Ratte         Über Ratten, Mäuse, und Menschen


Wohlmeinende Kollegen haben mich davor gewarnt, mit Tierrechtsaktivisten (TRAs) zu diskutieren. Das wäre genauso aussichtslos wie der Versuch, einem Pyromanen das Feuer auszureden. Ich glaube meinen Kollegen und wende mich deshalb nicht an TRAs, sondern an jene, die sich von deren Aktionen beeindrucken lassen bzw. vielleicht sogar schon selbst bei der einen oder anderen Unternehmung in bester Absicht mitgemacht haben.


Mit welchen Begründungen werden seit über 2 Jahren Mitarbeiter von Forschungsinstituten der Wiener Medizinischen Fakultät von TRAs terrorisiert und verunglimpft, zuletzt sogar tätlich angegriffen? Es wird ihnen vorgeworfen, (1) Labortiere (zum Großteil Mäuse und Ratten) in Gefangenschaft zu halten; (2) ihnen Schmerzen zuzufügen; (3) sie zu töten; und letztlich (4) ihre Leichen zu zerstückeln. Im ersten Moment hört sich das wirklich an wie der Stoff, aus dem Gruselschocker à la „Schweigen der Lämmer“ gemacht sind.


Freiheit ist ein relativer Begriff. Wir Menschen nehmen im Normalfall einen recht begrenzten Lebensraum in Anspruch (González et al. 2008). Versuchen Sie einmal nachzuvollziehen, wo Sie in den letzten 72 Stunden überall gewesen sind. Natürlich gibt es Ausnahmen. Manchmal verreisen wir, und manche reisen sogar besonders oft. Aber wie sieht es aus mit „normalen“ 72 Stunden eines „Durchschnittsmenschen“? Meistens kommen dabei ein paar Dutzend Quadratmeter heraus, an 2 verschiedenen Orten, verbunden durch einen schmalen Weg. Wir sind damit ganz zufrieden, zumindest für eine Weile, es sei denn wir entdecken eines Tages eine unüberwindliche Mauer um unseren gewohnten Lebensraum, dann ist’s mit unserer Zufriedenheit natürlich vorbei (siehe „The Truman Show“). Ratten haben nichts gegen eine Mauer, auch wenn sie kein Loch zum Durchkriechen finden. Sie können ohne Weiteres auf die Welt dahinter verzichten.


Natürlich brauchen sie Platz, damit sie sich bewegen können; und sie brauchen noch etwas, worin sie uns Menschen ähnlich sind: Gesellschaft. Nicht irgendeine Gesellschaft, da sind sie wählerisch (wie wir); sie brauchen Ihresgleichen, Kumpels halt. Wenn sie sich mit 3 oder 4 Freunden rumbalgen können, nachts, wenn sie am lebhaftesten sind, dann sind sie happy, selbst wenn ihr Käfig nur 38 x 59 cm mißt. Freiheit? Nehmen Sie in einer gut geführten Rattenhaltung irgendeinen Käfig aus dem Regal, stellen Sie ihn in der Mitte auf den Boden und nehmen Sie den Deckel ab. Natürlich verlassen die Tiere irgendwann den Käfig, denn Ratten sind neugierig. Aber Sie können sicher sein: Am nächsten Morgen, nachdem sie alles gründlich ausgekundschaftet haben, liegen sie wieder alle friedlich schlafend in ihrem Käfig beisammen. Für sie ist das kein Gefängnis; es ist ihr Heim.


Soviel zum Thema Tierhaltung und Freiheit. „Tierbefreier“ tun den Tieren keinen Gefallen. Wie mir unlängst ein Kollege erzählt hat, sind vor Jahren in Frankfurt am Main nach einer „Tierbefreiungsaktion“ Dutzende von Laborkaninchen „in Freiheit“ umgekommen. Man braucht nur etwas Hausverstand, um das nachvollziehen zu können.


Wie sieht es aber mit den Schmerzen aus? Sind Wissenschafter, die Tieren Schmerzen zufügen, Tierquäler? Von allen hier aufzuwerfenden Fragen ist diese wohl die schwierigste. Natürlich ist es für Ratten schmerzhaft, wenn eine Injektionsnadel durch ihre Haut dringt (um mit einem relativ einfachen Beispiel zu beginnen). Sie wehren sich dagegen und müssen festgehalten werden. Vielleicht liest diese Zeilen jetzt ein Tierfreund, der zu Hause eine Ratte hält, und ist schockiert. So eine Grausamkeit! Aber nicht der Nadelstich ist grausam, nein, Sie, lieber „Tierfreund“, sind es, wenn Sie nur eine Ratte halten und sie niemanden (außer Ihnen) zum Spielen hat. Der Nadelstich, richtig ausgeführt, muß nicht grausam sein. Ratten sind soziale Tiere und prügeln sich nächtelang mit Ihresgleichen.


Sie sollten einmal in eine Rattenhaltung gehen, nachts. Da ist der Teufel los. Das ist ein Rumoren und ein Quieken und ein Radau! Ständig müssen sie ihre Kräfte messen, und sie sind gewiß nicht unglücklich dabei. Manchmal kann man richtig dabei zusehen, wie ihnen „der Schalk in die Beine fährt“. Sie machen dann ein paar rasche Bewegungen an Ort und Stelle und stürzen sich auf den nächstbesten Artgenossen, und schon kugeln beide herum und versuchen, einer über den anderen zu kommen. Behält schließlich einer die Oberhand, dann beißt er den Unterlegenen ins Fell, meist in den Nacken, und der hält dann ganz still und quiekt. Das war’s dann schon, und weiter geht’s in die nächste Balgerei. Es kommt nur ganz selten vor, daß sich Ratten, wenn sie gut gehalten werden, gegenseitig ernsthaft verletzen. Das passiert nur, wenn man Tiere, die einander nicht kennen, in einen Käfig setzt, ein Fehler, der einem guten Tierpfleger nicht unterlaufen wird.


Worauf will ich hinaus? Ratten wissen nicht, was Menschen sind. Sie wissen nur, daß immer wieder, solange sie denken können, etwas nach ihnen greift, so wie auch ihre Artgenossen immer wieder nach ihnen greifen. Sie sind daran gewöhnt. Wir mußten unlängst eine ganze Reihe von Injektionen an Ratten ausführen, eine morgens, eine am Nachmittag, 3 Tage lang. Bei der ersten Injektion gab’s ein Mordsgezeter. Am lautesten haben die gekeift, die die „Chefs“ im Käfig waren. Das waren sie nicht gewöhnt, daß einer stärker war als sie. Beim 2. Mal gab’s dann keine Faxen mehr. Auch die „schweren Jungs“ ließen alles mit unterwürfigem Fiepen über sich ergehen. Hatten sie Angst? Nein. Sie spielten nur mit, dasselbe Spiel, das sie jede Nacht miteinander spielen. Keiner suchte entsetzt das Weite, auch wenn wir ihnen die Gelegenheit gaben. Danach setzten sie schon nach wenigen Minuten ihren von uns unterbrochenen Tagesschlaf fort.


Haben wir nun diese Tiere gequält? Nein. Wir haben nur das getan, was sie miteinander Nacht für Nacht freiwillig selber tun, und den Schmerz konnten sie im Spektrum ihrer Erfahrungen einordnen. Kurz: Wir haben sie „artgerecht“ gehandhabt. Jedes Tier verfügt über ein Repertoir natürlicher Verhaltensweisen, und wenn es der Mensch versteht, sich in dieses Repertoir passend einzuklinken, kann er sich das artspezifische Verhalten zunutze machen, ohne das Tier dabei übermäßig zu drangsalieren. Das kann nicht jeder. Menschen müssen dazu ausgebildet sein, müssen Erfahrung haben, und manche sind dafür mehr geeignet als andere (siehe Robert Redfords „Der Pferdeflüsterer“).


Der Schmerz, den eine Injektion – bei artgerechter Vorgangsweise – auslöst, muß also für ein Tier noch keine wesentliche Belastung darstellen. Anders sieht es allerdings mit den Wirkungen der auf diese Weise verabreichten Substanzen aus. Diese Wirkungen können durchaus gravierend sein. Jeder Forscher muß sich dessen bewußt sein und sich die Frage gefallen lassen, ob der mögliche Erkenntnisgewinn auf keinem anderen Weg zu erzielen ist, und ob er überhaupt relevant genug ist, dafür das Leiden von Tieren in Kauf zu nehmen. Genau hier scheiden sich die Geister: Ist das Leben eines Menschen mehr wert als das Leben eines Tieres? Rechtfertigt die Sicherheit eines Kosmetikums das Leid von Kaninchen?


Diese Fragen müssen in einer funktionierenden Demokratie offen diskutiert werden, und es ist die Aufgabe von kompetenten Gremien und Kommissionen, sie von Fall zu Fall zu beantworten. Ein Wissenschafter kann also keineswegs nur seiner eigenen Neugier folgen, sondern er unterliegt den gesetzlichen Bestimmungen und, wenn er an einer öffentlichen Einrichtung wie einer Universität tätig ist, dem Forschungsauftrag durch das Gemeinwesen.


Was hatten wir noch? Wissenschaftern wird vorgeworfen, Tiere zu töten und ihre Leichen dann auch noch zu zerstückeln. Dieser Vorwurf ist ganz besonders blauäugig, vor allem wenn es um Ratten und Mäuse geht. Jedes Jahr gehen Tausende von Ratten und Mäusen in Wiens Kanälen zugrunde, ja die Stadtverwaltung bezahlt dafür sogar eigens ausgebildete „Killer“. Am häufigsten werden dabei Köder eingesetzt, die einen Stoff enthalten, der die Blutgerinnung hemmt. Die Tiere sterben dann oft erst nach Tagen an inneren Blutungen. Und Wissenschaftern wirft man allen Ernstes vor, hin und wieder ein paar Ratten oder Mäuse rasch und schmerzlos zu töten? Genauso absurd ist der Vorwurf, getötete Tiere zu „zerstückeln“.


Die Konfrontation mit dem Tod, der Anblick von Blut, von eröffneten Körpern gar, löst bei jedem normalen Menschen Schrecken und Abscheu aus. Es gibt keinen Wissenschafter, der nicht wenigstens zu Beginn seiner Ausbildung damit zu kämpfen hatte. Viele lassen ein Studium, das sie früher oder später damit konfrontieren würde, aus diesen Gründen lieber sein. Aber wer die Ursache von Krankheiten erforschen will, kommt darum nicht herum. Es ist einfach gemein, Wissenschaftern zu unterstellen, sie fänden Gefallen an diesen Dingen. Das Gegenteil ist wahr: Sie betrachten sie als notwendiges Übel und müssen sich dazu überwinden. Eine Ratte oder eine Maus mit eigener Hand zu töten ist sehr, sehr schwer. Nur kranke Geister tun das zum Vergnügen.


Manche werden jetzt vielleicht einwenden: Was soll das ganze Theater um Ratten und Mäuse? Das sind doch nur „Schädlinge“, „Ungeziefer“. Ich werde nie vergessen wie meine Oma (Wirtin und Bauerntochter) bei der Gartenarbeit, mit allen Anzeichen des Ekels, vor den Augen von uns entsetzten Kindern einmal einen Wurf neugeborener Mäuse mit dem Spaten erschlagen hat. Für einen Hirnforscher ist das jedoch keine Kategorie. Er sieht das Lebewesen, das Säugetier, das animal sociale, das noch letzte Nacht mit seinen Kumpels munter im Käfig herumgetobt hat. Vielleicht verstehen Sie jetzt, warum wir Forscher gekränkt sind, wenn man uns in der Öffentlichkeit als Monster hinstellt.


M.C. González, C.A. Hidalgo, A.-L. Barabási (2008) Understanding individual human mobility patterns. Nature 453:779-783.


Ratte  


MB 5/03