_______________________________________________________________________Schluß I'm just more
than you can see
obviously.5. 1. Die Kirche behandelt uns wie kleine Kinder.
5. 2. Doktrinen und Regelwerke.
5. 3. Die Kirche hat nichts dazugelernt.
5. 4. Wie lauten die Kernaussagen?
5. 5. Die Grundprinzipien eines Otto-Motors.
5. 6. Der gesunde Menschenverstand.
5. 7. Ein Laie denkt nach.
5. 8. Die ersten Religionsgründer.
5. 9. Wo sind die Bannerträger heute?
5.10. Wodurch ist unsere Kirche entstanden?
5.11. Was waren die großen Gedanken, die diese Kirche ins Leben gerufen haben?
5.12. Welche Aufgaben sollte die Kirche ursprünglich erfüllen?
5.13. Und wohin sind wir heute mit diesem Glauben gekommen?
5.14. Die Schwierigkeit, darzustellen, was nicht darzustellen ist.
5.15. Die Menschen lieben Bilder.
5.16. Der begriffsstützige Philippus.
5.17. Unverständnis und plötzliche Einsicht.
5.18. Gruselfilm und Science Fiction als Vorbild?
5.19. Zahlenspielereien, und wie Gott zu Vaterfreuden kam.
5.20. Jedes Mittel recht?
5.21. Skurrilitäten als Herrschaftsinstrument.
5.22. Tradition der Symbole um jeden Preis.
5.23. Arme Maria.
5.24. Wir wissen noch immer nicht, wie der Otto-Motor funktioniert.5.1. Die Kirche behandelt uns wie kleine Kinder. Wenn wir in jungen Jahren zum ersten Mal mit der christlichen Theologie konfrontiert werden, so geschieht das meistens in Form von Geboten und Verboten: Du sollst, du sollst nicht. Bei Kindern mag das vielleicht noch angehen, wenngleich man darüber streiten kann, ob nicht auf diese Weise schon von Anfang an die falschen Weichen gestellt werden. Bei der Kindererziehung wird man wohl nie ohne einen gewissen Grundstock an klaren Anweisungen auskommen. Aber leider kommt die Kirche auch bei den Erwachsenen kaum über dieses primitive Niveau hinaus. Das ist ein Jammer. Damit gefährdet die Kirche die Weitergabe ihrer wertvollen Botschaft. Erwachsene Menschen lassen sich nicht gerne ihr Leben lang wie kleine Kinder behandeln. Irgendwann wird es jedem einmal zu blöd und er verliert das Interesse an der Sache. T
5.2. Doktrinen und Regelwerke.Wenn man der Kirche einen Vorwurf machen kann dann den, daß sie seit Jahrhunderten nicht mehr ernsthaft versucht hat, den Menschen zu erklären, worum es bei dieser Botschaft wirklich geht. Das wäre ihre wichtigste Aufgabe gewesen. Sie war ihr nicht gewachsen. Zu sehr hat sie sich mit Doktrinen und Regelwerken herumgeschlagen, zu sehr war sie bemüht, einen einheitlichen Verhaltenskodex von fragwürdigen Äußerlichkeiten dem Volk und seinen eigenen Würdenträgern aufzubürden. Unter anderem hat das dazu geführt, daß im 17. Jahrhundert die Schlachtfelder Europas 30 Jahre lang mit Blut getränkt wurden. Der Kirche selbst hat das gar nichts gebracht, nur eine Spaltung, die heute kaum mehr jemanden interessiert. Der Menschheit hat es eine beispiellose Auswanderungswelle in die Neue freie Welt gebracht, wo die Glaubensfreiheit seitdem als ganz besonders hohes Gut geschätzt wird, und wo auch heute noch jeder frisch gewählte Präsident ganz selbstverständlich seinen Eid auf die Bibel ablegt. T
5.3. Die Kirche hat nichts dazugelernt.Eigentlich müßte sich die Kirche ihrer selbst schämen, wenn sie so auf die letzten Jahrhunderte zurückblickt. Aber mir scheint: sie zeigt nicht die geringste Einsicht und hat aus ihren Fehlern nichts gelernt. Es muß als ein Wunder betrachtet werden, daß auch heute noch Millionen sich zum christlichen Glauben bekennen und regelmäßig den Gottesdienst besuchen. Aber vielleicht handelt es sich dabei ja auch nur um das Beibehalten einer schlechten Angewohnheit... Machen wir trotzdem einen Versuch: fragen wir uns, welche Botschaft die Kirche vermitteln müßte. T
5.4. Wie lauten die Kernaussagen?Wenn ich hier von der Feststellung ausgegangen bin, die Botschaft der Kirche könne einfach nicht nur darin bestehen, Gesetze aufzustellen und deren Beachtung zu überwachen, dann habe ich jetzt ein Problem: Worin besteht die Botschaft und der Auftrag der Kirche dann, wenn nicht darin? Wenn man darüber eine Weile nachdenkt, kommt man dahinter, daß es gar nicht so einfach ist, Glaubensinhalte zu formulieren, die nicht automatisch auf irgendeine Empfehlung, Anordnung oder Warnung hinauslaufen. Vermutlich ist das deshalb der Fall, weil sich seit Jahrhunderten (vielleicht sogar seit Augustinus) niemand mehr um die eigentlichen Kernaussagen des christlichen Glaubens bemüht hat. Ich will versuchen, die Situation mit einem Vergleich zu erklären. T
5.5. Die Grundprinzipien eines Otto-Motors.Betrachten wir einmal die Kirche als Automobil, und den Katechismus als eine Art Gebrauchsanweisung. Eine Zeit lang mag es genügen, die Gebrauchsanweisung zu studieren, um das Fahrzeug sinngemäß zu betreiben. Aber früher oder später kommt es an jedem Wagen zu Defekten. Wie man kleinere Defekte behebt, kann durchaus noch in einer guten Gebrauchsanweisung enthalten sein. Aber bei gröberen Schäden wird man keine Chance haben, wenn man nicht die detaillierte Funktionsweise des Wagens versteht. Was bei einer defekten Zylinderkopfdichtung zu tun ist, wird man nur wissen, wenn man die Grundprinzipien eines Otto-Motors verstanden hat. Genau darum geht es: Weder das einfache Kirchenvolk, noch die Kirchenoberen haben heutzutage noch eine Ahnung von den "Grundprinzipien eines Otto-Motors". Es ist hoch an der Zeit, endlich wieder einmal genau darauf zu sprechen zu kommen, denn der Motor unseres Wagens gibt inzwischen schon eine Reihe von sehr besorgniserregenden Geräuschen von sich. T
5.6. Der gesunde Menschenverstand.Ich bin nur ein kleiner Wissenschaftler und habe es im Verlauf meiner beruflichen Tätigkeit (wie ich hoffe) gerade einmal gelernt, meinen gesunden Menschenverstand einzusetzen. Ich halte sehr viel von diesem gesunden Menschenverstand. Letztlich ist er es, der uns dazu befähigt, Otto-Motoren zu bauen und zu reparieren. Leider verstehe ich sehr wenig vom Metier eines Automechanikers, traue es mir aber durchaus zu, nach entsprechend gründlicher Auseinandersetzung mit der Materie die richtige Diagnose zu stellen und zu entscheiden, was zu tun ist, um einen Schaden zu beheben. Ganz so sehe ich auch die Situation, in der sich die christliche Kirche zur Zeit befindet. Es gibt große Schwierigkeiten; das ist nicht zu übersehen. Wir mögen noch so verzweifelt in der Gebrauchsanweisung herumblättern, aber es gibt Probleme, für die sie leider keine einfachen Lösungen anzubieten hat. Es wird uns nichts anderes übrigbleiben, als uns mit der Grundkonstruktion unserer maroden Kirche auseinanderzusetzen, wenn wir sie wieder flottmachen wollen. Wir müssen also versuchen, unseren gesunden Menschenverstand einzusetzen und uns die Sache von allen Anfang an wieder einmal gründlich überlegen: Wodurch ist unsere Kirche entstanden? Was waren die großen Gedanken, die sie ins Leben gerufen haben? Welche Aufgaben sollte sie ursprünglich erfüllen? Und wie sind wir dahin gekommen, wo wir heute stehen? T
5.7. Ein Laie denkt nach.Es kann uns Menschen nicht schaden, uns gelegentlich auf das Allergrundlegendste, das Allereinfachste zu besinnen, ja ich bin davon überzeugt, daß es hin und wieder einfach so sein muß. Es leuchtet mir nur nicht ganz ein, warum das ausgerechnet ich hier und jetzt versuchen soll. Es gibt Zigtausende von Menschen auf dieser Welt, die von Religion viel mehr Ahnung haben sollten als ich. Aber vielleicht muß es gerade einmal jemand versuchen, der das Problem aus einer gewissen Distanz betrachten kann und dennoch in sich den Drang verspürt, das Problem einer Lösung näher zu bringen. An sich sollte Religion das Anliegen eines jeden Menschen sein, nicht nur das Anliegen weniger Spezialisten. Gerade Spezialisten neigen gelegentlich dazu, sich ausweglos im Kreis zu drehen, im ehrlichen Bemühen um eine Lösung. T
5.8. Die ersten Religionsgründer.Ich bin davon überzeugt, daß am Anfang jeder Religion die Idee eines Einzelnen oder weniger Einzelner gestanden hat. Diese Idee war großartig und überwältigend. Sie brachte eine völlig neue Sichtweise des Daseins mit sich, mit Elementen, die davor noch nie jemand gesehen hatte. Und weil das so war, gab es auch noch kaum Worte und Begriffe, um diese Gedanken mitzuteilen. Die wenigen Menschen, die als Erste diese Gedanken hatten, standen vor dem Problem, etwas mitzuteilen, wofür es keine Worte gab. Was sollten sie tun? Sie mußten sich darauf beschränken, das mitzuteilen, was mitteilbar war; sie mußten mit der Sprache ihrer Zeit operieren. Ihre Aussagen waren damit zwangsläufig mehrdeutig: Wörtlich genommen, war darin nichts Neues enthalten, und viele ihrer Zuhörer schüttelten vermutlich verständnislos den Kopf und konnten nicht begreifen, was denn so Außergewöhnliches und Aufregendes an diesen Ideen dran sein könnte. Aber es ging gar nicht um den Wortsinn der Aussagen, sondern um die Beziehung, in der mehrere Aussagen zueinander standen. Den Zuhörern wurde damit ein hohes - meistens zu hohes - Maß an Abstraktionsvermögen abverlangt. Die wenigen, die verstanden haben, waren begeistert und nahmen bereitwillig die Fahne des Glaubens auf, um sie durch die nächste Generation zu tragen; aber diejenigen, die nicht verstanden, blieben am Wortsinn der Aussagen hängen und sahen sich konfrontiert mit für sie unverständlichen Riten und Zeremonien, denen sie sich schließlich nolens volens fügten: Eine neue Religion war geboren; eine Religion, die zwar niemand außer wenigen Bannerträgern verstand, aber solange es genug davon gab, war ihr Weiterbestand gesichert. T
5.9. Wo sind die Bannerträger heute?Manchmal frage ich mich, ob es sie überhaupt noch gibt, die Bannerträger des christlichen Glaubens. Dann taucht vor mir die Horrorvision einer stumpfen Masse auf, die nur noch aus reiner Gewohnheit die Banner vor sich herträgt, die in Wirklichkeit niemand mehr versteht. Und jeder, der sich ihnen - auch in der besten Absicht - in den Weg stellt, wird gnadenlos überrollt. Eine Horrorvision, wie gesagt. Denn ein paar mag es ja wirklich noch geben, die wissen, worum es geht. Warum man sie nicht hört? Schweigen sie, oder sind ihre Stimmen so leise, daß man sehr genau hinhören muß? T
5.10. Wodurch ist unsere Kirche entstanden?Die christliche Religion ist aus dem Judentum hervorgegangen, einem Ein-Gott-Glauben, so alt wie die ältesten Zivilisationen unserer Welt. An ihrer Wiege stand die Hoffnung, dereinst durch einen 'Erlöser' von all den irdischen Widrigkeiten befreit zu werden, die wir uns eingebrockt haben, als wir unser Leben selbst in die Hand nahmen und nicht mehr länger als unschuldige ahnungslose Kinder im Garten Eden unser Dasein fristen wollten. Die Anhänger der christlichen Religion glauben daran, daß einem gewissen Jesus von Nazareth in Palästina diese lang ersehnte Erlösung gelungen ist, durch sein gelebtes und bezeugtes Beispiel. Die sorgfältige Pflege der Erinnerung an dieses Ereignis erfolgt innerhalb der sogenannten 'Kirche'. T
5.11. Was waren die großen Gedanken, die diese Kirche ins Leben gerufen haben?
Wodurch konnte Jesus seinen Anhängern das Gefühl einer Erlösung vermitteln, auf die sie seit vielen Generationen gewartet hatten? Sicherlich nicht durch sein materielles Auftreten in einer materiellen Welt. Er entstammte ärmlichen Verhältnissen, blieb zeitlebens ohne einflußreiche Beziehungen, und hätte in der damaligen jüdischen Priesterschaft sicherlich keinerlei Karriere gemacht. Es war vor allem dieses Sich-nicht-Einlassen mit der formalen Außenseite des öffentlichen Lebens, woraus er seine Authentizität und Kraft bezog. Er schöpfte aus sich selbst und war in jedem Moment seines öffentlichen Auftretens allein vollständig kompetent für alles was er tat und sagte (wenngleich dieser Eindruck nach nahezu 2000-jähriger Geschichtspflege nicht sonderlich überrascht). Er hat den Einen Gott der Juden von den Wolken auf die Erde geholt, er hat aus einem dem Buchstaben nach zu befolgenden Gesetz unser aller persönliches Gewissen gemacht, er hob den Gedanken auf das gleiche Niveau wie die Tat. In ihm ist der Eine Gott Mensch geworden, solange wir Menschen an ihn glauben und seinem Beispiel folgen, solange auch wir unser Gewissen hoch schätzen und den Gedanken gleich achten wie die Tat. T
5.12. Welche Aufgaben sollte die Kirche ursprünglich erfüllen?
Sie sollte für uns stets die Erinnerung an das von Jesus gelebte Beispiel aufrechterhalten und uns dabei helfen, seinem Beispiel zu folgen. Auf diese Weise sollten alle, die Jesus in der Kirche nachfolgen, wie Jesus dem Einen Gott Gelegenheit geben, in jedem einzelnen von uns Mensch zu werden. Lesen Sie diesen letzten Satz ruhig noch einmal - er ist vom Satzbau her etwas kompliziert - aber Sie haben schon richtig verstanden: ...in jedem einzelnen von uns Mensch zu werden. T
5.13. Und wohin sind wir heute mit diesem Glauben gekommen?
Man könnte fast sagen: Nicht viel weiter als schon zu Lebzeiten Jesu. Höchstwahrscheinlich würde auch heutzutage einer der auftritt wie er für große Verwirrung und Aufregung sorgen, und seine Aussagen würden für die Ohren vieler geradezu gotteslästerlich klingen. Gott soll Mensch geworden sein? Gott soll abhüten! Was für eine Blasphemie! Die meisten Menschen sehen ihren Gott lieber dort oben im Himmel, wo er allmächtig über allem wachen kann. Sie wollen lieber nichts von der Erleuchtung wissen und verschieben sie in ein fiktives Jenseits, fein säuberlich getrennt von der realen Welt. Jesus, go home! Laß uns in Ruhe mit deinen Spinnereien. Wir würden ihn zwar heute nicht mehr hinrichten lassen, aber ein bisserl foltern und einsperr'n täten wir ihn schon. T
5.14. Die Schwierigkeit, darzustellen, was nicht darzustellen ist.
Sicher standen die frühen Kirchenväter vor keiner leichter Aufgabe, ihren Gemeinden den 'neuen Glauben' zu erklären. Das Konzept der sogenannten Dreifaltigkeit oder Dreieinigkeit Gottes, ein Begriff, den Jesus selbst nie gebraucht hat, mutet schließlich auch an wie der Versuch, die berühmt-berüchtigte Quadratur des Kreises zu schaffen. Mit diesem Bild glaubte man offenbar, dem menschlichen Hang zur Personalisierung entgegenkommen zu müssen. In den volkstümlichen Darstellungen muß es sich der unverhofft zur 'Person' gewordene 'Heilige Geist' bis zum heutigen Tag gefallen lassen, schlicht als Taube dargestellt zu werden, wenngleich inmitten eines Lichterkranzes. Man sollte daraus niemandem einen Vorwurf machen: Wie soll man schon etwas darstellen, was eigentlich nicht darzustellen ist? So schlecht ist das Bild auch gar nicht gewählt: Der Heilige Geist schwebt, er ist hell, und er ist friedfertig. Daneben wurde auch versucht, diesem Geist Gestalt in Form einer Flamme zu verleihen, immerhin ein Bild, das im Zusammenhang mit dem Heiligen Geist eher an einen Zustand als an eine Person denken läßt. T
5.15. Die Menschen lieben Bilder.
Was viele Worte nicht zuwege bringen, schafft oft ein kleines Bild. Leider wurde, gerade im Bereich der katholischen Kirche, mit Bildern auch viel Schindluder getrieben. Sogar im 'Glaubensbekenntnis', einem jener Gebete, das jedes Christenkind auf dieser Welt schon in frühen Jahren auswendig lernt, heißt es von Jesus: 'Er sitzet zur Rechten des Vaters'. Seit Jahrhunderten provozierte diese wohl etwas übertrieben gegenständliche Ausdrucksweise ganze Heerscharen von fantasievollen Malern dazu, Jesus zusammen mit einem älteren Herrn mit Rauschebart - und natürlich mit der unvermeidlichen Taube - wieder dort darzustellen, wohin die meisten Menschen ihn sich offenbar wünschen: in den Wolken. Würde man Jesus mit solchen Darstellungen konfrontieren, er würde sich wohl abwenden (mit Grausen). T
5.16. Der begriffsstützige Philippus.
Dabei hatte er schon seinerzeit seine liebe Not, es seinen Jüngern verständlich zu machen: "Wenn ihr mich kennt, so kennt ihr auch meinen Vater. Und von nun an kennt ihr ihn und habt ihn gesehen." Man sollte meinen, das war deutlich genug, aber Philippus will es nicht glauben: "Herr, zeige uns den Vater, so genügt es uns." Die Antwort Jesu wirkt schon etwas müde: "So lange bin ich bei euch, und du kennst mich nicht, Philippus?" Und dann versucht er es noch einmal: "Wer mich sieht, der sieht den Vater. Was meinst du denn mit: Zeige uns den Vater? Glaubst du nicht, daß ich im Vater bin und der Vater in mir ist?" Offenbar erkennt Jesus, daß er seine Jünger überfordert, denn er fügt resignierend hinzu: "Glaubt mir, daß ich im Vater und der Vater in mir ist; wenn nicht, so glaubt mir doch um der Werke willen." Es sollte noch lange dauern, bis es soweit war. T
5.17. Unverständnis und plötzliche Einsicht.
Aber Jesus sollte zuletzt doch erfolgreich bleiben bei seinen immer wieder unternommenen Anläufen, seiner Umgebung eine Erklärung zu geben für das, was er im Schilde führte, allerdings erst nach seinem Tod am Kreuz, erst nachdem seine, die Zuhörer offenbar verwirrende körperliche Anwesenheit aufgehört hatte. Endlich gelang es seinen Jüngern, das naheliegende Mißverständnis zu vermeiden, Jesus würde tatsächlich 'den Tempel in Jerusalem wieder aufbauen'. Endlich wurde ihnen klar, daß Jesus damit eine neue Sichtweise der Welt gemeint hatte, gewissermaßen von einer inneren Warte aus betrachtet. Die Kreuzigung selbst hatten die Jünger noch als Katastrophe erlebt, und mußten sich Tage danach fragen lassen, was es denn 'für Reden seien, die sie untereinander handelten, und warum sie traurig seien'. Zu diesem Zeitpunkt hatte noch keiner der Gefolgsleute Jesu begriffen, was wirklich passiert war. Streng genommen war ja auch bis zu diesem Zeitpunkt noch nichts Entscheidendes passiert, denn wenn sich die Jünger enttäuscht in alle Winde zerstreut hätten, wären die Evangelien nie geschrieben worden und Jesus von Nazareth bald wieder in Vergessenheit geraten. Erst zu Pfingsten, als die Jünger 'einmütig beieinander waren' (siehe oben), wurden ihnen schlagartig die Zusammenhänge klar, 'und sie wurden alle voll des heiligen Geistes und fingen an zu predigen mit andern Zungen, nach dem der Geist ihnen gab auszusprechen'. Interessanterweise wurden sie deswegen von 'der Menge' für verrückt oder zumindest für betrunken gehalten; offenbar bestanden die Reden der Apostel für die nicht eingeweihten Normalbürger aus unverständlichem Geplapper. Obwohl die Jünger jetzt zum ersten Mal verstanden, was ihr Meister so oft vergeblich versucht hatte, ihnen zu erklären, waren sie nicht in der Lage, es anderen verständlich zu machen, genau so, wie auch Jesus zu seinen Lebzeiten nicht in der Lage gewesen war, es ihnen selbst verständlich zu machen. T
5.18. Gruselfilm und Science Fiction als Vorbild?
Es muß schon zu denken geben, daß auch nach fast 2000 Jahren Kirchengeschichte das, was von der Kirche heute übrig geblieben ist, keine ernsthaften Anstrengungen unternimmt, die 'frohe Botschaft', die 'gute Nachricht', das 'neue Testament' in der Gemeinde im Sinne Jesu zu verkünden und zu erklären und auszulegen. Statt dessen wird fast ohne Ausnahme naiven Vorstellungen von der Leidensgeschichte Jesu Vorschub geleistet, mit Szenen die ohne weiteres modernen Grusel- oder science fiction Filmen alle Ehre machen würden. Dabei bedient man sich wollüstig jedes noch so offensichtlich vordergründigen Symbols, zu dem die Evangelisten dereinst ihre Zuflucht nahmen, im ständigen Ringen darum, das Unbegreifliche doch begreiflich zu machen. T
5.19. Zahlenspielereien, und wie Gott zu Vaterfreuden kam.
Gleich zu Beginn des Neuen Testaments werden geheimnisvolle Zahlenspielereien angestellt und in geschwätzigem Detail alle 3 Mal 14 Generationen zwischen Abraham und Jesus aufgelistet, eine Legitimierung des 'Sprosses Davids', die steht und fällt mit der Legitimität von Josef, Marias Mann, als Vater des Heilands; denn er, nicht Maria, soll ein direkter Nachfahre des unvergessenen Königs gewesen sein. Wie aber heute jedes Kind weiß, war Josef gar nicht der leibliche Vater Jesu (zumindest nicht nach gültiger Lehrmeinung). Wozu also das imposante Ahnenregister? Wer es wirklich war, erfährt man gleich im nächsten Vers: der Heilige Geist! Also jener 'Tröster', den Jesus ganz zuletzt seinen Jüngern verspricht, und dessen Bedeutung ihnen erst lange nach seinem Tod klar wird, soll schon vor seiner Geburt zugeschlagen haben! Ein Wunder, natürlich... Es ist erstaunlich, wofür dieser praktische Geist in der kirchlichen Lehre alles herhalten muß. Offenbar konnte man den begriffsstützigen Zeitgenossen Jesu die messianische Idee von der Menschwerdung Gottes nicht anders begreiflich machen. Man schreckte nicht einmal davor zurück, den Einen-Gott-der-ist zu Vaterfreuden kommen zu lassen, wenn auch auf unbestimmt übernatürliche Weise, nicht ganz so handgreiflich, wie das so oft von Göttervater Zeuss berichtet wird. T
5.20. Jedes Mittel recht?
Wir sehen schon, daß den Evangelisten jedes Mittel recht war, ihren Lesern Jesus als den erwarteten Messias auszuweisen. Wahres wird vermischt mit faustdicken Lügen, Gegenständliches mit Produkten der Fantasie. Engel wälzen Grabsteine zur Seite; der auferstandene Herr tritt strahlend aus dem Dunkel des Grabes; erscheint Bekannten, die ihn für jemand anderen halten, und verschwindet wieder, als man meint, ihn zu erkennen; läßt schließlich seine Jünger die Hände auf Wunden legen, aus denen der Evangelist noch vor kaum 48 Stunden, zum Beweis des Todes, hatte Blut und Wasser fließen lassen; um dann endlich, wie ein Astronaut, der sich in die Antike verirrt hat, in die Lüfte abzuheben und zu den Wolken zu entschweben. T
5.21. Skurrilitäten als Herrschaftsinstrument.
Seit Dutzenden von Generationen wird diese Aneinanderreihung von Skurrilitäten dazu eingesetzt, Christenmenschen bei der Suche nach dem Lebenssinn behilflich zu sein. Ich kann mich nicht des Eindrucks erwehren, daß eine solche Hilfe schon lange nicht mehr beabsichtigt ist. Das, was aus dem Glauben im Laufe der Zeit geworden ist, erwies sich als probates Herrschaftsinstrument. Die Mißverständnisse, die sich an vielen Stellen der Schrift zugegebenermaßen aufdrängen, wurden gefördert und gepflegt, und statt der von Jesus realisierten Menschwerdung Gottes gab es bald wieder ein ganz anderes Programm: Der Himmel blieb der Himmel, und die Erde blieb das Jammertal, und die von Jesus vorgelebte Auferstehung und Erlösung wurde kurzerhand aus dem Programm gestrichen und verschoben auf den Sankt-Nimmerleins-Tag: auf einen mysteriösen 'Tag des jüngsten Gerichts'. T
5.22. Tradition der Symbole um jeden Preis.
Diejenigen, die versuchen, die frohe Botschaft Jesu für ihre Zwecke zu mißbrauchen, werden damit nicht weit kommen, insbesondere in einer Zeit, in der immer mehr Menschen in Glaubensfragen ihre eigenen freien Entscheidungen treffen. Die eigentliche frohe Botschaft Jesu kann nie mehr verloren gehen; sie hat die letzten 2000 Jahre überdauert, und sie wird immer zum Schatz menschlicher Tradition und Kultur gehören. Gott ist in der Geschichte einmal Mensch geworden, und seine Menschwerdung breitet sich über die Jahrtausende und über die Kulturen wie ein Virus aus. Der eine große Gedanke mag in mancherlei Gestalt immer wieder da oder dort auftauchen. Diejenigen, die ihn richtig verstehen, werden Bestand haben, und die andern, die ihn mißverstehen, werden vergehen. Die sogenannte Amtskirche hat seit Jahrhunderten herzlich wenig zur Verbreitung christlicher Glaubensinhalte beigetragen. Immer wieder hat sie sich dazu hinreißen lassen, vordergründige Oberflächlichkeiten, koste es, was es wolle, gegen das Aufbegehren des gesunden Menschenverstandes zu verteidigen. Tradition der Symbole um jeden Preis war ihre Devise, ohne sich im ausreichenden Maß darum zu kümmern, wofür diese Symbole einmal standen. Die Hülle war und ist ihr wichtiger als der Inhalt. Schon lange versteht sie sich nur noch als Wächter und Bewahrer eines immer komplexer werdenden Regelwerks und schafft immer ausgefeiltere Spielregeln für ein Spiel, dessen eigentliches Ziel sie längst aus den Augen verloren hat. T
5.23. Arme Maria.
Für die zahlreichen Absurditäten, zu denen es im Verlauf der Kirchengeschichte gekommen ist (und immer noch kommt) sei hier nur ein Beispiel genannt. Wenn die Evangelisten in ihrem Bemühen, für ihre Zeitgenossen Jesus als den erwarteten Messias begreiflich zu machen, der Überzeugung waren, sie müßten den Jesus-Worten 'Ich bin im Vater, und der Vater ist in mir', und 'Wer mich sieht, der sieht den Vater' (siehe oben) noch eins draufsetzen und Gott tatsächlich zum leiblichen Vater Jesu machen, so hätten sie sich das vielleicht anders überlegt, wenn sie geahnt hätten, welch gnadenlos tiefschürfende Gedanken die Nachwelt dieser blumigen Symbolik widmen würde. Vielleicht wäre alles nur halb so schlimm gekommen, wenn sie sich wenigstens den Hinweis auf Mariens unberührte Jungfernschaft bis zur Geburt des Heilands verkniffen hätten, denn das konnte ja nun wirklich keiner von ihnen so genau wissen. Nachfolgende Generationen von Grüblern und Denkern dehnten schließlich den Zustand der 'Unbeflecktheit' Mariens auch noch auf die Zeit nach der Geburt Jesu aus. Ich möchte nicht wissen, wie viele arme Christenmenschen in der Zeit der Inquisition ihr Leben lassen mußten, weil sie das nicht verstehen wollten. Damit war es den Kirchenlehrern gelungen, den messianischen Gedanken in einen Zusammenhang zu stellen, den sicher keiner der Evangelisten beabsichtigt hatte: in Zusammenhang mit dem unerschöpflichen Thema Nummer 1, der Sexualität. Und die arme Maria mußte es sich gefallen lassen, im Verlauf dieses wenig rühmlichen Kapitels der Kirchengeschichte zum Symbol der vermeintlich höchsten christlichen Tugend zu werden: der sexuellen Enthaltsamkeit. T
5.24. Wir wissen noch immer nicht, wie der Otto-Motor funktioniert.
Es hat wohl wenig Sinn, der Kirche ständig ihre Mißverständnisse und Irrwege vorzuhalten. Das mag zwar hin und wieder ganz amüsant (oft auch deprimierend) sein, es bringt uns aber nicht weiter auf unserem Weg zu einem besseren Verständnis für die wirklich wertvollen Einsichten, die dem christlichen Glauben unbestreitbar zugrunde liegen. Erinnern wir uns: wir hatten uns zum Ziel gesetzt, die "Funktionsweise eines Otto-Motors" zu begreifen; bisher haben wir hauptsächlich erörtert, wie er wohl nicht funktionieren kann. Wir sind bisher noch kaum dazugekommen, nach dem eigentlichen, über Jahrtausende gewachsenen christlichen Gedankengebäude zu fragen. T
1-2-3-4-5-6-7-8-Die Suche 6. 1. Das christliche Gedankengebäude, Ägypten und Babylon.
6. 2. Ein Gemetzel vor dem Berg Sinai.
6. 3. Der Vorrang der Innenwelt gegenüber der Außenwelt.
6. 4. Die irritierenden Blüten der mosaischen Glaubensgeschichte.
6. 5. Die Sehnsucht nach Sinn.
6. 6. Die Illusion des ICH als Sackgasse.
6. 7. Wir wissen nicht, was wir tun, und können es doch nicht lassen.
6. 8. Schlechte Reklame.
6. 9. Kirchen-Allergie.
6.10. Nur das Wahre wird bestehen.
6.11. Religion: vernünftige Lebensplanung, und sonst nichts?6.1. Das christliche Gedankengebäude, Ägypten und Babylon.
So wie bei allen Religionen dieser Welt basiert dieses Gedankengebäude auf menschlichen Urängsten: Auf der Angst vor Krankheit und Tod; auf der Konfrontation mit scheinbar unausweichlichen Katastrophen wie Verlust von liebgewonnenen Mitmenschen, Verlust von Hab und Gut; Konfrontation mit unentrinnbaren Konflikten, mit persönlicher Niederlage, Verlust der Freiheit und der menschlichen Würde, mit Sklaverei. Interessanterweise war gerade das Volk der Juden, deren Religion dem Christentum die Grundlage geliefert hat, im Verlauf seiner langen Geschichte reich gesegnet mit Entbehrungen und Drangsalen aller Art. Gleich zweimal wurde es in die Sklaverei verschleppt, einmal von den Ägyptern im Westen, das andere Mal von den Babyloniern im Osten (ein wohl unausweichliches Schicksal, wenn man versucht, als kleines Volk zwischen diesen beiden Riesen zu bestehen). Diese Gefangenschaften hatten einen starken Einfluß auf den jüdischen Glauben, ja man könnte fast den Eindruck gewinnen, daß der jüdische Glaube erst aus diesen Erfahrungen geboren wurde. Dieser Glaube ist somit eine Geisteshaltung, die ein Volk in die Lage versetzen kann, schwierige Zeiten zu überstehen. Sie gedachten des Einen Gottes, der sich ihnen als allmächtiger Schöpfer der Welt geoffenbart hatte, und ertrugen Jahrzehnte lang geduldig Entbehrungen und Demütigungen, im Vertrauen darauf, daß Gott ihnen Erlösung bringen würde. T
6.2. Ein Gemetzel vor dem Berg Sinai.
Wenn es sogar heute, in einer Zeit, in der wir Menschen uns als gebildet und gut informiert betrachten, zu fatalen Mißverständnissen und groben Fehleinschätzungen von Glaubensinhalten kommt, so waren vergangene Generationen natürlich ebenfalls nicht vor Irrtümern gefeit. Und natürlich haben viele Juden damals das Erlösungs-Versprechen, daß ihnen ihr Gott angeblich gegeben hatte, auf eine sehr materielle und handgreifliche Art und Weise verstanden. Schließlich mußte man nur im heiligen Buch nachlesen, um zu erfahren, wie das jüdische Volk tatsächlich dereinst aus der ägyptischen Gefangenschaft befreit worden war, eine Aktion, die Gott sogar einige recht spektakuläre Wunder wert war: Wasser teilten sich, Brot regnete vom Himmel, Quellen sprudelten auf Kommando aus trockenem Gestein. Aber dieses himmlische Wohlwollen hatte seinen Preis: Strenge Disziplin, bedingungsloses Unterordnen unter einen detaillierten Verhaltenskodex, und drakonische Strafen bei Fehlverhalten. Man denke nur daran, daß Mose, als er bei seiner Rückkehr vom Berge Sinai, auf dem er von Gott die Gesetzestafeln erhalten hatte, sein Volk beim Tanz um das goldene Kalb antraf, kurzerhand 'dreitausend Mann' erschlagen ließ; ein unvorstellbares Gemetzel. Demgegenüber nimmt sich die Hinrichtung Jesu als zivilisiertes Ereignis aus. T
6.3. Der Vorrang der Innenwelt gegenüber der Außenwelt.
An der Wiege des christlichen Glaubens steht ganz klar der Entschluß, das Leben in all seinen Bereichen einem einzigen großen Gedanken unterzuordnen, mit dem Ziel, sich auf diese Weise frei zu machen von all dem, was im Normalfall das Leben regiert: Geburt, Kampf, und Tod; Gewinn und Verlust; Erblühen und Vergehen; Reichtum und Armut; Freud und Leid. Der Gläubige tritt heraus aus dem ewigen Kreislauf alles Irdischen. Er räumt seiner Innenwelt den absoluten Vorrang gegenüber der als unzuverlässig erfahrenen Außenwelt ein. Und er tut das eben gerade nicht, um letztendlich doch noch zu Reichtum zu gelangen, um im Tauschhandel für die Entbehrungen, die er sich auferlegt, belohnt zu werden mit strotzender Gesundheit, langem Leben, Wohlstand, Macht und Vergnügungen. Aus diesen Gedanken spricht die gesammelte Lebensweisheit ungezählter Generationen. Sie führen letztlich zu einem Lebenskonzept, das sich bewußt nicht mehr an den naheliegendsten, weil biologisch vorgegebenen Antrieben und Neigungen orientiert. Das Kommando wird an eine andere, nicht-irdische Instanz übergeben, die mit unseren Gedanken mehr zu tun hat als mit unserem Körper. Nicht wir selbst haben diese Gedanken erfunden, sondern wir haben sie angenommen von anderen die, uns ähnlich, vor uns gelebt haben. In einer langen Reihe von Menschen, die Zeit ihres Lebens darum gerungen haben, die Gedanken, die stärker sind als alles Irdische, zu verstehen und sie so zum Ausdruck zu bringen, daß auch andere nach ihnen sie verstehen konnten. Genau das ist mit 'Kirche' gemeint: Eine schier endlose Reihe von Lehrern und Lernenden, von Beispiel-Gebenden und Beispiel-Nehmenden, die die Menschen in dem einen großen Gedanken über die Zeiten hinweg miteinander verbindet, vom ersten bis zum letzten Glied. T
6.4. Die irritierenden Blüten der mosaischen Glaubensgeschichte.
Auf dieser endlosen Reise eines großen Gedankens aus der grauen Vorzeit bis herauf in unsere Gegenwart gab es immer wieder Mißverständnisse, Umwege und Fehlentwicklungen. Und manche dieser Fehlentwicklungen erreichten eine gefährliche Eigendynamik. Die Hinschlachtung von 3000 Menschen am Fuße eines Berges kann man wohl kaum als nebensächliche Begleiterscheinung abtun. Und es ist ziemlich fraglich, ob diejenigen, die einst als erste den großen Gedanken von der Befreiung des Menschen aus seinen irdischen Zwängen ersonnen hatten, mit dem zufrieden gewesen wären, was das jüdische Volk schließlich daraus gemacht hat: ein detailliertes Regelwerk, das keinen Aspekt des täglichen Lebens ausließ, und bereit war, dafür über Leichenberge zu gehen. Wenn wir heute versuchen, uns auf die großen Gedanken von einst rückzubesinnen, muß es uns nicht nachdenklich stimmen, wenn wir sehen, wozu das führen kann? Andererseits: Wäre das Leben, das Martyrium, und die Auferstehung eines Jesus von Nazareth möglich gewesen ohne die irritierenden Blüten, die die mosaische Glaubensgeschichte bis dahin getrieben hatte? Wohl kaum. T
6.5. Die Sehnsucht nach Sinn.
Wir Menschen scheinen, trotz aller Irrwege, letztlich doch immer wieder die entscheidenden Schritte in die richtige Richtung zu finden. Die Probleme, vor die jeden einzelnen von uns die irdische Begrenztheit des Menschen unausweichlich stellt, bleiben über die Zeitalter hin doch immer dieselben, und die Sehnsucht nach ihrer Lösung bedrängt jede Generation immer wieder aufs Neue. Uns Menschen scheint so etwas wie ein 'Urtrieb' innezuwohnen, sinnvoll zu handeln. Und je mehr wir wissen, je umfangreicher unser Bild von der Welt wird, desto höher werden die Ansprüche, die wir an das Leben stellen, wenn es in unseren Augen das Prädikat 'sinnvoll' verdienen soll. In der ersten Phase dieser Suche nach Sinn hatte die Menschheit alle Hände damit zu tun, sich die naheliegendsten Ziele aus dem Kopf zu schlagen. Nur einzelnen war damals schon klar, daß der Sinn nicht in Reichtum und Macht, Vergnügen und Überfluß zu finden war. Sie waren immer wieder konfrontiert mit dem Nichtwissen der überwältigenden Mehrheit. Das Alte Testament ist voll von Geschichten über das harte Los von 'Propheten', deren lästige 'Wahrheit' das einfache Volk alles andere als geschätzt hat. Keinem von ihnen war es zu Lebzeiten beschieden, die Früchte seiner Mühen zu ernten; ja, nicht einmal Jesus war es vergönnt, die starke christliche Gemeinde, die schließlich aus seinem gelebten Beispiel erwuchs, mit seinen sterblichen Augen zu sehen. T
6.6. Die Illusion des ICH als Sackgasse.
Die Lösungen, zu denen wir auf der rastlosen Suche nach Sinn finden, transzendieren das Leben des einzelnen auf wohltuende Weise und nehmen den brennenden Fragen, die wir stellen, ihre auf den ersten Blick so unbewältigbar erscheinende Schärfe. Ja, es stimmt: All dieser großen Gedanken zum Trotz ist immer noch jeder, der auf diese Welt gekommen ist, alt geworden und eines Tages auch wieder gestorben (auch der eine, der auferstanden ist, ist 'hinabgestiegen in das Reich des Todes'); es ist an jedem auch noch so prächtigen Tag immer noch Abend und Nacht geworden, und nichts davon können wir mitnehmen in den nächsten Tag; und was auch immer wir schaffen in unserem Leben, mit Eifer und Engagement, das meiste wird wieder verblassen und einmal vergessen sein. Man wäre ein Narr, würde man sein eigenes kleines Leben über alles stellen, ebenso wie man ein Narr wäre, würde man darauf hoffen, man könnte den schönsten Tag seines Lebens beliebig oft wiederholen, oder man könnte sich ein Denkmal setzen für alle Zeit und Ewigkeit. Nein, das was wir als unser 'Ich' empfinden, ist nichts weiter als eine gefährliche Illusion, eine Stellung die unmöglich zu halten ist (militärisch gesprochen), auch wenn wir das unwiderstehliche Verlangen verspüren, sie mit allen Mitteln zu halten. Unser 'Ich' zwingt uns unter Regeln, die uns unvermeidlich ins Verderben führen, früher oder später. Das wurde seit Menschengedenken immer wieder aufs Neue probiert, auf alle nur erdenkliche und unerdenkliche Weisen, immer mit demselben frustrierenden Ergebnis, und es wurde dabei weiß Gott nichts ausgelassen. T
6.7. Wir wissen nicht, was wir tun, und können es doch nicht lassen.
Stellen wir uns jemanden vor, der am Telefon sitzt und immer wieder versucht, eine ganz bestimmte Nummer anzurufen. Er versucht das schon seit Stunden, aber am anderen Ende der Leitung hebt niemand ab. Der arme Kerl verbringt den Rest seiner Tage damit, immer wieder diese eine verdammte Nummer zu wählen und geht darüber zugrunde. Er ist von seiner fixen Idee so besessen, daß er gar nicht mehr darüber nachdenkt. Sie meinen, der Bursche müsse ein Idiot sein? Ich habe mit Absicht ein sehr einfaches Beispiel gewählt, damit Sie diesen Eindruck bekommen; aber tatsächlich befinden wir uns, wenn wir die Frage nach dem Sinn des Lebens stellen, in einer vergleichbaren Situation, nur auf einem viel komplexeren Niveau. Sinn oder Unsinn einer solchen Frage ist nicht so leicht zu erkennen wie in unserem Telefonbeispiel. Aber letztlich läuft es auf dasselbe hinaus: Wir tun etwas, was wir nicht lassen können, und wissen nicht, warum. Wenn wir es genau bedenken, gibt es kaum eine Situation in unserem Leben, in der wir wirklich aus freien Stücken handeln. Wir haben immer einen Grund, für alles was wir tun, und können diesen Grund erklären mit wieder einem Grund. Die Frage, ob wir schließlich, nach sorgfältiger Abwägung der Zusammenhänge, bei einem letzten, alles erklärenden 'Urgrund' landen, stellt sich meistens gar nicht, da wir (zum Glück?) vergeßlich sind und ziemlich schlampig im Umgang mit abstrakten Begriffen. So leben die meisten von uns, mehr oder weniger zufrieden, in einer scheinbar intakten Welt, deren Grundfesten sich irgendwo im Nebel verlieren; und ehe wir uns dessen bewußt werden, daß es da doch ein paar durchaus wichtige Fragen geben könnte, die wir stellen sollten, ist schon wieder alles vorbei. T
6.8. Schlechte Reklame.
Die christlichen Kirchen stehen zur Zeit vor einer fast unlösbaren Aufgabe: Einerseits versuchen sie, den Menschen die Antwort auf die Sinnfrage zu geben; andererseits haben sie in den letzten Jahrhunderten, unter dem Einfluß von kleinkarierten und nur wenig erleuchteten Potentaten ein unentwirrbares Schlammassel von Widersprüchen und Absurditäten angesammelt, von dem sie sich erst einmal befreien müßten. Aber immer noch lebt die Tradition. Immer noch wird weltweit an jedem Sonntag das Meßopfer gefeiert und der Leib und das Blut Christi an (inzwischen leider zum Großteil verständnislose) Gemeindemitglieder verteilt; und selbst der Wissende muß sich schon geistig eines Spagats mit dreifacher Schraube unterziehen, um der Meßfeier religionsphilosophisch noch etwas abzugewinnen. Während es einerseits das Recht, ja die Pflicht der Kirche ist, uns ständig daran zu erinnern, nicht der Illusion unseres Ich auf den Leim zu gehen, verstehen die Menschen inzwischen dabei zum Großteil 'Bahnhof' oder, was schlimmer ist, Selbstkasteiung und Lustverzicht. Die Reklame für den 'rechten Glauben' ist denkbar schlecht. T
6.9. Kirchen-Allergie.
Die Kirche hat sich die Suppe selber eingebrockt. Sie hat ihre Gläubigen so lange in blindem Eifer mit oberflächlichen Nebensächlichkeiten drangsaliert, bis das Wesentliche kaum mehr sichtbar war. Inzwischen wenden wir uns ab mit Grausen, wenn wieder einmal von Empfängnisverhütung und Abtreibung die Rede ist, und so berechtigt die Vorbehalte der Kirche auch immer sein mögen: sie hat ihre Glaubwürdigkeit und Kompetenz nahezu restlos verspielt. In diesem Klima ist es heute so gut wie unmöglich, über Begriffe wie Sünde, Reue und Vergebung zu sprechen. Eigentlich müßte man neue Worte erfinden, denn die alten wurden uns gründlich vergällt. So paradox es klingt: Die Kirche läuft heute Gefahr, sich selbst zu vernichten, je eifriger sie versucht, ihrem vermeintlichen Auftrag nachzukommen. Die Situation erinnert mich als Biochemiker an eine Allergie: Das, was man uns über Jahrhunderte hin aufoktroyiert hat, ruft inzwischen massive Abwehrreaktionen hervor. Es entsprach nicht mehr dem natürlichen wahren Inhalt der Heilsbotschaft, sondern war von verständnislosen Interpräten verfremdet worden. Inzwischen hat die menschliche Gemeinschaft, wie jeder gesunde Organismus, Antikörper gegen diese verfremdete Glaubenslehre entwickelt. Sie werden den eingedrungenen Fremdkörper vernichten, so sicher wie das Amen im Gebet. T
6.10. Nur das Wahre wird bestehen.
Wie schon weiter oben gesagt: Um die "Frohe Botschaft" der christlichen Kirche braucht uns dabei nicht bange zu sein. Die Menschen werden in den kommenden Jahrzehnten das links liegen lassen, was sich von dieser Botschaft entfernt hat, und das ist gut so. Nach so manchem Würdenträger, der heute äußerst einflußreich erscheint, wird dann kein Hahn mehr krähen. In einem tieferen Sinn, der sich nur schwer in Worte kleiden läßt, eher in Bilder, Rituale und Zeremonien, wird der eine große Gedanke lebendig bleiben. In diesem rätselhaften "tieferen" Sinn wissen viele von uns spontan Bescheid über Wahrheiten und Zusammenhänge, über die man viele Worte machen kann, ohne sie jemals ganz zu erfassen. T
6.11. Religion: vernünftige Lebensplanung und sonst nichts?
Auch dieser Text ist ein Beispiel dafür, wie schwer es ist, sich dem Thema Religion auf rein sprachliche Weise zu nähern. Inzwischen wurden an die 20.000 Worte niedergeschrieben, aber das eigentliche Zentrum des Themas wurde bisher kaum angesprochen. Das bisher Gesagte könnte sogar den Eindruck erwecken, die frühen Menschen hätten Gott irgendwann einmal erfunden, als Hilfsmittel auf dem Weg heraus aus einer unreflektierten Abhängigkeit von materiell-biologischen Randbedingungen. Diese Erklärungsvariante braucht eigentlich gar keinen real existierenden Gott. Unsere Religionsgeschichte würde dann dargestellt als die langsame und schrittweise Loslösung von einer archaischen Form der naiven Vielgötterei, über den Ein-Gott-Glauben, bis hin zur Menschwerdung Gottes in Christo. Kann Jesus von Nazareth als einer gesehen werden, der den alten Gottesbegriff endgültig gestürzt hat? Wie heißt es doch in Goethes Faust: "Aus Eins mach Drei, aus Drei mach Keins: Das ist das Hexen-Einmaleins." Aus dem Einen Gott wurde die "Dreifaltigkeit", und übrig geblieben sind schließlich allein wir Menschen, die angesichts der Vergänglichkeit alles Irdischen ihre Lebensplanung an anderen, "inneren" Kriterien ausrichten und zu der Erkenntnis kommen, daß ihre körperliche Präsenz nur ein naheliegendes Mißverständnis und keine absolute Wahrheit ist. Können wir Religion tatsächlich reduzieren auf die "tradierte Wissenschaft von unserem Innenleben"? Wäre es möglich, daß Religion gar nicht notwendigerweise mit Gott zu tun hat, und daß Gott nichts weiter als ein Begriff ist, mit dem wir umgehen, der aber gar nicht wirklich existiert? T
1-2-3-4-5-6-7-8-Der Nächste 7. 1. Die Religiösität des Taschenrechners.
7. 2. Das Leuchten in den Augen.
7. 3. Die Faszination des Menschen für den Menschen.
7. 4. Die Gretchenfrage.
7. 5. Viele haben scheinbar keine hohe Meinung von ihrem Inneren.
7. 6. Der Trick mit der Beichte...
7. 7. ...Und was ein naives Gemüt daraus machen kann.
7. 8. Das Märchen von Himmel und Hölle.
7. 9. Kindische Vorstellungen?
7.10. Jesus und das "neue Gesetz".
7.11. Was Sünde wirklich ist.
7.12. Paulus als rationaler Zugang zur Glaubenslehre.
7.13. Das Gesetz des Gemütes, und das Gesetz der Glieder.
7.14. Unsere "innere Stimme" wird zum Souverän.
7.15. Und damit soll der Tod besiegt sein?
7.16. Unsere "Seele" bleibt ein Rätsel.7.1. Die Religiösität des Taschenrechners.
Mit solchen (ich möchte fast sagen "gnadenlos logischen") Fragen nähern wir uns einem Punkt, an dem wir sprachlich einfach nicht mehr weiterkommen. Die Frage erinnert mich an die Frage nach dem Wesen des menschlichen Bewußtseins, wie sie z.Z. in der Kognitionswissenschaft heftig diskutiert wird. Wird es einmal möglich sein, einen Computer zu konstruieren, der über so etwas Ähnliches wie ein menschliches Bewußtsein verfügt? Wenn die Religiosität von uns Menschen sich logisch erklären läßt und man jedermann aufgrund von klaren, nachvollziehbaren Argumenten dazu bringen kann, bestimmte religiöse Grundwerte für sich anzunehmen, müßte sich dann nicht auch eine Rechenmaschine zu einem im weitesten Sinne religiösem Verhalten entschließen, wenn man sie nur mit genug Information füttert? Auch einer Rechenmaschine könnte früher oder später klar werden, daß sie aus korrodierenden Materialien begrenzter Lebensdauer besteht. Nur: einer Rechenmaschine macht das nichts aus. Man könnte sogar sagen: Auch der kleinste Taschenrechner ist bereits auf eine gewisse Weise "religiös": Er kommt nicht auf die Idee, in seiner materiellen Form wichtig zu sein und irgendeine Bedeutung zu haben. T
7.2. Das Leuchten in den Augen.
Uns Menschen bereitet es eine Menge Probleme, daß wir in unserem Inneren diese Empfindung von etwas Außergewöhnlichem, von etwas Besonderem haben. Das geht schon los, wenn wir als kleines Kind zum ersten Mal "ich" sagen, und hört bei den meisten Menschen nie wieder auf. Wir können mit diesem Gefühl oft erstaunlich einsam sein, und auch bei all den Veränderungen, denen unsere Lebensumstände im Verlauf eines langen Lebens unterworfen sind, bleibt es auf rätselhafte Weise konstant und unverwechselbar. Wir haben dieser zentralen Empfindung schon so manchen Namen gegeben: Seele; Charakter; Naturell; Herz; Gemüt; Persönlichkeit; Temperament; Wille. Das ist zwar für uns nicht alles dasselbe, aber wenn wir sagen sollen, was uns denn an einem Menschen, den wir wirklich lieben, am meisten bedeutet, dann fällt uns oft einer dieser Begriffe ein. Es ist das so etwas wie unsere eigentliche Substanz, unser Kern, das Leuchten in unseren Augen - wenn man es so ausdrücken will. Alle haben es, die Kinder, die Jungen, und auch die Altgewordenen, auch wenn es nicht alle immer zeigen. Schon so manchem Neugeborenem sieht man diese Besonderheit auf den ersten Blick an, und man muß sich fragen, woher sie eigentlich kommt. Darüber streiten sich die Psychologen schon seit Hunderten von Jahren herum. Mit anderen Worten: Man weiß es nicht. Es ist vielleicht nur Zufall, oder es wurde uns mit unseren Genen mitgegeben, nach welchem System wir die Eindrücke der Welt zu ordnen haben. Wir, die wir die anderen beobachten, haben jeder für sich so unser eigenes System, der Welt zu begegnen, und sind spontan betroffen, wenn wir beobachten, wie andere, uns durchaus ähnlich, vergleichbare Systeme anwenden, und manchmal auch ganz andere, und wir stellen Vergleiche an, fühlen uns bestätigt oder verunsichert, grübeln nach, versuchen, zu verstehen, machen uns die Gedanken anderer zueigen, und versuchen, anderen unsere eigenen Gedanken zu erklären. Unsere Rationalität hat oft alle Hände voll zu tun damit, die Spontaneität im Zaum zu halten, die hin und wieder aus diesem inneren Kern hervorschießen will. T
7.3. Die Faszination des Menschen für den Menschen.
Ich will mich hier nicht allzuweit ins "Romantische" verlieren, was offenbar bei diesem Thema sehr leicht geschehen kann. Tatsache ist, daß wir Menschen immer wieder fasziniert sind von unseresgleichen. Nichts im Leben hat für uns so große Bedeutung wie andere Menschen. Dabei ist es nicht so sehr ihre Berechenbarkeit und Vorhersagbarkeit, die uns fesselt, sondern - ganz im Gegenteil: es sind die Überraschungen, die unerwarteten Reaktionen, die uns am meisten zu schaffen machen, die uns oft in Schwierigkeiten bringen und uns dann doch immer wieder auf unwiderstehliche Weise anziehen. Wir scheinen einen Menschen in all seinen Dimensionen vor allem dann zu akzeptieren und ernst zu nehmen, wenn seine Verhaltensweisen und seine Äußerungen auf rätselhafte Weise auf etwas hinzuzielen scheinen, das sich nicht mit einfachen Worten ausdrücken läßt. Umgekehrt beachten wir Menschen, die allzu durchsichtig agieren und stereotype "stumpfsinnige" Verhaltensweisen an den Tag legen, nur wenig und gehen ihnen eher aus dem Weg. Im Extremfall stufen wir den zuletzt genannten Menschenschlag als geisteskrank, verrückt, als wahnsinnig ein. Gesunde Menschen müssen bis zu einem gewissen Grad unberechenbar sein (was natürlich auch seine Grenzen hat), und erst wenn sich jemand der absoluten Vorhersagbarkeit entzieht, können wir für ihn so etwas wie Respekt und wahre Wertschätzung empfinden. Ein Mensch, den wir schätzen, muß autonom sein und zumindest über ein Minimum an Selbstständigkeit, an Eigenantrieb verfügen. Woher diese Selbstständigkeit, dieser Eigenantrieb, den wir so sehr schätzen, kommt, ist eines der großen Rätsel unserer Natur. T
7.4. Die Gretchenfrage.
Kehren wir zurück zur Frage nach der "realen Existenz" Gottes. Was steht am Anfang jeder Religion? Die Suche nach einem Ausweg aus unserem begrenzten irdischen Dasein? Oder die Überzeugung, es gäbe ein verehrenswürdiges allmächtiges höheres Wesen, dem wir unser Dasein verdanken? Oder gehört einfach beides dazu? Die bisherigen Ausführungen mögen den Eindruck erweckt haben, ich würde mich vor allem auf den ersten Gedanken konzentrieren, und für viele mag das einen verdächtig "intellektuellen", distanzierten, rationalen und kalten Zugang zum Begriff Religion darstellen. Viele werden vielleicht sagen, es sei höchste Zeit, daß ich endlich auch diesen zweiten Gedanken ins Spiel gebracht habe, ja daß ich mit diesem Gedanken eigentlich hätte beginnen müssen. Zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen, daß ich eben mit den einfacheren Gedanken begonnen habe und erst einmal sehen wollte, wie weit man mit ihnen allein kommen kann. Wenn ich es jetzt für nötig halte, doch die Gretchenfrage zu stellen und direkt nach Gott zu fragen, so habe ich dabei das ungemütlichen Gefühl, eine Frage zu stellen, die man so, wie ich es gerne hätte, nicht beantworten kann, frei nach der Binsenweisheit, daß man von etwas schweigen muß, wovon man nicht reden kann. Trotzdem werde ich den guten Rat Ludwig Wittgensteins nicht befolgen und möchte mich lieber auf das Abenteuer einlassen, herauszufinden, wieviel man von etwas reden kann, wovon man eigentlich schweigen sollte. T
7.5. Viele haben scheinbar keine hohe Meinung von ihrem Inneren.
Wenn wir das Gefühl haben, es sei zu billig, Religion als die Wissenschaft von unserem Innenleben darzustellen, und es wäre Religion sicher mehr als bloß dies, so spricht daraus eigentlich keine besondere Wertschätzung für diesen als unser Innenleben bezeichneten Gegenstand. Wenn durch die Menschwerdung Gottes in Jesu die Autorität und Allmacht und schöpferische Kompetenz eines Gottvaters übergegangen wäre auf eine Gemeinschaft "Neugeborener", mit Jesus als Erstem in der Reihe, so muß das für jemanden, der keine hohe Meinung von den Menschen an sich hat (von einem nebulosen Innenleben ganz zu schweigen), absurd und geradezu blasphemisch wirken. Für ihn käme das einem Gottesverlust gleich, sozusagen einer Abschaffung Gottes. Glaubt man allerdings an einen inneren Wert des Menschen, so erscheint Gottes Menschwerdung in einem ganz anderen Licht. Dann erkennen wir auf einmal in unserem Inneren einen Punkt, der schon immer darauf gewartet hat, entdeckt zu werden, und der mit der Zeit viel realer und wirklichkeitsbestimmender wird als die gegenständlichen Dinge der körperlichen Welt. Ich stelle mir unter unserem "Innenleben" wesentlich mehr vor als nur das Forschungsgebiet von Psychologen und Psychiatern. Das Christentum hat auch nach der Menschwerdung Gottes als Religion nicht ausgedient, weil bei allen Aha-Erlebnissen, die uns auf dem Weg zu dieser Menschwerdung begleitet haben, immer noch jede Menge Rätsel übrig geblieben sind, vor allem das nach wie vor ungelöste Rätsel des menschlichen Bewußtseins, die Frage nach unserer innersten Identität. T
7.6. Der Trick mit der Beichte...
Wenn man versucht, mit dem "gesunden Menschenverstand" über unseren inneren Wesenskern nachzudenken, kann man auf recht paradoxe Irrwege gelangen. Uns Kindern hat man im Religionsunterricht erklärt, jeder Mensch bestünde aus einem Körper und einer Seele, und nach dem Tod würde die Seele in den Himmel oder in die Hölle kommen, je nachdem, ob wir zu Lebzeiten brav waren oder nicht. Das höchste Ziel eines jeden Menschen mußte natürlich sein, daß seine Seele dereinst in den Himmel kommt. Um das zu erreichen - so wurde uns eingeschärft - müsse man die Seele regelmäßig gewissermaßen reinigen lassen, so ähnlich wie man zweimal im Jahr zum Zahnarzt gehen oder das Auto alle paar Tausend Kilometer zum Service bringen sollte. Dieses Sevice für die Seele hieß "Beichte" und mußte mindesten einmal im Jahr (am besten zu Ostern) absolviert werden. Für uns Kinder war das ein besonders ängstlicher, einschüchternder Moment, denn wir mußten gegenüber einer Respektsperson Missetaten und Verfehlungen eingestehen, die wir vor einem allwissenden und allgegenwärtigen Lieben Gott unmöglich verbergen konnten. Nachdem aber keiner von uns im Beichtstuhl - entgegen unseren schlimmsten Befürchtungen - gefressen wurde, verließen wir das Gotteshaus mit einem Gefühl unendlicher Erleichterung und Befreiung, so, als wäre eine zentnerschwere Last von unserem Herzen genommen worden. Das war für mich der klare Beweis dafür, daß meine Seele in der Beichte tatsächlich gereinigt worden war, und ich war fest entschlossen, sie sorgsam zu behüten und nicht auf's Neue zu beschädigen. T
7.7. ...Und was ein naives Gemüt daraus machen kann.
Schon in frühen Jahren habe ich Freude gefunden an streng logischen Überlegungen, und schon damals habe ich damit nicht Halt gemacht vor "tiefen, inneren" Dingen. Wenn es das höchste Ziel eines jeden Menschen ist, daß seine Seele dereinst Aufnahme findet im Himmelreich, so müßte man sich doch nur - so überlegte ich mir damals allen Ernstes - so müßte man sich doch nur mit einem Gewehr vor der Kirche auf die Lauer legen und jeden abschießen (!), der eben aus der Beichte kommt. Dann erwischt man ihn mit blütenweißer, eben frisch gewarteter Seele, und flugs: saust seine Seele hinauf ins ewige Himmelreich. Ich muß wohl damals schon geahnt haben, daß irgend etwas faul sein mußte an meiner großartigen Erkenntnis, denn ich habe nie irgendwelche Anstrengungen unternommen, meiner Idee einen konkreten Plan folgen zu lassen - von der Tat ganz zu schweigen... T
7.8. Das Märchen von Himmel und Hölle.
Solche Schnapsideen können zustande kommen, wenn man sehr naive Symbole allzu rational wörtlich versteht. Und ich bin nun mal immer schon ein sehr rationaler Mensch gewesen. Zum Glück sind offenbar nicht viele so, denn Mißverständnisse dieser Art könnten, wie man sieht, fatale Folgen haben. Vor die Frage gestellt, wie es denn nun wirklich sei, würden heute die meisten wahrscheinlich sagen, daß die Geschichte von der Seele und vom Himmel und von der Hölle nur ein Märchen sei, und daß in Wirklichkeit nach dem Tod eben alles zu Ende wäre. Die meisten Menschen scheinen mit einer derart nüchternen Vorstellung keine Probleme zu haben, jedenfalls weniger als mit dem Hokuspokus, den man ihnen als Kinder versucht hat, einzureden. In Wirklichkeit bewegen sich all diese romantischen Vorstellungen in einem sehr materiellen, gegenständlichen Rahmen. Das "Andere", zu dem wir gelangen sollen, wird nur ein wenig unserer irdischen Realität entrückt, nämlich in den "Himmel", wo neuerdings Raumschiffe und Satelliten ihre durchaus materialistischen Bahnen ziehen. Eine solche Definition in Raum und Zeit schafft natürlich Probleme und führt über kurz oder lang zu unauflösbaren Widersprüchen und Paradoxien. Man denke nur an die Frage, in welcher Gestalt ein braver Mensch dereinst ins Paradies eingehen wird, und ob er dort alle, die ihm zu Lebzeiten lieb und wert waren, wiederfinden wird. Die Menschen haben sich auch immer wieder gefragt, womit sich die Bewohner des Paradieses wohl den lieben langen Tag lang beschäftigen würden. Die Lächerlichkeit vieler dieser Fragen (und vieler der allen Ernstes in Erwägung gezogenen Antworten) haben das ganze Konzept in Mißkredit gebracht. Die Amtskirche scheint aber unfähig zu sein, etwas anderes anzubieten und die alten, unzeitgemäß gewordenen Metaphern durch passendere, die einfachen Leute von heute ansprechende zu ersetzen. Keiner in der Amtskirche wagt es, öffentlich zu verkünden: "Es gibt keinen Himmel, es gibt keine Hölle, es gibt keine Auferstehung der Toten, es gibt kein Jüngstes Gericht." Denn in einem bestimmten übertragenen Sinn gibt es das alles ja doch, auch wenn immer klar war, daß es sich um Vergleiche, um Hilfskonstruktionen handelt, keineswegs um wörtlich zu nehmende "materielle" Wahrheiten; genau dieses Materielle sollte damit ja in seine Schranken verwiesen werden. T
7.9. Kindische Vorstellungen?
Manchmal habe ich das Gefühl, die Verkünder der kirchlichen Lehrmeinung haben nicht die geringste Ahnung davon, wie genau sie nach wie vor beim Wort genommen werden; mag sein, daß sie darüber sogar erschrecken würden. Probieren Sie es doch selbst einmal aus und starten Sie eine kleine, harmlose Umfrage in Ihrem Freundeskreis, über genau diese scheinbar so kindischen Vorstellungen. Sie werden sich wundern, wie wenige dieser so volkstümlichen Vorstellungen tatsächlich nur für Metaphern einer tieferen Wahrheit gehalten werden. Die meisten glauben diese Dinge genau so, wie sie gesagt werden; oder sie halten gar nichts davon. Die meisten können sich gar keine andere Welt vorstellen als die naheliegendste, und verstehen unter "Himmel" und "Hölle" nur ein besonders angenehmes bzw. besonders unangenehmes - Erdendasein. Sie können sich nicht vorstellen, daß es neben der gegenständlichen handgreiflichen Realität etwas gibt, was ihr vollkommen wesensfremd und trotzdem real ist, ja in gewissem Sinne sogar viel realer als die banale Realität, mit der wir tagtäglich materiell umgehen (wenn eine Steigerung von 'real' überhaupt zulässig ist). Sie wagen kaum den Blick in ihr Inneres, und wenn sie es doch tun, so meinen sie, nichts Bemerkenswertes zu sehen, eher nur Dinge, deren sie sich in Wahrheit schämen. So wird dieses Innere abgetan als Spinnerei, Weltfremdheit, Privatsphäre, die niemanden etwas angehe, wertlose Spielwiese der eigenen Fantasie, die gegenüber 'echten' Fakten nicht ins Gewicht fällt. T
7.10. Jesus und das "neue Gesetz".
Jesus erteilt den begriffsstützigen Materialisten, den ewig Gestrigen, die immer nur am Buchstaben des Gesetzes hängen, eine klare Absage und verlegt die Gerichtsbarkeit, die über gut und böse entscheidet, von außen in unser Inneres. Nicht derjenige, der tötet macht sich schuldig, nein, derjenige, der seinem Bruder zürnt macht sich schuldig; nicht der Ehebrecher ist schuldig, sondern der, dem es danach verlangt, die Ehe zu brechen; Jesus räumt der Innenwelt den Vorrang gegenüber der Außenwelt ein. Das Verlangen selbst ist der Punkt, nicht die Tat. Damit befreit er uns von einem alten Gesetz, indem er uns einem neuen, gnädigeren und gleichzeitig gerechteren Gesetz unterwirft, einem Gesetz, das uns über alle materiellen Grenzen hinaus frei macht, weil es keine materiellen Kriterien kennt. Vielleicht meinen manche, es bleibt nichts übrig, wenn man die 'materiellen Kriterien' außer Acht läßt. Sie meinen das aber nur, weil sie eine zu geringe Meinung von ihrer Innenwelt haben und sie vielleicht sogar für wertlos und lächerlich halten. Warum tun sie das? Warum erkennen sie nicht, daß es das einzige ist, was sie wirklich haben und was ganz ihnen gehört und ihnen immer gehören wird? T
7.11. Was Sünde wirklich ist.
Von dem Philosophen, Soziologen und Gruppendynamiker Gerhard Schwarz habe ich Ende der Siebzigerjahre eine Definition für "Sünde" gehört, die mir zum ersten Mal das Gefühl gegeben hat, es könnte sich lohnen, darüber sehr gründlich nachzudenken. Ich hatte dieses Gefühl gerade deshalb, weil diese Definition eigentlich auf den ersten Blick ziemlich genau dem Gegenteil dessen entsprach, was ich gefühlsmäßig angenommen hätte: Sünde sei demnach all das, was wir unfreiwillig tun, ohne es wirklich von ganzem Herzen selbst zu wollen. Gerhard Schwarz hatte damals an der Universität Wien in seinen Vorlesungen großen Zulauf. Ich verdanke es der damals noch recht liberalen Auslegung des Studienplanes, daß seine Lehrveranstaltungen mir für mein Biochemiestudium angerechnet wurden (heute wird das etwas restriktiver gehandhabt, leider). Bis zum heutigen Tag, mehr als zwanzig Jahre danach, denke ich über diese Aussage nach, und bin damit zu keinem endgültigen Ergebnis gekommen. Ich vermute, daß das für die hohe Qualität der Aussage spricht, die übrigens nicht auf dem Mist des Vortragenden gewachsen ist (wie er selbst freimütig zugegeben hat), sondern - wenn ich mich recht erinnere - auf Hegel (wenn nicht gar auf den alten Augustinus selbst) zurückgeht. Es tut eigentlich nichts zur Sache, wer als ihr Urheber anerkannt wird; für mich ist die Hauptsache, die Nachricht ist in unserer Zeit angekommen und hat - zumindest in meiner unbedeutenden Person - einen Boden gefunden, um ihre Wurzeln wachsen zu lassen. Über zwanzig Jahre lang wachsen diese Wurzeln jetzt schon, und von Zeit zu Zeit betrachte ich dieses merkwürdige Gewächs und frage mich, was daraus werden wird. T
7.12. Paulus als rationaler Zugang zur Glaubenslehre.
Natürlich kann man diese doch recht erstaunlichen Gedanken zum Thema "Sünde" nicht erst bei Hegel oder Augustinus finden, sondern sogar schon in den Briefen des Apostels Paulus - wenn man weiß, wonach man sucht. Von allen Autoren des Neuen Testaments wird wohl der Apostel Paulus am ehesten den Ansprüchen jener gerecht, die versuchen - so wie auch ich - sich dem Glauben mit den Mitteln des logischen Verstandes zu nähern. Dieser Zugang mag nicht jedermanns/jederfraus Sache sein und ist wahrscheinlich besonders mühsam und dornenreich; die Schriften des Paulus konnten es an Popularität mit den Evangelien noch nie aufnehmen. Offenbar sucht nur eine kleine Minderheit diesen "rationalen" Zugang zur christlichen Glaubenslehre, aber zumindest bei mir selbst scheint kein Weg an dieser ratio vorbeizuführen. In seinem Brief an die Römer macht Paulus sehr klare Aussagen zum Thema "Sünde": Mit dem Begriff "Sünde" wurden wir Menschen erst konfrontiert, als von uns verlangt wurde, sich an Vorschriften (Paulus spricht vom Gesetz) zu halten. Paulus geht in seiner Argumentation so weit, zu behaupten, daß die Sünde eine unausweichliche Folge dieser Vorschriften war, und stellt sogar die provokante Frage, ob nicht das Gesetz das eigentliche Übel ist, nicht die Sünde; denn das Gesetz zwingt uns dazu, uns anders zu verhalten, als es unseren spontanen Gelüsten entspräche. Und weiter heißt es bei Paulus wörtlich: 'Ich tue eben nicht, was ich will: das Gute; sondern vollbringe, was ich nicht will: das Böse. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so bin nicht mehr ich es, der es vollbringt, sondern die in mir herrschende Sünde'. T
7.13. Das Gesetz des Gemütes, und das Gesetz der Glieder.
So "sündigen" wir also, wenn wir tun, was wir nicht wollen? All die Diebe, Mörder, Vergewaltiger: sie taten, was sie nicht wollten, und werden nur deshalb verdammt, weil sie das, was sie taten, nicht gewollt haben? Mit anderen Worten: Wenn sie gewollt hätten, was sie taten, wären sie keine Sünder gewesen? Man muß zugeben: leicht ist der Gedanke nicht nachzuvollziehen, und auch Paulus merkt man an, daß er sich bei der Darlegung dieser Gedanken nicht ganz wohl gefühlt hat: Er sieht ein 'Gesetz in meinen Gliedern, das da widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüte und nimmt mich gefangen in der Sünde Gesetz... Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?' Damit ist Paulus bei einem (wenn nicht dem) zentralen Gedanken der christlichen Glaubenslehre: Bei dem Versuch, das ewige Problem Nummer eins zu lösen, das Problem des Todes. Weiter oben heißt es im selben Kapitel des Briefes: '...Da aber das Gebot kam, ward die Sünde ... lebendig; ich aber starb, und es fand sich, daß das Gebot mir zum Tode gereichte...' Das ist also gemeint: es genügt nicht, nur einfach das zu tun, was wir wollen; nein, nur wer es versteht, nach dem "Gesetz des Gemütes" (im Gegensatz zum "Gesetz der Glieder") zu leben und das zu wollen, was er eingedenk dieses Gesetzes des Gemütes tut, kann sich dem Gesetz der Glieder entziehen und damit auch dem Tod. T
7.14. Unsere "innere Stimme" wird zum Souverän.
Zumindest in diesen Passagen seines Briefes an die Römer ist für Paulus der christliche Glaube also eine extreme Kopfsache (wenn man so sagen kann; er kann allerdings auch ganz anders). Schade eigentlich, denn auf den ersten Blick wirkte das Konzept, Sünde sei all das, was man nicht tun will, so erfrischend und befreiend. Und jetzt stellt sich heraus, wir müssen ja doch wissen, was recht und unrecht ist. Der nicht unwesentliche Fortschritt gegenüber früheren "unerlösten" Zeiten liegt jedoch darin, daß wir selbst zuständig sind für gut und böse, unsere "innere Stimme" also zu unserem obersten Richter geworden ist, und nicht mehr einem äußeren Kommando unterworfen sind. T
7.15. Und damit soll der Tod besiegt sein?
Man kann mit "Sünde" auch ein Verhalten bezeichnen, für das wir uns freiwillig entscheiden, obwohl wir uns dessen bewußt sind, daß wir damit die Notwendigkeit ignorieren, unser existentielles Kernproblem zu lösen: das Problem unserer Vergänglichkeit. Meist geschieht das aus gedankenloser Zerstreutheit, aus einem Mangel an Konzentration. Oft fragen wir uns auch, wozu die Konzentration auf dieses angebliche "Kernproblem" denn gut sein soll. Es erscheint uns als nicht angebracht, ja geradezu weltfremd und kindisch, nennenswerte Mühen zu investieren, um irgendein obskures, nebelhaftes Ziel zu erreichen. Die Aussicht auf Erfolg halten viele von uns für niederschmetternd gering. Ich vermute, das liegt vor allem daran, daß wir in unserer "modernen Welt" dazu erzogen werden, uns vor allem mit sogenannten "realen Fakten" zu beschäftigen. In dieser quasi-wissenschaftlichen Werteordnung sind wir kaum mehr in der Lage, uns die Lösung unseres existentiellen Grundproblems anders vorzustellen als in Raum und Zeit. Unser physikalisch-biologisches Weltbild erteilt dem Traum von der Überwindung des Todes eine derart vernichtende Absage, daß jeder, der darüber auch nur nachdenkt, als weltfremder Träumer erscheinen muß. Auch die Kirche selbst ist daran schuld, denn sie tut herzlich wenig gegen den nach wie vor weit verbreiteten Glauben an einen jenseitigen Hokuspokus. T
7.16. Unsere "Seele" bleibt ein Rätsel.
Wir leben heute in einer Zeit, in der die Außenwelt, das Beobachtbare, Meßbare, Zählbare als das Maß aller Dinge gilt. Nicht nur das, die wissenschaftliche Methode hat inzwischen sogar schon damit begonnen, ihre Hand nach unserem "Innenleben" auszustrecken: Immer mehr sogenannte Bewußtseins- und Kognitionsforscher machen unsere Gedankenwelt zum Gegenstand ihrer Forschungen mit exakt naturwissenschaftlichem Anspruch. Ich denke, wir Menschen dieser unserer Zeit werden einmal daran gemessen werden, wie kritisch wir diesem Zugriff entgegengetreten sind. Wir dürfen nicht zulassen, daß sich die exakte Wissenschaft mit ihrem kalten Rüstzeug auch noch unserer Seelen bemächtigt. T
1-2-3-4-5-6-7-8-Die Seele 8. 1. Was ist die Seele?
8. 2. Was Unsterblichkeit wirklich bedeutet.
8. 3. Wo sind die Gebeine Jesu?
8. 4. Die Auferstehung Jesu in den Evangelien.
8. 5. Ein Verdacht keimt auf.
8. 6. Ein kühner Streich des Nikodemus?
8. 7. Jesus am Schnittpunkt zweier Welten.
8. 8. Ein Evangelist ist kein Historiker.
8. 9. Mogelei mit Folgen.
8.10. Und Gott? Wo ist er eigentlich, jetzt?
8.11. Wie man Berge versetzt.
8.1. Was ist die Seele?
Ich habe es bisher soweit wie möglich vermieden, den Begriff "Seele" ernsthaft zu gebrauchen. Dennoch bin ich davon überzeugt, daß der Begriff seine Daseinsberechtigung hat, sonst würde nicht im Vokabular sämtlicher Sprachen dieser Erde ein entsprechendes Wort existieren. Wir Menschen sind derart stark am visuellen Erscheinungsbild der Welt orientiert, daß wir offenbar nicht anders können als auch dem Begriff "Seele" seinen Platz in Raum und Zeit zuzuordnen, wenngleich immer versehen mit einem schamhaften Fragezeichen. Viele Menschen stellen sich darunter eine leichte Wolke oder Gasblase vor, die sich im Augenblick des Todes vom Körper löst, um in den Himmel zu entschweben. Andere mögen darunter ein Kraftfeld verstehen oder so etwas Ähnliches wie eine elektrische Ladung, die den Körper im Tode entseelt und gleichsam spannungslos zurückläßt. Der Einfluß der Naturwissenschaft ist unübersehbar. Großer Beliebtheit erfreuen sich Berichte von klinisch Toten, sie hätten als "emporsteigende Seele" auf ihre sterblichen Überreste herabgeblickt und sich selbst liegen gesehen, kurz bevor sie dann doch noch rechtzeitig reanimiert wurden. Ich habe nicht die Absicht, die Glaubwürdigkeit dieser oft recht außergewöhnlichen Menschen in Zweifel zu ziehen; ich möchte aber doch zum Ausdruck bringen, daß uns Berichte dieser Art, so faszinierend sie auch sein mögen, nicht einen Schritt näher an die Lösung unseres Zentralproblems heranbringen. Es ist eher das Gegenteil der Fall: Gerade solche Geschichten nähren das Mißverständnis, unsere Seele hätte irgend etwas mit einer geheimnisvollen Essenz zu tun, die in unseren sterblichen Körpern enthalten ist. Schon allein die Vorstellung, jeder Mensch hätte eine Seele, beruht auf einem Mißverständnis. Alles, worauf wir in unserem Sprachgebrauch das Verbum "haben" anwenden, ist eo ipso materiell. Es ist abgrenzbar gegenüber Anderem, das wir nicht haben und selbstverständlich an unsere leibliche Existenz gebunden. Nicht umsonst sagt Jesus: "Selig die Armen", also diejenigen, die nicht haben. Es ist eine religiöse Binsenweisheit, daß wir nicht dauerhaft haben können. Wenn man etwas über diese Seele sagen kann, dann nicht, daß wir sie haben, sondern viel eher daß wir sie sind. T
8.2. Was Unsterblichkeit wirklich bedeutet.
In diesem Sinne ist auch das Geheimnis der Unsterblichkeit und des Ewigen Lebens der christlichen Glaubenslehre zu verstehen. Es geht - und ging - nie um die Aufhebung des physischen Todes. Auch der Sieg Jesu am Kreuz war kein Sieg über die rein physische Begrenztheit unserer menschlichen Existenz. Was wäre das auch schon für ein Sieg gewesen? Man stelle sich die geradezu peinliche Trivialität des Vorgangs vor, wäre Jesus tatsächlich, wie von seinen Spöttern verlangt, vom Kreuz gestiegen. Er hat das natürlich nicht getan, weil die physische Existenz gar nicht zur Debatte stand (wenn das auch keinem der Umstehenden bewußt war). Die physische Existenz konnte leicht dahingegeben werden, denn das ganze Wirken Jesu war darauf ausgerichtet, deren Belanglosigkeit vor Augen zu führen. Den Menschen sollten die Augen geöffnet werden für eine ganz andere Existenz, die die Fesseln und Unzulänglichkeiten des Physischen nicht kennt. Wir sind Seele, und wir können nach dieser Seele, nach ihren eigenen Gesetzen, leben, ewig leben; nach ganz anderen Gesetzen, als unsere naturwissenschaftliche Schulweisheit uns lehrt. T
8.3. Wo sind die Gebeine Jesu?
Gerhard Schwarz hat in seiner Vorlesung über die Religionsphilosophie des Christentums gerne eine Geschichte erzählt, die er als Witz angekündigt hat, wenngleich nicht alle seine Zuhörer in jener frühen Phase der Vorlesung schon so weit auf der Höhe seiner Argumentation waren, daß sie darüber lachen konnten (mich eingeschlossen). Eine archäologische Sensation macht die Runde: In Palästina sei das Grab mit den Gebeinen Jesu gefunden worden. Ein Spezialist aus dem Vatikan erscheint vor Ort, um den Fund einer gründlichen Überprüfung zu unterziehen. Nachdem er lange in der Grube zugebracht und sich Gewißheit verschafft hat, taucht er schließlich gedankenverloren auf und murmelt vor sich hin: "Also hat er doch gelebt..." Einen ganz ähnlichen Bericht hat Adolf Holl in seinen letzten Roman "Falls ich Papst werden sollte" aufgenommen; es steht allerdings zu befürchten, daß die meisten seiner Leser das als zynischen Seitenhieb auf die Amtskirche (vielleicht sogar als tollkühne Blasphemie?) und weniger als "Witz" auffassen werden, so ähnlich wie die meisten von uns damals in der Vorlesung. In Wahrheit würde ein solcher Fund natürlich die Heilslehre des Christentums keineswegs ins Wanken bringen, wie viele vielleicht bei oberflächlicher Betrachtung meinen möchten, wohl aber das, was die Amtskirche aus ihr gemacht hat: ein science fiction Spektakel ohne metaphysischen Gehalt. T
8.4. Die Auferstehung Jesu in den Evangelien.
Auch wenn ich heute mit der erwähnten kleinen Geschichte kein Problem mehr habe (und auch Adolf Holl sicher keinen Zündstoff in ihr erblickt, mit dem man die christliche Glaubenslehre aus den Angeln heben könnte), bleibt die Frage offen, warum die Evangelisten soviel Wert darauf gelegt haben, die Auferstehung Jesu als ein leibliches, materiell-biologisches Ereignis darzustellen: ein großer Stein, der zur Seite gewälzt war; Leichenbinden, die lose umher lagen; der sprichwörtlich ungläubige Apostel Thomas, der seine Hand auf die Wundmale legt; warum das alles, wenn doch der physische Tod Jesu nur die Vollendung seines Lebenswerkes war: die Demonstration des Vorranges von Innen gegenüber Außen, gegenüber der vordergründigen Realität? Warum soll dann ganz zuletzt doch noch der materiellen Wirklichkeit zum Recht verholfen werden? Wäre das nicht wie ein Rückzieher, sozusagen fünf Minuten nach zwölf? T
8.5. Ein Verdacht keimt auf.
Ich habe mir jahrelang über diese offenkundige Inkonsequenz den Kopf zermartert. Heute scheint es mir nur eine plausible Erklärung zu geben: Die scheinbare Paradoxie muß mit den Personen im Umfeld Jesu zu tun haben. Tatsache ist, daß offenbar keine Person in diesem Umfeld zum Zeitpunkt der Hinrichtung verstanden hat, worum es eigentlich ging (vielleicht mit einer Ausnahme, davon später). Die Auferstehung der Toten bedeutet nichts anderes als den uneingeschränkten Vorrang unseres Innenlebens vor der vordergründigen Realität. Das wurde den Aposteln aber erst nach und nach klar, vollends schließlich erst zum Zeitpunkt des Pfingstfestes, eine geraume Zeit nach der Kreuzigung. Erst zu diesem späten Zeitpunkt wurde die Auferstehung der Toten für sie zu einer lebensbestimmenden Realität. Die Evangelisten sahen sich bei der schriftlichen Niederlegung ihres Berichtes (Jahre nach diesen Ereignissen) mit dem schier unlösbaren Problem konfrontiert, über etwas zu berichten, dessen Bedeutung erst später von den handelnden Personen begriffen wurde. Eigentlich hätten sie Jesus bis Pfingsten im Reich der Toten lassen müssen (wohin er laut Glaubensbekenntnis nach dem Tod am Kreuz "hinabgestiegen" war). Aber zur großen Verwirrung aller ist bereits "am dritten Tage" etwas Dramatisches geschehen, und ich gehe nicht davon aus, daß sich die Evangelisten die Ereignisse übereinstimmend aus den Fingern gesogen haben. Der Leichnam Jesu war fort (Maria Magdalena: "Man hat den Herrn aus dem Grab fortgenommen, und wir wissen nicht, wohin man ihn gelegt hat"). Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, daß Nikodemus, der einzige, der sich womöglich schon zu Lebzeiten Jesu über die philosophische Tragweite der Geschehnisse im Klaren war, an der Bestattung mitgewirkt hat. T
8.6. Ein kühner Streich des Nikodemus?
So wie bei vielen anderen Gelegenheiten auch, werden in den Evangelien im Auferstehungsbericht Realität, Fiktion und metaphysische Bedeutung literarisch miteinander verwoben. Das mag zur damaligen Zeit im spirituellen Umfeld des Orient für die Verbreitung einer Lehre dienlich (wenn nicht sogar unverzichtbar) gewesen sein; aus heutiger Sicht, hätten sich die Ereignisse im modernen Abendland zugetragen, so hätte Nikodemus (wenn es sich so zugetragen hat, wie man vermuten darf) der christlichen Glaubenslehre mit seinem kühnen Streich wohl eher einen schlechten Dienst erwiesen und sie gleich zu Beginn in Mißkredit gebracht. Immerhin stand die Sache auch damals ziemlich auf des Messers Schneide, denn es wird durchaus von Gerüchten berichtet, es wäre bei der "Auferstehung" nicht mit rechten Dingen zugegangen. T
8.7. Jesus am Schnittpunkt zweier Welten.
Kreuzestod und Auferstehung Jesu markieren einen Wendepunkt in der theologischen Praxis der Glaubensverkündigung. Bis dahin stand die strikte Einhaltung von Vorschriften im Vordergrund, die bedingungslose Akzeptanz vorgegebener, in absoluter Worttreue tradierter Rituale und historischer Berichte (eine Zustandsbeschreibung, die - nebenbei bemerkt - auch heute noch auf die meisten Weltreligionen zutrifft). Jesus rückte mit Nachdruck die ursprünglichen, für jeden spontan einsichtigen Intentionen der Glaubenslehre in den Mittelpunkt und setzte sich über die leer gewordenen Formalismen hinweg, mit sich selbst als beispielhaften Vorreiter. Er stand am Schnittpunkt beider Welten, gehörte der ersten nicht mehr und der zweiten noch nicht an, weil die zweite bis zu seinem Tod nur aus ihm selbst bestanden hat. An diesem Spannungsfeld ist er schließlich auch selbst zwangsläufig (physisch) gescheitert. Metaphysisch hat er über seinen vordergründigen Tod hinaus der zweiten Welt zum Sieg über die erste verholfen. Ein authentischer Bericht von Augenzeugen über sein Wirken kann natürlich noch nicht in einer Sprache abgefaßt sein, wie wir sie aus unserer Sicht der Dinge für angemessen und vertretbar halten würden. Es muß unsere Aufgabe sein, die Ereignisse, auf die sich unsere Glaubenslehre gründet, aus unserer Sicht so darzustellen, daß das Wesentliche erhalten bleibt und das Befremdliche aus der Not der Zeitgenossen erklärlich wird, das zu sagen, wofür es damals noch keine Worte geben konnte. T
8.8. Ein Evangelist ist kein Historiker.
Die Glaubenslehre ist kein Tatsachenbericht. Sie wäre als bloßer Tatsachenbericht schal und leer und hätte es sicher nicht geschafft, über die Jahrhunderte und Generationen hinweg tradiert zu werden. Die Evangelisten hatten sicher auch gar nicht den Ehrgeiz, als "photographische" Historiker zu fungieren. Welchen Sinn hätte ein solches Bemühen gehabt? Aus welchem Grund kennt man noch heute den Historiker Flavius Josephus, wenn nicht aus dem einzigen Grund, jene Zeit beschrieben zu haben, über die auch die Evangelisten schreiben? Ohne Zweifel war der Text der Evangelien von ungleich größerer Bedeutung für die Menschheit als derjenige des Historikers. Das "Stilmittel" des Nikodemus (noch einmal: wir haben keine Beweise, können nur einigermaßen plausible Vermutungen anstellen) mag aus heutiger Sicht fragwürdig erscheinen; nichts desto trotz mag es gerade ihm zu verdanken sein, daß der Auferstehungsgedanke zum Grundstein einer Weltreligion mit gewaltigem Einfluß bis herauf in unsere Zeit werden konnte. Wer weiß, ob es in dieser Sache nicht sogar eine geheime Absprache zwischen ihm und Jesus gegeben hat... T
8.9. Mogelei mit Folgen.
Ironie des Schicksals: Trotz (oder sogar wegen) des durchschlagenden Erfolgs der vorgenommenen Manipulation hat die Kirche bis herauf in unsere Tage an der kleinen Mogelei schwer zu kauen. Ihre Würdenträger waren und sind sich der wahren Bedeutung von Kreuzigung und Auferstehung entweder nicht bewußt (was ich für unwahrscheinlich halte), oder sie wagen es einfach nicht, ihrem Kirchenvolk eine Religionsphilosophie zuzumuten, die ein schlichtes Kindergartenniveau merklich übersteigt. Mir ist keine offizielle Richtigstellung durch die Amtskirche zum Verbleib der sterblichen Überreste Jesu bekannt. Die Kirche scheint es nach wie vor als verantwortungsloses Wagnis zu betrachten, sich mit den Mitteln unserer modernen Sprache, im Rahmen einer "aufgeklärten" Weltsicht dazu zu äußern. Letztendlich bleibt sie damit einem Weltbild verhaftet, das ihr Religionsgründer selbst eigentlich mit seinem Opfertod ein für allemal überwinden wollte. Wir können gespannt sein, wie lange sie noch an diesen antiquierten Strategien festhalten kann, ohne ihre Anhänger zu verlieren - wenn dieser Verlust nicht sowieso schon massiv eingesetzt hat - oder umgekehrt: ob die christliche Religion stark und lebendig genug ist, die ganze Wahrheit zu verkraften. Entscheidend wird sein, ob es der Kirche gelingen wird, Religion als das darzustellen, was sie ist: keine Beschreibung von realistisch-biologischen Tatsachen, als die sie selbst heute noch gerne mißverstanden wird, sondern als eine konkrete Anleitung und Hilfestellung bei der Lösung der Probleme unseres innersten Wesenskerns, unserer Seele, unserer eigentlichen und einzig wahrhaftigen Identität. T
8.10. Und Gott? Wo ist er eigentlich, jetzt?
Einer Frage bin ich bis zuletzt aus dem Weg gegangen, die viele vielleicht schon lange erwartet haben: Wer ist Gott? Wenn es ihn gibt: Sieht er uns? Spricht er zu uns? Sind nicht die alten Schriften voll von seinen Auftritten, seinem persönlichen Eingreifen? Sind diese Berichte falsch? Wenn sie aber stimmen, so steht doch eigentlich damit fest, daß er die Möglichkeit hat, den Lauf der Welt zu beeinflussen. Warum hat er davon in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten keinen Gebrauch gemacht? Oder haben wir es nur nicht bemerkt? Es hätte doch bei Gott (!) auch in letzter Zeit genug Gelegenheiten gegeben, etwas zum Besseren zu wenden, was aber tatsächlich ganz böse ausgegangen ist. Muß man nicht, angesichts des Elends auf der Welt, mit Jesus am Kreuz fragen: Mein Gott, warum hast du uns verlassen? Läßt Gott uns allein? T
8.11. Wie man Berge versetzt.
Es gibt auf diese Fragen nur eine Antwort: Mit der Menschwerdung Gottes in Jesu, im Auferstandenen, und in seiner Kirche ist Gott auf seine Kirche und damit auf die Menschen, die ihr angehören, übergegangen. Wir gläubigen Menschen sind etwas Neues nach der durch Jesus vollbrachten Erlösung, in dem Maße in dem wir uns der Kirche Christi angehörig fühlen. Von Gott steht geschrieben, er habe die Welt erschaffen, und ohne seinen Willen falle kein Spatz vom Himmel. Heute sollten wir konsequenterweise das Gleiche von jener Seinsweise sagen können, zu der Gott durch das Erlösungswerk Jesu geworden ist. Wenn wir unseren Glauben recht verstehen, so müssen wir nun uns selbst als die (Mit-)Schöpfer der Welt sehen, in der Einheit mit Gott Vater in Christo, und auch ohne unseren Willen läuft nichts auf dieser Welt; eine Vorstellung, die uns sofort schaudern macht, und die einer oberflächlichen Überprüfung auch nicht im Mindesten standhält. Aber wir können ganz beruhigt sein: Schon Jesus selbst hat seinen Freunden diesen Floh ins Ohr gesetzt, indem er ihnen allen Ernstes angekündigt hat, sie würden einst Berge versetzen können. Es kann sich jeder selbst davon überzeugen, daß wir rein physisch betrachtet dazu keineswegs in der Lage sind, entgegen der gut gemeinten Prophezeiung Jesu. Dabei war Jesus nicht nach Scherzen zumute. Er hat gemeint, was er gesagt hat, und die Jünger haben es zunächst mit ungläubigem Staunen und Kopfschütteln quittiert. Dennoch kann jeder feststellen, daß es sich so verhält: Sobald wir unsere Innenwelt als die einzig gültige Wahrheit erkannt haben, wird der Standort jedes x-beliebigen Berges in der Außenwelt zur belanglosen Nebensache. Die Welt verblaßt und wird überstrahlt von unserem wahren Sein, das alles vermag und bestehen bleibt in alle Ewigkeit. T
MB 3/99
Anmerkungen
Die Heilige Schrift ist nicht ganz unschuldig an dieser reichlich kindlichen Vorstellung, denn von den 'Wolken des Himmels' ist an so mancher Stelle die Rede, z.B. Matth. 24:30 (Und dann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohns am Himmel. Und dann werden wehklagen alle Geschlechter auf Erden und werden sehen den Menschensohn kommen auf den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit) & 26:64 (Von nun an werdet ihr sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Allmacht und kommen auf den Wolken des Himmels). R
Joh. 14:7-11, R
Daß sich über diese Frage trefflich streiten läßt zeigt die Abspaltung des sogenannten Arianismus 300 Jahre später, der die Wesensgleichheit von Gottvater und Jesus ablehnte. R
Joh. 2:19-21 (Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichten. Da sprachen die Juden: Dieser Tempel ist in sechsundvierzig Jahren erbaut worden, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten? Er aber redete von dem Tempel seines Leibes) & Matth. 26:61 (...und sprachen: Er hat gesagt: Ich kann den Tempel Gottes abbrechen und in drei Tagen aufbauen). R, T
Bei Luk. 23:48 wird berichtet, daß die 'Bekannten' Jesu die Hinrichtung nur 'von Ferne' beobachteten. R
So die Frage des zunächst Unbekannten an die beiden Jünger, die bedrückt nach Emmaus wandern, ehe sie in ihm den 'Auferstandenen' erkennen, Luk. 24:17, R
Apg. 2:1&4 R
Ein Vorwurf, der von Petrus mit Hinweis auf die frühe Stunde zurückgewiesen wird, Apg. 2:15 (Diese Männer hier sind keineswegs trunken, wie ihr meint - übrigens ist ja erst die dritte Stunde des Tages [etwa 9 h vormittags]...) R, T
Matth. 1:2-17: Abraham zeugte Isaak. Isaak zeugte Jakob. Jakob zeugte Juda und seine Brüder. Juda zeugte Perez und Serach mit der Tamar. Perez zeugte Hezron. Hezron zeugte Ram. Ram zeugte Amminadab. Amminadab zeugte Nachschon. Nachschon zeugte Salmon. Salmon zeugte Boas mit der Rahab. Boas zeugte Obed mit der Rut. Obed zeugte Isai. Isai zeugte den König David. David zeugte Salomo mit der Frau des Uria. Salomo zeugte Rehabeam. Rehabeam zeugte Abija. Abija zeugte Asa. Asa zeugte Joschafat. Joschafat zeugte Joram. Joram zeugte Usija. Usija zeugte Jotam. Jotam zeugte Ahas. Ahas zeugte Hiskia. Hiskia zeugte Manasse. Manasse zeugte Amon. Amon zeugte Josia. Josia zeugte Jojachin und seine Brüder um die Zeit der babylonischen Gefangenschaft. Nach der babylonischen Gefangenschaft zeugte Jojachin Schealtiël. Schealtiël zeugte Serubbabel. Serubbabel zeugte Abihud. Abihud zeugte Eljakim. Eljakim zeugte Asor. Asor zeugte Zadok. Zadok zeugte Achim. Achim zeugte Eliud. Eliud zeugte Eleasar. Eleasar zeugte Mattan. Mattan zeugte Jakob. Jakob zeugte Josef, den Mann der Maria, von der geboren ist Jesus, der da heißt Christus. Alle Glieder von Abraham bis zu David sind vierzehn Glieder. Von David bis zur babylonischen Gefangenschaft sind vierzehn Glieder. Von der babylonischen Gefangenschaft bis zu Christus sind vierzehn Glieder. R
Matth. 1:18: Mit der Geburt Jesu Christi verhielt es sich so: Seine Mutter Maria war bereits mit Josef verlobt; da zeigte es sich, daß sie, noch ehe sie zusammengezogen waren, schwanger war vom Heiligen Geist. R
Matth. 1:25 (Er [Joseph] nahte sich ihr jedoch nicht ehelich, bis sie ihren Sohn gebar...) R, T
2.Mose: 32,26-28: ...trat er in das Tor des Lagers und rief: Her zu mir, wer dem HERRN angehört! Da sammelten sich zu ihm alle Söhne Levi. Und er sprach zu ihnen: So spricht der HERR, der Gott Israels: Ein jeder gürte sein Schwert um die Lenden und gehe durch das Lager hin und her von einem Tor zum andern und erschlage seinen Bruder, Freund und Nächsten. Die Söhne Levi taten, wie ihnen Mose gesagt hatte; und es fielen an dem Tage vom Volk dreitausend Mann. R, T
Wie z.B. der Hauptdarsteller in dem köstlichen Film "Und täglich grüßt das Murmeltier"... R, T
Matth. 5:21 (Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist «Du sollst nicht töten; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein.» Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; ...) & 27/28 (Ihr habt gehört, daß gesagt ist «Du sollst nicht ehebrechen.» Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.) R, T
Autor von Büchern wie 'Was Augustinus wirklich sagte' (1969) und 'Was Jesus wirklich sagte' (1971), Molden-Verlag (allerdings beide seit Jahren vergriffen; Restexemplare des ersteren waren im Frühjahr 99 noch vom Autor zu beziehen). 'Was Jesus wirklich sagte' wurde inzwischen (edition vabene, 2001) neu aufgelegt. R
Röm 7:7-8: Was sollen wir denn nun sagen? Ist das Gesetz Sünde? Das sei ferne! Aber die Sünde habe ich nur durch das Gesetz kennengelernt. Ich wüßte auch nichts von der Begierde, wenn das Gesetz nicht gesagt hätte «Du sollst nicht begehren!» Die Sünde hat durch das Gebot eine Angriffsmöglichkeit erhalten und allerlei Begierden in mir erregte; denn ohne Gesetz ist die Sünde tot. R
Röm 7:19-20, R
Röm 7:23-24, R
Röm 7:9-10, R
Daß er auch ganz anders konnte, hat er mit so mancher Textstelle bewiesen wie z.B. seinen berühmten Worte über die Liebe in 1.Kor 13 (davon später). R, T
Literatur? R, T
Matth 27:39-44: Die aber vorübergingen, höhnten ihn und schüttelten ihre Köpfe und riefen: Du wolltest ja den Tempel niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen! Hilf dir selbst! Wenn du Gottes Sohn bist, steig herab vom Kreuz! Desgleichen spotteten auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen: Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben. Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn. Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren. R
Joh 20:2, R, T
Joh 3:1-10: Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, einer von den Oberen der Juden. Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, daß jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, daß ich dir gesagt habe: Ihr müßt von neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist. Nikodemus antwortete und sprach zu ihm: Wie kann dies geschehen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bist du Israels Lehrer und weißt das nicht? R
Joh 19:38-39: Danach bat Josef von Arimathäa, der ein Jünger Jesu war, doch heimlich, aus Furcht vor den Juden, den Pilatus, daß er den Leichnam Jesu abnehmen dürfe. Und Pilatus erlaubte es. Da kam er und nahm den Leichnam Jesu ab. Es kam aber auch Nikodemus, der vormals in der Nacht zu Jesus gekommen war, und brachte Myrrhe gemischt mit Aloe, etwa hundert Pfund. R, T
Im Jahr 1945 wurden bei Nag Hammadi in Ägypten Schriften gefunden, die z.T. aus der Zeit der ersten Evangelien stammen. In einigen dieser Texte wird die jungfräuliche Geburt und die leibliche Auferstehung als naive Mißverständnisse bezeichnet (siehe "The Gnostic Gospel" von Elaine Pagels). Wahrscheinlich hat es in der frühen christlichen Kirche eine lange Zeit gedauert, bis man sich endlich auf eine verbindliche Version der Überlieferung geeinigt hat. Dabei kam es zu einem Kompromiß zwischen realitätstreuen und symbolischen Inhalten. R
Matth 28:11-15: ...kamen einige von der Wache in die Stadt und verkündeten den Hohenpriestern alles, was geschehen war. Und sie kamen mit den Ältesten zusammen, hielten Rat und gaben den Soldaten viel Geld und sprachen: Sagt, seine Jünger sind in der Nacht gekommen und haben ihn gestohlen, während wir schliefen. Und wenn es dem Statthalter zu Ohren kommt, wollen wir ihn beschwichtigen und dafür sorgen, daß ihr sicher seid. Sie nahmen das Geld und taten, wie sie angewiesen waren. Und so ist dies zum Gerede geworden bei den Juden bis auf den heutigen Tag. R
Es sei an dieser Stelle an die zu Beginn (1.16 ff) diskutierte Bedeutung emotional gefärbter Inhalte für die erfolgreiche Traditionsbildung erinnert. R
1.Mose 1:1 (Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde) R
Matth 10:29 ([Jesus sagt zu seinen Jüngern:] Kauft man nicht zwei Sperlinge um ein As? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters) R
Matth 17:20 (...Ich versichere Euch, wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, könnt ihr zu diesem Berg sagen: Rücke von hier weg dorthin, und es wird geschehen. Nichts wird euch unmöglich sein); siehe auch 21:21-22. R, T
In Ludwig Wittgensteins Tractatus logico philosophicus heißt es [6.4311]: Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt. Unser Leben ist ebenso endlos, wie unser Gesichtsfeld grenzenlos ist.