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ILLUMINIERTE HANDSCHRIFTEN AUS ÖSTERREICH
(ca. 780 - ca. 1250)


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Anmerkungen zu Handschriften in und aus Klosterneuburg

Jüngst konnten mehrere romanische Handschriften dem Skriptorium des niederösterreichischen Augustiner-Chorherrenstifts Klosterneuburg zugeordnet werden: Graz, Universitätsbibliothek, Cod. 199; Heiligenkreuz, Stiftsbibliothek, Cod. 104; St. Florian, Stiftsbibliothek, Cod. III/208 und Cod. XI/247, sowie Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 150 und Cod. 768.
Ergänzend dazu lassen sich noch zwei Codices benennen: Cod. 387 der Stiftsbibliothek Melk wurde von zumindest zwei Zeichnern ausgestattet, die enge Parallelen in Klosterneuburger Handschriften besitzen bzw. dort nachweisbar sind. Die Initiale auf fol. 1r ist z.B. mit Cod. 32 (fol. 12v) zu vergleichen, und die Initialen auf fol. 9v und 117r stammen von einem Zeichner, der im Klosterneuburger Cod. 255 (z.B. fol. 1v, 9r) Initialen gezeichnet hat; stilistisch engstens verwandt sind auch der Buchschmuck von CCl 227 und Initialen in CCl 206 (z.B. fol. 1r oder 112r). Ebenfalls in Klosterneuburg entstanden ist Cod. 106 der Stiftsbibliothek Herzogenburg, an dessen Ausstattung zwei Zeichner beteiligt waren. Die von einer Hand stammenden Rankeninitialen auf fol. 70r und 150v stimmen motivisch und stilistisch besonders mit CCl 213 überein: die Blattformen entsprechen jenen auf fol. 9v oder 18v, und die an den Buchstabenbögen angebrachte Blattapplik ('Schmuckschild' bei E. Klemm) auf fol. 150v findet sich auf fol. 8r (vgl. weiters CCl 206, fol. 1r und mehrmals in CCl 214).

Zu den illuminierten romanischen Handschriften in Klosterneuburg, die nicht im lokalen Skriptorium entstanden sind (vgl. Haidinger, Klosterneuburg, 1998, Nr. 20, 94, 95, 96 und 98), gehört CCl 353. Dieser stammt nach Schrift und Ausstattung mit Sicherheit aus dem steirischen Zisterzienserkloster Rein: Er besitzt zum Textbeginn eine ca. vierzeilige rote Rankeninitiale auf hell- und dunkelblauem, grünem und gelbem Grund, stilistisch vergleichbar mit dem Reiner Cod. 810 der ÖNB in Wien, und wie bei diesem Codex stammt der Beginn des Textes vom Hauptschreiber des Reiner Skriptoriums - zu beiden Handschriften siehe nun Fingernagel/Simader, Ergänzungen, 2001. Die Klosterneuburger Handschrift ist vor allem inhaltlich von Bedeutung. Nach den noch unpublizierten (?), aber im Internet zusammengefaßten Forschungsergebnissen von Pierre-Jean Riamond basieren die Sermones des Hermann von Rein - erhalten im Cod. 94 der Reiner Stiftsbibliothek - auf dem in CCl 353 überlieferten Text 'De spirituali aedificio' (fol. 1v-89v); CCl 353 war demnach das Exemplar, das von Hermann in Rein benutzt wurde. Für die Datierung ergibt sich, daß die Handschrift spätestens 1172 entstanden sein muß, denn Cod. 94 in Rein enthält auf fol. 144v eine 1172 datierte Predigt. Der offenbar ganz selten überlieferte Traktat 'De spirituali aedificio' stammt nach Riamond vielleicht nicht von Odo von Morimond (+1161), dem er üblicherweise zugeschrieben wird, sondern von einem Zisterzienser im deutschsprachigen Raum. Ein für die Edition des Textes wichtiger, aber unberücksichtigter Zeuge des 12. Jahrhunderts, der ehemalige Cod. LXXI (f. 149-154v) des Zisterzienserklosters Hohenfurth (Vyssi Brod, CZ), befindet sich in der University Library in Princeton (Ms. 275; olim Robert Garrett Collection, Baltimore, Nr. 70). Eine bei Riamond nicht genannte deutsche Handschrift des 15. Jahrhunderts aus Erfurt (?) scheint diesen Text auf fol. 206-246 zu enthalten - Oxford, Bodleian Library, Ms. Hamilton 21 (vgl. Stegmüller 10149 und den Summary Catalogue V, Nr. 24451).

Friedrich Simader, angelegt am 25. Feb. 2002, aktualisiert am 11. August 2003HOME