Ich habe mich bei meiner Suche nach Begriffserklärungen auf drei Quellen gestützt:
1: Dietmar Loch und Wilhelm Heitmeyer (Hg.). Schattenseiten der Globalisierung. Frankfurt/Main, 2001. In diesem Band habe ich die Einleitung der Herausgeber zum Begriff Globalisierung, und den Aufsatz von Alain Touraine. "Globalisierung – eine neue kapitalistische Revolution" verwendet.
2: Jeremy Brecher und Tim Costello. Global Village or Global Pillage. Economic Reconstruction from the Bottom Up. South End Press. Boston- Massachusetts, 1994. In diesem Buch habe ich ebenfalls die Einleitung verwendet, in der die Autoren ihre Sichtweise von "Globalization" darlegen, sowie einige andere Begriffe erläutern.
3: Noam Chomsky und Heinz Dieterich. Globalisierung im Cyberspace. Globale Gesellschaft. Märkte, Demokratie und Erziehung. Bad Honnef, 1999. (1.Aufl. "La Sociedad Global". Mexico, 1995.) Hier stütze ich mich auf das Kapitel "Globalisierung, Nationalstaat und Weltmarkt" von Heinz Dieterich.
In der Einleitung zu der Sammlung wissenschaftlicher Beiträge zum Thema Globalisierung beschreiben Loch und Heitmeyer die Globalisierung als einen Begriff, der im letzten Jahrzehnt des 20.Jahrhunderts zu einem zentralen wissenschaftlichen Thema avanciert sei. Dennoch sei der Begriff und das Ausmaß der Globalisierung umstritten geblieben. Sie beschreiben Globalisierung als einen ökonomisch induzierten Prozeß der Entgrenzung, der in den modernen Nationalstaaten eingesetzt habe und bisherige, vorwiegend nationalstaatlich organisierte Handlungszusammenhänge in Ökonomie, Kultur und Politik grundlegend verändere. Dieser Prozeß habe dementsprechend eine ökonomische, kulturelle und politische Dimension.
Die ökonomische Dimension habe sich bereits in den siebziger Jahren durch einen zunehmenden Internationalisierungstrend in Wirtschaft und Handel, durch einen neuartigen und beschleunigten grenzüberschreitenden Austausch von Kapital, Waren und Dienstleistungen bemerkbar gemacht. Sie habe den Stellenwert überregionaler Wirtschaftsräume wie z.B. denjenigen der EU erhöht und bewirke, daß sich die einzelnen Volkswirtschaften zugunsten eines weltweiten Wettbewerbs entterritorialisieren. Die kulturelle Dimension werde sichtbar an der weltweiten Verbreitung kulturell homogenisierter, westlich geprägter Kommunikationsmöglichkeiten und Konsummuster. Durch die zunehmende Überschreitung der Grenzen durch Kommunikation und Migration würden kulturelle Differenzen bewußter wahrgenommen. Die kulturelle Heterogenität suche sich neue Räume, in denen, vor allem durch MigrantInnen, die nationalstaatliche Trennung von "innen" und "außen" transnational überschritten werde.
Die politische Dimension wirke sich in einem Souveränitäts- bzw. Autonomieverlust des Nationalstaats aus. Sie äußere sich etwa in der Abtretung von Kompetenzen der politischen Regulierung der Wirtschaft: Die staatlichen Einflußmöglichkeiten auf wirtschaftliche Akteure und die weltweit agierenden transnationalen Unternehmen hätten abgenommen. Der Nationalstaat besitze zwar noch das Monopol legitimer Gewalt, aber nicht mehr dasjenige der politischen Steuerung, auch wenn er bei der Herstellung von Rahmenbedingungen für den ökonomischen Globalisierungsprozeß weiterhin eine zentrale Rolle spiele.
Für Alain Touraine stellt die Globalisierung eine neue kapitalistische Revolution dar. Er unterteilt den Begriff in eine ideologische und eine inhaltlich-analytische Komponente, die ich im Folgenden näher erläutern werde. Auch er meint, daß der Begriff Globalisierung keinem klar identifizierbaren Set von Beobachtungen entspreche. Dieser Begriff setze eine enge Verknüpfung mehrerer wichtiger Trends in der heutigen Welt voraus, die eine neue Einheit bilden würden, eine "globalisierte Welt". Diese "globalisierte Welt" könnte man als eine Gruppierung weltumspannender, sich selbst regulierender Märkte definieren.
Diese Definition beinhalte aber mehr als nur die Beobachtung, daß sich der internationale Handel ausweite und Informationen augenblicklich in alle Teile der Welt gesandt werden können, denn diese Tatsachen würden nicht zur Definition eines neuen Gesellschaftstyps ausreichen. Es gehe dabei um die Idee eines Wirtschaftssystems, das nicht mehr von politischen Institutionen kontrolliert werde und keinen nationalen oder internationalen Rechtsnormen unterliege. Das werfe einige wichtige Fragen auf:
1: Was bedeutet die "Befreiung" des Wirtschaftslebens von gesellschaftlichen
und politischen Kontrollen ?
2: Sind die wichtigsten beobachtbaren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Trends Merkmale einer globalen Veränderung ?
3: Kann man von einer entstehenden Weltgesellschaft sprechen ?
4: Führt diese Entwicklung, falls sie tatsächlich existiert, zu positiven
oder negativen Folgen; und wie sind diese
definierbar ?
"Globalisierung" oder Entmodernisierung ?
Touraine konstatiert zunächst eine Entwicklung, die er als Entmodernisierung bezeichnet, und die parallel zur sogenannten Globalisierung, oder ausgelöst durch diese, vonstatten ging. Der Erfolg des Globalisierungsgedankens bzw. die in weiten Teilen der Gesellschaft positive Rezeption des Begriffes reflektiere zunächst den Niedergang des in der Nachkriegszeit vorherrschenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Organisationstyps. Von 1945 bis 1970 hätten fast überall in der westlichen Welt voluntaristisch geprägte Projekte des nationalen und gesellschaftlichen Wiederaufbaus eine zentrale Rolle gespielt. Die Wirtschaft wurde also in den Dienst des Wiederaufbaus gestellt; sie unterlag einer starken politischen Kontrolle; die nationalen Ökonomien waren durch Einfuhrzölle geschützt. In dieser Phase herrschte eine starke Interdependenz der wirtschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Aspekte einer Nation.
Die Globalisierung sei zum Thema geworden, als diese voluntaristischen Entwicklungen in den einzelnen Staaten an Bedeutung verloren oder aus internen (ungünstige Ressourcenverteilung, Korruption, Ineffizienz, . . .) oder externen Gründen (neue Konkurrenten, rasante Entwicklung neuer Technologien, wachsende Bedeutung internationaler Märkte) scheiterten. Der wirtschaftliche Wandel, bei dem die internationale Wettbewerbsfähigkeit zum wichtigsten Steuerungsfaktor der Wirtschaft wurde, vollzog sich in den siebziger Jahren. Das war der Beginn einer weltweiten Bewegung immenser Kapitalmengen. Zugleich wurden durch die Produktion elektronischer Anlagen und Computer wissenschaftliche, finanzielle und technologische Informationen weltweit schnell verfügbar und der Massenkonsum führte zur weltweiten Verteilung gleicher Waren.
Im Gegensatz zu einer unter vielen Menschen verbreiteten kritischen und äußerst pessimistischen Sichtweise dieses Wandels, würden neoliberale Ideen behaupten, daß all diese Transformationen einen neuen Gesellschaftstyp hervorgebracht hätten, der noch stärker integriert sei als der vorangegangene. Das sei möglich gewesen durch die so dynamische Entwicklung von Technologie und Produktivität, die alle Barrieren und Partikularismen politischer, sozialer und religiöser Art beseitigt hätten und eine Massengesellschaft schaffen würden, in der viel mehr Möglichkeiten für den individualisierten Konsum als in allen früheren Gesellschaftstypen gegeben wären. Diese Vorstellung von einer "Weltgesellschaft" verkörpere den faszinierenden Traum von einer Welt, so Touraine, in der es keinen Krieg, keinen Hunger, keine Vorurteile gebe, und in der gleichzeitig alle Menschen über mehr Freiheit verfügen würden, sowie ihren Lebens- und Konsumstil frei wählen könnten.
Anstatt einer immer stärker integrierten Welt und des Triumphs einer utilitaristischen Gesellschaft, so wie sie im England und Frankreich des 18.Jahrhunderts zu herrschen schien, sei aber ein Bruch sichtbar zwischen der "instrumentellen" Welt einerseits, und kulturellen Orientierungen andererseits, die losgelöst von gesellschaftlichen Organisationsmustern existieren würden. Diese Organisationsmuster würden zwar versuchen, technologische und wirtschaftliche Kräfte mit einer kulturellen Orientierung zu verbinden, es fände aber nicht die Formung eines neuen Gesellschaftstyps statt, sondern eine Fragmentierung von gesellschaftlichem Leben und persönlicher Erfahrung. Laut Touraine sollte man der Globalisierung des Wirtschaftslebens und dessen daraus folgender Desozialisierung und Entpolitisierung die gleiche Bedeutung beimessen, wie der zunehmenden persönlichen und kollektiven Suche nach Identitäten. Diese seien immer weniger an den erworbenen Status, als vielmehr an Formen des zugewiesenen Status (etwa Alter, Geschlecht, nationale Zugehörigkeit, kulturelle Tradition, Ethnizität) gebunden.
Während Modernität bisher im Sinne der Priorität des erworbenen gegenüber dem zugewiesenen Status definiert worden sei, gelte es nun, zu erkennen, daß wir uns in einem Prozeß der Entmodernisierung befänden, das heiße, einer Trennung zwischen einer Wirtschaft bzw. Technologie mit desozialisierenden Folgen einerseits und einem gemeinschaftsorientierten gesellschaftlichen Leben bzw. der desozialisierten Persönlichkeit andererseits. Gesellschaftliche Institutionen und Sozialisationsprozesse verlören an Einfluß und Macht und unsere persönlichen Erfahrungen und kulturellen Erinnerungen seien genauso fragmentiert, wie die Wirtschaft globalisiert sei. Die positive Sicht dieser Situation sei, daß sie, durch einen kulturellen Pluralismus, Toleranz und Respekt gegenüber Minderheiten im eigenen Land hervorbringe, die negative Sicht warne vor den möglichen Gefahren dieser Situation wie Segregation, Rassismus und Abwesenheit von Kommunikation. Beide Sichtweisen seien komplementär und würden beide potentiell zutreffen.
Die wichtige Erkenntnis daraus sei, daß wir uns von der Idee einer Welt lösen sollten, die von Technologie, Rationalität, Nutzen, Vergnügen oder sonstigen Elementen der sogenannten "globalen Gesellschaft" beherrscht werde, da unsere Erfahrung zugleich Rationalität wie Irrationalität, Universalismus wie Partikularismus, Wissenschaft wie Religion oder Nationalismus beinhalte. Wir alle würden über eine fragmentierte Erfahrung verfügen, so als ob kein allgemeines kulturelles Muster, sei es religiöser, politischer oder wissenschaftlicher Art, existiere, das in allen Bereichen unseres Lebens bestimmend sein könnte. Der Globalisierungsgedanke beinhalte dagegen eine gewisse Kohärenz der Normen, welche die verschiedenen Bereiche des gesellschaftlichen Lebens bzw. des individuellen Verhaltens regeln würden. Die Normen, die jeweils für Produktion, Konsum und politisches Leben gelten, würden sich jedoch vollkommen voneinander unterscheiden, weshalb es nicht mehr möglich sei, etwa von der deutschen, der englischen oder der japanischen Gesellschaft zu sprechen. Diese Fragmentierung mache letztlich ein selbständiges Handeln des einzelnen und die Existenz demokratischer politischer Institutionen unmöglich.
"Globalisierung" oder Kapitalismus ?
Die Trennung zwischen Wirtschaft und Kultur sei zum Teil eine direkte Folge der wachsenden Bedeutung technologischer und wirtschaftlicher Innovationen. Sie hänge aber noch stärker mit der Auflösung der meisten institutionellen Kontrollprozesse des Wirtschaftslebens zusammen. Diese Auflösung sei das direkte Ergebnis eines grundlegenden Trends zur "Befreiung" des Wirtschaftslebens von allen gesellschaftlichen und politischen Kontrollen. Diese "Befreiung" setzt Touraine mit einem Kapitalismus gleich, der mehr als nur Marktwirtschaft bedeute. Er sei ein sich selbst regulierender Markt, anstelle einer institutionell geregelten Wirtschaft. Der Modernisierungsprozeß führe zum Einbruch vormaliger institutioneller Kontrollen. Dennoch lasse sich Kapitalismus nicht direkt als Ausbeutung definieren, da sich seit Ford mit ihm immer häufiger ein höheres Lohnniveau verband. Andererseits lasse der Kapitalismus aber seine gesellschaftlichen Folgen unberücksichtigt. So sei es für die kapitalistische Sichtweise nicht relevant, daß Arbeitslosigkeit, unfreiwillige Teilzeitarbeit oder prekäre Arbeitsplätze zunehmen und ein Viertel aller Arbeitskräfte in eine marginale Situation abgedrängt würden. Ihre Bewertungskriterien seien rein interner Natur, daß heißt ökonomisch, ohne einen Bezug zum allgemeinen Interesse, zur sozialen Integration, zur öffentlichen Wohlfahrt oder sozialen Mobilität aufzuweisen.
Die Sichtweise bzw. die Behauptung, daß die Unabhängigkeit der Handlungskriterien dieser Produktionsweise für die große Mehrheit der Menschen letztlich positiv sei, sei rein ideologischer Natur und habe keinerlei Auswirkungen auf das liberale Wirtschaftsdenken und die Handlungen liberaler Politiker. Vielmehr treffe das Gegenteil zu, und der Kapitalismus sei aktiv an der Zerstörung des globalen Musters nationalstaatlicher Entwicklung beteiligt. Zum Aufbau neuer Kontrollen sei häufig eine Phase des Abbaus alter institutioneller Kontrollen nötig: In der Folge der kapitalistischen Entwicklung in Großbritannien und Frankreich im 19.Jahrhundert sei es z.B. durch sozialen und politischen Druck allmählich gelungen, eine Sozialdemokratie bzw. eine industrielle Demokratie aufzubauen. In anderen Ländern, wo der Industrialisierungsschock noch größer gewesen sei, habe ein revolutionärer Umsturz gefolgt und totalitäre Regime seien an die Macht gekommen.
Seit ungefähr zwanzig Jahren würden wir mit einem neuen kapitalistischen Schock leben. Zumindest in Westeuropa und einigen asiatischen Ländern, wie Korea oder Taiwan, scheine aber ein Prozeß in Gang zu kommen, der eine Wiedereinführung staatlicher Kontrollen im Wirtschaftsleben vorsehe. Hier herrsche nicht der Eintritt in eine liberale Gesellschaft, sondern das Verlassen einer liberalen Übergangsphase. Der Sieg der Mitte-Links Parteien in Italien, den Niederlanden, Portugal, Schweden, Großbritannien und Frankreich scheine damit übereinzustimmen. Auch Deutschland werde nicht von einem unkontrollierbaren Markt bestimmt, sondern von politischen Zielsetzungen, wie etwa der Konsolidierung der wiedervereinigten Republik.
Der Begriff Globalisierung ist für Touraine in erster Linie ein ideologischer Ausdruck für eine neue kapitalistische Revolution, und nicht ein Ausdruck für die Moderne und ihre technologischen Innovationen oder die Ausweitung des internationalen Handels. Er werde dazu benutzt, den besonders in demokratischen Ländern unternommenen Anstrengungen zur Wiedereinführung gesellschaftlicher und politischer Kontrollen wirtschaftlicher Unternehmungen entgegenzutreten.
Der Begriff Globalisierung scheine sich in seiner allgemein rezipierten Verwendung auf einen neuen Gesellschaftstyp zu beziehen, eine Art postindustrielle Gesellschaft. Kapitalismus hingegen bezeichne einen Entwicklungsmodus, das heißt einen spezifischen und zugleich rücksichtslosen wie effizienten Prozeß der Industrialisierung bzw. Postindustrialisierung. Touraine meint, daß es notwendig sei, zwei Bereiche zu analysieren, zum einen die kapitalistische Revolution und die Auflösung von Gesellschaften, zum anderen die Ablehnung des Bildes von einem neuen kohärenten und integrierten Gesellschaftstyp, der angeblich entstehen soll.
Wenn man davon ausgehe, daß der Globalisierungsgedanke den Niedergang der Projekte nationaler Entwicklung widerspiegle und folglich einer liberalen Sichtweise sozialen Wandels entspreche bzw. den kapitalistischen Bestrebungen zur Befreiung der Wirtschaft von allen Formen externer Kontrolle, sei es riskant, a priori die Vorstellung von einer generellen Transformation der Gesellschaft zu übernehmen, der Transformation nationalen, protektionistischen und wohlfahrtsstaatlich orientierten Gesellschaften zu einer weltumspannenden, marktorientierten Gesellschaft. Laut Touraine sind die wichtigsten Elemente des neuen Gesellschaftstyps weitgehend voneinander abhängig. Er erörtert fünf dieser Elemente oder "Megatrends":
1. Die Entstehung von Informations- und Kommunikationsindustrien könne man als dritte industrielle Revolution bezeichnen. Diese sei von ebenso großer Tragweite wie die Erfindung der Dampfmaschine und die Entwicklung der mechanischen Industrien zu Beginn des 19.Jahrhunderts oder die Entdeckung der industriellen Nutzung der Elektrizität am Ausgang des 19.Jahrhunderts. Man würde zu Recht von der Transformation energieabhängiger in informationsabhängige Gesellschaften sprechen. Touraine stellt hier die Frage, ob diese fundamentale Transformation etwas mit der Globalisierung zu tun habe. Viele Menschen wären mit einer simplen Antwort auf diese Frage zufrieden: Informationen könnten jetzt echtzeitlich übermittelt werden; dies ermögliche eine Reihe von finanziellen Transaktionen. Damit aber sei die viel grundsätzlicher gestellte Frage keineswegs beantwortet.
Robert Reich habe in einer Analyse (Die neue Weltwirtschaft: das Ende der nationalen Ökonomie. Frankfurt/M., 1993.) das Unternehmen als Gruppe von Finanzmaklern und Manipulatoren von Systemen definiert, die Brücken bauen zwischen einer immer differenzierter werdenden gesellschaftlichen Nachfrage und einem sich ständig verändernden und weiterentwickelnden technologischem Angebot. Diese Analyse verdeutliche die Trennung zwischen Technologie und Markt – eine so radikale Trennung, daß zu ihrer Überwindung Experten benötigt würden sowie Unternehmen und nationale Wirtschaftssysteme, die Technologien und Märkte aufeinander abstimmen können. Touraine stimmt weitgehend mit der Analyse Reichs überein. Auch er konstatiert eine Trennung zwischen technologischem Angebot und gesellschaftlicher Nachfrage. Er betont außerdem noch seine Vorstellung von den desozialisierenden Folgen der Technologie und der Entinstitutionalisierung des Wirtschaftslebens, die seiner Meinung nach der Definition des Unternehmens als einer Gruppe von Mediatoren entspräche.
2. Die Entwicklung des internationalen Handels sei zum Teil eine Folge der Entstehung neuer Industrieländer und der zunehmenden Bedeutung transnationaler Unternehmen, die von einer solchen Größenordnung seien, daß die nationalen Statistiken überhaupt kein realistisches Bild der wirtschaftlichen Situation mehr liefern würden. Touraine stellt die Frage, ob aber deswegen schon die Sclußfolgerung berechtigt sei, daß die nationalen Ökonomien zu einer Weltwirtschaft verschmolzen seien.
Viele Kenner wären der Meinung, daß die Situation der Weltwirtschaft eher trilateral als global zu nennen sei. Der weitaus größte Teil der Produktion der USA bzw. der NAFTA (North American Free Trade Agreement), Japans und der EU werde auch in diesen Wirtschaftszonen verbraucht. Es gäbe zwar häufig Presseberichte über destruktive Auswirkungen der Exporte aus Schwellenländern auf die europäische oder amerikanische Beschäftigungssituation, in Europa belaufe sich aber der Handel mit den Ländern Südostasiens nur auf ein bis zwei Prozent von deren internationalem Handelsvolumen, und die Handelsbilanz sei für Europa positiv. Zweifellos würden offene Wirtschaftssysteme vor schwierigen Problemen stehen und unter rasanten Veränderungen ihrer Produktionsmuster leiden. Für die Beschäftigungslage wären jedoch die Auswirkungen der Technik viel gravierender als der internationale Wettbewerb.
3. Die Globalisierung würde sich besonders augenfällig in der enormen Entwicklung der internationalen Kapitalbewegungen widerspiegeln. In den Medien sei viel häufiger über Finanzkapital als über Industrieproduktion zu hören. Die Bewegungen auf den Finanzmärkten würden der Entwicklung der Volkswirtschaften in den einzelnen Ländern entsprechen. Der Kapitalfluß folge dem Zinsfluß und der Währungspolitik der größten Wirtschaftsmächte. Die kapitalistische Revolution manifestiere sich am deutlichsten darin, daß zur Lösung internationaler Konflikte oder zur Bewertung internationaler Unternehmen nationale Gesetze abgeschafft würden. Die Märkte würden nicht zu einer externen, sondern internen Regulierung tendieren, wie Saskia Sassen aufgezeigt habe (Metropolen des Weltmarkts. Die neue Rolle der Global Cities. Frankfurt/M.-NewYork, 1996).
4. Die Entstehung der Schwellenländer habe zwar zur Entwicklung des internationalen Handels beigetragen, lasse sich aber nicht als Folge der Globalisierung erklären.
5. Die Vorstellung von einer Welt, die vom Markt reguliert und von liberalen Kräften regiert werde, stehe wahrscheinlich in direktem Zusammenhang mit dem Triumph der USA über die Sowjetunion. Nach dem Fall der Berliner Mauer und des Sowjetregimes sei die Idee verbreitet worden, daß sich die ganze Welt auf denselben Gesellschaftstyp zubewegen würde. Diese Vorstellung sei eine emotionale Reaktion auf das Ende des kommunistischen Einflusses in den meisten europäischen Ländern gewesen und entbehre jeglicher Grundlage. Vielmehr gäbe es weltweit seit einigen Jahren eine Entwicklung, die in die genau gegenteilige Richtung weise, etwa die wachsende Bedeutung fundamentalistischer Strömungen und extrem nationaler bzw. theokratischer Regime.
Was von der "einen Welt" bleibe, sei eine fast flächendeckende Beherrschung der Kommunikations- und "Traumindustrien" durch amerikanische Konzerne mit ihren Filmproduktionen. In den meisten Kulturindustrien sei diese Dominanz mit einer "Lingua franca" verbunden, welche zwar die internationale Kommunikation fördere, aber auch erschwere, weil einzelne Ideen und kulturelle Produkte immer mehr an Kontur verlören, was die kulturelle Kreativität innerhalb dieses Raumes behindere.
Auch die auf militärischer Ebene existierende Hegemonie der USA hänge mit dem Zusammenbruch des Sowjetsystems und dessen Einfluß in vielen Ländern, besonders in Lateinamerika und Asien, zusammen und habe viel weniger mit der Entwicklung des Welthandels oder technologischen Aspekten der Informationsgesellschaft zu tun. Dennoch sei die Finanzkraft der amerikanischen Kommunikationskonzerne enorm. Diese würden allerdings keine globale, sondern eine nationale Massenkultur verbreiten und mittels ihrer Finanzkraft immer mehr Märkte erobern.
Schlußfolgerung aus der Analyse der fünf "Megatrends":
Der Begriff "Globalisierung" habe eine analytische und eine ideologische Dimension.
In der Idee der Globalisierung manifestiere sich deutlich die Krise der nationalen
politischen Entwicklungsprojekte. Gleichzeitig stehe diese für den Versuch,
eine liberale Übergangsphase in eine liberale Gesellschaft einmünden
zu lassen und die Krise der verschiedenen Spielarten des Sozialismus in einen
Gesamtsieg des Kapitalismus umzumünzen. Diese Ideologie komme bei vielen
Menschen gut an: Die meisten hätten bereitwillig die Vorstellung übernommen,
daß die Nationalstaaten verschwinden, wir in einer Weltkultur leben, und
Massenproduktion und –kommunikation ganz selbstverständlich mit einem individualisierten
Konsum verbunden seien. Die größte Bedeutung habe diese Vorstellung
von Globalisierung wahrscheinlich in Westeuropa. Sie entspreche einer Vision
vom Aufbau Europas, die in dieser Entwicklung weniger einen Schritt zu einer
neuen politischen, monetären oder auch militärischen Macht Europas
sehe, als vielmehr einen Schritt zu einer globalen Wirtschaft. Angesichts der
Attraktivität neuer Technologien und der Produkte der Massenkommunikationsindustrien
würden Verweise auf nationale Aspekte, die so einer Entwicklung entgegenstehen
würden, zumindest jungen Menschen, als überholt erscheinen.
Anders würde es sich in den Schwellenländern und relativ unterentwickelten Ländern verhalten. Erstere würden immer wieder ihre nationalen Kulturen und/oder Glaubensbekenntnisse zur Förderung des Wirtschaftswachstums mobilisieren. Letztere würden sich durch die Produktions-, Konsum- und Kommunikationsformen, die für den Großteil ihrer Bevölkerung unerschwinglich seien, bedroht fühlen und daher diesen neuen "Imperialismus" bzw. "Kolonialismus" vehement ablehnen. Dennoch seien sie bemüht, am amerikanischen oder westlichen Lebensstil teilzuhaben.
Es habe, so Touraine, keinen Sinn, auf alte Formen politischer und gesellschaftlicher Kontrolle des Wirtschaftslebens zurückzublicken. Viele Soziologen, zumeist eher radikale als liberale, hätten darauf verwiesen, daß der Wohlfahrtsstaat Ungleichheiten nicht beseitige, sondern eher zementiere, wenn nicht sogar verstärke. Dennoch bedeute der Niedergang der Industriegesellschaft, der nationalstaatlich kontrollierten Volkswirtschaften, sowie der Vorstellung von Gesellschaft, Kultur und Persönlichkeit, wie sie in diesem Abschnitt unserer Geschichte anzutreffen seien, nicht, daß uns der nächste Schritt zwangsläufig in eine liberale, grenzenlos offene Gesellschaft führe, in der die Märkte für die bestmögliche Verteilung der Ressourcen sorgen würden.
Jenseits des Traums von der Globalisierung:
Der Globalisierungsgedanke sei positiv zu sehen, sofern er verdeutliche, daß die voluntaristischen Projekte des nationalen Aufbaus der Nachkriegszeit verschwinden. Er habe jedoch etwas Bedrohliches, wenn er die Geburt eines neuen Gesellschaftstyps verheiße, bzw. wenn er wieder zu einem technologischen Determinismus führe, von dem man sich in der vorangegangenen Periode der Geschichte schon verabschiedet hatte. Dann nämlich hätte er negative Konsequenzen und würde die Bewältigung neuer gesellschaftlicher Situationen behindern.
Aus der Globalisierungs-Idee werde eine Ideologie, mit gegen die Allgemeinheit gerichteten Folgeerscheinungen, wenn man behaupte, daß ein neuer Gesellschaftstyp, nur weil er weltweit verbreitet sei, mit allen Formen gesellschaftlicher Kontrolle aufräume und von einem sich selbst regulierenden Markt regiert werde. In Frankreich nenne man diese Ideologie "la pensée unique". Dieser Gedanke gebe vor, daß der Neoliberalismus die einzig mögliche Lösung biete, und nicht von politischen Interventionen behindert werden sollte. Diese Ideologie werde von vielen Menschen für bare Münze genommen und als Bezugs- und Interpretationsrahmen genützt, mit dessen Hilfe sie eigene Interessen formulieren und ihre Gegner als unzeitgemäß kritisieren können.
Viele würden ohne Diskussion die Vorstellung übernehmen, daß das Internet eine neue Welt schaffe, und, daß es eine Generationendiskrepanz gäbe zwischen denen, die mühelos den Umgang mit Kommunikationstechnologien erlernen, und denen, die sich dieser Entwicklung verweigern oder nicht in der Lage seien, die damit verbundenen Möglichkeiten zu erkennen. Gemäß dieser Vorstellung wäre das soziale Leben auf das Bild einer hierarchischen Skala begrenzt, die von technologischen Innovationsträgern und Experten abwärts bis zu Analphabeten verlaufe, das heißt einer Skala, die auf technischen Fähigkeiten aufbaue und a priori jeglichen Bezug zu Fragen wie Macht, Gewinn oder Vorurteil ausklammere. Eine solche Reihung entspräche einer technologischen Interpretation gesellschaftlicher Entwicklung, wonach die Geschichte der Menschheit angeblich durch eine Reihe von Entdeckungen bestimmt worden sei. Régis Debray etwa (Cours de médiologie générale. Paris, 1991) nenne die Erforschung der Kommunikationssysteme Medialogie. Diese gehe davon aus, daß wir uns von einer handschriftlichen zu einer druckenden, dann zu einer massenmedialen, und schließlich zu einer virtuellen oder "Internet-Gesellschaft" entwickelt hätten.
Laut Touraine würde es keinen Nachweis für einen solchen Determinismus geben, und es erscheine angebrachter, eine entgegengesetzte These zu vertreten: Je mächtiger und unabhängiger Technologien seien, je weniger sie das persönliche oder soziale Verhalten bestimmen würden, desto mehr seien sie rein instrumenteller Natur. Solange die Kultur noch von substantieller Rationalität bestimmt gewesen sei, hätte zwischen technischen Vorgängen und Interpretationen der Sozialstruktur noch ein Zusammenhang ohne einseitigen Determinismus bestanden. Je mehr sich aber das "instrumentelle Universum" ausdehne, desto weniger bestimme es das menschliche Verhalten, Gesellschaftsstrukturen und kulturelle Orientierungen. Diese These schließe jede Art von technologischem Determinismus aus.
Es gäbe keinen Grund, anzunehmen, daß Menschen, die über das Internet kommunizieren, dieselben Vorstellungen von Gesellschaft und individuellem Leben teilen. Ebensowenig bestimme die Weitergabe wirtschaftlicher Informationen in Echtzeit die Wirtschaftspolitik eines Unternehmens oder einer Regierung. Touraine meint, daß die Soziologie diesem naiven technologischen Determinismus entgegenwirken müsse, einem Optimismus, der – ohne zwingendes Argument – glaube, daß neue Technologien die Lebensbedingungen der Weltbevölkerung verbessern oder "modernisieren" würden.
Abgesehen von diesem naiven Glauben sei der bedrohlichste Aspekt der Globalisierung das ideologische Moment in der traditionellen Bedeutung dieses Begriffs: Es verschleiere die Beziehungen zwischen Macht und Herrschaft, indem es sie als natürlich oder technologisch uminterpretiere. Die Ideologie sei positiv bzw. progressiv, sofern sie alle politischen Kulturen und vor allem die Interdependenz von Technologie, Gesellschaftsstruktur und kulturellen Orientierungen, welche die traditionellen bzw. frühneuzeitlichen Gesellschaften charakterisierten, als überholt kritisiere. Sie sei jedoch negativ, wenn sie zur Verschleierung der sozialen bzw. politischen Folgen der Anwendungen neuer Technologien oder neuer Formen des internationalen Handels bzw. der internationalen Finanzwirtschaft beitrage.
Die gegenwärtige Situation der modernen Gesellschaft könne nicht nur mir dem Begriff Globalisierung definiert werden. Diese sei gekennzeichnet von einer zunehmenden, oft bereits extrem ausgeprägten Trennung zwischen dem instrumentellen und dem kulturellen Universum, zwischen der Welt der Objektivierung und der Welt der Subjektivitäten. Diese Trennung sei zugleich Ursache und Wirkung der Auflösung aller gesellschaftlichen, politischen und institutionellen Vermittlungsformen zwischen diesen beiden Bereichen unserer Erfahrung.
Unsere "Lebenswelt" sei zerbrochen, und unsere gesellschaftliche Organisation zerfalle in die verschiedensten Bereiche, die völlig getrennt voneinander existieren. Noch mehr als in der Industriegesellschaft, in der Gesetzlosigkeit und Ausbeutung eine wichtige Rolle spielten, sei das Leben vieler Menschen heute von Marginalität, Ausgrenzung und Arbeitslosigkeit bestimmt. Es wären heute eine Rekonstruktion der Analyse gesellschaftlicher Prozesse, die Schaffung von Bedingungen für neue soziale Bewegungen und politisches Handeln, und die Formulierung von Zielen einer neuen Sozialpolitik nötig, ohne dabei jedoch auf überholte Vorstellungen von gesellschaftlichem Leben und Ideologien zurückzugreifen.
Die Globalisierung und die Trennung von Instrumentalität und Identität würden einem kapitalistischen Modernisierungsprozeß und nicht einem neuen Gesellschaftstyp entsprechen, der angeblich auf die Industriegesellschaft folge. Man dürfe nicht Struktur- mit Prozeßproblemen verwechseln. Durch diese Verwechslung gäbe es heute große Schwierigkeiten in der Wahrnehmung von strukturellen Konflikten, Aushandlungs- und politischen Prozessen, die Merkmale einer Gesellschaft seien, die man als postindustrielle – oder "Informationsgesellschaft" bezeichnen könne. Es falle uns hingegen leicht, die wachsende Distanz zwischen Erneuerern und Ausgegrenzten, "schnellen-" und "langsamen Läufern" wahrzunehmen.
Das heißt, daß es uns schwer falle, neue soziale Akteure und neue soziale Beziehungen auszumachen, als ob die Gesellschaft mit einem Wettlauf vergleichbar wäre, in dem Menschen mit guter Ausrüstung schneller laufen würden als nicht so gut ausgerüstete. Genauso würden aber vielfach wirtschaftliche Probleme wahrgenommen. Es werde die Entwicklung der wichtigsten Börsenkurse und Zinssätze verfolgt. Soziale Probleme würden andererseits nur als Folge einer wirtschaftlichen und finanziellen Situation gesehen, und es werde dem Staat überlassen, sie im Sinne humanitärer Probleme zu lösen. Mit dieser Sichtweise würden wir uns, so Touraine, eher im 19.Jahrhundert befinden als heute. Arme und arbeitslose Menschen würden Anlaß zur Sorge geben, nicht aber die sozialen und politischen Akteure. Die Politik sei nicht mehr repräsentativ. Begriffe wie rechts- oder linksgerichtete Politik, die einen Zusammenhang von sozialem Interesse und der politischen Wahl, also repräsentative Demokratie, beinhalten, hätten ihre Relevanz weitgehend verloren.
Es sei weiters notwendig, über die Prozesse, die neue soziale Akteure entstehen lassen, nachzudenken. Dazu müsse man eine strukturell gedachte Analyse vornehmen, welche die zentralen Probleme eines neuen Gesellschaftstyps aufgreife. Die wesentliche Idee dieser Analyse bestehe darin, daß neue Akteure nicht mehr wirtschaftliche und soziale Akteure sind, die sich über ihren sozialen Status bzw. ihre soziale Rolle definieren. Das Entscheidende sei, daß es in der heutigen Gesellschaft nicht mehr vorrangig um Interessen gehe, sondern um die Fähigkeit, Akteur zu sein. Das gesellschaftliche und ideologische Herrschaftssystem versuche aber, jede Definition von gesellschaftlichen Problemen aus der Perspektive von Akteuren zu vermeiden. Es reduziere soziales Leben auf Wandlungsprozesse. Darum sei der Globalisierungsgedanke als Schlüsselelement dieser Ideologie so wichtig.
Eigentlich sei es aber, auf individueller Ebene, umgekehrt: Die meisten Menschen würden gerne ihr individuelles Leben, ihre Teilhabe an instrumentellen Tätigkeiten, mit der Erhaltung bzw. Erneuerung ihres kulturellen Erbes und der Verwirklichung ihrer Persönlichkeit, Phantasie und Geschlechtlichkeit verbinden können. Eine solche Kombination konstituiert das, was Touraine als Subjekt bezeichnet – ein Begriff, der in gewisser Weise dem weiterführenden Begriff der Selbstidentität entspreche. Dieser Prozeß, sich als Subjekt zur Geltung zu bringen, setze sowohl das Erkennen kultureller Unterschiede als auch institutioneller Regeln, die dem Individuum helfen, sich zum Subjekt zu entwickeln, voraus.
Es sei genauso riskant, die eigene Situation als Anpassung an eine sich ständig verändernde technologische und wirtschaftliche Welt zu betrachten, wie sich mit einer bestimmten kulturellen Form von Persönlichkeit zu identifizieren. Es bestehe derzeit eine starke Tendenz zu einer dichotomisierten Sichtweise menschlicher Erfahrung, die eine vollständige Trennung vollziehe zwischen einem wissenschaftlichen Denken, das sich mit allen Erfahrungsbereichen beschäftigen wolle, und einem kulturellen Differentialismus, der interkulturelle Kommunikation verunmögliche. Der ausgeprägte Wunsch nach Selbstidentität wehre sich gegen diese Aufspaltung in eine persönliche Erfahrung und die gesellschaftliche Organisation. Individuen und Kollektive wollen sich als Akteure begreifen, das Leben als sinnvoll erfahren, und der beste Weg zur Verwirklichung dieses Ziels sei, die Teilhabe an technologischen und wirtschaftlichen Aktivitäten mit der Selbstverwirklichung der Persönlichkeit und des kulturellen Erbes zu verbinden.
Die obige Darstellung solle klarmachen, daß sich die internen sozialen Prozesse der heutigen (westlichen) Gesellschaften von denjenigen, die für die Industriegesellschaften charakteristisch waren, grundlegend unterscheiden. Die Hauptakteure der Industriegesellschaften seien soziale Klassen gewesen, die zugleich ökonomische Kategorien und politische Akteure darstgestellt hätten. Diese Entsprechung von Status und Rolle, Situation und Handeln gäbe es nicht mehr. Touraine meint, daß der größte Gegensatz nicht mehr derjenige zwischen Herren und Sklaven im hegelianisch-marxistischen Sinn sei, sondern derjenige zwischen abstrakten Systemen und Akteuren, die sich bemühen würden, ihre Identität zu entwickeln und zu verteidigen. Dies sei riskant, wenn die Akteure Finanzströmen und kommunikativen Netzwerken einen kulturellen Partikularismus entgegensetzen würden. Es sei positiv, wenn sie wissenschaftliche und technologische Aktivitäten mit eigenen psychologischen und kulturellen Orientierungen verbinden würden.
Die marxistische Analyse des Kapitalismus habe bereits den Beweis erbracht, daß gesellschaftliche Herrschaft nicht mehr von Herren, sondern von einem System ausgeübt werde. Mit der neuen kapitalistischen Revolution werde jedoch ein noch viel höherer Objektivierungsgrad der Macht- und Herrschaftsprozesse erreicht. Diese Revolution spreche von Globalisierung und verstecke sich hinter der spektakulären Entwicklung des Welthandels und der Kommunikationstechnologien. Touraine meint, daß es ein Fehler wäre, die Verantwortung für Arbeitslosigkeit, soziale Unsicherheit oder Armut von Millionen von Menschen den großen transnationalen Unternehmen anzulasten; genauso oberflächlich wäre es, arbeitssparende Technologien bzw. neue industrielle Konkurrenten dafür verantwortlich zu machen. Natürlich müsse man akzeptieren, daß rechtmäßige Interessen sich verteidigen, die Berufssparten aber, die sich an solchen Kampagnen beteiligen würden, verteidigten Arbeiter gegenüber anderen Arbeitern bzw. Etablierte gegenüber Außenseitern, anstatt zu begreifen, daß der eigentliche Konflikt zwischen Finanzströmen und Lebensprojekten bestehe.
Die Ablösung vom Herrschaftsmodell "Herren-Sklaven" zum Herrschaftsmodell "abstraktes System-Akteure" mag für einen großen Teil der Bevölkerung in Europa, der USA, Australien und in anderen hochentwickelten Staaten gelten. Auch dort kann man aber meiner Meinung nach auch heute noch keine klare Trennlinie zwischen den beiden genannten Herrschaftsmodellen ziehen. Mit Sicherheit trifft dieser Übergang noch keineswegs für die weitaus meisten Entwicklungs- und Schwellenländer Asiens, Südostasiens, Afrikas und Lateinamerikas zu. Natürlich genügt es nicht, die Verantwortung für Armut und immer gravierendere soziale Gegensätze allein den großen transnationalen Unternehmen oder neuen Technologien anzulasten.
Die Verantwortung für Herrschaft und Ausbeutung aber nur abstrakten Systemen zuzuschreiben, hieße aber zu vergessen, daß heute genauso wie zur Zeit der industriellen Revolution und davor, konkrete Menschen mit konkreten Interessen hinter den transnationalen Unternehmen, den Technologien, dem ganzen komplexen Gefüge der globalen Wirtschaft stehen; Menschen, die die freie Wahl haben, verantwortlich oder unverantwortlich zu handeln. Freilich sind die "Herren" heute viel schwerer, oder oft überhaupt nicht auszumachen und zur Verantwortung zu ziehen. Was die im oben genannten, angeblich nicht mehr existenten Herrschaftsmodell wohl eher metaphorisch gemeinten "Sklaven" angeht, so kommt man bei genauer Recherche zu erstaunlichen wie auch erschütternden Ergebnissen für unsere heutige, "moderne, globalisierte Weltgesellschaft": Kevin Bales, Professor für Soziologie und Mitarbeiter im Komitee der Menschenrechtsorganisation "Anti-Slavery International" und der Arbeitsgruppe der UN über Formen zeitgenössischer Sklaverei, kam aufgrund ausführlicher Forschungsarbeit und vorsichtigen Schätzungen auf die Zahl von 27 Millionen Sklaven weltweit. (orig.Ausgabe: Kevin Bales. Disposable People. New Slavery in the Global Economy. University of California, 1999. deutsche Erstausgabe: Die neue Sklaverei. München, 2001.)
Die von Bales geschätzte Zahl liege weit niedriger als die Schätzungen einiger Aktivisten, die von bis zu 200 Millionen sprechen, da er nur die Verhältnisse einberechnete, die seiner strengen Definition von Sklaverei entsprachen. Freilich sei heute weltweit Sklaverei verboten und es könne niemand mehr legal Menschen besitzen. Das bringe aber eigentlich nur Vorteile für die modernen Sklavenhalter, die die Sklaven völlig ihrer Kontrolle unterwerfen können, ohne eine wie auch immer geartete Verantwortung für sie übernehmen zu müssen, und sich ihrer, wenn ihre Arbeitskraft erschöpft ist, ohne rechtliche Konsequenzen bequem entledigen können. An den realen Umständen der Sklaverei habe sich seit der Zeit des transatlantischen Sklavenhandels nichts geändert: Sie bestehe immer noch darin, daß Menschen zum Zweck wirtschaftlicher Ausbeutung unter Anwendung von Gewalt und der Beraubung jeglicher persönlicher Freiheit zur Arbeit gezwungen werden. Wie Bales herausfand, arbeitet ein Großteil dieser 27 Millionen in Indien, Pakistan, Bangladesch und Nepal eine Schuld ab, stehe also in Schuldknechtschaft. Ansonsten konzentriere sich Sklaverei auf Südostasien, Nord- und Westafrika und Teile Südamerikas. Allerdings würden in nahezu allen Ländern der Erde Sklaven leben, auch in den USA, Japan sowie zahlreichen europäischen Ländern.
Heute gebe es mehr Sklaven als zur Zeit des transatlantischen Sklavenhandels in Afrika gefangengenommen und verschifft wurden; die Zahl der heute versklavten Menschen übersteige die Einwohnerzahl Kanadas und sei sechsmal größer als die Israels. Die meisten der heutigen Sklaven würden in der Landwirtschaft arbeiten. Ein großer Teil arbeite aber auch in anderen Bereichen: Ziegelherstellung, Bergbau, Steinbruch, Prostitution, Verarbeitung von Edelsteinen und Schmuckherstellung, Stoff- und Teppichweberei, Haushalt, Rodung von Wäldern, das Brennen von Holzkohle und verschiedenste Arbeit in Werkstätten (Sweatshops). Von Sklaven angefertigte Waren und produzierte Lebensmittel würden in alle Teile der Welt exportiert, auch nach Europa und in die USA. Außerdem würden große internationale Unternehmen über Tochtergesellschaften in den Entwicklungsländern Sklavenarbeit nutzen, um ihre Rendite zu verbessern und die Dividenden ihrer Anteilseigner zu erhöhen. In unserer globalen Wirtschaft verweise eine der Standarderklärungen, warum multinationale Gesellschaften Fabriken in der "ersten Welt" schließen und sie in die "dritte Welt" verlegen, auf die geringeren Lohnkosten. Auch Sklaverei trage beträchtlich zu solchen Einsparungen bei.
Touraine meint schließlich, daß die Globalisierung keine neue Form des Imperialismus, und daher verdammenwert wäre. Vielmehr führe jede wirtschaftliche Entwicklung zu institutionellen Krisen und Innovationen, die alte Muster wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Organisation zerstören würden. Keine Entwicklung sei ohne die Schaffung neuer Formen von gesellschaftlicher und politischer Kontrolle des Wirtschaftslebens möglich. Deshalb sei es nötig, sowohl die alten Gesellschaftsstrukturen abzubauen, als auch neue aufzubauen.
Es wäre falsch, davon auszugehen, daß Kapitalismus nur Fortschritt bedeute, das heißt, ein natürliches Wachstum an Gütern, Dienstleistungen und Informationen verursachen würde, welches generell den Zustand der Menschheit verbessern würde. Über Globalisierung werde meist in einer sehr optimistischen und technischen Sprache gesprochen. Das neue Weltwirtschaftssystem sei aber zerbrechlich und es wäre dringend erforderlich, neue Formen gesellschaftlicher Kontrolle für die sich rasant verändernde wirtschaftliche und technologische Welt zu erfinden.
Der Prozeß des Schaffens neuer Formen der Kontrolle sei bereits im Gange. Neuerdings sei das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung, das untrennbar mit dem Umweltschutz verbunden sei, mit dem Erhalt einer möglichst großen Vielfalt der Arten, aber auch der menschlichen Kulturen, für immer mehr Menschen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt.
Die Soziologie definiere die Gesellschaft als Risikogesellschaft (Ulrich Beck. Was ist Globalisierung ? Frankfurt/M., 1997.) und zeichne ein Bild der wirtschaftlichen Welt, das dem üblicherweise vom Begriff der Globalisierung vermittelten diametral entgegengesetzt sei.
Ein wichtiger Erkenntnisschritt sei, so Touraine, die Überwindung der naturalistischen und positivistischen Sicht der Gesellschaft, die von den Medien, von Experten und dem Großteil der öffentlichen Meinung aufgedrängt werde. Es bleibe keine Zeit, von der Erschaffung wunderbarer virtueller Welten zu träumen und einem naiven Glauben an eine positive Transformation zu huldigen, die angeblich mit den neuen Technologien in unserer Alltagserfahrung Platz gegriffen habe, oder sich einem grenzenlosen Konsum von Produkten der Massenmedien hinzugeben.
Mögliche positive und kreative Aspekte des gesellschaftlichen Wandels, sowie mit der Transformation verbundene gesellschaftliche und psychologische Folgen würden sich nicht von selbst ergeben, sondern von der Fähigkeit abhängen, sie im Rahmen gesellschaftlicher und politischer Debatten zum Aufbau einer bestimmten Gesellschaft zu nutzen. Diese solle die Voraussetzungen bieten, mehr Freiheit und Kreativität für die Mehrheit der Menschen zu schaffen, und es ermöglichen, die Teilhabe an einer instrumentell orientierten Welt mit der persönlichen Integration von psychologischer Entwicklung und kulturellem Erbe zu verbinden. Wir würden gerade aus einer liberalen Übergangsphase der Gesellschaft heraustreten und es wäre dringend nötig, neue Netzwerke, kulturelle Ansprüche, soziale Bewegungen und politische Entscheidungssysteme zu entwickeln.
In der Einleitung ihre Buches "Global Village or Global Pillage" (pillage: Raub, Plünderung) beschreiben Brecher und Costello die Globalisierung in erster Linie als eine Globalisierung des Kapitals. Gesellschaften, Märkte, das Finanzwesen, der Transport, Kommunikation und Produktion würden immer mehr die nationalen Grenzen überschreiten. Diese Globalisierung des Kapitals werde bewußt von den meisten nationalen Regierungen und internationalen Institutionen wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank, und den transnationalen Unternehmen beschleunigt. Der Welthandel sei zwar nichts neues, diese schnelle Globalisierung des Kapitals sei aber ein epochaler Wandel, der das schaffe, was häufig die "Neue Weltwirtschaft" ("New World Economy") genannt werde.
Die Globalisierung hätte ausgefallene Waren aus aller Welt verfügbar gemacht, manche Preise reduziert und für einige Leute unglaubliche neue Möglichkeiten eröffnet. Sie hätte den Reichtum und die Macht einiger hundert weltweiter Unternehmen immens vergrößert. Für den Großteil der Menschen weltweit allerdings hätte die Ära der Globalisierung Rückschläge gebracht: zunehmende Arbeitslosigkeit, sinkende Einkommen, Massenentlassungen, Kürzungen der öffentlichen Wohlfahrt, sich verschlechternde Arbeitsbedingungen, das Sterben kleiner landwirtschaftlicher Betriebe und Geschäfte, eine immer schneller voranschreitende Umweltzerstörung und ein Verlust an demokratischer Kontrolle über die Regierungen und die Gesellschaft.
Diese Probleme hätten zwar viele Gründe, alle würden aber durch die Globalisierung verschärft werden. Eine unregulierte globale Wirtschaft zwinge die Länder, um Unternehmensinvestitionen zu konkurrieren. So versuche jeder, die Arbeits-, Sozial- und Umweltkosten der anderen zu unterbieten. Daraus resultiere "downward leveling", ein fataler Wettlauf zum niedrigsten Niveau, bei dem die Tendenz bestehe, daß sich die Bedingungen für alle denen der Ärmsten angleichen.
"Downward leveling" sei zum Teil eine unbeabsichtigte Konsequenz von Millionen unzusammenhängender, von Individuen und Unternehmen getätigten Entscheidungen, die ihre eigenen Interessen verfolgen. Es sei aber auch eine bewußte politische Zielsetzung globaler Unternehmen, die versucht hätten, ihre Unternehmensordnung ("Corporate Agenda") lokalen und nationalen Regierungen und internationalen Institutionen aufzuerlegen. Diese Unternehmensordnung ziele darauf ab, alle Hindernisse für die Senkung von Umwelt-, Arbeits- und Sozialkosten zu reduzieren. Sie wäre in Handelsabkommen wie der NAFTA (North American Free Trade Agreement) und dem GATT (General Agreement on Tariffs and Trade), in die Strategien von Weltbank und Internationalem Währungsfonds und in die Strategien von Regierungen, die zugunsten der Wettbewerbsfähigkeit die Bedingungen für die Mehrheit verschlechtern würden, aufgenommen worden.
Armut, Arbeitslosigkeit, Ungleichheit, der bestimmende Einfluß der Unternehmen auf die Regierungen, wirtschaftliche Stagnation und die zunehmende Umweltzerstörung seien keine neuen Tatsachen. In den vergangenen zwei Jahrhunderten wären nationale Regierungen und nationale soziale Bewegungen die hauptsächlichen Institutionen gewesen, mittels derer die Menschen diese Probleme zur Sprache gebracht hätten. Da aber die Unternehmen immer globaler und internationale Institutionen wie der Internationale Währungsfonds, die Weltbank und GATT immer mächtiger geworden seien, hätten die Regierungen und sozialen Bewegungen immer mehr an Effektivität eingebüßt. Die Kräfte, die die Menschen innerhalb des nationalen Rahmens etabliert hatten, seien großteils durch die Globalisierung außer Kraft gesetzt worden. Das könne in einem überwältigenden Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber den globalen Kräften resultieren.
Globalisierung sei ein ungeheuer komplexer Prozeß, der tatsächlich jeden Aspekt des Lebens betreffe. Viel von diesem Prozeß werde bewußt verborgen – in Geheimverhandlungen über Handelsabkommen und Absprachen zwischen Unternehmen. Zukünftige Historiker würden wahrscheinlich einmal lange brauchen, um zu debattieren, was tatsächlich in der Ära der Globalisierung vorgegangen gegangen sei.
Diejenigen aber, die von der Globalisierung bedroht würden, bräuchten das bestmögliche Verständnis der Vorgänge, um darauf reagieren zu können. Das benötigte Wissen sei allerdings weit gestreut in verschiedene wissenschaftliche Bereiche und politische Diskurse. Das Buch von Brecher und Costello beziehe sich auf einen weiten Bereich aktueller Arbeiten in Wirtschaft, Geschichte, Politikwissenschaften, Soziologie und anderer Bereiche, auf Interviews mit Wissenschaftlern und Aktivisten, und ihre eigenen Forschungen, um zu beleuchten, wie Globalisierung die Mehrheit der Menschen weltweit betreffe, und, um die Veränderungen in den sozialen Strategien zu erforschen, die die Globalisierung erforderlich mache.
In dem Kapitel "Globalisierung, Nationalstaat und Weltstaat" schreibt Heinz Dieterich, daß die transnationalen Konzerne (TNK) zum bestimmenden Faktor des globalen Dorfes geworden seien, in den sie den Planeten Erde verwandelt hätten. Aus den rund 7000 TNK, die es in den sechziger Jahren gegeben hätte, seien inzwischen 37.000 geworden. Ihre Gesamtverkäufe hätten ein größeres Volumen als alle Welthandelsexporte zusammen. Die TNK seien zudem nicht mehr nur Exporteure von Waren und Dienstleistungen, sondern Agenten einer weltweiten Produktions- und Distributions-Infrastruktur, deren Wert auf über 2,1 Billionen Dollar geschätzt werde. Früher hätte eine oberflächliche Integration von Handelsströmen existiert, heute aber entwickle sich ein internationales Produktionssystem, das von den TNK organisiert werde.
Die Umwelt, in der die TNK operieren, werde vom Direktor der größten Elektronikfirma der Welt, der japanischen Matsushita Electric Industrial, bildhaft als die des "Hungry Spirit" beschrieben. Dieses Bild beziehe sich nicht auf einen hungrigen Magen oder ein leeres Portemonnaie, sondern auf jemanden, "dessen Verstand und Wille hungrig sei", in dem Sinne, daß er bereit sei, all seine intellektuellen Ressourcen bis zum letzten auszuschöpfen, um auf dem hochkonkurrenten Markt an die Spitze zu gelangen. Das Ziel sei, zuerst Nummer Eins im eigenen Land, und dann auf dem Weltmarkt zu werden. Selbst dann dürfe man nicht ausruhen, sondern arbeiten, um noch besser zu werden.
Diese Atmosphäre eines unbarmherzigen Wirtschaftskrieges mit der Konkurrenz, die das Wertgesetz den transnationalen Marktstrategen aufzwinge, spiegle sich in vielfältigen Diskursen der herrschenden politischen und ökonomischen Eliten wider. Konrad Seitz, Leiter des Planungsstabes im Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland, habe in einem Interview über die japanische Herausforderung und die wachsende Bedrohung des Wohlstands in Deutschland gesagt, daß Krieg in der Tat eine häufig gebrauchte Metapher sei, wenn heute die Strategen der globalen Unternehmen vom Wettbewerb in den Hochtechnologien sprächen. Früher seien Kriege um Territorien geführt worden, heute würden sie um Märkte geführt. Wer Schlüsseltechnologien monopolisieren könne, brauche keine kolonialen Eroberungen. Es sei sozusagen eine moderne Art des Kriegs, die sich im Norden abspiele, in der Hochtechnologie-Triade Nordamerika, Europa und Japan.
Wir würden zur Zeit die dritte industrielle Revolution erleben, die nach Seitz, von fünf Schlüsseltechnologien vorangetrieben werde: Informatik, Biotechnologie, neue Werkstofftechnik, neue Energien und Raumfahrttechnologien. Nur wer eine oder mehrere dieser Schlüsseltechnologien beherrsche, könne der Bevölkerung einen hohen Lebensstandard gewährleisten. Nur die Firmen, die zuerst auf dem Markt kämen, würden Geld verdienen und könnten sich hohe Löhne leisten. Wer auf die Herstellung von Gütern der dritten industriellen Revolution verzichte, verliere die Produktion mit der höchsten Wertschöpfung. Deshalb müsse man, zumindest in einem Teil der neuen Technologie, auf den Weltmärkten vorne sein.
Die Expansion des Kapitals auf Weltniveau, die heute als Globalisierung konzeptualisiert werde, erhalte verschiedene starke Bewegungsimpulse seit den sechziger Jahren. Einer der bedeutendsten habe darin gelegen, daß die Rekonstruktionsphase des Nachkriegskapitalismus in jener Dekade wesentlich zum Abschluß gekommen sei. Die große Wirtschaftskonjunktur des Zweiten Weltkrieges mit seiner enormen Vernichtung materieller Werte und von Menschenleben, sei durch den Koreakrieg 1950-53 und den Indochinakrieg 1946-73 erheblich verlängert worden, was zu vorteilhaften Bedingungen der Kapitalakkumulation und der Vollbeschäftigung in den industriellen Zentren des Weltsystems geführt und zugleich wesentlich zur wirtschaftlichen Dynamisierung der späteren asiatischen Tiger beigetragen habe.
Die Unternehmensberatungsfirma Business International Corporation habe am 7. Jänner 1977 in einem ihrer Reports geschrieben, daß die Nachkriegsära eines ungewöhnlich raschen wirtschaftlichen Wachstums vermutlich beendet sei, und, daß das Ende dieser Ära das Konzernmanagement möglicherweise zur Revision seiner Pläne und Strategien zwingen könnte, der radikalsten und schmerzhaftesten seit Menschengedenken. Wachstum, umgesetzt in verbesserte Lebensbedingungen, sei zu einer Grunderwartung aller Menschen auf der Welt geworden. Solche Erwartungen müssten heute offensichtlich enttäuscht werden. Das Jahr 1977 könne an den Tag bringen, daß die Rezession eine außergewöhnliche Periode der Weltwirtschaftsgeschichte beendet habe.
Die OECD, Beratungs- und Führungsinstitution der 24 wichtigsten westlichen Industrieländer, habe mit dieser pessimistischen Einschätzung der Wachstumschancen des westlichen Kapitalismus weitgehend übereingestimmt. Auch sie habe damals tiefgreifende Änderungen in den Lebensgewohnheiten für erforderlich gehalten, um die kapitalistischen Gesellschaften wieder auf den Weg eines anhaltenden Wachstums zurückzubringen: Die bedeutendste Änderung sei ihrer Ansicht nach ein Übergang vom konsumorientierten Wachstum der Nachkriegszeit zu einem Modell gewesen, das eher den Ländern des kommunistischen Blocks entsprochen hätte, mit Schwergewicht auf der Verbesserung und Erweiterung der ökonomischen Basis. Zu einem Teil sollte dieser Übergang durch verringerte Reallöhne und begrenztes Wachstum des Lebensstandards erreicht werden. Eine Arbeitslosenrate, die deutlich über den Nachkriegsnormen liege, wenn auch unter den Spitzenwerten der jüngsten Rezession, sollte eines der Hauptwerkzeuge sein, um diese Änderungen herbeizuführen.
Daraus gehe hervor, so Dieterich, daß die Rückkehr zur Normalität kapitalistischer Akkumulation eine Veränderung der Produktionsbedingungen im Sinne besserer Ausbeutungsszenarien für die wirtschaftlichen Eliten erfordert hätten. Die Aufgabe keynesianischer Entwicklungsstrategien und ihre Ersetzung durch reaktionäre staatskapitalistische Entwicklungspolitik sei die Antwort der herrschenden Klassen auf oben genanntes Erfordernis gewesen. Das Ende der außergewöhnlichen Wachstumsperiode des Nachkriegskapitalismus und die Veränderung der gesamtgesellschaftlichen Produktionsbedingungen mittels der Substitution des keynesianischen Wohlfahrtsstaates durch den reaktionären Staatskapitalismus, den Neoliberalismus, würden zwei der bedeutendsten Variablen im Globalisierungsprozeß des Kapitals repräsentieren.
Diese Veränderung der Produktionsverhältnisse sei auf weltweiter Ebene durchgeführt worden, und zwar in zwei wesentlichen Dimensionen: die Liberalisierung der Investitionsströme über nationale Grenzen hinweg und, in geringerem Ausmaß, der Handelsströme sowie der Privatisierung öffentlicher Vermögen und Unternehmen. Die Konstituierung eines weltweiten Kapitalmarktes und die weitgehende Zerstörung nationaler Zollbereiche durch die verschiedenen Verhandlungsrunden des GATT 1986-94, die Konstituierung des 18-Staaten Pakts der Asia Pacific Economic Corporation 1989, der Abschluß der Maastricht-Verträge 1992, die Unterzeichnung der NAFTA zwischen den USA, Kanada und Mexiko am 1.1.1994, sowie die von 117 Nationen konstituierte Nachfolgeorganisation des GATT, die Welthandelsorganisation WTO, all diese überstaatlichen Vereinbarungen hätten die Märkte der Drittweltländer den transnationalen Konzernen bedingungslos ausgeliefert, mit der vorhersehbaren Konsequenz weitgehender Zerstörung nationaler Industrien und nicht-TNK-konformer Lebensweisen und Konsumformen.
Obgleich diese weitgehenden Veränderungen der weltweiten Produktionsverhältnisse von enormer Bedeutung für die Dynamisierung der Globalisierung gewesen seien, sei aber die ihr zugrunde liegende Revolution der Produktivkräfte als der entscheidende, transzendentale Faktor des Prozesses anzusehen. Die Entwicklung der Produktions-, Kommunikations- und Transporttechnologien hätten den betriebswirtschaftlichen Planungs-, Produktions- und Distributionsprozessen eine bisher unbekannte geographische Mobilität und Flexibilität verliehen. Zum erstenmal in der Geschichte hätte der Mensch die Welt als einen einzigen, integrierten und transnationalen Wirtschaftsstandort begreifen und für sich nützlich machen können.