Mag. Dr. Andreas Olbrich-Baumann

Sozialpsychologe

  Sozialpsychologie Politische Psychologie Social Cognition Curriculum Vitae
Lehrveranstaltung

Ethik

Politische Einstellung und Vorurteile

Partizipation

Kommunikation

Persönlichkeit

Gruppenverhalten

Konflikte

Kulturelle Differenzen

 

Die politische Partizipationsforschung beschäftigt sich mit den Gründen für politische Aktivität und politisches Interesse. Die Aktivitäten der politischen Partizipation können recht mannigfaltig sein. Unter politischer Partizipation versteht man einerseits das Diskutieren mit Freunden am Stammtisch bis hin zur Bekleidung eines öffentlichen Amtes. Die politische Partizipation wird z.T. mit sehr einfachen Skalen gemessen, die eine Bandbreite von politischen Aktivitäten umfassen. Eine der ersten Studien, die politische Partizipation untersuchte, war die American National Election Study (ANES). Diese wird seit 1952 jedes zweite Jahr durchgeführt. Tabelle T-3.1, gibt eine Auswahl der Items dieser Studie wieder. Diese Studie wurde aufgrund ihrer Einfachheit sehr oft kritisiert (Brady, 1999) und in Nachfolgeuntersuchungen wurden die Items ergänzt.

Winkler, Judd und Kelman (1981) versuchten, die politische Partizipation durch eine faktorenanalytische Studie auf die zugrunde liegende Faktoren zurückzuführen. Tabelle T-3.2 gibt die Items der Studie von Winkler, Judd & Kelman (1981) wieder. Die politische Partizipation lässt sich nach Winkler, Judd & Kelman (1981) in vier Faktoren einteilen: (1) politische Diskussion (z. B. mit Freunden, Verwandten, etc.), (2) Wählen, (3) Ausübung eines politischen Amtes und (4) einer generellen politischen Aktivität. Unter dem vierten Faktor verstehen die Autoren Mithilfe bei Wahlveranstaltungen, Geldspenden, Teilnahme an Demonstrationen etc.

Die politische Partizipation hängt von einigen demographischen Variablen ab. So zeigt sich, dass Personen mit höherer Bildung eher zur politischen Partizipation neigen, ebenso spielt das Alter eine wesentliche Rolle. Je älter die befragten Personen sind, desto eher werden sie aktiv. Dieses Ergebnis konnte auch von Burn & Konrad (1987) repliziert werden. Sie fanden weiters, dass der erlebte Stress im Beruf eine entscheidende Rolle spielte, ob jemand politisch partizipierte oder nicht. Je mehr Stress erlebt wurde, desto weniger wurde am politischen Geschehen teilgenommen. Dies ist verständlich, da die geringe Freizeit zumeist mit der Familie verbracht wird.

 


Tabelle T-3.1. Die Items der ANES

Vote:

In talking to people about the election we often find a lot of people weren‘t able to vote because they weren‘t registered or they were sick or they just didn‘t have the time. How about you, did you vote in the elections this.....

 

Try to persuade:

During the campaign did you talk to any people and try to show them why they should vote for or against one of the parties or candidates?

Display preferences:

Did you wear a campaign button, put a campaign sticker on your car, or place a sign in your window or in front of your house?

Go to Meetings:

Did you go to any political meetings, rallies, speeches, dinners or things like that in support of a particular candidate?

Political Work:

Did you do any work for one of the parties or candidates?

Money to candidate:

Did you give money to an individual candidate running for public office?

Money to party:

Did you give money to a political party during this election year?

Other group money:

Did you give any money to any other group supported or opposed candidates?

 

Tabelle T-3.2. Die Items der Studie von Winkler, Judd & Kelman (1981).

1.         When you get together with your friends, how often do you talk about public issues – that is, what is happening in this country or community? (Never, Occasionally, Frequently).

2.         Which of the following statements best describes the part you yourself take in discussions about public issues with your friends:

I never discuss public issues with my friends.

Even though I have my own opinions, I usually just listen.

Mostly I listen, but once in a while I express my opinions.

I take an equal share in the conversation.

I do more than just hold my end of conversation; I usually try to convince others that I am right.

3.         About how often have you gone to the polls and voted since you became eligible to vote? (Never, Occassionally, Almost Always)

4.         Did you vote in the last (Presidential/Federal) election? (No, Yes)

5.         How many organizations do you belong to that sometimes take a stand on public issues? (None, One or Two, Three or More)

6.         Have you ever gone to any political meetings, rallies, dinners, or things like that? (No, Yes)

7.         Have you ever written or talked to any elected public officials to let them know what you would like them to do on a public issue you were interested in? (No, Yes)

8.         Have you ever written a letter to the editor of any newspaper or magazine to state your views on public issues? (No, Yes)

9.         Have you ever contributed money to a political party or to a candidate for political office? (No, Yes)

10.      Have you ever worked for the election of any political candidate by doing things like distributing circulars or leaflets, making speeches, or calling on voters? (No, Yes)

11.      Have you ever held an office in a political party or been elected or appointed to a political office? (No, Yes)

12.      Have you ever participated in a protest meeting, demonstration, or boycott? (No, Yes)

 

 

Frauen nehmen weniger am politischen Geschehen teil, wenn sie kleine Kinder erziehen (McGlen, 1980; Lafferty, 1980). Ein weiterer Grund, nicht am politischen Geschehen (aktiv oder passiv) teilzunehmen, ist der Umzug in eine andere Gegend, denn dies ist meistens mit einem mittleren bis hohen bürokratischen Aufwand verbunden (Erikson, 1981; King, 1981; Sanders, 1980). Einerseits muss man sich geographisch orientieren (z. B. wo das nächste Wahllokal ist) und andererseits muss man sich mit den politischen Gegebenheiten des neuen Ortes vertraut machen. Wer ist der Spitzenkandidat der präferierten Partei? Werden die eigenen Interessen durch die etablierten Parteien abgedeckt, oder gibt es spezifische Bürgerinitiativen? Wenn man weiters in einen anderen Staat zieht, kann es notwendig sein, sich für Wahlen aktiv registrieren zu müssen (wie z. B. in den USA).

Die Zugehörigkeit zu einer Partei und die Identifikation mit ihr spielt ebenfalls eine signifikante Rolle, ob jemand zur Wahl geht oder nicht (Greene, 1999). Außerdem spielen die persönlichen Werte (Barnea & Schwartz, 1998) und die Persönlichkeit des Wählers (Caprara, Barbaranelli & Zimbardo, 1999) eine wichtige Rolle bei der Vorhersage des Wahlverhaltens. Barnea und Schwartz (1998) zeigten, dass persönliche Werte im politischen Kontext dann einen Einfluss ausüben, wenn sich die Parteien klar ideologisch differenzieren. In diesem Fall diskriminieren sie sogar besser zwischen den einzelnen Wählertypen als die demographischen Variablen (Alter, Bildung und ethnische Zugehörigkeit). In einem indifferenten politischen Kontext verhält es sich umgekehrt, hier zeigen die demographischen Variablen eine höhere Diskriminationsfähigkeit. 

 

 

Der handlungstheoretische Ansatz der politischen Partizipation

 

Ein handlungstheoretischer Ansatz der politischen Partizipation wurde von Krampen (1991, 2000; Krampen & Wünsche, 1985) vorgestellt. In seinem Modell wird politische Aktivität als zielgerichtetes Handeln definiert, das aus der Transaktion des Individuums mit seiner (politischen) Umwelt resultiert. Dieses Handeln wird auf subjektive Bewertungen von Handlungsergebnissen und auf subjektive Erwartungen darüber, dass einer bestimmten Handlung in einer gegebenen Situation ein Ergebnis folgt oder nicht, zurückgeführt. Das differenzierte Erwartungs-Wert-Modell für die Vorhersage politischer Partizipation besteht aus folgenden situationsspezifischen Basisvariablen:

 

(1)           Situations-Ereignis-Erwartungen (S): Die subjektive Erwartung eines Ereignisses (ER) in der gegebenen Lebenssituation (Sit), ohne dass das Individuum handelt.

(2)           Valenz der Folgen (V ’): Die subjektive Bewertung der Folgen (F), die ein politisches Ereignis (ER) haben kann.

(3)           Ereignis-Folge-Erwartungen (I): Die subjektive Erwartung, dass ein politisches Ereignis (ER) eine bestimmte Folge (F) hat oder nicht (Instrumentalisierungserwartung).

(4)           Situations-Handlungs-Erwartungen (SK): Die subjektive Erwartung, dass dem Individuum in der gegebenen Lebenssituation (Sit) eine oder mehrere Handlungen zur Verfügung stehen oder nicht (Kompetenzerwartung).

(5)           Handlungs-Ereignis-Erwartungen (K): Die subjektive Erwartung, dass auf eine Handlung (H) ein Ereignis (ER) folgt oder nicht folgt (Kontrollerwartung).

 

Diese situationsspezifischen Variablen werden von Persönlichkeitsfaktoren beeinflusst. Wichtige Prädiktoren für die Vorhersage der Partizipation sind die Variablen: (1) Systemvertrauen (system trust), (2) Selbst-Konzept seiner eigenen politischen Kompetenz, (3) politische Kontrollorientierungen, (4) politisches Wissen und (5) politische Werthaltungen.

Unter Systemvertrauen versteht Krampen (1991) das Vertrauen in das politische System, die Politiker und die politischen Parteien. Das Systemvertrauen resultiert aus generalisierten Situations-Ereigniserwartungen, den subjektiven Ereignisbewertungen und den erwarteten Folgen. Ein hohes Vertrauen in das System gibt an, dass positiv bewertete Ereignisse auch dann eintreten, wenn man selbst nichts dazu beiträgt. Ein Individuum besitzt hohes Misstrauen in das System, wenn es meint, dass ohne sein eigenes Zutun keine politisch positiven Ergebnisse eintreten, oder dass nur durch eigene politische Aktivität negative Ereignisse (z.B. Steuererhöhungen) verhindert werden können. Dass Systemvertrauen ein signifikanter Einflussfaktor für die politische Partizipation ist, wurde bereits von Milbrath und Goel (1977) und Lotsof und Grot (1973) bestätigt. Wer ein hohes Vertauen in das politische System besitzt nimmt weniger an politischen Protestmaßnamen (wie z.B. Demonstrationen) teil. Hohes Systemvertrauen führt zu einer geringeren exponierten politischen Aktivität. 

Das Selbst-Konzept der eigenen politischen Kompetenz besteht aus generalisierten Erwartungen und Erfahrungen in politischen Situationen. Wenn man erwartet, dass verschiedene Verhaltensalternativen in einer politischen Situation zur Verfügung stehen, ist das Selbst-Konzept der eigenen politischen Kompetenz stark ausgeprägt. Es ist schwach ausgeprägt, wenn man nicht weiß, wie man sich in einer Situation verhalten soll. Wenn man mit dem Bau einer neuen Schnellstraße nicht einverstanden ist, kann man bei hoher politischer Kompetenz verschiedene Handlungen setzen. Z.B. Kann man einen Brief an den Vorsitzenden des Bezirks schreiben, eine Demonstration besuchen oder organisieren, Massenmedien auf Missstände aufmerksam machen, etc. Bei niedriger politischer Kompetenz kennt man wahrscheinlich nur wenige Verhaltensalternativen und weiß über deren Wirksamkeit kaum Bescheid. In mehreren Untersuchungen konnte bestätigt werden, dass erhöhte politische Partizipation mit einer hohen Wirksamkeitserwartung und hohem Selbstwert einhergeht (Crawford & Naditch, 1977; Marsh, 1977, Barnes et al., 1979; Sears, 1987).

Politische Kontrollorientierungen sind generalisierte Situations-Handlungserwartungen. Sie werden durch die Erfahrungen, die man durch eigene politische Einflussnahme gemacht hat, bestimmt. Politische Kontrollorientierungen setzen ein gewisses Maß an ausgeprägtem Selbst-Konzept seiner eigenen politischen Kompetenz voraus.

Politisches Wissen definiert Krampen (1991) als subjektive Annahmen über das politische System, die das Verhalten dieses Systems korrekt vorhersagen. Dieses Wissen bezieht sich auf rein subjektive Konsequenzerwartungen und basiert nicht auf objektivem Wissen. Dies bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Person über falsches Wissen oder über große Wissenslücken verfügen und sich trotzdem als „wissend“ bezeichnen kann. Das subjektive Wissen wird meist mit der Frage „Sind Sie über die politische Situation in Österreich (Deutschland) informiert?“ In Umfragen wird kaum das objektive Wissen der Wähler getestet. Dies hat mehrere Gründe. Erstens ist es sehr mühsam Probanden, längere Zeit zu befragen, und zweitens mit finanziellen Kosten (für die Auftraggeber) verbunden.

Die Werthaltungen stehen in Beziehung zu Handlungszielen, zu der Bewertung von Ereignissen und Ergebnissen, sowie zur Bewertung der Handlungskonsequenzen. Politische Wertorientierungen können einerseits durch die subjektiven Bewertungen der politischen Ideologien, Parteien und Ereignisse und andererseits durch individuelle politische Ziele definiert werden.   

In Abbildung A.3-1 ist das gesamte Modell graphisch dargestellt. Der Kern der Abbildung enthält die situations- und handlungsspezifischen Variablen. Die Persönlichkeitsvariablen und deren Verbindung zueinander umschließen diese.

Um dieses handlungstheoretische Modell zu überprüfen, unterscheidet Krampen zwischen (1) konventioneller politischer Partizipation (Wählen, Sammeln von politischer Information, Diskussion), welche nur geringes persönliches Engagement erfordert und (2) unkonventioneller (exponierter) politischer Partizipation (Engagement für eine politische Partei oder Bewegung, Kandidatur für eine politische Funktion, Teilnahme an einer Demonstration, etc.), welche starkes persönliches Engagement erfordert und manchmal sozialen Normen widerspricht.  

Subjektiv bekannte Situationen der politischen Partizipation können sehr leicht antizipiert werden. Es ist genügend Wissen über die Handlungsmöglichkeiten in diesen Situationen vorhanden. Die situations- und verhaltensspezifischen Variablen sind vor allem in subjektiv gut definierten Situationen gute Prädiktoren.

In neuen Situationen kann man nicht auf bereits gemachte Erfahrungen zurückgreifen. Man weiß nicht, wie man sich richtig verhalten soll. Es liegen keine kognitiven Pläne (scripts) zur Bewältigung dieser zumeist schlecht definierten und ambiguen Situationen vor. Persönlichkeitsmerkmale wie z. B. Vertrauen, Kompetenzerwartung, Kontrollorientierung und Werthaltungen spielen hier eine wesentliche Rolle und beeinflussen die Wahl der Handlungen.

Folgt man dem handlungstheoretischen Modell von Krampen (1991), so sollten in subjektiv bekannten Situationen die situations- und handlungsspezifischen Variablen gute Verhaltensprädiktoren sein, in subjektiv neuartigen Situationen sollten die Persönlichkeitsvariablen einen größeren Einfluss auf die gezeigten Handlungen haben.

Um dieses Modell zu überprüfen, wurde die politische Partizipation 100 erwachsener bundesdeutscher Vpn untersucht. 50 Personen gehörten einer politischer Partei oder Bewegung seit mindestens zwei Jahren an, die anderen Versuchspersonen engagierten sich nicht aktiv in einer politischen Bewegung.

 

 


 Abbildung 1. Das Gesamtmodell der politischen Partizipation nach Krampen (1991, S. 5).


 

Für die Überprüfung des Modells wurden drei Prädiktorensets (Itemsets) gebildet. Das erste Set dient zur Bestimmung der situationsspezifischen Verhaltensweise, das zweite bereichsspezifischer Persönlichkeitsvariablen und das dritte generalisierte Persönlichkeitsvariabeln.

Im ersten Schritt wurden zehn politische Ereignisse ausgewählt, die in der näheren Zukunft eintreten könnten (Erhöhung der Arbeitslosenzahlen, Konstruktion von atomaren Wiederaufbereitungsanlagen, Gesundheitsrisiken durch verunreinigte Lebensmittel, Häuserabriss, CDU/CSU-Mehrheit, Grüne im Bundestag, Radikalenerlass, Raketenstationierung in der Bundesrepublik, NATO-Interventionen im Mittleren Osten zur Sicherung der Ölexporte, Militärische Intervention der USA in Nicaragua). Für jedes Ereignis musste von den Versuchspersonen folgende Fragen beantwortet werden:

 

(1)            Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass dieses Ereignis in der nächsten Zeit eintritt (Situations-Ereignis-Erwartung)?

(2)            Können Sie auf dieses Ereignis reagieren (Kompetenzerwartung)?

(3)            Glauben Sie, dass Sie durch ihr Verhalten das Ereignis beeinflussen können? (Kontrollerwartung)

(4)            Welche Relevanz hat dieses Ereignis für Ihre persönlichen Interessen (Instrumentalität des Ereignisses für die Folgen)?

(5)            Ist das Eintreten dieses Ereignisses gut oder schlecht für Sie (Bewertung des Ereignisses)?

(6)            Welche Konsequenzen hätte das Ereignis für Sie (gute oder schlechte) (Bewertung der Ereignisfolgen)?

 

Das zweite Set bestand aus Tests zur bereichsspezifischen Persönlichkeitsvariablen. Hierzu wurden die Skala zur Messung des Selbstkonzepts eigener politischer Kompetenzen (SKP, Krampen, 1986), und der Fragebogen zu Kompetenz- und Kontrollüberzeugungen IPC-I*P* von Krampen (1987) verwendet.

Das dritte Test-Set bestand aus 6 Indikatoren aus dem Moralischen-Urteil-Test (Lind, 1980).

Weiters mussten die Vpn angeben, wie sehr sie über die zehn politischen Ereignisse informiert waren und wie sehr sie sich im Moment um Informationen zu diesen Themen aktiv bemühen.

Die Ergebnisse zeigten, dass konventionelle politische Partizipation durch die handlungsspezifischen Variablen vorhergesagt werden können. Die beiden anderen Prädiktionssets hatten keinen signifikanten Einfluss auf die konventionelle politische Partizipation.

Für die exponierte politische Partizipation zeigte sich ein differenziertes Bild. Für politische Aktivisten (Personen, die einer Partei oder einer politischen Bewegung länger als zwei Jahre angehören) waren wiederum die handlungsspezifischen Variablen die besten Prädiktoren. Für Personen, die nicht aktiv einer politischen Bewegung angehörten, waren die bereichsspezifischen Persönlichkeitsvariablen die besten Prädiktoren für die exponierte politische Partizipation. Krampen (1991) führt dieses Ergebnis auf die adäquatere kognitive Repräsentation der politischen Themen der politischen Aktivisten zurück. Sie nehmen das politische Geschehen differenzierter wahr und reflektieren die einzelnen Informationen genauer. Die Erwartungen und Bewertungen der politischen Ereignisse sind subjektiv klar definiert. Personen, die keiner politischen Bewegung angehören, haben ein diffuses politisches Bild und berichten über geringes politisches Wissen.

 

Entwicklung der politischen Partizipation

 

Die Entwicklung der politischen Partizipation setzt bereits sehr früh ein. Kinder lernen von ihren Eltern die politischen Einstellungen und werden am Mittagstisch oder bei gesellschaftlichen Anlässen Augen- und Ohrenzeugen von politischen Diskussionen. Hyman (1959) meinte etwas populistisch formuliert, dass die politischen Einstellungen dem Kind bereits in die Wiege gelegt werden („A man is born into his political party just as he is born into probable future membership in the church of his parents“, Hyman, 1959, S. 74). Die Präferenz für eine bestimmte Partei ist über die Lebensspanne nahezu konstant (Converse, 1969, 1976). Die Stärke und Stabilität nimmt sogar noch im Erwachsenenalter zu, da man sehr viele (einseitige) Erfahrungen sammelt (in dem man auf Parteiveranstaltungen, Wahlkampfveranstaltungen, zu politischen Diskussionsrunden – insbesonders zu Stammtischen im Gasthaus oder im Cafe – geht oder sich Fernsehsendungen ansieht).

In einer großangelegten Sozialisationsstudie von Jennings und Niemi (1974, 1981; Jennings, Stoker & Bowers, 1999) konnte ein starker Zusammenhang zwischen den Parteipräferenzen der Eltern und ihrer Kinder nachgewiesen werden. In der Adoleszenz nimmt die Auseinandersetzung mit politischen Themen signifikant zu (Dreher & Dreher, 1985; Krampen, 1990). Dreher und Dreher (1985) sehen das Begreifen der komplexen Strukturen von Staat und Umwelt und die Entwicklung eines politischen Bewusstseins als vorrangige Entwicklungsaufgabe in dieser Altersstufe. Es wird eine Klarheit über politische Ziele und die Entwicklung von Handlungsmöglichkeiten für Umweltschutz und Friedenssicherung angestrebt. In dieser Phase konnten Jennings, Stroker & Bowers (1999) einen geringeren Zusammenhang zwischen den Parteipräferenzen der Eltern und ihrer Kinder nachweisen. Nach dieser Phase stieg er wieder an. Interessanterweise konnten sie für andere politische Einstellungen nur einen wesentlich geringeren Zusammenhang zwischen Eltern und ihren Kindern nachweisen. Eltern, die eine stabile und extremere politische Einstellung aufwiesen, waren in ihren Sozialisationsbemühungen erfolgreicher als jene Eltern, die nur eine schwache Einstellung zu politischen Themen hatten. Glass, Bengtson und Dunham (1986) wiesen nach, dass auch eine umgekehrte Beeinflussung bei „modernen“ Themen (wie z.B. Umweltschutz) möglich ist (d.h. Kinder beeinflussen durch politische familiäre Diskussionen die Einstellungen ihrer Eltern).

Unklare Befunde liegen für die Sozialisation in instabilen Familienverhältnissen und für Alleinerziehende vor. Jennings, Stoker und Bower berichten, dass eine ähnliche Sozialisation wie in traditionellen Familienverhältnissen vorliegt. Hardy, Carrier & Endersby (2000) konnten nur einen schwachen Zusammenhang zwischen den politischen Einstellungen der geschiedenen Ursprungsfamilie und deren adolesezenten Kindern nachweisen.

Die Stärke des Zusammenhangs der Parteipräfenzen zwischen Eltern und Kindern hängt auch von politischen Ereignissen ab (z.B. von politischen Wahlen). Sears und Valentino (1997) beobachteten Familien vor, während und nach US-Präsidentschaftswahlen. Am Ende des Wahlkampfs waren die Meinungen der Eltern und ihrer Kinder ähnlicher und stärker ausgeprägt als zu Beginn des Wahlkampfs und nach der Wahl. Politische Skandale haben ebenso einen positiven Einfluss auf die politiscche Sozialisation. Während des Impeachment-Verfahrens von US-Präsident Clinton (Er hatte eine Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky) zeigten sich Jugendliche ganz besonders an Politik interessiert. Eltern berichteten, dass sie ihre eigenen Werte zu dieser Zeit ihren Kindern vermitteln konnten. Konservative, republikanische Eltern glaubten besonders erfolgreich bei der Vermittlung ihrer Einstellung zu sein (Pew Reseach Center, 1998). Dieser „Skandal“ wurde als hilfreich und nicht als schädlich für die politische Sozialisation gesehen.

Krampen (1990, 1998, 2000) analysierte mit seinem handlungstheoretischen Partialmodell der Persönlichkeit die politische Sozialisation in der Adoleszenz. Er untersuchte hierfür 162 Realschüler und Gymnasiasten der Geburtskohorten 1971-1973 im Alter von 14 bis 17 Jahren. Variablen mit hoch ausgeprägter absoluter und positionaler Stabilität sind das Selbstkonzept eigener politischer Fähigkeiten, persönliches politisches Interesse (im Vergleich zu anderen Interessen) und die Bereitschaft zur Ausführung politischer Aktivitäten. Für diese Selbsteinschätzungen politischer Fähigkeiten und Handlungsbereitschaften waren weder statistisch bedeutsame altersbezogene Entwicklungsveränderungen.

Variablen mit hoher positionaler Stabilität und absoluter Plastizität sind politisches Wissen, Häufigkeit politischer Aktivitäten im Alltag und die Anzahl realisierter unterschiedlicher Aktivitäten. Die Quer- und Längsschnittbefunde zu diesen kognitiven und behavioralen Aspekten politischer Orientierungen weisen auf signifikante Zunahmen mit dem Alter hin, wobei die interindividuellen Unterschiede in der Stichprobe relativ stabil bleiben.

Variablen mit geringer positionaler Stabilität und inkonsistenten Befunden zur absoluten Stabilität sind die Zufriedenheit mit den politischen Gegebenheiten und das Vertrauen in die Politik. Bei diesen systembezogenen Indikatoren politischer Handlungsorientierungen traten im Verlauf des Jahres sehr starke Positionsveränderungen in der Stichprobe auf, was auf bedeutsame interindividuelle Unterschiede im Entwicklungsgeschehen deutet. Gleichzeitig fanden sich für die systembezogenen Variablen des Vertrauens und der Zufriedenheit lediglich bedeutsame Unterschiede zwischen den beiden Erhebungszeitpunkten. Diese reinen Zeit- und Periodeneffekte weisen auf die relativ geringe entwicklungspsychologische Bedeutung dieser Variablen und ihre starke Abhängigkeit von politischen Ereignissen hin. Die gleichzeitig festgestellten großen interindividuellen Unterschiede in ihren Entwicklungsverläufen deuten darauf, dass die politischen Ereignisse höchst unterschiedlich von den Jugendlichen verarbeitet und bewertet werden.

Insgesamt können vier Modelle der politischen Einstellungsbildung unterschieden werden:

(1) Das Persistenz-Modell besagt, dass die politischen Einstellungen vor dem Erwachsenenalter gelernt werden und über die gesamte Lebensspanne stabil bleiben. Hierzu zählt die Parteipräferenz, die in meheren Langzeitstudien in den USA (Converse & Markus, 1979) und in Kanada, Großbritannian und in der Bundesrepublik Deutschland (Schickler & Green, 1997) als stabil identifiziert wurde.

(2) Das zweite Modell geht davon aus, dass es im Leben eines Menschen eine prägende Phase gibt („impresssionable years“), die für die weitere Entwicklung der politischen Einstellungen entscheidend sind. Newcomb (1943) untersuchte eine weibliche Kohorte, die aus konservativen Familien stammte, aber eine progressive Schule besuchte. Er konnte eine relativ hohe Stabilität der politischen Einstellungen von der Schulzeit bis ins Erwachsenenalter nachweisen. In der Adoleszenz ist man zum ersten Mal mit der Möglichkeit, am politischen Geschehen aktiv teilnehmen zu können, konfrontiert. Hier gilt es, Informationen über die einzelnen Parteien und Erfahrung im Umgang mit politisch anders denkenden Mitmenschen zu sammeln und diese für den eigenen politischen Entscheidungsprozess und den daraus folgenden Handlungen einzusetzen. Diese ersten Erfahrungen prägen für das weitere Leben. In dieser Phase werden die Meinungen und Einstellungen sehr oft gewechselt (Jennings & Stoker, 1999). Erst mit ca. 30 Jahren bilden sich stabile Einstellungen heraus. Alwin (1993) sowie Visser und Krosnick (1998) wiesen einen umgekehrt U-förmigen Zusammenhang zwischen Stabilität der Einstellungen und des Alters nach. In besonders jungen Jahren und im Alter zeigen sich vermehrt Schwankungen der Einstellungen. Im Erwachsenenalter hingegen sind die Einstellungen über einen längeren Zeitraum stabil. Warum gerade im Alter die Stabilität der Einstellungen abnimmt, ist noch nicht ausreichend geklärt. Eine Hypothese besagt, dass durch die Veränderung im sozialen Gefüge (Pensionierung, Verlust von Freunden und der Verkleinerung des sozialen Netzwerks) die Einstellungen nicht mehr durch ausreichende Informationen gestützt werden. Die Stabilisierung der Einstellungen wird außerdem durch sogenannte life events bzw. außergewöhnliche historische Ereignisse geprägt. Hiervon sind ganze Generationen betroffen. Der zweite Weltkrieg, die Ermordung John F. Kennedys, der Vietnamkrieg und terroristische Anschläge beeinflußen die Einstellungen (Schuman & Scott, 1989). Für verschiedene Generationen sind unterschiedliche Ereignisse von Bedeutung. Um das kollektive Gedächtnis zu testen, wird nach dem bedeutensten Ereignis der letzten 50 Jahre gefragt. Personen aus jeder Generation ziehen hierfür Erfahrungen aus ihrem dritten Lebensjahrzehnt heran (Schuman & Scott, 1989). Neuere historische Ereignisse werden mit Metaphern aus dieser Zeit beschrieben und erklärt (Schuman & Rieger, 1992). Jennings (1996) wies außerdem Wissensunterschiede zwischen den Generationen nach. Jervis (1976) zeigte, dass bedeutende Politiker auf jenes Wissen in neuen akuten Krisen zurückgriffen, das sie am Beginn ihrer beruflichen Laufbahn gemacht hatten. Dies kann natürlich dazu führen, dass Fehleinschätzungen der politischen Lage entstehen.

(3) Im Gegensatz zu den ersten beiden Modellen postuliert das Dritte, dass man das ganze Leben lang offen für neue politische Erfahrungen ist und jederzeit seine Einstellung ändern kann. Empirische Belege für dieses Modell gibt es nur wenige. Sigel (1989) untersuchte den Einfluss von Lebensereignissen (Arbeitsplatzwechsel, Militärzeit, Heirat, Elternschaft) auf die Stabilität der politischen Einstellungen. Hierbei spielen drei Faktoren eine Rolle: (a) Persönlichkeitsentwicklung, (b) Übernahme neuer Rollen und (c) der Umgang mit neuen Belastungen. Mit ihrer Untersuchung trug sie aber kaum zur Unterstützung dieses Modells bei. Die von ihr untersuchten Lebensereignisse treten vor allem im frühen Erwachsenenalter ein und der Wechsel des Lebensmittelpunktes ist in jungen Jahren drei Mal so häufig (Brown, 1988). Der politische Kontext spielt beim Wechsel der Parteipräferenz ebenfalls eine Rolle. Wenn Parteien eine klare Wertevorstellung repräsentieren und Einigkeit innerhalb der Parteien herrscht, wird kaum ein Parteipräferenzwechsel vollzogen. Bei instabilen Verhältnissen bzw. Streitigkeiten innerhalb der Parteien kann es zu einem Wechsel kommen (Converse & Pierce, 1992).

(4) Das Lebenszyklus-Modell beschäftigt sich mit den Lebensphasen des Menschen. Es besagt, dass in den einzelnen Lebensphasen spezifische politische Inhalte von Interesse sind und je nach Lebensphase die politischen Einstellungen schwanken. Dieses Modell konnte bisher empirisch nicht bestätigt werden. Kohortenanalysen ergaben keine signifikante Einstellungsveränderung über die Lebensspanne (Abramson, 1983; Alwin, 1992; Glenn, 1974). Vielmehr zeigte sich ein Generationeneffekt. Dieser zeigte sich ebenso im Wahlverhalten. Junge Bürger gehen seltener wählen als ältere (Putnam, 2000). Eine soziologische Hypothese lautet, dass junge Bürger mehr Lebensaufgaben zu bewältigen hätten, die sie bei der Suche nach geeigneter politischer Imformation und am Wählen hinderten. Die wichtigsten sechs Lebensaufgaben junger Erwachsener sind nach dieser Hypothese: Beendigung der Ausbildung (Schulabschluß), Verlassen der Herkunftsfamilie und Aufbau einer eigenen Existenz, Berufswahl, Heirat und geographische Mobilität. Highton und Wolfinger (2001) überprüften den Einfluss der Bewältigung dieser Lebensaufgaben auf das Wahlverhalten empirisch. Der Einfluss scheint sehr gering zu sein: Nur 6 Prozent der Varianz im Wählerverhalten konnte durch die Bewältigung erklärt werden. Das Alter spielte hingegen eine entscheidendere Rolle (37 Prozent der Varianz konnte durch das Alter erklärt werden). Je älter eine Person war, desto eher ging sie auch wählen. Dieses Ergebnis spricht für die Lernhypothese (Man lernt im Laufe der Zeit, wählen zu gehen) und nicht für das Lebenszyklus-Modell.

 

Wahlverhalten

In demokratischen Nationen ist die Mitbestimmung durch Wahlen ein wichtiger politischer Aspekt, wenn nicht sogar der wichtigste für die Mitbürger. Zum Wahlverhalten wurden nun schon einige Studien durchgeführt, die sich zumindest zwei Paradigmen zuordnen lassen. Das erste Paradigma sieht im Wähler ein rational handelndes und sich informierendes Individuum. Er/Sie vergleicht die einzelnen politischen Alternativen und wägt die Vor- und Nachteile des politischen Angebots klar ab. Zuerst wird - nach diesem Paradigma - Information gesammelt und danach gewählt. 

Nach dem zweiten Paradigma geht der rationalisierende Wähler hierbei anders vor: Er/Sie wählt zuerst den Kandidaten aus und entscheidet sich erst daraufhin für die von diesem Kandidaten vertretenen Standpunkten. Die Rationalisierung dieses Verhaltens kann auf zwei Arten erfolgen: (a) Projektion: Der Wähler favorisiert den Kandidaten aus Gründen, die er nicht zugeben möchte und nimmt an, dass der Kandidat auch in diesen Inhalten mit ihm übereinstimmt. Das Gleiche gilt auch für jenen Kandidaten, den der Wähler nicht mag. Hier nimmt er an, dass der Kandidat jene Inhalte vertritt, die der Wähler selbst ablehnt (Markus & Converse, 1979). (b) Überzeugung: Der Wähler nimmt die Position des Kandidaten an, obwohl er ihn ursprünglich aus anderen Gründen präferiert hat. 

Visser (1994) versuchte, in einem Modell diese beiden Paradigmen zu vereinen und ihre Prädiktionsfähigkeit zu überprüfen. Hierzu verwendete er Heiders (1958) Balance-Theorie.

Die Balance-Theorie geht von den Beziehungen zwischen zwei oder drei Elementen zueinander aus. Diese Beziehungen können entweder negativ oder positiv sein. Heider geht von zwei unterschiedlichen Beziehungen aus: Die Einheitsrelation besagt, ob zwei Elemente zueinander gehören oder nicht. Die weitaus wichtigere Relation ist die Wertrelation. Unter dieser wird die Bewertung der Beziehung zwischen zwei Elementen verstanden (Die Beziehung kann zwischen den Elementen gut oder schlecht sein). Um die Beziehungen und die Bewertungen darzustellen, werden von den meisten Balance-Theoretikern graphische Darstellungen bevorzugt. Die Elemente werden hierbei mit Buchstaben abgekürzt, und die Beziehungen zwischen den Elementen werden durch Linien dargestellt. Eine durchgehende Linie wird als positive Bewertung definiert, während eine strichlierte oder punktierte Linie als negative Bewertung definiert wird. Weiters wird in der Balance-Theorie die Struktur der Beziehungen bewertet. Hierbei gibt es zwei Zustände: den balancierten und den unbalancierten Zustand. Nach Heiders Balance-Modell befindet sich eine Struktur (Beziehungen zwischen drei kognitiven Elementen) in balanciertem Zustand, wenn alle Verbindungen positiv sind, oder wenn zwei der drei Verbindungen negative Ausprägungen aufweisen. Befindet sich nur eine Verbindung oder alle drei Relationen in negativer Relation, so spricht man von einem unbalancierten Zustand. Abbildung 1 gibt die acht unterschiedlichen Beziehungsstrukturen drei-elementiger Modelle wieder.

Abbildung 1. Balancierte und unbalancierte Strukturen

 

Ein unbalancierter Zustand löst im Individuum Unbehagen aus. Es wird daher bemüht sein, dieses Unbehagen zu reduzieren, dies gelingt, indem wieder ein balancierter Zustand hergestellt wird. Hierzu stehen mehrere Optionen zur Verfügung: Entweder kann durch den Aufbau einer weiteren negativen Relation oder durch Umwandlung einer negativen Relation in eine positive ein balancierter Zustand erreicht werden. Welche Relation geändert wird, hängt von der Stärke der jeweiligen Relation ab. Je stärker eine Relation zwischen zwei Elementen ist, desto weniger wird sie verändert. Es werden – im Sinne eines Ökonomieprinzips –zuerst die schwachen Relationen verändert.

Je nachdem welche dieser drei Relationen verändert wird, kann man laut Visser (1994) von verschiedenen Verhaltensweisen sprechen. Abbildung 2 gibt einen Überblick über die Konzeptionalisierung des Modells.

Abbildung 2. Die Konzeptionalisierung des Wahlverhaltens nach Visser (1994).

Wird die Relation zwischen Wähler und inhaltlichen Standpunkt verändert, so spricht Visser (1994) von Überzeugung (persuasion), wird die Relation zwischen Wähler und Kandidat verändert, so erfolgt eine Wahl der Politik. Wird die Relation zwischen inhaltlichem Standpunkt und Kandidaten verändert, so spricht man von Projektion (Hier muss nochmals darauf hingewiesen werden, dass der Wähler diese Relation verändert und nicht der Kandidat, deshalb ist dies eine subjektive und keine objektive Veränderung des Standpunktes! D.h. der Wähler interpretiert eine Standpunktänderung des Kandidaten, obwohl diese objektiv nicht vorliegen muss!).

Visser (1994) überprüfte sein Modell mittels Daten aus der niederländischen Nationalratswahl von 1986. Im Jahr 1985 entschied sich die niederländische Regierung mehrere Atomkraftwerke zu bauen, um einer drohenden Energiekrise vorzubeugen. Am 30. April 1986 kam es jedoch im Atomkraftwerk Chernobyl (ehemalige UdSSR) zu einem großen Unfall. Dies löste in den Niederlanden eine Diskussion unter den politischen Parteien aus, ob weitere Atomkraftwerke gebaut werden sollten. Die politischen Parteien waren in dieser Frage gespalten. Am 31. Mai 1986 wurde die zweite Kammer des niederländischen Parlaments gewählt. Visser befragte niederländische Wähler im März und April 1986 vor der Wahl, welche Meinung sie über die Erhöhung der Anzahl der Atomkraftwerke hatten, welche Meinung die vier größten Parteien zu diesem Thema hatten, und wen sie bei der Wahl im Mai wählen werden. Die Einstellung zu den Atomkraftwerken wurde auf einer 7-stufigen Skala (1= es sollen mehr Atomkraftwerke gebaut werden, 7= es sollen keine Atomkraftwerke mehr gebaut werden) gemessen. Nach den Wahlen wurden die Personen wiederum nach ihrer Einstellung, und der Einstellung der Parteien gefragt. Weiters sollten sie berichten, wen sie bei der Wahl gewählt hatten.

Insgesamt nahmen an der Untersuchung 571 Personen zu beiden Zeitpunkten teil. In Tabelle xx sind die Ergebnisse bzw. die Veränderungen der Einstellungen, der Wahrnehmungen und des Wahlverhaltens zwischen dem ersten und zweiten Zeitpunkt für alle Versuchspersonen dargestellt.

483 (85%) Personen waren zum ersten Zeitpunkt in einem balancierten Zustand, während sich 88 Wähler in einem unbalancierten Zustand befanden. Um zu überprüfen, ob sich die balancierten Wähler auch nach der Wahl in diesem Zustand befanden, und ob die unbalancierten Wähler ihre Beziehungen zu einem balancierten Zustand veränderten, müssen die beiden folgenden Tabellen genauer inspiziert werden.

 

Tabelle xx. Die Veränderung der Einstellung, der Wahrnehmung und des Wahlverhaltens aller 571 Versuchspersonen (Visser, 1994, S. 707).

 

Einstellung zu Atomkraftwerken beibehalten

Einstellung zu Atomkraftwerken geändert

 

 

Wahrnehmung der Einstellung der Parteien beibehalten

Wahrnehmung der Einstellung der Parteien geändert

Wahrnehmung der Einstellung der Parteien beibehalten

Wahrnehmung der Einstellung der Parteien geändert

Gesamt

Keine Veränderung des Wahlverhaltens

52%

8%

12%

18%

90%

Wahlverhalten geändert

5%

2%

2%

1%

10%

Gesamt (N=571)

57%

10%

14%

19%

100%

 

 

Die erste Tabelle gibt die Veränderungen der balancierten Wähler wieder. Hier zeigte sich, dass rund 59% der Wähler ihre Einstellungen und ihr Wahlverhalten nicht änderten. Nur 10% der balancierten Wähler änderten ihr Wahlverhalten! Ein wesentlicher Teil (rund 28%) der Wähler änderte die Wahrnehmung der Parteien, während ihre eigene Einstellung rund 29% der Wähler änderten. 19% der Wähler wechselten in einen unbalancierten Zustand.

Bei den Wählern, die sich in einen unbalancierten Zustand befanden, änderten auch nur 15% ihr Wahlverhalten. Die anderen Strategien (Überzeugung und Projektion) wurden in Summe öfters angewandt. 11% der Wähler blieben in ihrem unbalancierten Zustand, den sie zum ersten Zeitpunkt hatten. 13% veränderten sich in einen anderen unbalancierten Zustand. Somit wechselten rund 76% der Wähler in einen balancierten Zustand. 

 

 

Tabelle xx. Die Veränderung der Einstellung, der Wahrnehmung und des Wahlverhaltens der 483 balancierten Wähler (Visser, 1994, S. 707).

 

Einstellung zu Atomkraftwerken beibehalten

Einstellung zu Atomkraftwerken geändert

 

 

Wahrnehmung der Einstellung der Parteien beibehalten

Wahrnehmung der Einstellung der Parteien geändert

Wahrnehmung der Einstellung der Parteien beibehalten

Wahrnehmung der Einstellung der Parteien geändert

Gesamt

Keine Veränderung des Wahlverhaltens

59%

5%

7%

19%

90%

Wahlverhalten geändert

5%

2%

1%

2%

10%

Gesamt (N=483)

64%

7%

8%

21%

100%

 

 

Tabelle xx. Die Veränderung der Einstellung, der Wahrnehmung und des Wahlverhaltens der 88 unbalancierten Wähler (Visser, 1994, S. 708).

 

Einstellung zu Atomkraftwerken beibehalten

Einstellung zu Atomkraftwerken geändert

 

 

Wahrnehmung der Einstellung der Parteien beibehalten

Wahrnehmung der Einstellung der Parteien geändert

Wahrnehmung der Einstellung der Parteien beibehalten

Wahrnehmung der Einstellung der Parteien geändert

Gesamt

Keine Veränderung des Wahlverhaltens

11%

27%

38%

9%

85%

Wahlverhalten geändert

2%

4%

8%

1%

15%

Gesamt (N=88)

13%

31%

46%

10%

100%

 

Diese Ergebnisse lassen daher darauf schließen, dass nur eine geringe Anzahl der Wähler als Wechselwähler in Frage kommt und dass eine große Mehrheit bei ihren vorher festgelegten Wahlverhalten bleibt. Die meisten Wähler lassen sich somit durch Argumente überzeugen oder projizieren eine Einstellungsänderung der Parteien oder der Kandidaten. Einschränkend muss man hier aber die Arbeiten von Tannenbaum erwähnen, der die Wertigkeiten bzw. extremen Ausprägungen der Relationen untersuchte (Osgood und Tannenbaum, 1955). In seinen Untersuchungen zeigte sich, dass vor allem jene Relationen stark verändert werden, die eher geringere Ausprägungen aufwiesen. Deshalb sollte man in nachfolgenden Untersuchungen auch die Wertigkeiten der einzelnen Inhalte und der Relationen für die Wähler berücksichtigen, um eine bessere Prädiktion des Verhaltens zu erhalten. Weiters ist anzumerken, dass Wahlentscheidungen sicherlich nicht nur von einer einzigen Einstellung abhängen, sondern mehrere Einstellungen eine Rolle spielen.

 

Die Persönlichkeitsprofile der Wähler

 

Die Persönlichkeitsprofile der Wähler wurden in mehreren Untersuchungen nach dem zweiten Weltkrieg erforscht. In den Fünfziger und Sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts waren Einzelaspekte der Persönlichkeit von Interesse. Inbesonders die Forschung zur autoritären Persönlichkeit erregte große Aufmerksamkeit (Adorno, Frenkel-Brunswik, Levinson & Sanford, 1950). Autoritäre Persönlichkeiten wählen vor allem konservative und anti-liberale, nationalistische Parteien.

Einhergehend mit der Entwicklung sophistizierterer Persönlichkeitsmodelle entwickelte sich auch die Erforschung der Persönlichkeitsprofile der Wähler weiter. Das vorherrschende Paradigma der Persönlichkeitstheorie (McCrae & John, 1992; McCrae, 1996) geht von fünf zugrundeliegenden Persönlichkeitsfaktoren aus (Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für Erfahrung, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit). Personen, die Offenheit für neue Erfahrungen zeigen, sind eher liberaler und sind auf der dichotomen politischen Skala eher links orientiert (Trapnell, 1994; McCrae, 1996). Für McCrae ist dieser Persönlichkeitsfaktor eine wichtige psychologische Determinante, ob eine Person eher liberal oder konservativ eingestellt ist: „Openness predisposes individuals toward liberal political views“ (McCrae, 1996, S. 327).

Caprara, Barbaranelli und Zimbardo (1999) befragten insgesamt 2030 italienische Wähler. Unter anderem wurden sie mittels eines Fragebogens zur Fünf-Faktoren-Theorie der Persönlichkeit getestet und nach ihrem Wahlverhalten bei der letzten Wahl gefragt. Wähler, die bei der letzten Wahl die Mitte-Rechts-Koalition unterstützt haben, waren dominanter und gewissenhafter. Die Mitte-Links-Wähler waren freundlicher (sozial verträglicher) und waren offener gegenüber neuen Erfahrungen. Die Wählergruppen diskriminierten nicht auf dem Faktor emotionale Stabilität. Weiters unterschieden sich die Wählergruppen  nicht in den demographischen Variablen wie z.B. Alter oder Geschlecht. 

 

 

 

Einstellungsänderungen nach der Wahl

 

Einstellungsänderungen nach der Wahl treten bereits nach dem Wahlvorgang ein. Regan und Kilduff (1988) interviewten Wähler vor Betreten des Wahllokals und nach Verlassen desselben. Zu beiden Zeitpunkten mussten die Wähler die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Kandidat gewinnt, schätzen. Es zeigte sich, dass die Wähler nach der Wahl die Wahrscheinlichkeit eines Sieges ihres Kandidaten signifikant höher einschätzten als vor der Wahl.

Die Veröffentlichung des Wahlergebnisses gibt jedem Wähler Informationen, ob er selbst einen Kandidaten gewählt hat, der auch von der Mehrheit der Wähler unterstützt wurde oder nicht. Wenn er den „Gewinner“ der Wahl gewählt hat, so wird dies eine konsonante Information sein, die seine Einstellung zu seinem Kandidaten unterstützt. Er wird in seiner Einstellung somit bestärkt. Eine diskrepante Information liegt vor, wenn ein anderer Kandidat oder eine andere Partei gewonnen hat. Kognitive Dissonanz liegt vor, wenn der Wähler eine positive Einstellung zu seinen Mitbürgern hat (d.h. wenn er glaubt, dass alle Wähler rational handeln, und somit so wählen müssen, wie er gewählt hat), die Mehrheit der Wähler aber einen anderen Kandidaten oder eine andere Partei gewählt hat. Dissonanz erzeugt psychologisches Unbehagen (Spannungszustand bzw. unangenehme Aktivierung), welches man zu reduzieren versucht. Wähler, die einen unterlegenen Kandidaten unterstützt haben, können ihre Dissonanz dahingehend reduzieren, dass sie den Gewinner aufwerten und den Verlierer abwerten. Eine andere Möglichkeit zur Reduktion der Dissonanz besteht außerdem in der Abwertung des gesamten Wahlganges.

Die Dissonanztheorie postuliert, dass man gerade dann Dissonanz nach einer Entscheidung verspürt, wenn die Wahl besonders schwer gefallen ist. Die positiven Eigenschaften der abgelehnten Alternative und die negativen Eigenschaften der gewählten Alternative spielen für die Stärke der Dissonanz eine wesentliche Rolle. Dies ist ganz besonders der Fall, wenn die Entscheidung unumkehrbar und wichtige Konsequenzen hat (Harvey & Mills, 1971). In mehreren Experimenten von Brehm (1956) und Festinger (1964) wurde nachgewiesen, dass Personen die Dissonanz durch eine weitere Aufwertung der gewählten Alternative und durch eine weitere Abwertung der abgelehnten Alternative reduzieren.

Cooper und Fazio (1984) fassten die Ergebnisse der Dissonanz-Experimente zusammen. Mehrere Bedingungen müssen erfüllt sein, damit Dissonanz erlebt wird. Abbildung xx zeigt einen Entscheidungsbaum der bisherigen Forschungsergebnisse. Zuerst muss eine Entscheidung, eine Intention oder ein Verhalten vorliegen, die der bisherigen Einstellung der widersprechen. Dieses Verhalten muss negative Konsequenzen aufweisen, wobei diese nicht sofort eintreten müssen (sie müssen zumindest erwartet werden, Cooper & Worchel, 1970). Diese negativen Konsequenzen sind entweder nicht reversibel oder es besteht kein Entschluss, diese zu beseitigen (Davis & Jones, 1960). Außerdem muss Entscheidungsfreiheit vorhanden gewesen sein (Festinger & Carlsmith, 1959). Denn wenn dieses Verhalten aufgrund eines äußeren Drucks ausgeübt worden ist, hat man selbst keine Verantwortung zu tragen, und verspürt daher keine Dissonanz. Goethals, Cooper und Naficy (1979) zeigten weiters, dass die negativen Konsequenzen vorhersehbar gewesen sein müssen, um Dissonanz zu verspüren.

Die Veröffentlichung des Wahlergebnisses sollte somit zu einer weiteren Diskrepanz in den Einstellungen zwischen jenen Wählern, die den Gewinner gewählt haben und jenen, die den Verlierer gewählt haben, führen. Vor allem sollte sich dies in der absoluten Differenz der Einstellungen zu den Kandidaten zeigen. Personen, deren Erwartungen sich nicht erfüllt haben, sollten eine Einstellungsänderung zeigen, während jene Personen, die den Gewinner der Wahl gewählt haben, keine Einstellungsänderung vornehmen.

Granberg und Nanneman (1986) überprüften diese Hypothesen anhand einer Meinungsumfrage anlässlich der US-Präsidentschaftswahl im Jahr 1980. Für diese Studie konnten insgesamt 1408 Versuchspersonen gewonnen werden. Die Versuchspersonen mussten ihre Einstellungen auf einer Skala von 0 (sehr negative Einstellung) bis 100 (sehr positive Einstellung angeben). Die Instruktion für diese Einschätzung lautete:

 

„I’d like to get your feelings toward some of our political leaders and other people who are in the news these days. I’ll read the name of a person and I’d like you to rate that person using this feeling thermometer. You may use any number from 0 to 100 for rating. Ratings between 50 and 100 mean that you feel favorable and warm toward the person. Ratings between 0 and 50 degrees mean that you don’t feel too favorable toward the person. If we come to a person whose name you don’t recognize, you don’t need to rate that person…If you do recognize the name, but don’t feel particularly warm or cold toward the person, you would rate the person at the 50 degree mark.”

 

Nach dieser Instruktion mussten die Versuchspersonen zuerst den damaligen Präsidentschaftskandidaten Jimmy Carter und dann Ronald Reagan bewerten. Außerdem wurden sie gefragt, wen sie wählen würden und wer nächster Präsident der USA werden würde.

Kurz nach der Wahl wurden die Versuchspersonen nochmals kontaktiert und gefragt, ob und wen sie gewählt hatten. Auch beim zweiten Messzeitpunkt mussten sie die Kandidaten auf der Gefühlsskala bewerten.

Die Ergebnisse der Untersuchung zeigten ein differenziertes Bild der Einstellungsveränderung. Personen, die den Verlierer Carter gewählt hatten, änderten ihre Einstellung zu ihm nicht signifikant. Jene Personen aber, die vor der Wahl Carter präferierten und ihn auch wählten, bewerteten ihn nach der Wahl signifikant negativer. Reagan-Wähler differenzierten in ihren Einstellungen zu Carter und Reagan signifikant stärker nach der Wahl. Carter-Wähler passten ihre Einstellungen zu Carter und Reagan-Wähler an. Ob die Erwartungen an das Wahlergebnis erfüllt wurden oder nicht, spielte ebenfalls eine signifikante Rolle. Personen, die Reagan wählten und auch erwarteten, dass Reagan gewinnt änderten ihre Einstellungen zu den beiden Kandidaten nach der Wahl nicht. Jene Personen, die Carter wählten, aber den Sieg von Reagan erwarteten änderten ebenfalls nicht ihre Einstellung. Personen, die Reagan wählten, aber erwarteten, dass Carter gewinnt, hatten nach der Wahl signifikant positivere Einstellungen zu Reagan als vor der Wahl. Diese Gruppe hielt ihre Einstellungen zu Carter stabil. Jene Personen, die Carter bevorzugten und erwarteten, dass Carter gewinnt, zeigten eine signifikante Einstellungsänderung bezüglich Reagan (er wurde positiver bewertet) und bezüglich Carter (er wurde negativer bewertet).

Beasley und Joslyn (2001) untersuchten mit dem Forschungsdesign von Granberg und Nanneman (1986) insgesamt 6 US-Präsidentenwahlen (1972, 1980, 1984, 1988, 1992 und 1996). Die Hypothese, dass jene Personen, die den Verlierer gewählt haben, eine Einstellungsänderung vornehmen, konnte bestätigt werden. Es zeigte sich jedoch, dass die Erwartungen in insgesamt fünf der sechs Wahlen keinen Einfluss auf die Einstellungsänderungen hatten. Einen signifikanten Einfluss haben hingegen zwei andere Variablen, nämlich die absolute Attraktivität der Kandidaten und die Wahl selbst. Brehm und Cohen (1962) konnten bereits zeigen, dass je attraktiver beide Wahlalternativen sind, desto stärker ist die verspürte Dissonanz. Beasley und Joslyn (2001) teilten ihre Versuchspersonen in zwei Gruppen: Jene, die beide Kandidaten auf dem Gefühlsbarometer über 50 Punkte bewerteten und jene, die zumindest einen Kandidaten unter 50 Punkte bewerteten. In fünf von sechs Wahlgängen konnte nachgewiesen werden, dass die Differenz der Einstellungen zu den Kandidaten größer war, als wenn nur ein Kandidat positiv (über 50 Punkte) bewertet wurde. Ferner konnte gezeigt werden, dass dieses Ergebnis nur für Wähler und nicht für Nicht-Wähler gilt. Nicht-Wähler differenzieren nicht stärker zwischen zwei positiv evaluierten Kandidaten, als wenn nur ein Kandidat positiv bewertet wird.

Die Ergebnisse von Beasley und Joslyn (2001) zeigen somit, dass das Commitment (d.h. von seinem Wahlrecht Gebrauch zu machen) als behaviorale Komponente eine wichtige Rolle für Einstellungsänderungen spielt.

Olbrich et al. (2003) untersuchten, ob kognitive Dissonanz auch bei österreichischen Nationalratswahlen auftritt oder dies nur bei einer Persönlichkeitswahl festzustellen ist. Eine Woche vor der Nationalratswahl 2002 wurden 71 Personen in einer simulierten Wahl befragt, welche der sechs Parteien sie wählen würden. Sie mussten auf einer fünf-stufigen Skala (-2: keine Sympathie, +2: große Sympathie) angeben, wie sehr sie jede der Parteien mochten. Weiters mussten sie die Kandidaten der Parteien und die Kompetenz der Partei, aktuelle politische Probleme zu lösen, bewerten. Zur Bewertung der Kompetenz wurde den Versuchspersonen eine Liste mit 10 aktuellen Problemen (Arbeitslosigkeit, Bildungssystem, Kriminalität, etc.) vorgegeben, und sie mussten jene Partei wählen, die ihnen als kompetent erschien, diese Probleme zu lösen. Daraus wurde ein Kompetenzindex für jede Partei gebildet. Eine Woche nach der Wahl mussten die Vpn wiederum diese Evaluationen durchführen. Für die Spitzenkandidaten konnte keine Veränderung in der Evaluation festgestellt werden, ebenso gab es keine Veränderung in der Sympathie zu den Parteien. Eine signifikante Veränderung trat hingegen bei der Zuschreibung der Kompetenz ein. Die ÖVP-Sympathisanten, die sich als Gewinner der Wahl sahen (ihre Partei errang den ersten Platz bei der Wahl) schrieben ihrer Partei wesentlich mehr Kompetenz nach der Wahl zu als der zweitplazierten Partei (Die Differenz in der Kompetenzzuschreibung stieg an). Für die SPÖ-Wähler, die sich als Verlierer der Wahl fühlten (ihre Partei erreichte die zweithäufigsten Stimmen), werteten die Kompetenz ihrer eigenen Partei zwar nicht ab, aber die Kompetenz der ÖVP auf, sodass die Kompetenzdifferenz zwischen den Parteien nach der Wahl kleiner wurde (siehe Tabelle T-x.x.).

 

Tabelle T-x.x. Die Veränderung der Kompetenzbewertung der Gewinner (ÖVP) und Verlierer (SPÖ).

Wähler

SPÖ-Kompetenzbewertung

ÖVP-Kompetenzbewertung

 

Vor der Wahl

Nach der Wahl

Vor der Wahl

Nach der Wahl

SPÖ

5.84

6.64

0.72

0.84

ÖVP

0.97

0.41

5.76

7.35

 

Dieses Ergebnis stimmt mit der Hypothese der Dissonanztheorie überein. Die Verlierer versuchen durch die Aufwertung der Gewinnerseite ihre Dissonanz zu reduzieren, während die Gewinner in ihrem Verhalten durch den Wahlsieg positiv verstärkt wurden und die Differenz vergrößerten.

 

Alternative Formen der Politischen Partizipation

Politische Partizipation kann auch über "Umwege" erfolgen. Alternative Verhaltensmöglichkeiten, wie z. B. die Gemeinwesenarbeit werden ebenfalls zur Erreichung persönlicher politischer Ziele eingesetzt (Lake & Huckfeld, 1998; Montero, 1998).

Im Zusammenhang mit der Identifikation mit Gruppen sei auch die Parteizugehörigkeit erwähnt. Die Identifikation mit einer Partei wurde von Campbell et al. (1960, S. 143) als "an affective attachment to an important group object in the environment" angesehen. Greene (1999) untersuchte die soziale Identität der einzelnen Parteisympathisanten in den USA. Die Theorie der sozialen Identität geht davon aus, dass sich Individuen einzelnen Gruppen zugehörig fühlen. Diese Gruppenzugehörigkeit bestimmt auch die soziale Identität der Person und in weiterer Folge den Selbstwert. Personen versuchen ihre eigene Gruppe von anderen relevanten Gruppen positiv zu differenzieren. Sie sehen geringe Unterschiede zwischen den Mitgliedern der eigenen Gruppe und sehr große Unterschiede zu anderen Gruppen. Wenn Individuen die Möglichkeit besitzen, Güter zwischen den einzelnen Mitgliedern zu verteilen, so werden die Mitglieder der eigenen Gruppe bevorzugt. Dieses Ergebnis tritt auch dann auf, wenn keine Kommunikation zwischen den Gruppenmitgliedern besteht und die Gruppenzugehörigkeit zufällig (durch Münzwurf) bestimmt wurde.

Dass die Ergebnisse der sozialen Identität auch für den politischen Kontext zutreffen, wurde das erste Mal von Kelly (1988, 1989, 1990a, 1990b) in einer Reihe von Untersuchungen bestätigt. Sie konnte nachweisen, dass der politische Gegner als homogene Gruppe wahrgenommen wird und dass eine klare Differenzierung zwischen der eigenen Partei und den anderen Parteien besteht. In einigen neueren Untersuchungen (Kelly, 1990a, b) wies sie nach, dass dieses Phänomen auch innerparteilich (Fraktionsgruppen) existiert.

Die Identifikation mit einer politischen Gruppe spielt auch bei der Vorhersage der Wahlbeteiligung eine Rolle. So zeigte Greene (1999), dass vor allem in den USA jene wählen gehen, die sich zu einer politischen Partei zugehörig fühlen