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Cres, Hafen (www.istrien.info) |
Sogar im Urlaub auf der Insel Cres kann man quantentheoretisch
etwas erleben. Mein jüngster Sohn Robert (17) war nur recht zögerlich
mitgekommen. Die Frage war: Wie lange würde er es mit dem Alten allein
aushalten, getrennt von Fernseher, Computer und von seinen Kumpanen? Eigentlich
war sein Bedarf an Sonne und Meer schon nach wenigen Tagen gedeckt, und außerdem
stand am Sonntag der GP auf dem Nürburgring bevor, den er zu Hause vor
dem Fernseher erleben wollte. Immerhin konnte ich ihm verständlich machen,
daß ich doch etwas mehr als nur 6 Tage Urlaub machen wollte. Und ich
gab mir auch alle Mühe: Flossen und Tauchermasken wurden angeschafft;
täglich 2 warme Mahlzeiten; es wurde auf Booten gefahren, in blaue Grotten
getaucht, Minigolf und Drehfußball gespielt, und am steinigen Strand
blies ich selbst die mitgeschleppte Luftmatratze für ihn auf, damit
er nicht so hart liegen mußte.
Die schöne Luftmatratze! Grau und rot gemustert,
schon ziemlich ausgebleicht, treue Gefährtin ungezählter Urlaubsreisen,
auf der ich im Zelt so manche Nacht meinem älter werdenden Rücken
zugemutet habe. Vor 12 Jahren am Plattensee erstanden, um einen Pappenstiel,
damals, als alles noch spottbillig war. Und erstklassige Qualität:
nach all den Jahren keine undichte Stelle.
Eines abends machten wir uns vom Strand auf den Heimweg.
Morgen war Mittwoch, und morgen früh, 10 vor 9, fuhr das Schiff zurück
nach Rijeka. Es fuhr nur am Mittwoch, Samstag und Sonntag. Und ich wußte:
Robert hoffte inständig darauf, daß wir morgen fahren würden.
Ich wollte lieber noch ein paar Tage in der Sonne liegen, wenn ich schon
mal da war, und erst am Samstag fahren. Wie bringe ich es ihm schonend bei?
Schließlich war Robert überraschend einsichtig.
Immerhin hatte er noch ein ganzes Buch zu lesen, und ihm war aufgefallen,
daß die Sonne und das Meer seinem Teint gut taten. In entspannter
Atmosphäre zogen wir uns um und gingen essen. Ich war erleichtert. Erst
am nächsten Morgen um 10, nach unserem üblichen Frühstück
bestehend aus Weißbrot, Salami, Tomate und Paprika, fiel es mir auf:
Wo war eigentlich die Luftmatratze? Ich durchsuchte den Schrank, das Bett,
den Rucksack: nichts. Auch auf dem Geländer des Balkons hing sie nicht.
Wir mußten sie gestern am Strand vergessen haben. Nach dieser Erkenntnis
schnappten wir rascher als sonst unsere Badesachen und eilten, um zu retten,
was möglicherweise noch zu retten war; allein: es war zu spät. Irgend jemand hatte sich inzwischen der verwaisten Matratze erbarmt. Ein schwerer
Verlust. Ich war verzweifelt.
Und jetzt wird's quantentheoretisch. Ich sagte nämlich
zu Robert (zunächst ohne mir viel dabei zu denken): 'Wären wir
doch heute schon gefahren, wie du es gewollt hast, dann wäre die Luftmatratze
vielleicht nicht weggekommen.' Aber er war schon wieder in sein Buch vertieft
und hat es vorgezogen, zu dieser offensichtlich unsinnigen Bemerkung gar
nichts zu sagen (Verrückten soll man lieber nicht widersprechen). Dabei
hätte er durchaus Einiges dazu sagen können, nicht wahr? Er hätte
z.B. sagen können, daß wir die Matratze schon gestern abend am
Strand vergessen hatten, und daß wir uns erst auf dem Heimweg darauf
geeinigt hatten, noch bis Samstag zu bleiben. Wenn er sich quergelegt hätte
und ich mich schließlich hätte breitschlagen lassen, doch schon
am Mittwoch zu fahren, wäre die Matratze trotzdem weg, weil sie ja schon
zu diesem Zeitpunkt einsam und verlassen am Strand lag. Darauf hatte unsere
Entscheidung keinen Einfluß mehr.
Wie gesagt, Robert hat es vorgezogen, nichts zu sagen,
und vielleicht war es auch gut so, denn sonst hätten wir uns am Ende
doch noch gestritten. Ich wäre nämlich fest bei meiner Behauptung
geblieben: die Matratze könnte noch hier sein, wenn wir gefahren wären.
Denn bis zum Mittwoch, morgens um 10, als ich sie zum ersten Mal vermißte,
war sie quantentheoretisch gewissermaßen noch halb da. Sie hätte
über dem Geländer des Balkons hängen können, und wir
hätten uns keine Sekunde darüber gewundert. Im Gegenteil: wir haben
uns darüber gewundert, daß sie nicht dort hing. Zu diesem Zeitpunkt
wären wir aber schon längst auf dem Schiff gewesen, mit oder ohne
Matratze, wer weiß...
Okay: Wenn uns gestern jemand beim Verlassen des Strandes gefilmt hätte, mit einem abschließenden Schwenk auf die zurückgelassene Luftmatratze, sähe die Sache anders aus. Dann gäbe es einen Beweis. So aber sind wir auf unsere Vermutungen angewiesen, und ich kann beim besten Willen nicht entscheiden, ob ich die Matratze am fraglichen Abend so wie immer zusammengerollt und auf den Rucksack geschnallt habe oder nicht. Und Robert könnte dazu erst recht nichts Klärendes beitragen, denn die Luftmatratze war schließlich meine Sache (auch wenn meistens er drauflag).
MB (8/99)