11. September 2001: Wir sind schon lange zu weit gegangen (English version)
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Nach den Ereignissen
vom 11. September mußte erst einmal nachgedacht werden. Noch nie hat
ein Ereignis in so kurzer Zeit so viele Menschen zum Nachdenken gebracht.
Alle denken nach: Die US-Amerikaner; die Moslems; die Europäer; die
Chinesen; die Israeli; die Afghanen sowieso; alle, bis zum letzten Hirten
in Lappland und zum letzten Indianer im Dschungel. Im Allgemeinen kommt auch
etwas Vernünftiges dabei heraus, wenn Menschen nachdenken. Wenn Menschen
zu Schlußfolgerungen gelangen, dann äußern sie diese gegenüber
anderen Menschen. Manche verschaffen sich dabei mehr Gehör als andere.
Immerhin: Man redet, man praktiziert Rede und Gegenrede, und man darf darauf
hoffen, daß auch vernünftige Ansichten Gehör finden und an
Einfluß gewinnen.
Mehr Menschen als je zuvor leben heute in halbwegs
demokratischen Gesellschaften, mit einigermaßen freien Medien. Es ist
nicht nur naiver Optimismus, wenn man von der angelaufenen Diskussion sinnvolle
Anregungen dafür erwartet, welche Lehren aus dem weltweiten Schock zu
ziehen sind. Wir alle sollten mitdenken, und vor allem aufmerksam zuhören.
Es wird viele, sehr viele Aussagen geben, und nur wenige davon werden hörenswert
sein. Es wird nicht leicht sein, diese zu erkennen. Man darf keine vorgefaßte
Meinung haben. Denn eines steht fest: Es wird sich etwas ändern. Wenn
wir gut nachdenken, wird es eine Änderung zum Besseren sein.
Wir Menschen waren immer schon der Aggression durch
Mitmenschen ausgesetzt. Mit dem Fortschreiten der technischen Entwicklung
sind diese Angriffe immer monströser geworden. Von unseren noch weniger
vernunftbegabten Vorfahren haben wir zwei Strategien geerbt, darauf zu reagieren.
Entweder wir laufen weg und versuchen uns in Sicherheit zu bringen, oder wir
schlagen zurück. Beides hat ein paar Jahrtausende lang so recht und
schlecht funktioniert. Mit der Zeit haben wir gelernt, daß es auch andere
Möglichkeiten gibt. Im modernen Strafvollzug macht man sich heute nicht
nur darüber Gedanken, wie man Aggressoren unschädlich macht, sondern
man fragt sich vernünftiger Weise auch, wodurch sie zu Aggressoren wurden.
Nur wenige Menschen attackieren aus Jux und Tollerei
andere Menschen. Die Menschen haben meist einen Grund für das, was sie
tun. Wir wissen das, denn wir haben die wunderbare Fähigkeit, uns in
andere hineinzudenken. Jeder war in seinem Leben schon dann und wann auf jemand
anderen wütend. Wir sind deshalb aber nicht gleich handgreiflich geworden
(zumindest nicht immer). Unsere Stärke liegt darin, in größeren
Zusammenhängen zu denken. Wir haben durch leidvolle Erfahrung herausgefunden,
welche Konstellationen besonders leicht zu Tätlichkeiten führen,
und wir haben gelernt, sie zu vermeiden. Das hat nichts mit Flucht oder
Feigheit zu tun. Das hat viel mit gegenseitigem Verständnis und mit
Respekt zu tun. Wir schätzen es, respektiert zu werden, und wir wissen,
daß das die anderen auch tun. Wir wollen respektiert werden in unserer
Privatsphäre, in unserer Arbeit, in unserem Glauben. Wir wollen nicht,
daß uns jemand zu nahe tritt.
So vielen Menschen wird heute auf vielfältige Weise Tag
für Tag nahe getreten. Wir merken
es gar nicht mehr. Unsere Signale überziehen den Erdball. Kein Winkel
dieser Erde ist mehr vor ihnen sicher. Das geschieht selten absichtsvoll,
von Mensch zu Mensch. Auf dieser direkten Basis ist es leichter, Ordnung
zu halten. Schwierig ist die Lage heute deshalb geworden, weil wir keine
Kontrolle mehr darüber haben, welche Signale wen wo erreichen. Nichts
kann heutzutage geheim und privat bleiben. Alles wird verstärkt und
verzweigt in die Welt hinaus gerufen. Und oft werden damit Menschen getroffen,
die es nicht ertragen können. Menschen werden verletzt, verunsichert,
und manche fühlen sich persönlich angegriffen. Niemand will das,
aber es geschieht. Es wäre wichtig, das zu vermeiden. Es genügt nicht mehr, in jedem Land für sich
das subtile Gleichgewicht zwischen Wollen und Dürfen zu halten. Der
moderne, weltweite Kommunikationszusammenhang zwingt uns zur globalen Übereinkunft.
Wir müssen unser natürliches Sensorium dafür, wie weit wir
im Umgang mit dem Mitmenschen gehen können, verfeinern. Wir müssen
uns dessen bewußt werden, daß wir inzwischen weltweit vor offenen
Mikrophonen agieren, und die ganze Welt hört zu. Wir hatten bis zum 11.
September keine Vorstellung davon, was wir dabei anrichten können.
Menschen müssen mit Menschen Geduld haben: wir mit den anderen, und die anderen mit uns.
MB 9/01
Fortsetzung 10/03: Der kleine Unterschied
siehe auch: http://www.moveon.org/