Kontrollgesellschaft:[i]

 

Unter dem Begriff der Kontrollgesellschaft subsummiert Deleuze eine Reihe von Tendenzen die er in der heutigen Gesellschaftsform ausmacht und die er absetzt von der mittelalterlichen „Souveränitätsgesellschaft“ und von der v.a. von Michel Focault beschriebenen  „Disziplinargesellschaft“.[ii] Was Deleuze hier leistet ist gewissermaßen auch eine Genealogie der Macht, indem er untersucht, welche Verschiebungen sich in ihren Wirkungsweisen ereignet haben.

 

Die Souveränitätsgesellschaften haben ihren Höhepunkt im ausgehenden Mittelalter. Sie unterscheiden sich von den auf sie folgenden Disziplinargesellschaften, die ganz andere Funktionen hatten und andere Ziele verfolgten. Die Souveränitätsgesellschaft zeichnet sich dadurch aus, daß die Vertreter der Macht jeweils versuchen, von dem, was produziert wird, möglichst viel einfach abzuschöpfen anstatt etwa die Produktion besser zu organisieren. Ähnliches geschieht im Umgang mit menschlichem Leben: Es wird über Leben und Tod entschieden anstatt des Versuchs, menschliches Leben zu verwalten und es in einem Produktionsapparat einzugliedern.

 

Die Disziplinargesellschaften ordnet Foucault dem 18. und 19. Jahrhundert zu und macht ihren Höhepunkt im 20. Jahrhundert aus. Sie funktionieren wesentlich über sogenannte „Einschließungsmileus“.  Das Individuum wechselt in seinem Leben von einem geschlossenen (Einschließungs/Disziplinierungs-)Mileu ins nächste, wobei jedes seine eigenen Gesetze hat: Angefangen bei der Familie, wo es sich in die Familienordnung einfügen muß, wechselt es in die Schule, wo ihm gesagt wird, daß es hier „nicht Zuhause“ sei und sich also entsprechend benehmen müsse. Dann kommt es vielleicht in die Kaserne, wo wieder eine eigene Disziplin herrscht und wo dem Individuum eingebleut wird, daß es nicht mehr in der Schule sei. Weiter geht es dann in die Fabrik, von Zeit zu Zeit in die Klinik und manchmal in das Einschließungsmileu schlechthin, das Gefängnis.

Alle diese Einschließungsmileus haben die Funktion das Individuum zu disziplinieren und unterzuordnen. Es geht um die Nutzbarmachung von Körpern, um ihre Anordnung in den Produktionsapparaten, um die Produktion von guten, gesunden und gelehrigen Körpern, um Fortpflanzung, Züchtung, Rassenhygiene etc. etc.. Es geht um eine rationale Ökonomie der Körper, die das am Laufen halten, was sie am Laufen hält, in der Schule, in der Fabrik und daheim in der Familie.[iii] Die Einschließungsmileus funktionieren wie eine Gußform, in die das Individuum hineingepreßt wird.Auf den Punkt gebracht formuliert Deleuze die Maxime der Disziplinargesellschaften, die er am deutlichsten in der Fabrik realisiert sieht, folgendermaßen:

 

„konzentrieren; im Raum verteilen; in der Zeit anordnen; im Zeit-Raum eine Produktivkraft zusammensetzen, deren Wirkung größer sein muß als die Summe der Einzelkräfte“[iv]

 

 

Laut Deleuzes Analyse gehören wir heute zu den Disziplinargesellschaften aber schon nicht mehr dazu. Die Einschließungsmileus  befänden sich spätestens seit dem 2. Weltkrieg in einer Krise, was sich u.a. in einer Krise der Institutionen äußert: nicht umsonst sei nämlich die Rede von :

Schulreform

Industriereform

Krankenhausreform

Armeereform

Gefängnisreform

 

Die Institutionen sind laut Deleuze am Ende, anachronistisch. Es geht nur mehr darum, die Leute zu beschäftigen bis die neuen Kräfte, die schon an die Türe klopfen, ihren Platz eingenommen haben. Die Kontrollgesellschaften sind im Begriff, die Disziplinargesellschaften abzulösen.

An die Stelle der Disziplinierung tritt die Kontrolle. Während die Disziplinierungen noch innerhalb der Dauer eines geschlossenen Systems funktionieren, operiert die Kontrolle auf einer anderen Ebene. Kontrolle ist keine Gußform, sie gleicht eher einer Modulation; man könnte sie am ehesten mit einer ständig sich selbst verformenden Gußform vergleichen oder mit einem Sieb, dessen Maschen von einem Punkt zum anderen variieren.

Dieser Übergang von der Dispziplinar- zur Kontrollgesellschaft soll aber weder ein Grund zur Sorge noch ein Grund zur Hoffnung sein: Denn konnten auch, etwa

 „in der Krise des Krankenhauses als geschlossenem Milieu die Sektorisierung, Tageskliniken oder häusliche Krankenpflege zunächst neue Freiheiten markieren, so wurden sie dann aber Bestandteil neuer Kontrollmechanismen, die den härtesten Einschließungsmilieus in nichts nachstehen.  Weder zur Furcht noch zur Hoffnung besteht Grund, sondern nur dazu, neue Waffen zu suchen.“[v]

Um den Unterschied zwischen bzw. den Übergang von der einen zur anderen Gesellschaftsform zu verdeutlichen seien hier einige Beispiele und Tendenzen angeführt:

 

Die Fabrik kann gewissermaßen als ein Körper betrachtet werden, der ständig bestrebt ist, seine inneren Kräfte in ein Gleichgewicht zu bringen: Er setzt die Arbeitskräfte auf eine Art und Weise zusammen, daß sich ein möglichst hohes Niveau für die Produktion ergibt[vi], versucht aber gleichzeitig das Niveau der Löhne möglichst niedrig zu halten.

An die Stelle der Fabrik tritt in der Kontrollgesellschaft das Unternehmen, das kein Körper mehr ist sondern ein Gas, eine Seele. Das Unternehmen  verbreitet zwischen den Individuen

 „eine ständige unhintergehbare Rivalität als heilsamen Wetteifer und ausgezeichnete Motivation, die die Individuen zueinander in Gegensatz bringt, jedes von ihnen durchläuft und in sich selbst spaltet.“[vii]

Während bei der körperhaften Fabrik der Lohn für alle Arbeiter gleich hoch, oder vielmehr gleich niedrig, war, ist der Lohn in einem Unternehmen einer ständigen, von Ausleseverfahren und Titelkämpfen bedingten, Modulation unterworfen.

Am anschaulichsten wird diese ständige Modulation vielleicht am Beispiel des Geldes: Diente in den Disziplinargesellschaften noch der Wert des Goldes als Eichmaß für den Wert des Geldes und damit als Motor für die Disziplin, so wird daraus in den Kontrollgesellschaften ein Verweis auf schwankende Wechselkurse, die auf einen Prozentsatz verschiedener Währungen als Eich-Chiffre verweisen. In diesem Zusammenhang sei auch auf den aus der Finanzwelt stammenden Begriff der „Derivative“ verwiesen, der auch eindrucksvoll die Verknüpfung  dieser neuen Form von Kapital mit den neuen technologischen Möglichkeiten demonstriert.

Eine ähnliche Tendenz läßt sich auch bei den staatlichen Bildungseinrichtungen beobachten: dort wird die Schule tendenziell von einer ständigen Weiterbildung abgelöst und die kontinuierliche Kontrolle ersetzt das Examen.

Ebenso gibt es im Bereich des Strafvollzugs Ansätze, die in Richtung Kontrollgesellschaft verweisen: Von der Einschließung in (überfüllte) Gefängnisse geht man in einigen Staaten (zumindest bei leichten Vergehen) dazu über, an Stelle der Haftstrafen Hausarrest zu erteilen. Hier wird sehr plastisch sichtbar, wie das Gefängnis als institutionalisiertes Einschließungsmilieu schlechthin an Relevanz verliert, während eine erhöhte Kontrolle des Individuums, z.B. mittels einem  Elektronischem Halsband , die bisherige Einschließung ersetzt.

 

Zusammenfassend könnte man sagen, daß man in der Disziplinargesellschaft nie aufhört, mit etwas anzufangen – man begibt sich von einem Einschließungsmilieu ins nächste und fangt jedesmal neu an -, während man in der Kontrollgesellschaft nie mit etwas fertig wird. Es geht um das gewandelte Auftreten der Macht, die in der Disziplinargesellschaft noch enger mit Institutionen und Orten verbunden war, während sie  in der Kontrollgesellschaft diffuser, subtiler, schwerer fassbar und dennoch omnipräsenter ist.

 Der polizeiliche Blick in den Disziplinargesellschaften des 19. und 20. Jahrhunderts hat das Individuum sichtbar gemacht; es wird von der Macht beleuchtet und in den zukünftigen Kontrollgesellschaften wird es hingegen durchleuchtet.

Deleuze und Guattari sprechen hier von „Formen permanenter Kontrolle im offenen Milieu“.

 

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[i] Nachzulesen in: Gilles Deleuze, Unterhandlungen 1972 – 1990, Frankfurt am Main, 1993. S.254 ff.

 

[ii] Anzumerken ist hier, daß Deleuze keineswegs versucht, eine Gesellschaftsform als geschlossenes System darzustellen, das aus einem Ansatz heraus erklärt werden könnte. Es geht ihm im Gegenteil vielmehr um Diskontinuitäten und die ihnen zugrundeliegenden Strukturen.

[iii] zur Unterordnug der Sexualität unter die Maxime der Fortpflanzung siehe auch:

http://www.hausarbeiten.de/rd/archiv/psychologie/psycho-sadismus.shtml

[iv] Unterhandlungen, 254.

[v] Unterhandlungen, 255 f.

[vi] als Beispiel sei hier das Fließband erwähnt, das Arbeitsschritte und Arbeitstempo vorgibt und somit den Arbeiter metaphorisch gesprochen in eine Gußform preßt, die nach den Maximen der Rationalisierung und Standardisierung  ausgerichtet ist.

[vii] Unterhandlungen, 256.