Morbus Alzheimer: eine Folge allzu häufig abgebrochener Lernprozesse?
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Lehrbild der Phrenologie 1864 (Quelle: online Uni Bern) |
Im Grunde genommen sind wir Menschen ja recht einfach
gebaut. Wir haben Wünsche und Bedürfnisse, und wir unternehmen das,
was getan werden muß, um uns unsere Wünsche zu erfüllen und
um unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Die Welt, in der wir leben, die
ist kompliziert. Es ist nämlich gar nicht so leicht herauszufinden, auf
welche Weise man als Mensch sich seine Wünsche erfüllen und seine
Bedürfnisse befriedigen kann. Wir leben schließlich nicht im Schlaraffenland,
wo einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen und wo sich der fantasievolle
Mensch noch so manches andere vorstellen könnte (wer mag schon Tauben...).
Am Anfang war das Wort (Joh. 1:1)? Nein, am Anfang
stehen Hunger und Durst. Wenn wir diese elementaren Bedürfnisse zum
ersten Mal im Leben verspüren, veranlaßt uns dieses Gefühl
nicht dazu, nach Nahrung zu suchen, sondern dazu, einfach loszubrüllen
- eine denkbar schlechte Strategie, wenn wir allein auf der Welt wären.
Aber wir sind nicht allein (1. Mose 2:18). In aller Regel gibt es in dieser
allerersten Zeit unseres Lebens zumindest ein Wesen, das wir schon durch unsere
bloße Anwesenheit glücklich machen: unsere Mutter. Sie, und meistens
auch noch eine Menge anderer Wesen, sind bereit, alles für uns zu tun,
wonach auch immer wir verlangen.
Zuerst ist es nicht viel, was wir verlangen: Regelmäßige
Mahlzeiten, und ein bißchen Unterhaltung. Aber im Laufe der Jahre werden
wir anspruchsvoller. Wir beginnen, uns selbst für wichtig zu halten,
und wir streben nach Besitz und nach Anerkennung. Und bald müssen wir
die Erfahrung machen, daß es nicht genügt, loszuplärren, wenn
wir etwas erreichen wollen. Wir lernen, daß man im Leben für alles
bezahlen muß, und sei es nur mit einem freundlichen Lächeln, auch
wenn uns nicht danach zumute ist, freundlich zu lächeln. Wir üben
uns in Strategien. Wir gehen Kompromisse ein. Wir unternehmen einen Tauschhandel.
Wir investieren Zeit und Mühe, in der Hoffnung, es würde sich eines
Tages bezahlt machen. Wir ziehen Schlüsse, entwerfen Pläne, haben
Träume und Hoffnungen, erleben Enttäuschungen, setzen uns durch,
beweisen Ausdauer und Weitblick, wir gehen Allianzen ein, nehmen Stellung,
wir machen uns Feinde, wir begehen Irrtümer, wir bitten um Rat oder
um Hilfe, wir erweisen uns als dankbar, wir fühlen uns verpflichtet,
haben hin und wieder ein schlechtes Gewissen, wir erinnern uns an früher,
und wir vergessen vieles von dem, was früher war.
Wir stehen Tag für Tag vor Dutzenden, Jahr
für Jahr vor Tausenden von unterschiedlichen Problemen, die wir lösen
müssen, und wir machen aus diesem Grund ununterbrochen unzählige
Lernprozesse mit. Normalerweise besteht ein solcher Lernprozeß aus einer
Reihe von aufeinanderfolgenden Phasen. (1) Auftreten eines Bedürfnisses
oder Wunsches; (2) Überlegung, wie das Bedürfnis zu befriedigen
bzw. der Wunsch zu erfüllen wäre; (3) Wahl einer Strategie und Entwurf
eines Planes; (4) Ausführen des Planes; (5) Überprüfung des
Erfolges: wurde das gewünschte Ziel erreicht? (6) Ende des Lernprozesses,
falls das Ziel erreicht wurde; falls nicht, muß man zu Phase 4, 3 oder
2 zurückkehren; bei besonders zähen Problemen empfiehlt sich sogar
eine Rückkehr zu Phase 1: Manchmal kann man ein Problem nur lösen,
indem man es aus der Welt schafft (nicht einfach!). Ein gutes Beispiel für
den zuletzt genannten Lösungsansatz ist die Bewältigung des Todes
durch das Christentum: Kein Körper, kein Tod; kein Tod, kein Problem:
'Tod, wo ist dein Stachel?' (1. Kor. 15:55).
Um erfolgreich die oben skizzierten Phasen einer
Problembehandlung absolvieren zu können, ist eines ganz besonders wichtig:
ein gutes Gedächtnis. Was hätte ich davon, wenn ich schließlich
bei Punkt 6 angelangt bin, feststelle, daß ich erfolgreich war (immerhin!),
mich aber nicht mehr erinnern kann, mit welcher Strategie ich zum Erfolg gekommen
bin? Auch wenn ich erfolglos war, muß ich mich erinnern können,
womit ich erfolglos war, um meine Vorgangsweise ändern zu können.
Je mehr Probleme man gleichzeitig ungelöst vor sich herschiebt, umso
größer wird die Aufgabe für das Gedächtnis. Teleologisch
betrachtet erscheint es sinnvoll, wenn Strategien, die zum Erfolg geführt
haben, beibehalten werden. Demnach sollte ein Gefühl von Erfolg Gedächtnisinhalte
festigen, die mit der betreffenden Strategie in Verbindung stehen. Umgekehrt
erscheint es nicht sinnvoll, sich erfolglose Strategien länger als nötig
zu merken; man sollte sie spätestens dann vergessen, wenn man mit Hilfe
einer anderen Strategie zum Erfolg gekommen ist.
Aus dem eben Gesagten ergibt sich eine verblüffende
Schlußfolgerung: Erfolg entlastet das Gedächtnis. Umgekehrt betrachtet:
Ständige Mißerfolge führen über kurz oder lang zu einem
memory overflow, also zu einer Überforderung des Gedächtnisses.
Die erfolglos angewandten Strategien werden
allmählich so zahlreich, daß der Betreffende sich bald nicht mehr
an alle erinnern kann. Es wird ihm immer öfter passieren, daß er
Strategien, die er schon einmal erfolglos eingesetzt hat, ein weiteres Mal
einsetzt, weil er es einfach nicht mehr weiß. Dadurch gerät er
in einen Teufelskreis, und in seinem Gehirn wächst die Anzahl nicht durch
Erfolg gefestigter Gedächtnisinhalte. Solch nicht-definitive Gedächtnisspuren
im Gehirn könnten für die Integrität von Neuronen gefährlich
sein, aus Gründen, die wir wissenschaftlich einstweilen noch nicht verstehen.
Die Konsequenz könnten funktionelle Störungen sein wie die endogene
Depression, oder auch eine Schädigung des Gedächtnisses selbst
wie bei der Alzheimer'schen Krankheit.