurden oder nicht, spielte
ebenfalls eine signifikante Rolle. Personen, die Reagan wählten und auch
erwarteten, dass Reagan gewinnt änderten ihre Einstellungen zu den beiden
Kandidaten nach der Wahl nicht. Jene Personen, die Carter wählten, aber
den Sieg von Reagan erwarteten änderten ebenfalls nicht ihre Einstellung.
Personen, die Reagan wählten, aber erwarteten, dass Carter gewinnt,
hatten nach der Wahl signifikant positivere Einstellungen zu Reagan als
vor der Wahl. Diese Gruppe hielt ihre Einstellungen zu Carter stabil. Jene
Personen, die Carter bevorzugten und erwarteten, dass Carter gewinnt,
zeigten eine signifikante Einstellungsänderung bezüglich Reagan (er
wurde positiver bewertet) und bezüglich Carter (er wurde negativer
bewertet). Beasley und Joslyn (2001)
untersuchten mit dem Forschungsdesign von Granberg und Nanneman (1986)
insgesamt 6 US-Präsidentenwahlen (1972, 1980, 1984, 1988, 1992 und 1996).
Die Hypothese, dass jene Personen, die den Verlierer gewählt haben, eine
Einstellungsänderung vornehmen, konnte bestätigt werden. Es zeigte sich
jedoch, dass die Erwartungen in insgesamt fünf der sechs Wahlen keinen
Einfluss auf die Einstellungsänderungen hatten. Einen signifikanten
Einfluss haben hingegen zwei andere Variablen, nämlich die absolute
Attraktivität der Kandidaten und die Wahl selbst. Brehm und Cohen (1962)
konnten bereits zeigen, dass je attraktiver beide Wahlalternativen sind,
desto stärker ist die verspürte Dissonanz. Beasley und Joslyn (2001)
teilten ihre Versuchspersonen in zwei Gruppen: Jene, die beide Kandidaten
auf dem Gefühlsbarometer über 50 Punkte bewerteten und jene, die
zumindest einen Kandidaten unter 50 Punkte bewerteten. In fünf von sechs
Wahlgängen konnte nachgewiesen werden, dass die Differenz der
Einstellungen zu den Kandidaten größer war, als wenn nur ein Kandidat
positiv (über 50 Punkte) bewertet wurde. Ferner konnte gezeigt werden,
dass dieses Ergebnis nur für Wähler und nicht für Nicht-Wähler gilt.
Nicht-Wähler differenzieren nicht stärker zwischen zwei positiv
evaluierten Kandidaten, als wenn nur ein Kandidat positiv bewertet wird. Die Ergebnisse von Beasley und
Joslyn (2001) zeigen somit, dass das Commitment (d.h. von seinem Wahlrecht
Gebrauch zu machen) als behaviorale Komponente eine wichtige Rolle für
Einstellungsänderungen spielt. Olbrich et al. (2003)
untersuchten, ob kognitive Dissonanz auch bei österreichischen
Nationalratswahlen auftritt oder dies nur bei einer Persönlichkeitswahl
festzustellen ist. Eine Woche vor der Nationalratswahl 2002 wurden 71
Personen in einer simulierten Wahl befragt, welche der sechs Parteien sie
wählen würden. Sie mussten auf einer fünf-stufigen Skala (-2: keine
Sympathie, +2: große Sympathie) angeben, wie sehr sie jede der Parteien
mochten. Weiters mussten sie die Kandidaten der Parteien und die Kompetenz
der Partei, aktuelle politische Probleme zu lösen, bewerten. Zur
Bewertung der Kompetenz wurde den Versuchspersonen eine Liste mit 10
aktuellen Problemen (Arbeitslosigkeit, Bildungssystem, Kriminalität,
etc.) vorgegeben, und sie mussten jene Partei wählen, die ihnen als
kompetent erschien, diese Probleme zu lösen. Daraus wurde ein
Kompetenzindex für jede Partei gebildet. Eine Woche nach der Wahl mussten
die Vpn wiederum diese Evaluationen durchführen. Für die
Spitzenkandidaten konnte keine Veränderung in der Evaluation festgestellt
werden, ebenso gab es keine Veränderung in der Sympathie zu den Parteien.
Eine signifikante Veränderung trat hingegen bei der Zuschreibung der
Kompetenz ein. Die ÖVP-Sympathisanten, die sich als Gewinner der Wahl
sahen (ihre Partei errang den ersten Platz bei der Wahl) schrieben ihrer
Partei wesentlich mehr Kompetenz nach der Wahl zu als der zweitplazierten
Partei (Die Differenz in der Kompetenzzuschreibung stieg an). Für die SPÖ-Wähler,
die sich als Verlierer der Wahl fühlten (ihre Partei erreichte die zweithäufigsten
Stimmen), werteten die Kompetenz ihrer eigenen Partei zwar nicht ab, aber
die Kompetenz der ÖVP auf, sodass die Kompetenzdifferenz zwischen den
Parteien nach der Wahl kleiner wurde (siehe Tabelle T-x.x.). Tabelle
T-x.x. Die Veränderung der Kompetenzbewertung der Gewinner (ÖVP) und
Verlierer (SPÖ).
Dieses Ergebnis stimmt mit der
Hypothese der Dissonanztheorie überein. Die Verlierer versuchen durch die
Aufwertung der Gewinnerseite ihre Dissonanz zu reduzieren, während die
Gewinner in ihrem Verhalten durch den Wahlsieg positiv verstärkt wurden
und die Differenz vergrößerten. Alternative
Formen der Politischen Partizipation Politische
Partizipation kann auch über "Umwege" erfolgen. Alternative
Verhaltensmöglichkeiten, wie z. B. die Gemeinwesenarbeit werden ebenfalls
zur Erreichung persönlicher politischer Ziele eingesetzt (Lake &
Huckfeld, 1998; Montero, 1998). Im
Zusammenhang mit der Identifikation mit Gruppen sei auch die Parteizugehörigkeit
erwähnt. Die Identifikation mit einer Partei wurde von Campbell et al. (1960, S. 143) als "an
affective attachment to an important group object in the environment"
angesehen. Greene
(1999) untersuchte die soziale Identität der einzelnen
Parteisympathisanten in den USA. Die Theorie der sozialen Identität geht
davon aus, dass sich Individuen einzelnen Gruppen zugehörig fühlen.
Diese Gruppenzugehörigkeit bestimmt auch die soziale Identität der
Person und in weiterer Folge den Selbstwert. Personen versuchen ihre
eigene Gruppe von anderen relevanten Gruppen positiv zu differenzieren.
Sie sehen geringe Unterschiede zwischen den Mitgliedern der eigenen Gruppe
und sehr große Unterschiede zu anderen Gruppen. Wenn Individuen die Möglichkeit
besitzen, Güter zwischen den einzelnen Mitgliedern zu verteilen, so
werden die Mitglieder der eigenen Gruppe bevorzugt. Dieses Ergebnis tritt
auch dann auf, wenn keine Kommunikation zwischen den Gruppenmitgliedern
besteht und die Gruppenzugehörigkeit zufällig (durch Münzwurf) bestimmt
wurde. Dass
die Ergebnisse der sozialen Identität auch für den politischen Kontext
zutreffen, wurde das erste Mal von Kelly (1988, 1989, 1990a, 1990b) in
einer Reihe von Untersuchungen bestätigt. Sie konnte nachweisen, dass der
politische Gegner als homogene Gruppe wahrgenommen wird und dass eine
klare Differenzierung zwischen der eigenen Partei und den anderen Parteien
besteht. In einigen neueren Untersuchungen (Kelly, 1990a, b) wies sie
nach, dass dieses Phänomen auch innerparteilich (Fraktionsgruppen)
existiert.
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