Ornament und Askese

Das Wien der Jahrhundertwende - eine schönheitstrunkene Großstadt oder (so Hermann Broch) die "Metropole des Kitsches"? Hinter diesen Fragen, hinter den Kriterien zu ihrer Entscheidung, steckt ein fundamentaler Konflikt der Moderne: der zwischen "Ornament" und "Askese". Das Wien um 1900, eine "Versuchsstation" für vielerlei, kann als ein exemplarischer Austragungsort dieses Konfliktes gesehen werden. Die großen kulturellen und politischen Strömungen jener Zeit, die bildenden Künste und die Architektur, die Literatur, aber auch die Psychoanalyse und die Philosophie, sie alle standen im gleichen Spannungsfeld: ist das Ornament "verbrecherisch", wie Adolf Loos als Vertreter der asketischen Position anklagend vermerkte, oder hilft es, eine von der nüchternen Zweckrationalität des Alltags abgelöste Sphäre der Schönheit zu schaffen. Das Ornament ist nicht auf die Sphäre der bildnerischen Gestaltung beschränkt - Karl Kraus etwa konstatierte es in der Sprache als Phrase und verfolgte missmutig seine Spuren in der zwischenmenschlichen Kommunikation und in der Selbstdarstellung der Wiener. Die Auseinandersetzung um das Ornament war also kein unbedeutender akademischer Konflikt, sondern eine Austragungsart eines grundlegenden gesellschaftlichen Konflikts, der in der Metropole der untergehenden Donaumonarchie mit bemerkenswerten Aggressionen ausgefochten wurde. Eine interdisziplinär arbeitende Gruppe von Wissenschaftern aus aller Welt ist diesem Konflikt, seinen Wurzeln und seinen Austragungsformen nachgegangen. Bei einer Tagung der Wiener Festwochen unter dem Ehrenvorsitz von Carl É. Schorske kam es zur Konfrontation der Arbeitsergebnisse von ausländischen Kapazitäten wie Hans Mommsen, Werner Hofmann, Brian McGuinness und Mario Erdheim mit denen österreichischer Forscher wie Peter Gorsen, Burkhardt Ruschcio, Manfred Wagner, Peter Haiko und Kurt R. Fischer - eine spannungsgeladene Diskussion, deren Ergebnisse der vorliegende Band dokumentiert. (Klappentext)

 

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