Wenn es irgendeine Möglichkeit gäbe, es einzurichten, ich würde sie nützen: für alle Zeit als Fünfjähriger durch die Welt zu laufen. Ich glaube, zwischen fünf und zehn liegt für uns das schönste Alter.
Dennoch hatte auch meine Kindheit mit gewissen Härten
aufzuwarten. So sind meine Eltern beide Lehrer; und wenn ich über meinen
Hausaufgaben grübelte und nur schnell etwas wissen wollte (eine Kleinigkeit),
so war mit ihnen nichts anzufangen. Als Lehrer waren sie zwar meistens verfügbar
(denn Lehrer sitzen ja bekanntermaßen am Nachmittag zu Hause herum),
aber Sie dürfen nicht denken, daß ein Lehrer (ein richtiger Lehrer)
auf eine einfache Frage eine einfache Antwort gibt. Da hieß es dann
gleich: "Paß auf..." und "Überleg' doch mal...", und schon wird
man gezwungen, nachzudenken.
Nervtötend ist das.
Auf diese Weise wurde ich von Kindesbeinen an damit
vertraut gemacht, daß diese Welt verstanden werden kann. Dabei läßt
sich vieles einfacher erledigen, wenn man nicht darüber nachdenkt. Aber
inzwischen bin ich schon soweit gekommen, daß ich (fast) nichts mehr
tun kann, ohne darüber nachzudenken. Das Merkwürdige daran: Je
mehr ich nachdenke, je mehr Zusammenhänge mir auffallen, desto mehr
Gefallen finde ich am Nachdenken.
Wir Grübler und Denker, wir haben eines gemeinsam:
Wir stopfen unseren Kopf nicht mit Unmengen an Detail-Informationen voll,
sondern für uns steht an erster Stelle die Frage nach dem Ordnungsprinzip.
Wir müssen unsere Gedanken in Ordnung halten, müssen unsere Eindrücke
ständig bewerten und in Relation zu all dem bereits Gewesenen setzen.
Damit bauen wir mit jedem neuen Tag an unserer Welt, die nach Möglichkeit
in sich widerspruchsfrei bleiben soll.
Wir haben es nicht leicht. So mancher von uns provoziert
seine gedankenlosere Umwelt zu Spott und Hohn. Die Rede vom "zerstreuten Professor"
ist noch eine vergleichsweise harmlose, fast liebevolle Verunglimpfung. Aber
wir können nicht aus unserer Haut heraus. Wer einmal einen gewissen Grad
an Gesamtsicht von der Welt erreicht hat, wird durch jeden neuen Eindruck
tiefer in das Netz der geheimnisvollen Zusammenhänge gezogen.
Angeblich unterscheidet uns das von unseren nächsten
tierischen Anverwandten: In unserer Hirnrinde gibt es (im Vergleich mit ihnen)
riesige Bereiche, die auf den ersten Blick zu nichts nütze sind. Mir
kommt es inzwischen so vor, als würden wir diese Bereiche im Verlauf
eines langen Lebens nach und nach mit Struktur versehen. Der hinreichend
Erfahrene wird dadurch in die Lage versetzt, auf die verschiedensten Ereignisse
angemessen zu reagieren. Es ist erstaunlich, wieviel Information wir speichern
können.
Durch jahrelange Arbeit am Computer haben wir heute
ein gewisses Gefühl für Quantitäten im Zusammenhang mit Information.
Wir sind es gewohnt, Dokumente zu hantieren mit einem Umfang von einigen Megabite
(10 hoch 6), und die Aufnahmekapazität der Festplatte wird schon längst
in Gigabite (10 hoch 9) angegeben. Ich glaube aber nicht, daß irgend
jemand von uns so naiv ist anzunehmen, daß alles, was ein Mensch wissen
kann, auf einem PC moderner Bauart Platz finden könnte. Unser Gehirn
verfügt ja schließlich über mehr als 100 Milliarden Neurone.
Wieviel? Nur 100 Milliarden? Eigentlich sind das
ja nur 100 "Giganeuronen" (sozusagen)... Ob das reicht, für ein ganzes
Leben, für einen ganzen Menschen?
Eines ist sicher: Es würde nie und nimmer reichen,
wenn wir unsere Erfahrungen und Einsichten immer nur eins zu eins abspeicherten.
Das ist so wie bei einem guten Computerprogramm: Auf die software kommt es
an. Ähnlichkeiten und Wiederholungen müssen vom Programmierer erkannt
und zur Einsparung von Programmschritten ausgenutzt werden. So müssen
auch wir beim Sammeln unserer Lebenserfahrungen ökonomisch mit dem Speicherplatz
in unserem Gehirn umgehen. Wir müssen Gemeinsamkeiten erkennen, allgemeine
Regeln, Zusammenhänge. Jedesmal, wenn uns "ein Licht aufgeht", schaffen
wir es, ein Gedankengebäude, das viel Speicherplatz gebraucht hat, so
umzubauen, daß es danach weniger Platz braucht.
Manche haben daraus einen Beruf gemacht, darunter (hoffentlich) auch ein paar Universitätslehrer...
MB 10/99