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Das Schicksal ist blind? |
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Nur der Dichter kennt die Sprache der Wirklichkeit |
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Die Berührungsängste der Naturwissenschaft |
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Verborgene Dimensionen |
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Reine Naturwissenschaft gibt es nicht |
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Wenn Naturwissenschaft fremd geht |
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Das Prinzip der Reproduzierbarkeit |
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Unbekannte Dimensionen: wirklich unbekannt? |
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Volldimensionalität und Vollkommenheit |
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Übernatürliche Phänomene |
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Gibt es Wunder? |
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Wer uns zu Narren hält |
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Die Freude am Schaffen |
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Die Sehnsucht des Menschen nach dem Menschen |
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Die Unverzichtbarkeit der Teile |
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Über Zirkelschlüsse und hohle Phrasen |
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Von der Unwirklichkeit zur Wirklichkeit |
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Zeit und Ewigkeit |
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Die Überwindung des modernen Weltbildes |
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Wer Ohren hat zu hören, der höre |
Es ist eine Erfahrung, wie sie jeder schon gemacht hat: Geschehnisse, die auf geheimnisvolle Weise zueinander in Beziehung stehen, ohne daß es eine Erklärung für solche Zusammenhänge gibt. Zufall. Man wundert sich. Unser unstillbarer Durst nach logischen Erklärungen kann uns zum Äußerten treiben und auf Erklärungssysteme zurückgreifen lassen, die sich jeder Nachprüfbarkeit entziehen. Bei dem Versuch, das Unerklärliche zu erklären muß man zwangsläufig bei solchen Systemen landen; erst sie halten. Alle überprüfbaren Modelle scheitern früher oder später an Widersprüchen.
Nehmen wir ein Beispiel aus dem allgemeinen Sprachgebrauch: Ein 'schwarzer Tag', oder 'ein Unglück kommt selten allein', ein Tag, an dem man 'mit dem linken Fuß aufgestanden' ist, an dem man 'lieber im Bett geblieben wäre', usw. Eine Häufung unglücklicher Zufälle also. Ereignisse A, B und C haben offenbar nur eines gemeinsam: mich, den Betroffenen. An manchen Tagen zieht man das Unglück richtig an. Umgekehrt gibt es aber auch Tage, an denen man - scheinbar dank glücklicher Zufälle - einen Erfolg nach dem anderen hat. Unwillkürlich entsteht vor unserem leicht zu beeindruckendem geistigen Auge die Vision von positiven und negativen Feldern, die unsere Geschicke lenken, Spielwiesen geheimnisvoller Kräfte, denen wir uns nicht entziehen können. Eine nüchterne Betrachtungsweise könnte eine gewisse positive oder negative Erwartungshaltung verantwortlich machen für die scheinbar unerklärliche Konsequenz des Schicksals, das allerdings nur im Zusammenhang mit vergleichsweise läppischen Zwischenfällen, die man je nach Laune zur Kenntnis nehmen mag oder auch nicht. Wirklich tragische Ereignisse wie z.B. eine Reifenpanne, der Verlust einer Geldbörse, das Versäumen einer Straßenbahn oder ähnliche Katastrophen sind unerbittlich eindeutig.
Charakteristisch
für eine Verkettung unglücklicher (oder auch glücklicher)
Ereignisse ist die Unwiederholbarkeit der Ereigniskette. Das heißt:
Eine Ereignisabfolge A, B, C und D läßt sich niemals durch das
bewußte nochmalige Herbeiführen des Ereignisses A vollständig
(ja nicht einmal teilweise) wiederholen. Für die etablierte Naturwissenschaft
gilt das als ein Beweis dafür, daß zwischen den Ereignissen kein
kausaler Zusammenhang besteht. So einfach ist es allerdings nicht, denn warum
sollte nicht auch ein Zusammenhang zwischen Ereignissen bestehen, deren Abfolge
nicht wiederholt werden kann? Damit stellt sich die Frage nach der Natur
der Wirklichkeit schlechthin. Was wissen wir von ihr? In welchem Ausmaß
ist es uns möglich, sie zu erkennen, zu beschreiben, zu verändern?
T
2. Nur
der Dichter kennt die Sprache der Wirklichkeit
Im Bestreben, uns ein Bild von der Wirklichkeit zu machen mit der wir konfrontiert sind, gelangen wir zu Konzepten die ihre Beschreibung ermöglichen. Ganz allgemein gesprochen ist die einzige Bedingung, die ein solches Konzept erfüllen muß, diejenige, brauchbar zu sein, d.h. Beschreibungen zu erlauben, die in größtmöglichem Einklang mit der Wirklichkeit stehen. Das Auffinden eines solchen Einklangs hat im Verlauf der Geschichte vorzugsweise männliche Vertreter des Menschengeschlechts in euphorisches Entzücken versetzt. Genau genommen beschränkten sich aber jene Erkenntnisse, die in unserer heutigen Zeit das höchste Ansehen genießen, auf denkbar banale und langweilige Aspekte unserer Wirklichkeit, wie z.B. Länge, Breite und Höhe eines Objekts, die Geschwindigkeit, mit der es seine Position ändert, oder dessen Gewicht. Für den Fall daß es sich bei der zu beschreibenden Wirklichkeit um einen Stein handelt, der meinetwegen durch die Luft fliegt, mögen die genannten Größen eine Beschreibung erlauben, die der Wirklichkeit in befriedigender Weise entspricht. Wieviel könnte man allerdings mit der Information anfangen, daß meine Tochter Sarah 150 x 30 x 20 cm mißt, sich momentan in Ruheposition befindet und 40 kg wiegt? Dabei steht außer Zweifel daß sie für mich einen weitaus bedeutenderen Aspekt der mich umgebenden Wirklichkeit darstellt als beispielsweise der Campingsessel, auf dem sie gerade sitzt. Zugegeben: unser konventionelles Koordinatensystem könnte noch eine Vielzahl weiterer Informationen bereitstellen, bis hin zu einer naturgetreuen holographischen Reproduktion, inklusive eines Sonogramms ihrer Stimme. Aber ist das dann Sarah? Keineswegs. Es ist ein Bild ihrer äußeren Erscheinung, nicht mehr; bestenfalls mit Tonbanduntermalung. Es scheint so, als wäre die sogenannte moderne Naturwissenschaft nicht in der Lage, die für uns persönlich wirklich relevanten Aspekte der Wirklichkeit auch nur einigermaßen wirklichkeitsgetreu zu beschreiben.
Die besten
Beschreibungen der Wirklichkeit sind bislang nicht Naturwissenschaftlern
gelungen, sondern waren Dichtern und Poeten vorbehalten. Und sie benützten
dazu weder Maßband noch Stoppuhr. Eines Dichters Stadtbeschreibung
kann uns mehr sagen als der genaueste Stadtplan. Und auch das sorgfältigste
moderne medizinische Gutachten kann es nicht im Entferntesten mit einem
Liebesgedicht aufnehmen. Es ist zwar richtig, daß auch der genialste
Dichter die Wirklichkeit nur unvollkommen wiedergeben kann - auch die süßesten
Zeilen lassen die Geliebte nicht zum Leben erstehen - aber er bringt auf
jeden Fall ungleich mehr zustande als es die moderne Naturwissenschaft mit
Begriffen wie Raum, Zeit und Masse könnte. Welche zusätzlichen
Informationen gibt uns ein Dichter? T
3. Die
Berührungsängste der Naturwissenschaft
Gefühle, Stimmungen, Ahnungen, Instinkte:
das sind Begriffe denen ein moderner Naturwissenschaftler, der von seiner
Kollegenschaft ernst genommen sein will, mit großem Argwohn begegnet.
Er fürchtet sie wie Tod und Teufel. In seinen Experimenten ersinnt er
ausgeklügelte Strategien, um ihren möglichen Einfluß von vornherein
auszuschalten, mit zuweilen recht unterschiedlichem Erfolg. Denn die bunte
und facettenreiche Welt unseres Seelenlebens läßt sich kaum vollständig
kontrollieren; ein armes Menschlein bleibt auch der sich noch so nüchtern
und sachlich dünkende Experimentator. Der Mensch ist klug und einfallsreich,
und gerade die Besten der Gilde der exakten Naturwissenschaftler zeichnet
ein geradezu krankhafter Fanatismus aus, mögliche störende, nicht
exakt naturwissenschaftliche Einflüsse auszuschalten. Leider ziehen
viele von ihnen (nicht alle!) aus der Tatsache, daß ihre Ergebnisse
immer wieder in den Rahmen exakt-naturwissenschaftlichen Denkens fallen,
den voreiligen Schluß, daß es außerhalb dieses Rahmens
nichts Wirkliches gäbe. Außerhalb liegende, also naturwissenschaftlich
nicht beweisbare Vorstellungen, werden von ihnen als Humbug und Hirngespinnst
abgetan. Die Wirklichkeit, die sie beschreiben, ist wie das fleischlose Skelett
der Wirklichkeit, tot, mechanistisch, so unwirklich wie eine Leiche leblos.
T
Gerade in den letzten Jahren beginnt sich
eine Wende abzuzeichnen, von wenigen als solche erkannt. Die exakte Naturwissenschaft
greift nach den Grenzen des Alls und nach den Grenzen der Zeit. Sie beginnt,
in den ihr geläufigen Dimensionen von Raum und Zeit zum ersten Mal das
Ganze zu erfassen. Und siehe da: es ergeben sich ungeahnte Schwierigkeiten.
Schon der recht armselig anmutende Teil des Ganzen, den wir bisher untersucht
haben, macht zu seiner Beschreibung und Erklärung Annahmen notwendig,
die den bisher für ausreichend gehaltenen Rahmen sprengen. Einige Autoren
gehen in ihren Modellen so weit, zusätzlich zu den akzeptierten Raum-Zeit-
Koordinaten weitere Koordinaten anzunehmen, deren Natur völlig im Dunkeln
liegt. Die ambitioniertesten Hypothesen laufen darauf hinaus, daß zur
Deutung aller bisher gemachten naturwissenschaftlichen Beobachtungen die Annahme
von nicht weniger als zehn Dimensionen notwendig ist, von denen wir uns nur
4 vorstellen können (genaugenommen nur 3, denn wer kann sich schon wirklich
die Zeit als 4. Dimension vorstellen?). Die zusätzlichen Dimensionen
stellt man sich praktisch ausdehnungslos vor, was erklären soll, warum
sie sich unserer Aufmerksamkeit entziehen. Aber ist es nicht geradezu banal,
sie als ausdehnungslos zu bezeichnen? Für den vierdimensional zu denken
gewohnten Naturwissenschaftler müssen sie natürlich ausdehnungslos
sein, da sie ja sozusagen nicht zu seiner Welt gehören. Aber wenn sie
zur konsistenten Beschreibung der Wirklichkeit notwendig sind, müssen
sie zu dieser uns umgebenden Wirklichkeit auch beitragen. Was liegt näher
als in diesen geheimnisvollen, bislang von der Naturwissenschaft vernachlässigten
Dimensionen die Ursache dafür zu vermuten, daß ihre Beschreibungen
bisher der Wirklichkeit so plump und unvollkommen entsprachen? Die Versuchung
ist groß, der oben erwähnten Dichtkunst die eine oder andere der
zusätzlichen Dimensionen zuzusprechen. Ihre dennoch gegebene Realitätsferne
würde sich aus dem eklatanten Mangel an den ersten drei Dimensionen
erklären; nur unser geistiges Auge blickt in eine Scheinwirklichkeit,
die sich allerdings recht leichtfüßig der Zeitkoordinate zu bedienen
weiß. Im Kino kommen die Raumkoordinaten dazu, immerhin für unser
physisches Auge, im Theater mit noch besserer Wirkung, aber aus dem Vollen
schöpft nur das eigentliche Leben - wenn es das tut! Ich frage mich,
ob es den Menschen gegeben ist, sich aller Dimensionen zu bedienen, sich
ihrer bewußt zu sein, ob das wenigstens möglich wäre und
was es bedeuten würde, und wie weit ein Mensch gelangen könnte.
Scheinbar bereitet es uns schon große Schwierigkeiten, über die
Grunddimensionen hinaus irgendwelche Regeln zu erkennen, Zusammenhänge,
Formulierbares. Ob es damit zusammenhängt daß wir damit einen
Bereich verlassen, den wir einigermaßen überschauen und kontrollieren
können, und zu unserem eigenen Wesenskern vordringen? Liegt es daran,
daß dadurch die exakte Naturwissenschaft ihrer vornehmsten Tugend
verlustig geht: Unvoreingenommenheit und Objektivität des Beobachters?
T
5. Reine
Naturwissenschaft gibt es nicht
Spätestens seit Plato ist auch Naturwissenschaftlern
klar, daß die Wirklichkeit sich direktem Erkennen entzieht - zumindest
den nachdenklicheren von ihnen. Informationen über die Wirklichkeit durchlaufen
mehrere Filter ehe sie uns, zu sogenannten Naturgesetzen gebündelt, aus
Lehrbüchern entgegenblicken. Zum Ersten sind unsere Sinnesorgane keineswegs
vollkommene Informationsdetektoren und können noch dazu mit recht unterschiedlicher
Schärfe auf Einzelaspekte gerichtet werden. Zum Zweiten müssen
wir über unsere Sinneseindrücke nachdenken. Und wenn wir schließlich
zu irgendwelchen Erkenntnissen gelangt sind, so würden sie - außer
uns selbst - niemandem bekannt werden, wenn wir nicht versuchten, sie irgendwie
auszudrücken, zu formulieren, in Form von Sprache niederzulegen. Alles
in allem, ein äußerst komplexes neurophysiologisches und psychosoziales
Phänomen mit einer gewissen Eigendynamik. Oft genug (fast immer!) ist
der Einfluß einer Entdeckung auf die wissenschaftliche Welt davon abhängig,
wer sie gemacht hat. So mancher bedeutende Forscher gelangte erst sehr spät
zu Ehre und Ansehen, mitunter auch erst nach seinem Ableben. Denkmäler
werden großen Geistern errichtet, die zu Lebzeiten unbekannt, oder
auch äußerst umstritten, ja geächtet waren. Auf diese Weise
wechselt die Wirklichkeit über die Jahrhunderte hin gleichsam ihr Gewand.
Ist aber nun das Bild, das wir heute von ihr zu haben meinen, besser, 'wirklicher'
als das vor, sagen wir, 2000 Jahren? Inwieweit lassen sich die Zeugnisse
von Weltbildern unterschiedlicher Epochen überhaupt miteinander vergleichen,
vor dem Hintergrund kaum nachvollziehbarer geistiger Horizonte? Fragen die
uns belehren sollten, daß Wahrheit nie etwas Absolutes ist und immer
unentwirrbar verflochten ist mit der jeweils herrschenden kulturellen Atmosphäre.
Nach diesem
Exkurs in die platonische Philosophie sollte klar sein, daß auch in
scheinbar streng vierdimensionale Erkenntnisse Elemente einfließen müssen,
die außerhalb ihres Bezugssystems liegen. Mit anderen Worten: Reine
Naturwissenschaft gibt es nicht. Sie ist immer das Produkt von Menschen und
ihren sozialen Gefügen. T
6. Wenn
Naturwissenschaft fremd geht
Ein schönes Beispiel dafür, wie sich Naturwissenschaft in komplexen Zusammenhängen gleichsam selbst transzendiert, ist die Nomenklatur der Quarks. Schon allein die Wahl des Namens 'quark' gibt zu denken. Das Wort wurde einer recht kryptischen Zeile aus James Joycens 'Finnegans Wake' entnommen ('Three quarks for Muster Mark'). Es stellte sich bald heraus, daß sich die 3 Quarks, die ein Proton oder ein Neutron aufbauen, in einer Eigenschaft voneinander unterscheiden müssen, für die es keinen Namen gab. Die, ach, so sachlichen Naturwissenschaftler verpaßten daraufhin den 3 Quarks folgerichtig 3 verschiedene Farben (nicht ohne zu versichern, daß diese Farben mit Farben nichts zu tun haben). Noch vergleichsweise trocken nimmt sich diese Namenswahl aus gegenüber jener Nomenklatur, die sich durchgesetzt hat für Quarks unterschiedlicher Masse. Man glaubt heute an die Existenz von 6 Quarks, die man paarweise drei verschiedenen - man höre und staune - Geschmacksrichtungen zuordnet (nicht ohne zu versichern, daß dieser Geschmack mit Geschmack nicht das Geringste zu tun hat). Damit nicht genug, wurde jedem der 6 Quarks ein eigener Name gegeben. Am Anfang ging's ja noch. Die ersten 3 Quarks wurden mit 'up', 'down' und 'sideways' bezeichnet, vermutlich aufgrund einer Skizze, die den Aufbau eines Protons oder Neutrons aus drei von diesen Dingern darstellen sollte, wobei sich zufällig zwei der Knödel übereinander und eines seitlich befand (hätte das Konzept 4 Quarks erfordert, würden sie wahrscheinlich erstens nicht 'quark' heißen - siehe James Joyce - und zweitens statt 'sideways' die Bezeichnungen 'left' und 'right' erhalten haben). Dann wurde es aber erst richtig lustig. Es stellte sich nämlich heraus, daß das inzwischen nur noch als 's' bezeichnete 'sideways' gewissen Elementarteilchen eine 'seltsame' Eigenschaft verlieh; sie hatten eine Lebensdauer, die viel länger war, als ihre relativ hohen Massen erwarten ließen. Daraufhin verwandelte man den Namen 'sideways' kurzerhand in 'strange'. Dann waren die Naturwissenschaftler nicht mehr zu halten. Schon lange vor seinem tatsächlichen Nachweis (für den 1976 übrigens der Nobelpreis vergeben wurde) wurde dem vierten Quark der Name 'charm' gegeben, ein derart verblüffender Name, daß es gar nicht mehr für nötig gehalten wurde darauf hinzuweisen, daß 'charm' mit 'charm’ nicht das Geringste zu tun hat. Wen wundert's, daß die Wissenschaftswelt revoltierte, als dem 5. und 6. Quark die Bezeichnungen 'bottom' und 'top' zugeordnet wurden? Phantasiebegabte Menschen dachten sich schließlich zu den Buchstaben 'b' und 't' die entschieden logischeren Bezeichnungen 'beauty' und 'truth' aus. Ironie des Schicksals: Obwohl das 'truth'-Quark aus dem zur Zeit akzeptierten Konzept zwingend folgt, hat es sich trotz intensiver Bemühungen der Hochenergie-Physiker bis heute (1989) nicht nachweisen lassen.
Wie gesagt, die Prozesse, die zu wissenschaftlicher
Erkenntnis führen, haben eine gewisse Eigendynamik. T
7. Das
Prinzip der Reproduzierbarkeit
Versuche, auf direktem Weg zu wissenschaftlichen
Erkenntnissen zu gelangen, die über die uns vertraute vierdimensionale
Raumzeit hinausgehen, müssen von vornherein auf eines der vornehmsten
Prinzipien wissenschaftlichen Denkens verzichten: auf das Prinzip der Reproduzierbarkeit.
Dieses Prinzip bildet einen, wenn nicht den wichtigsten Grundpfeiler herkömmlicher
Grundlagenforschung. Es zielt darauf ab, keinerlei unkontrollierbare Einflüsse
zuzulassen. Die Unanfechtbarkeit wissenschaftlicher Experimente der simplen
Art beruht vor allem darauf, daß ihr Verlauf zu keinem Zeitpunkt die
banale Welt vierdimensionaler Rationalität verläßt. Wie ein
Schießhund wacht unser Auge über jedem Moment, wie das scharfe
Auge eines Detektivs über jedem Schritt eines zu beschattenden verdächtigen
Individuums. Arme gemarterte Materie! Man könnte es auch so formulieren:
Wer allzu genau hinsieht, wird nie erkennen, was wirklich geschieht. Denn
wir vergessen allzu gern, daß es dieses 'was' an sich ja eigentlich
nicht wirklich gibt, und daß jede Beobachtung, auch die nüchternste
und banalste, zugleich auch etwas aussagt über uns selbst, die Beobachter.
Und wir sind nie und nimmer reproduzierbar, keiner von uns, und auch kein
Augenblick eines einzelnen Lebens. Das Prinzip der Reproduzierbarkeit entpuppt
sich als beengendes Korsett, das uns ein hohles lebloses Gespenst der Wirklichkeit
beschert, ohne Inhalt, ohne Saft und Kraft. Immerhin wissen wir - mit einigen
Einschränkungen, die in unserer dennoch nicht wegzuleugnenden Menschlichkeit
begründet sind - ganz genau, wovon wir als Wissenschaftler reden und
womit wir es zu tun haben; unsere Beschreibungen sind zwar nicht besonders
wirklich, aber immerhin: sie stimmen. Ob diese Feststellung einen Triumph
oder eher einen gewissen Sarkasmus zum Ausdruck bringt, mag jeder selbst
beurteilen. Die Frage ist nur: Was wollen wir? Wollen wir alles wissen, oder
wollen wir nur das wissen, was unabhängig von uns sicher stimmt?
Ich für meine Person bin eher bereit, die Allgemeingültigkeit
des Prinzips der Reproduzierbarkeit zum Teufel zu jagen, wo sie meiner Meinung
nach hingehört, und die Frage nach dem Ganzen zu stellen, nach einem
Ganzen, das mich mit einschließt. Tut man diesen Schritt, so degeneriert
die sogenannte exakte Naturwissenschaft unserer Tage zu einer untergeordneten
Teildisziplin einer höheren Wissenschaft, für die sich möglicherweise
erst ein Name finden muß. Damit möchte ich, um einem Mißverständnis
zuvorzukommen, der exakten Naturwissenschaft keineswegs die Existenzberechtigung
absprechen, sondern sie nur in ihre Schranken verweisen. Nichts liegt mir
ferner als ihre Abwertung und Geringschätzung, zumal sie es mir ermöglicht,
mich und meine Kinder zu ernähren. Die Zeichen der Zeit geben mir zu
der Hoffnung Anlaß, Zeuge der Geburt eines neuen wissenschaftlichen
Weltbildes zu werden, umfassender und befriedigender als das gegenwärtige,
mit einer Wirklichkeit zum Gegenstand, die den Vergleich mit der wirklichen
lebendigen Wirklichkeit nicht länger scheuen muß. Als ersten Schritt
auf diesem Wege schlage ich vor, sich Gedanken zu machen über die mögliche
Natur zusätzlicher Dimensionen. T
8. Unbekannte
Dimensionen: wirklich unbekannt?
Es ist vorgebracht worden, daß diese
postulierten zusätzlichen Dimensionen nur unter extrem hochenergetischen
Bedingungen wirksam werden, Bedingungen wie sie zum Anbeginn der Zeiten nur
für wenige Augenblicke gegeben waren, unmittelbar folgend auf den sogenannten
Urknall.
Die ursprünglich volldimensionale Schöpfung wäre demnach gleich
nach ihrem Entstehen im Zuge eines Abkühlprozesses (der heute noch im
Gange ist) zu Vierdimensionalität gleichsam gefroren. Ich glaube nicht
daran. Ein solcher Vorschlag erscheint mir wie ein letzter verzweifelter,
lächerlich schwachdimensionaler Vergewaltigungsversuch an einer Wirklichkeit,
die in ihrer Erhabenheit über eine so plumpe Dummheit nur mitleidig lächeln
kann. Wir sollten uns lieber in aller Bescheidenheit fragen, wie sich die
Wirklichkeit uns darbietet, und in aller Kühnheit uns zutrauen, mehr
von ihr zu begreifen, ohne uns beständig aus ihr herauszunehmen und
uns selbst von ihr gleichsam zu abstrahieren.
Ich bin davon überzeugt, daß sich in der
Wirklichkeit Dimensionen verbergen, die direkt mit unserer eigenen Empfindungswelt
zu tun haben. Höchstwahrscheinlich ist ein gewisser Formalismus zu ihrer
Beschreibung bereits in unserer Sprache enthalten, denn wir Menschen haben
ja diese Sprache in ständiger Auseinandersetzung mit der ganzen Wirklichkeit
entwickelt. Von den Begriffsnöten der Elementarteilchenphysiker war
bereits die Rede. Wer sagt uns aber, daß Begriffe wie Ladung, Spin,
'Farbe' oder gar 'Geschmack' ausschließlich in die Kernphysik gehören?
Daß sie dort entdeckt wurden, mag daran liegen, daß nur in diesem
äußerst engen Rahmen Experimente reproduzierbar sind, aus denen
sie erkannt werden können. Ich bin sicher, daß wir es durchaus
gewohnt sind, mehrdimensional zu denken und zu handeln. Und einige Begnadete
sind in der Lage, dieses Ganze in nachvollziehbarer Weise zu beschreiben.
Wie sie das machen?
Ja, wie? Wir wissen nicht, wie das geschieht. Es
gehört zum Wesen eines Kunstwerkes, daß es nicht bewußt und
gezielt gleichsam hergestellt oder produziert werden kann. Man spricht in
diesem Zusammenhang vom Schaffen eines Werkes. Auch wenn 'Kunst' von 'können'
kommt, hat sie im Wesenskern wenig mit können zu tun. Sie hat meist
mit einem gewissen Zustand des Schaffenden zu tun, ist wie das Diktat aus
einem geheimnisvollen Urgrund. Der Künstler nimmt sich keineswegs aus
seinem Werk heraus, sondern fühlt sich ganz im Gegenteil im Schaffensprozeß
eins mit seinem Werk. Dieser Vorgang steht somit im krassen Gegensatz zum
naturwissenschaftlichen Arbeitsstil. Literarische Erkenntnisse sind auch
niemals technisch anwendbar im Sinne von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen.
Sie sind einfach 'wirklicher' und haben ganz individuelle, persönlichkeitsorientierte
Auswirkungen. Sie können Menschen verändern, Menschen formen.
T
9. Volldimensionalität
und Vollkommenheit
Noch ein Wort zur Natur von Dimensionen. Die
Zehndimensionalität unserer Wirklichkeit wurde konzipiert um das Ganze,
das sich zunehmend unserer Beobachtung öffnet, adäquat beschreiben
zu können, erfüllt aber auch die Forderung nach einer gewissen Symmetrie.
Die Dimensionen stehen zueinander in gleichberechtigter Weise in Beziehung.
Jede Dimension ist gleich wichtig, es gibt keine Hierarchie der Dimensionen.
Nimmt man nur eine heraus aus dem Ganzen, so verliert das Ganze seinen Sinn.
Die Entfernung auch nur einer Raumkoordinate wirkt sich dabei genauso vernichtend
aus wie das Weglassen der Zeit oder irgendeiner anderen Koordinate. So würde
sich zum Beispiel auch das Weglassen der 9. Dimension vernichtend auswirken
und unsere Wirklichkeit zu einer rein theoretischen Vorstellung degenerieren
lassen, obwohl wir diese Dimension noch nicht einmal benennen können.
Und ich wage zu behaupten, daß der Mensch nie einen Sinn im Leben
finden würde ohne die Labsal und die Erquickungen die ihm der weite
Bereich der Kunst bietet. Vielleicht rührt daher auch unsere Sehnsucht
nach einem höheren allmächtigen Wesen, eine Sehnsucht, deren Erfüllung
uns erst den letzten Frieden bringen kann. T
Aus all dem bisher Ausgeführten ergibt sich eine bemerkenswerte Konsequenz. Betrachtet man nämlich die objektivierbare Realität und unser subjektives Empfinden als innig miteinander verwobene Einheit, die die Wirklichkeit erst wirklich macht, also als etwas Untrennbares, in dem keine klare Grenze gezogen werden kann, so wird klar, daß es Wechselwirkungen geben muß, Wechselwirkungen äußerst komplexen Art. Genauer gesagt, sollten sich nicht nur die naturwissenschaftlich objektivierbaren Vorgänge der vierdimensionalen Raumzeit auf unsere Gefühlswelt auswirken, sondern es sollten auch umgekehrt Gefühle materielle Vorgänge beeinflussen können. Emotionale Zustände und Prozesse sollten in der Lage sein, ihre Spur zu hinterlassen in der objektivierbaren Realität. Kein vernünftiger Mensch wird abstreiten, daß genau das tagtäglich geschieht. Wie bereits ausführlich dargelegt, können solche Auswirkungen natürlich nicht im streng wissenschaftlichen Sinn reproduzierbar sein, da es sich ja gewissermaßen um ganzheitliche Vorgänge handelt.
Ein konkretes
Beispiel. Ich hatte am Beginn meiner wissenschaftlichen Tätigkeit das
Vergnügen, knappe 2 Jahre lang in einem Labor zu arbeiten, in dem buchstäblich
alles gelang. Es wurde von einer geradezu charismatischen Persönlichkeit
geleitet, die es meisterhaft verstand, alle Mitarbeiter voll zu motivieren,
uns jeden Tag mit neuen Ideen bedrängte, ungeduldig unserer Resultate
harrte, und ein extrem hohes Maß an Selbstvertrauen, Kompetenz und Kampfeslust
ausstrahlte. Unser Boß verstand es, uns das Gefühl zu geben, ganz
vorne an der absolut heißesten Front der naturwissenschaftlichen Forschung
zu stehen. Und wir produzierten ein interessantes Ergebnis nach dem anderen;
es ist mir bis heute ein Rätsel, warum. Damals meinte ich, das wäre
normal. Ich stand, wie gesagt, am Anfang meiner Laufbahn. Später setzte
ich die gleichen Arbeiten in einem anderen Labor fort. Ich verwendete die
gleichen Techniken, die ich z.T. sogar selbst entwickelt hatte. Aber es war
wie verhext. Es ging nichts mehr. Im Gegenteil: Einige der in der stimulierenden
Atmosphäre des eben verlassenen Labors erhaltenen (und reproduzierten!)
Befunde lösten sich in Nichts auf, ließen sich unter den neuen
atmosphärischen Bedingungen einfach nicht reproduzieren. Was war geschehen?
Nur unter unendlich großem Aufwand gelang es mir schließlich
doch, an die alten Erfolge anzuschließen und sie sogar noch zu übertreffen,
aber ich brauchte dazu 3 volle Jahre. Meine Techniken waren inzwischen zu
einer geradezu menschenfeindlichen Präzision gereift, aber im Prinzip
immer noch die gleichen wie früher. Überflüssig zu erwähnen,
daß das Labor, das ich verlassen hatte, bis heute eine ungebrochen
Kreativität an den Tag legt.
Ein anderes
Beispiel wurde bereits im ersten Kapitel dieses Traktates angeschnitten: Das
geheimnisvolle Gesetz der Serie, das manchen angenehmen oder unangenehmen
Ereignissen innezuwohnen scheint; als würde das Gefährt, auf dem
wir unseren Lebensweg zurücklegen, dann und wann von imaginären
Schienen gelenkt werden, deren Schwung nur selten in glücklichen Momenten
den Zügeln gehorcht, die wir versuchen ihm anzulegen. Mir mag es manchmal
so erscheinen, als könnte man es nur mit großer Weisheit nach und
nach erlernen, diese Zügel behutsam und zurückhaltend erfolgreich
zum Einsatz zu bringen. Nur allzu oft neigen wir dazu, wütend an ihnen
zu zerren und machen damit alles nur noch schlimmer. T
Die Gefühle und die Umwelt sind in Wahrheit eins. Wir sollten ja nicht in den verhängnisvollen Irrtum verfallen, wir könnten durch gezielte rationale Manipulationen das Ganze nach unseren Wünschen in eine bestimmte Richtung zwingen. Ohne Gefühl geht nichts. Nur wenn wir uns voll und ganz auf ein Abenteuer einlassen, wird sich das Abenteuer auch auf uns einlassen. Ich sage das, um nicht den falschen Eindruck aufkommen zu lassen, angesichts der erkannten Einheit zwischen Innen und Außen könnten wir Wunder wirken. Vor allen Dingen müssen wir zuerst uns selbst annehmen und uns den uns zustehenden Platz in der Wirklichkeit einräumen. Dann allerdings steht 'Wundern' nichts mehr im Wege. Es ist wahr, daß wir im Prinzip alles können; wir können sogar 'Berge versetzen', wie es so schön im Neuen Testament heißt. Ein jeder von uns trägt in sich den Keim zur Allmächtigkeit, einer wohlverstandenen Allmächtigkeit: nicht im reduktionistischen Sinn instrumentell auf Objekte anwendbar, sondern nur unter Mitbeteiligung unseres ganzen Selbst. Es heißt ja auch 'der Glaube kann Berge versetzen'.
So wird z.B. von außergewöhnlichen Menschen berichtet, die durch bloße Konzentrationskraft Gegenstände bewegen, Gläser zerschlagen können. Es sind dies immer Menschen, die nicht nur aufgrund dieser erstaunlichen Fähigkeit Aufsehen erregen, sondern darüber hinaus auch unabhängig davon einen tiefen Eindruck auf ihre Mitmenschen machen. Es ist dies also nicht nur einfach eine Technik, eine Fertigkeit die man erlernen und routinemäßig ausüben könnte. Es eignet sich ja auch nicht jeder Mensch zum Wünschelrutengänger.
Ich spüre schon, daß ich jetzt einen Punkt erreicht habe, an dem naturwissenschaftlich denkende Leser beginnen, unruhig zu werden. Liebe Kollegen, ich kann euch versichern: mir geht es genauso. Aber steigen wir doch einmal herab von unserem hohen Roß. Ihr wolltet mir doch nicht etwa mit dem Prinzip der Reproduzierbarkeit kommen? Das wurde doch schon im 7. Kapitel zu Grabe getragen. Natürlich genügt keine der oben erwähnten 'Übernatürlichkeiten' diesem Prinzip. Wir können also ganz beruhigt sein. Uns als Naturwissenschaftler geht das alles eigentlich nichts an. Aber wir sind schließlich nicht nur Naturwissenschaftler sondern vor allen Dingen einmal Menschen, nicht wahr? Und als Mensch und Naturwissenschaftler müssen wir einsehen, daß es sinnlos ist, vor dem Fakir der sein Seil hinaufklettert mit dem Fotoapparat herumzufummeln. Völlig zwecklos. Wichtig ist nur: Der Kerl klettert da wirklich rauf! Warum wollen wir einem Foto mehr glauben als unseren eigenen Augen? Was ist wirklicher?
Wir müssen
endlich einsehen, daß wir mit all unseren Meßinstrumenten, Aufzeichnungsgeräten
und glasharten logischen Schlüssen immer nur mit der einen unvollständigen
Hälfte des Ganzen in der Hand zurückbleiben. Wie dumm wir dabei
aussehen! Dumm, weil wir immer noch meinen, das Ganze in Händen zu halten.
Das Ganze kann man nie und nimmer in Händen halten! Man kann es nicht
einmal berühren. Keiner von uns kann auch nur im Entferntesten daran
rühren, solange er sich beständig vor sich selbst fürchtet.
T
12. Wer
uns zu Narren hält ...
Machen wir einen letzten Versuch, auch den uneinsichtigsten Naturwissenschaftler von der Begrenztheit seiner Konzepte zu überzeugen und bemühen wir als Gleichnis das viel strapazierte Modell einer imaginären zweidimensionalen Welt. Welch haarsträubende Possen könnte doch ein der 3. Dimension mächtiges Wesen den armen zweidimensionalen Bewohnern dieser Welt vorspielen. Es könnte an beliebigen Orten auftauchen und wieder verschwinden, um an einem ganz anderen Ort wieder aufzutauchen. Was für ein Spaß! Die armen Flachweltler müßten bald an Geister glauben. Noch viel schlimmer muß es uns ergehen, wenn wir in einer zehndimensionalen Welt nur 4 Dimensionen akzeptieren wollen. Es ist eigentlich erstaunlich, daß wir dennoch einigermaßen zurecht kommen. Es kann eigentlich nur daran liegen, daß es niemand absichtlich darauf anlegt, uns zu Narren zu halten.
Andererseits: Wer, so frage ich euch, kommt in dieser so erstaunlichen Welt schon einigermaßen zurecht? Dazu gehört wohl ein bißchen mehr als die Fähigkeit, sich in Raum und Zeit zu bewegen. T
Was kann uns wirklich glücklich und zufrieden machen? Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, daß es ganz schön glücklich machen kann, an irgend etwas intensiv zu arbeiten, z.B. eine konzentrierte handwerkliche Tätigkeit, eine Arbeit die vor unseren Augen etwas entstehen läßt, das zunächst nur in unserer Vorstellung existiert hat. Künstlerisches Schaffen muß mit ähnlichen Gefühlen einhergehen. Ist man fertig, und ist das Werk gelungen, so geschieht mitunter etwas Merkwürdiges, zumindest mir ist es schon oft so ergangen. Zunächst freut man sich einfach nur, betrachtet sein Werk von allen Seiten, ja bei mir kann dann sogar offene Heiterkeit ausbrechen; es ist einfach lustig, man ist fast versucht, sich auf die Schenkel zu schlagen, während man sein Ding immer wieder umschleicht und umlauert, es hin und her wendet, es kaum glauben kann. Ich glaube, der eigentliche Quell dieser Fröhlichkeit ist das Erstaunen darüber, daß wir es geschafft haben, einer Idee Gestalt zu geben, und daß diese Gestalt der Idee wirklich entspricht. Es wird mir wohl jeder zugeben, daß solche Gefühle für uns eine ganz große Bedeutung haben. Im Grunde entscheiden sie z.B. auch darüber, ob wir mit unserem Beruf zufrieden sind oder nicht. Es handelt sich also um einen ganz zentralen Aspekt unserer Wirklichkeit, mit der wir konfrontiert sind. Er entscheidet mit darüber, ob ein Mensch mit dem Leben, das er führt, einverstanden ist oder nicht. Was kann es Wichtigeres geben?
Nun, es
muß wohl noch etwas Wichtigeres geben, denn auch die größte
Freude über ein Werk läßt bald nach. Es ist mir schon oft
passiert, daß ich nach erfolgreicher Vollendung einer Arbeit statt
Freude eine Leere und tiefe Traurigkeit empfand. Es stimmt schon: Man kann
eine erstaunlich lange Zeit mit erstaunlich einförmiger Arbeit zubringen
ohne zu murren, ja man kann es lieben. Aber das entschieden größere
Abenteuer als der Umgang mit Dingen und mit sich selbst ist der Umgang mit
anderen Menschen. Wohl mag so mancher darin scheitern und sich auf den Umgang
mit Dingen zurückziehen, ohne dabei aber wirklich glücklich sein
zu können. Die Wirklichkeit sehnt sich danach, ihre Volldimensionalität
zum Ausdruck zu bringen. Unsere Gedanken in die Tat umzusetzen ist bereits
ein Vorgang mit überdimensionalem Charakter, ein schönes Beispiel
für eine Wechselwirkung zwischen Innen und Außen. Aber um die
Ganzheit vollkommen zu machen, braucht es mehr. Es bedarf eines menschlichen
Gegenübers. Erst dann beginnen wir, mit der ganzen Wirklichkeit umzugehen.
Das ist faszinierend und gefährlich zugleich, denn erst dann können
wir auch wirklich verlieren. T
14. Die Sehnsucht
des Menschen nach dem Menschen
Von vielen Künstlern wird erzählt, daß sie unter schweren Depressionen gelitten haben; möglicherweise deshalb, weil aus ihren Werken eine Ganzheit zu ihnen sprach, der sie im Schaffensprozeß zwar nahe sein konnten, derer sie aber am Ende immer wieder verlustig gehen mußten. Der Versuch, sich diesem sich immer aufs Neue wiederholenden Verlust zu entziehen, mag eine Hauptquelle künstlerischer Kreativität sein.
Es ist schon etwa 15 Jahre her; ich stand mitten im (mitunter recht frustrierenden) Studium, saß in meinem Zimmer und grübelte, schrieb in mein Tagebuch, tüftelte an irgendwelchen realitätsfernen Traumwelten, bis ich mir endlich sagte 'was soll's', den Bleistift weglegte und zum Telefon griff. Ich war in meinen Grübeleien an einem Punkt angekommen, wo mir klar wurde, daß eigentlich alles sinnlos war, wenn es nicht ganz handfest und konkret um Menschen ging, eine Erkenntnis durch die sich meine Grübeleien praktisch selbst ad absurdum geführt hatten. Wenn du schon Gedanken hast, so sagte ich mir, so besprich sie mit Menschen, rede darüber, mach etwas Wirkliches damit. Es wurde noch ein angenehmer Abend mit Freunden. Zwar redeten wir nicht halb so viel, aber ich glaube mich zu erinnern, daß wir gut gegessen haben.
Die Kreativität überwindet die Kluft zwischen unserem Innenleben und der uns umgebenden Realität. Und die Kommunikation überwindet die Kluft zwischen den Menschen. Man kann darin Elemente einer gewissen Mehrdimensionalität erkennen. In freier Analogie zu den Koordinaten des Raumes mag man sich einen Menschen als eine Gerade vorstellen. Beginnt er über seine Umwelt und sich selbst nachzudenken, so entdeckt er sozusagen seine zweite Dimension. Und gelingt es zwei Menschen, einander zu verstehen, so machen sie, zumindest für eine begrenzte Zeit, Bekanntschaft mit einem gewissermaßen dreidimensionalen Selbstverständnis. Diesem Vorgang, der einen anderen Menschen vom Objekt quasi zum Mit-Subjekt verwandelt, hat unsere Sprache bereits seit Langem einen Namen gegeben. Den Namen Liebe.
Und so frage ich euch zu guter Letzt: womit hat die Wirklichkeit wohl mehr zu tun: Mit Raum und Zeit? Mit den Quarks? Mit unserer Erkenntnis? Mit Kreativität? Oder mit Liebe?
Wenn ihr
gut aufgepaßt habt, wird die Antwort heißen: Mit alldem, und
mit noch ein bißchen mehr ... T
15.Die Unverzichtbarkeit
der Teile
Ist die Wirklichkeit wie ein großer Eintopf mit 10 verschiedenen Bestandteilen? Nein, denn würde man vom Eintopf einen Bestandteil weglassen, so wäre er höchstwahrscheinlich immer noch ein ganz akzeptables Gericht (wenn man nicht ausgerechnet das Salz vergäße...). Oder ist die Wirklichkeit vergleichbar mit einer Fußballmannschaft? Nein, denn auch mit nur 9 Feldspielern kann das Spiel noch recht gut fortgesetzt werden. Die Wirklichkeit ist auch nicht wie ein Buch mit 10 Kapiteln, denn nimmt man ein Kapitel hinweg, so können die übrigen 9 immer noch gelesen werden (; eher schon wie ein Buch mit 7 Siegeln, denn es müssen alle gebrochen werden, um es aufschlagen zu können). Die Wirklichkeit ist eher wie ein Radio mit 10 Transistoren: nimmt man nur einen heraus, funktioniert er nicht mehr. Oder wie eine Hängebrücke über einen Fluß; nimmt man nur ein Stück heraus, fällt sie herab, und wir können nicht mehr hinüber gelangen. Die Wirklichkeit ist auch wie ein Weinfaß: nimmt man nur eine Faßdaube heraus, kann das Faß den Wein nicht mehr halten, und der Wein geht verloren. Genauso wird auch die Wirklichkeit in Unwirklichkeit verwandelt, beraubt man sie auch nur einer ihrer Dimensionen.
Wir kennen
solche Unwirklichkeiten aus der Geometrie. Eine Gerade und eine Ebene sind
rein abstrakte Begriffe. Die Versuchung ist zwar groß, sich unter einer
Gerade einen schmalen, hauchdünnen Graphitfilm auf einem Blatt Papier
vorzustellen, aber es gehört kein außerordentlicher Scharfsinn
dazu einzusehen, daß eine echte Gerade weder Breite noch Höhe
haben darf und somit für uns eigentlich nicht wahrnehmbar ist. Es handelt
sich bei einer Gerade mehr um eine Art Information über die Wirklichkeit
als um ein Stück von ihr; eine einzige erste Information, die uns natürlich
noch herzlich wenig sagt. Wir können nun Stück für Stück
versuchen, elementare Informationen über die Wirklichkeit zusammenzutragen.
Es ist, als wollte man versuchen, 10 Bleistifte im Kreis gegeneinander schräg
hochzustellen. Nur mit einigem Geschick wird es gelingen, eine standfähige
Pyramide zuwege zu bringen. Erst wenn man alle erforderlichen Informationen
beisammen hat, entsteht zum ersten Mal etwas, das über ein rein theoretisches
Konzept hinausgeht, entsteht zum ersten Mal etwas Wirkliches. Mit anderen
Worten: Es gibt keine Wirklichkeit ohne unsere Wahrnehmung, ohne unser Nachdenken
über diese Wahrnehmung, es gibt keine Wirklichkeit ohne Kommunikation
und - vielleicht die erstaunlichste Folgerung - es gibt auch keine Wirklichkeit,
wenn es keine Liebe gibt. Ohne Liebe sind wir nichts weiter als rein theoretische
Konzepte, nicht existent, wandelnden Toten gleich. T
16. Über Zirkelschlüsse und hohle Phrasen
Unendlich
groß ist unsere Sehnsucht, ist unser Durst nach Wirklichkeit. Wir suchen
einen Sinn im Leben, auch wenn es uns nicht so recht gelingen mag auszudrücken,
was wir damit meinen. Andererseits wird gerade in unserer Zeit immer häufiger
von Entfremdung gesprochen, wenn sich auch nicht so einfach wiedergeben läßt,
was damit gemeint ist. Wir scheinen überhaupt eine Schwäche für
vage Begriffe zu haben, die jedermann spontan verständlich sind, ohne
im mindesten klar zu sein. Wir scheinen von selbst zu wissen, was richtig
und was falsch ist und sprechen von 'gut' und 'böse'; es besteht kein
Erklärungsbedarf. Woher wissen wir das? Wiederholen wir nur das, was
uns von klein auf immer wieder eingeschärft wurde? Ich glaube nicht,
denn immerhin gibt es, was die Auffassung von gut und böse betrifft,
zahlreiche Parallelen zwischen Kulturen, die keinen Kontakt miteinander hatten.
Wir scheinen gewissermaßen einen 'sechsten Sinn' dafür zu haben.
Im allgemeinen streben wir danach, gut zu sein und uns solcherart in Einklang
zu bringen mit einem Gesetz, das wir nie schreiben mußten. Natürlich
haben wir jede Menge von Gesetzen aufgeschrieben, aber immer vor dem Hintergrund
eines unausgesprochenen Urgesetzes, das sich quasi von selbst versteht. Kant
hat gesagt: 'Zwei Dinge setzen mich in Erstaunen: Der gestirnte Himmel über
uns, und das moralische Gesetz in uns.'
Es sei
mir dazu eine provokante Anmerkung erlaubt. Wissen wir, warum sich der Raum
unserer Erkenntnis so darbietet wie er es tut? Können wir darüber
anders reden als in hilflosen Zirkelschlüssen? Der Raum ist - nun ja,
wie eben der Raum ist. Eine Entfernung ist eben von da bis da, und eine Ebene
- tja, ich glaube, wir lassen das lieber, es ist sinnlos. Wir wissen es einfach.
So ist das mit Dimensionen, und vielleicht auch mit 'gut' und 'böse'.
Und was heißt hier überhaupt 'Dimensionen'? Ein unglückliches
Wort, das übersetzt etwa so viel wie 'Abmessungen' bedeutet. Das erklärt
auch nichts. Ehe man sich's versieht, ist man wieder genau dort angelangt:
Wir greifen in dem scheinbar so reich bestückten Fundus unserer Sprache
ins Leere, sobald wir versuchen, Einzelaspekte unserer Wirklichkeit hieb-
und stichfest einzugrenzen und wiederzugeben. Nur ein Dichter bringt es fertig,
von der Wirklichkeit anders als in hohlen Phrasen zu sprechen. Alles andere
ist Schnickschnack, langweilig, fad. Es ist auch fad, von 'gut' und 'böse'
zu sprechen, solange es um nichts geht. Will man wirklich etwas zum Ausdruck
bringen, so muß man schon eine ganze Geschichte erzählen, sei sie
jetzt ausgedacht oder wahr, passieren muß etwas, also Raum und Zeit,
Körper die sich darin bewegen, Menschen die fühlen und handeln,
Gute und Böse, die ganze Zauberei; und schon wird's interessant (- wenn
es gut gemacht ist). T
17. Von der
Unwirklichkeit zur Wirklichkeit
Noch ein paar Worte zur grundlegenden Natur von Dimensionen, und zwar wollen wir zum Ausgangspunkt für unsere Betrachtungen wieder jene Dimensionen wählen, die wir uns noch am ehesten vorstellen können, und danach den Versuch einer Verallgemeinerung machen. Obwohl wir meinen, uns die ersten drei Dimensionen vorstellen zu können, möchte ich euch im Folgenden vor Augen führen, daß wir dabei einem folgenschweren Irrtum verfallen. Wir wissen zwar, daß zur Beschreibung einer Ebene zwei Dimensionen erforderlich sind, doch welche dieser Dimensionen ist nun die erste und welche die zweite? Wir wissen es nicht. Wir wissen im Grunde auch nicht, was die dritte Dimension ist; wir stellen uns darunter nur irgend etwas 'Räumliches' vor, aber in Wirklichkeit können wir vom Raum nur sagen, daß zu seiner Beschreibung drei Dimensionen erforderlich sind. In anderen Worten: Die ersten drei Dimensionen werden von uns als gegeneinander austauschbar empfunden.
Gehen wir über diese drei von uns als Grunddimensionen erlebten Angaben zur Wirklichkeit hinaus, so streikt zunächst einmal unser Vorstellungsvermögen; als ob wir in der Wirklichkeit nicht mehr erkennen könnten als bloß den Raum, in dem sie sich abspielt. Wer kam überhaupt auf die verrückte Idee, unter Zuhilfenahme der Zeit unser Szenarium um eine Dimension zu bereichern? Richtig, ich denke es war ein gewisser Einstein. Immerhin wird jeder zugeben müssen, daß ein Raum, in dem nichts geschieht, ein recht armseliges Abbild der Wirklichkeit wäre. Erst die Hinzunahme des Begriffes 'Zeit' schafft den Rahmen, der Ereignisse möglich macht. Ich behaupte aber, daß die vierte Dimension den Namen 'Zeit' genausowenig verdient wie die dritte Dimension den Namen 'Raum'. Das einzige, das sich sagen läßt, ist, daß der Ablauf von Ereignissen in der Wirklichkeit die Existenz von mindestens vier Dimensionen voraussetzt. Das Hinzutreten der vierten Dimension verleiht dem Raum sozusagen 'Zeitfähigkeit'; das bedeutet allerdings nicht, daß diese vierte Dimension die Zeit ist. Genausogut könnte diese Zeitfähigkeit irgendeiner der übrigen Dimensionen zugeschrieben werden. Das heißt, die erste, die zweite und die dritte Dimension haben nicht mehr und nicht weniger mit der Zeit zu tun als die vierte Dimension. Und eine vierdimensionale Raumzeit verliert ihre Zeitfähigkeit, auch wenn wir ihr nur zum Beispiel die zweite Dimension nehmen. Die vierte Dimension kann nichts dafür, daß wir sie in Sekunden (statt ebenfalls in Metern) messen müssen. Das hat nur einen einzigen Grund: Wir können uns in ihr nicht frei bewegen. Das liegt an uns, nicht an der Zeit. Vielleicht wäre es für unsere Vorstellung einfacher, in einem zehndimensionalen Konzept der Wirklichkeit die Zeit erst zuletzt als 'endgültig wirklichkeitsgebend', gleichsam als Schlußstein miteinzubeziehen.
So ähnlich
wie die Hinzunahme einer zusätzlichen Dimension zu den drei grundlegenden
Raumkoordinaten das Szenarium mit Zeitfähigkeit ausstattet, so ähnlich
muß man sich die Auswirkungen der Hinzunahme weiterer Dimensionen
vorstellen. Auf diese Weise fließen in unsere Versuche, die Wirklichkeit
zu beschreiben, sukzessive neue Elemente ein, die unsere Beschreibungen immer
wirklichkeitsähnlicher machen. Stufen zunehmender Komplexität könnten
beispielsweise sein (und das sei vorläufig nur einmal so leicht dahingesprochen,
nur um eine Ahnung davon zu geben, worauf ein volldimensionales Konzept hinauslaufen
könnte): (1) das Erkennen der Wirklichkeit; (2) das aktive Umgehen mit
ihr; (3) die Erkenntnis, daß wir nicht allein sind; (4) der Umgang
mit anderen Menschen; und schließlich (5) die unsere Grenzen überschreitende
Liebe. Mag sein, daß diese Stufen den Prozeß einer sich entfaltenden
Wirklichkeit einigermaßen zutreffend nachzeichnen. Sind alle Dimensionen
einer Wirklichkeitsdarstellung frei (das heißt: losgelassen, eingeschaltet,
auf 'ON'), so hört die Darstellung auf, eine solche zu sein, und wird
selbst zur Wirklichkeit. Ein Kriminalstück mit scharfer Munition ist
kein Stück mehr, sondern wirklich kriminell. Als Stück war es gewissermaßen
nicht volldimensional. Der Umgang von Menschen miteinander wurde uns nur
zum Schein vorgespielt. Aber wenn wirklich einer erschossen wird, was dann?
T
Die zuletzt vorgeschlagenen Stufen der Wirklichkeitswerdung zeichnen sich dadurch aus, daß in zunehmendem Maße etwas entsteht, das sich unserer direkten gezielten Einflußnahme entzieht. Es liegt auf der Hand, daß mit Menschen ungleich schwieriger umzugehen ist als mit Dingen. Und wenn man es dabei auch noch zu einiger Kunstfertigkeit bringen kann, so kann man es doch keineswegs gezielt und geplant darauf anlegen, sich zu verlieben. Es passiert einfach, ob wir es wollen oder nicht. Und der höchste Grad an Unfreiwilligkeit liegt in der Art und Weise, wie wir das Vergehen der Zeit erleben.
Wir sind damit an die Wurzel eines Problems gelangt, mit dem wir Menschen schon immer zu kämpfen hatten. Wir wehren uns dagegen, Prozessen ausgeliefert zu sein, die wir nicht beeinflussen können. Warum eigentlich? Auch das scheint so eine unerklärliche Marotte von uns zu sein, die sich von selbst versteht. Es wäre sehr wohl möglich, uns vor dem scheinbar sinnlosen Walten des Geschickes auf sicheren Boden zu retten. Wir müßten nur in unserem Leben der Wirklichkeit in all ihren Aspekten gerecht werden. Nur so haben wir die Chance, uns auch selbst zu verwirklichen. Wir müssen lernen, 'zehndimensional’ zu leben, erst dann werden wir wirklich leben. Das Neue Testament gebraucht dafür den Ausdruck 'Wiedergeburt'.
Schon
Nikodemus
war über diese Formulierung äußerst verwundert: 'Wie kann
ein Mensch, der bereits ein Greis ist, geboren werden? Kann er etwa ein
zweites Mal in den Mutterschoß eingehen und geboren werden?' Ob er
mit der Erklärung Jesu 'ihr müßt von oben her geboren werden'
etwas anfangen konnte? Zunächst wahrscheinlich noch nicht. Es ist ja
auch mit Worten schwer zu erklären. Jesus hat sein Leben dafür
eingesetzt. Das Bemerkenswerte an dieser neutestamentlichen Wiedergeburt
ist, daß das nun neue Leben, in das sie überleitet, als ein ewiges
bezeichnet wird, also gewissermaßen den Schlußstein zum Gebäude
der Wirklichkeit miteinschließt. Und wie mit zahllosen Zitaten aus
dem Neuen Testament zu belegen ist, ist der Weg, der dorthin führt,
die Liebe.
Wer das Leben als ein im Grunde sinnloses Unternehmen betrachtet, unausweichlich
seiner Auslöschung, dem Tod, zustrebend, mag nur eine etwas unvollständige
Vorstellung von der Wirklichkeit haben. Die 'Frohe Botschaft' sagt eigentlich
nichts anderes aus, als daß wir im Grund alle 'wirklichkeitsfähig'
sind, wir müssen es nur ernsthaft versuchen. Unsere 'Sünde' besteht
darin, daß wir einer Wirklichkeit mit zu wenig Dimensionen Zeitfähigkeit
unterstellen. Nur ein Herz, das lieben kann, wird von der Zeit nicht vernichtet,
sondern zur Vollendung geführt. T
19. Die Überwindung
des modernen Weltbildes
Es besteht ein berechtigter Grund zu der Befürchtung, daß die Verwissenschaftlichung unseres Weltbildes in dieser unserer Zeit für uns Menschen keinen Fortschritt, sondern im Grunde sogar einen Rückschritt bedeutet. Der uneingeschränkte Glaube daran, daß nur reproduzierbare Beobachtungen Aufschluß über die Wirklichkeit geben können, schafft ein Wertesystem, das unser Dasein jeglichen Sinnes beraubt. Die sogenannte industrielle Revolution wird es vielleicht eines Tages dahin bringen, daß wir tatenlos unserem Tod entgegendämmern können. Wenn man unser Leben auf Wägbares und Meßbares reduziert, bleibt nicht viel übrig. Eigentlich muß man froh sein über den Imageverlust der Naturwissenschaften, der sich abzuzeichnen beginnt. Dem wäre nur entgegenzuwirken durch eine maßvolle und realistische Selbstbescheidung der Naturwissenschaft und durch ihren Verzicht auf das Monopol einer allein seligmachenden Doktrin.
Ein gutes Beispiel für dieses Spannungsverhältnis ist die aktuelle Position der modernen Medizin. Während die etablierte Schulmedizin sich in immer größerem Ausmaß der exakten Naturwissenschaften bedient, wird ihr auch in wachsendem Ausmaß Mißtrauen entgegengebracht. Immer mehr Kranke suchen Rat und Heilung außerhalb der Schulmedizin. Dem gesunden Hausverstand scheint man nicht einreden zu können, daß nur beweisbare und erklärbare Mechanismen unsere Gesundheit steuern. Es liegt in der Natur des Konflikts, daß Diskussionen zwischen Gegnern und Befürwortern einer rein naturwissenschaftlich orientierten Medizin nicht sonderlich fruchtbar verlaufen. Man redet aneinander vorbei, die Argumente bewegen sich meist auf unterschiedlichen Ebenen. Ein gegenseitiges Verständnis in dieser an sich ausweglosen Situation scheint mir nicht in Sicht zu sein. Beide Seiten weigern sich hartnäckig, sich der Sprache der anderen zu bedienen. Und wenn sie es doch versuchen, bedienen sie sich ihrer in so dilettantischer Art und Weise, daß sie Hohn und Spott der jeweils anderen Seite auf sich ziehen. Immerhin gibt es einige wenige, die den Blick für das Ganze nicht verlernt haben, aber sie haben einen schweren Stand.
Ähnliche
Konfliktsituationen gibt es auch in vielen anderen Lebensbereichen, in der
Wirtschaft, im Schulwesen, Verkehrswesen, und nicht zuletzt in der Naturwissenschaft
selbst. Das Aufkeimen solcher Konflikte gibt immerhin zu der Hoffnung Anlaß,
daß wir bereits auf dem besten Weg sind, die naturwissenschaftlich
dominierte Epoche unserer Geschichte zu überwinden zugunsten eines Weltbildes,
das der Wirklichkeit besser gerecht wird. T
20. Wer Ohren
hat zu hören, der höre
Vielleicht ist jetzt die eine oder andere
unter euch neugierig geworden und erwartet von den noch folgenden Blättern
so etwas ähnliches wie eine Art 'Weltformel' oder zumindest die Andeutung
eines Formalismus für den Umgang mit ganzheitlichen Phänomenen.
Wenn ich auch gestehen muß, in bestimmten Phasen der Niederschrift dieses
Traktates selbst mit einer solchen Möglichkeit geliebäugelt zu
haben, so muß ich euch doch enttäuschen, und zwar nicht nur deshalb,
weil mir dazu das mathematische Rüstzeug fehlt (ich bin schließlich
kein theoretischer Physiker), sondern weil ich nach all den angestellten Überlegungen
zu der Überzeugung gelangt bin, daß es einen solchen Formalismus
im uns vertrauten Sinn nicht geben kann. Zu ganzheitlichen Phänomenen
gehört immer auch das eigene Handeln, die Kommunikation zwischen Menschen,
und noch mehr als das. In diesem Zusammenhang kann man es eigentlich nur
mit Wittgenstein halten: Worüber man nicht reden kann, davon muß
man schweigen. Wenn es aber schon nicht möglich ist, einer zehndimensionalen
Wirklichkeit wie sie mir vorschwebt mit mathematischem Rüstzeug zuleibe
zu rücken, so meine ich doch, daß - wenn auch auf indirektem Weg
- über diese Wirklichkeit sehr wohl zu reden möglich ist. Wir müssen
nicht - und könnten auch gar nicht - 'von ihr schweigen'. Etwas in uns
drängt uns, sie zu erfassen und Worte zu ihrer Beschreibung zu finden.
Unsere Sprache ist reich an Begriffen, und scheinbar banale Bilder, Geschichten,
Gleichnisse können für scharfe Ohren durchaus Aussagen vermitteln,
die über deren vordergründigen Inhalt weit hinausgehen. Der Dichter
lauscht in ganzer Hingabe geheimnisvollen Botschaften, die sich abwechselnd
vor ihm öffnen und wieder verschließen, und setzt sie um in eine
Sprache, deren Aussagekraft er in ständiger Auseinandersetzung mit den
Quellen seiner Intuition überprüft. Der Leser versteht nicht selten
'Bahnhof' (zumindest mir geht es oft so, der ich offenbar besonders begriffsstützig
bin), aber manchmal spürt man durch das Vordergründige hindurch
den unaussprechlichen Hintergrund. Jeder mag selbst auf die Suche gehen nach
'seinem' Autor. Und was für den Dichter gilt, gilt auch für den
Maler und in ganz besonderem Sinn für den Musiker, dessen Medium vielleicht
die stärkste Zauberkraft besitzt.
Auch das
Neue Testament mag man getrost als das Werk großer Dichter betrachten.
Ich möchte das keineswegs als ein Abwertung verstanden wissen, im
Gegenteil.
Die Authentizität und Kraft des Neuen Testaments beruht nicht auf einer
möglichst korrekten Berichterstattung über lang zurückliegende
Ereignisse in Palästina. Sie geht auf die Gabe ihrer Autoren zurück,
jene Ereignisse und Aussagen festzuhalten, durch die ihnen der Nazarener
Jesus zu einer tiefen und ihr ganzes Weltbild von Grund auf verändernden
Einsicht verholfen hat, zum Nachvollzug durch den aufmerksamen Leser. T
MB 1989 (sic!)
Das top Quark wurde schließlich 1995 nachgewiesen: siehe Kommentare in Science 267, 1423 (A. Regalado: With quark discovery, truth comes out on top - twice) und in Nature 374, 113 (J. Maddox: The top quark found at long last).