Schlaflos in Pjöngjang

Am Anfang allen Sprechens über die Fremde steht das Staunen darüber, dass es dort anders ist. Der Vergleich ist ein ständiger Reisebegleiter, kaum je aber die Reflexion darüber, was da wirklich zu sehen ist und wie dieser Vergleich zustande kommt. So entsteht ein Bild vom Wilden: erziehungsbedürftig, unberechenbar, vital, immer aber eine Projektionsfigur europäischer Ängste und Sehnsüchte. Und der Bericht über die Ferne ist zugleich auch ein Bericht über das Zuhause. Er lebt vom Unterschied und vom Geheimnis. Seit dem 18. Jahrhundert aber wird die Fremde auch der Ort der Antipoden, der Ort, an dem die Verhältnisse umzukehren wären, eine Zuflucht, eine Rettung. Die "Bildungsreise" eines westlichen Intellektuellen nach Nordkorea könnte also auch im Kontext europäischer Zivilisationsflucht verstanden werden, die den Ort einer angeblich nicht entfremdeten Ursprünglichkeit aufsucht. Und um auch der Rationalität Genüge zu tun, gilt die Volksrepublik noch dazu als nachahmenswertes Modell einer autonomen, mit "alternativen" Methoden arbeitenden, von ausländischen Absatzmärkten weitgehend unabhängigen Wirtschaftsentwicklung. Basis dieser Autarkie ist Dschutsche, die durch den "geliebten und verehrten Führer" Kim II Sung entwickelte Staatsphilosophie. Sie zu studieren, ist der Reisende nach Korea gekommen; und in der ihm auferlegten Rolle des passiven Schülers entpuppt sich die Vorstellung, das fremde Land aus der Nähe kennen zu lernen, als naive Illusion. Er erkennt die tiefe Diskretion, mit der die koreanische Macht, repräsentiert durch die überdimensionale Führerfigur, sich selbst und ihr Land den Besuchern vor Augen führt. Sie leugnet das alte Geheimnis und vertieft es dadurch. In einem lückenlosen Leitungssystem, vom Autor als "Delegationismus" bezeichnet, steuert sie die Wahrnehmungen der Gäste; Delegationismus als höchste und zugleich nicht als solche verstandene Form der Kommunikationsverweigerung gegenüber dem Ausländer. Das Land schrumpft zum Text, dem Text der koreanischen Macht; die Reise wird zur Lektüre, Zweifel zur Dummheit. Indem die Macht die Universalgeltung von Dschutsche postuliert, leugnet und schafft sie zugleich Distanz und entwirft ein widerspruchsfreies, weil abstraktes Gebilde einer "besseren Welt", deren Kriterien nirgends und durch niemanden - außer durch die Macht selber - überprüfbar sind. In schlaflosen Nächten fällt den Reisenden seine linksmissionarische Vergangenheit an. Auch Korea erscheint als das Modell einer Gesellschaft, die sich durch sich selbst rechtfertigt, ein geschlossenes System, legitimiert durch zahllose Zirkelschlüsse und Leerformeln; Korea ist überall dort, wo Glück versprochen wird, und die Abwesendheit von Schmerz, und die Befreiung von jeglichem Zweifel. In Pjöngjang oder anderswo liegt das Ende der Illusion vom schöneren Leben, das die Enttäuschten das Kapitalismus in der "Dritten Welt" zu finden hofften. (Klappentext)

 

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