Das unsichtbare Genus: Gender im Text und Diskurs

Beispiel 1: Die Personalpronomina im Finnischen

In den funktionalen Erklärungen für das Bestehen des Genussystems in vielen idg. Sprachen wird oft auf die Bedeutung von Genus in reference tracking hingewiesen. In den fiu. und anderen genuslosen Sprachen, wo auch die Pronomina genderlos sind, wird die nötige Vielfalt in den Referenzverhältnissen mit anderen Strategien geschaffen, z.B. "frühererwähnt"/"letzterwähnt" (fi. proximales tämä ‘diese/r/s hier’):

(fi.) Kadulla opettajai tapasi serkkunsaj. Hänelläi / Tälläj oli kova kiire, joten...

‘Auf der Straße traf der Lehrer seine Cousine [die Lehrerin seinen Cousin, usw.]. Er / sie hatte es sehr eilig, so dass...’

 

Das System:

(< A. Hakulinen in Laitinen [Hg.] 1988)
2 indefinite Personalformkategorien, die semantisch der deutschen man-Konstruktion ähnlich sind (Nullperson = 3 Sg. ohne Subjekt(pronomen): Täällä Ø paleltuu kuoliaaksi! ‘Hier friert man sich zu Tode!’; "Passiv": Täällä nukutaan ‘Hier schläft man’.) + 6 eigentliche gramm. Personen (1—3 Sg. und Pl.), mit je 2 Pronomina für die 3. Personen: hän ‘er/sie’ (menschlich) — se ‘er/sie/es’ (nichtmenschlich — Tier, Pflanze, lebloses Ding), Pl. he — ne. Se (Pl. ne) funktioniert außerdem als determinierendes Element und Demonstrativpronomen (‘der/die/das bestimmte’, ‘der/die/das da’) und weist in der Umgangssprache auch artikelähnliche Züge auf.

Die Opposition "menschlich" (hän) / "nichtmenschlich" (se) existiert nur in der Hochsprache. In der gesprochenen Umgangssprache weist se auch auf Menschen hin, während hän traditionell entweder das Subjektpronomen ("ich") der referierten indirekten Rede darstellt...

(Suomussalmi:) se isä sano, kun minä kyselin siltä, niin se sano ei häll oom mittääh hätteäDer Vater sagte, als ich ihn fragte, dann sagte er, mit ihm sei nichts los.’

...oder für solche Personen verwendet wird, die für die SprecherInnen persönlich wichtig sind (nahe Verwandte, z.B. Eltern) oder mit denen die SprecherInnen in einer "entfernten, respektvollen" Beziehung stehen:

sittem mulla oli kansakoulutoveri ystävä, aikoinaan kuuluisa keihäänheittäjä Heikki Palonen ja hänellä [oli] semmone, akkunakaihdintehdas
‘dann hatte ich einen Schulkameraden, einen Freund, der seinerzeit berühmte Speerwerfer H. P. und er hatte so eine, Jalousienfabrik’.

In der modernen finnischen Literatur ist hän typischerweise "das Pronomen des Protagonisten", das "Ich" der Erzählung, während se oft auf die Personen hinweist, die durch die Wahrnehmungen des Protagonisten betrachtet werden.

Das "genderneutrale" Pronominalsystem und die Frau

 

"– Im Englischen gibt es eigene Pronomina für Mann und Frau, "he" und "she".
– So ist’s ja auch im Finnischen: hän für "Mann", se für "Frau". Ha ha!
– Schlechter Witz.
– Ich hab’ ihn ganz lustig gefunden."
 
(Viivi ja Wagner in Helsingin Sanomat, 20.4.2002.)

In der Prosa von Veijo Meri (die zeitlich, stilistisch und thematisch zu den "maskulinen" und "trockenen", intellektuellen, modernistischen Traditionen der Nachkriegsjahrzehnten gehört) wird die Frau, auch wenn sie eine zentrale Rolle spielt, immer durch die Augen des Mannes gesehen. Laut Auli Hakulinen spiegelt die Variation zwischen hän und se (sowie nainen ‘Frau’, die fast pronominal auf die von den Protagonisten betrachteten Frauen hinweist) die Position der Frau im männlichen Bewusstsein wider:

Mit dem "geschlechtsneutralen" Pronominalsystem kann man viele feine, auch genderbezogene Nuancen (Perspektiven auf die zwischenmenschlichen Beziehungen) ausdrücken. Das "geschlechtsneutrale" System kooperiert problemlos mit den konventionalisierten genderspezifischen Erwartungen. Zugleich sind die genderbezogenen und anderen Funktionen der Wortwahl (Vermeidung von Wiederholungen, Präzisierung von Referenzverhältnissen) organisch zusammengeflochten und kaum voneinander zu trennen. Auli Hakulinen: "Man fragt sich, wie das Objektpronomen se, abwechselnd mit dem zu einem Pronomen sich versteinernden Substantiv nainen ‘Frau’, zum Eindruck von der Frau als Gegenstand beiträgt: ein etwas beängstigendes, unberechenbares, beobachtungsbedürftiges Ding." Die Frage muss vielleicht offen bleiben.

Beispiel 2: "Mann" und "Frau" im finnischen Text und Gespräch

Mann und Frau in den Popularhandbüchern der Beziehungspsychologie: Wie werden Stereotypien sprachlich konstruiert und weitergegeben?

Liisa Tainio (2001) hat die finnischen "Beziehungshandbücher" mit den Methoden der kritischen Textanalyse untersucht. Sie stellt u.a. fest, dass

Mann und Frau im Gespräch: sprechen Mars und Venus wirklich anders?

Tainio (2001) hat auch Gespräche von alten Ehepaaren (Dialektinterviews) und Gruppen analysiert. Ihre Analysen zeigen, dass "Männer und Frauen dieselben Ressourcen des Sprachgebrauchs gemeinsam haben; sie haben also in dieser Hinsicht ähnliche Möglichkeiten zur Intersubjektivität und zum gegenseitigen Verstehen". Frauen verwenden auch "männertypische" Strategien: sie unterbrechen, weisen auf kultur- und genderbedingte Autoritäten hin, machen die Männer mundtot. Männer distanzieren sich vom traditionellen männlichen Erzählstil, wo die Familie und die Paarbeziehung kleingeredet werden sollen.

Die zusammen, als Ehepaar interviewten Männer und Frauen präsentieren ihre Zusammengehörigkeit mit ähnlichen sprachlichen Mitteln. Beide unterbrechen einander, lassen einander unbeachtet, sprechen für einander – obwohl es manchmal zu beobachten ist, dass die (männlichen) Interviewer die Männer als Gesprächspartner bevorzugen. Wenn sich die Frau (wie in den Stereotypien) vieldeutig ausdrückt, verstehen die Männer (anders als in den Beziehungshandbüchern vermutet wird) sie trotzdem problemlos. Es ist auch nicht festzustellen, dass die Männer die Frauen systematisch zum Schweigen zwingen würden.

(Dialektinterview: Ehepaar (F[rau], M[ann]) aus Perho, mit einem Interviewer (I).)

01 F:      mutta minä olin: nii: villi laitos että e- ehh he he
02         >minä< .hhh oikee< hhh .hhh >tienny aatellu että<
03         ikkää mie:stä otan:kaa.
04 I:      minkä ikäsenä työ menitte naimisiin,
05 M:      sii!nä kahenkymmenen nel:jän pa:ikoissa.=
06 F:      =joo no niillä suunnilla j- (.) oli:. hh
07         (.)
08 I:      het sej jäläkeen kun tulitte sieltä,=
09 M:      =.hh no (.) ei: ihan mutta pika:puo:lii,
10 F:      niin no se: sinähä sotaväessä olit, (.) e:nsiks. (.)
11         ja sitte ku sieltä sota:väestä tulit nii sittehä me
12         mentii, .hh sillon kesä:ll[ä.
13 M:                                [no se oli tuota: .hh
14         yheksäntoista kevväällä kum minä: tulin sieltä ja
15         sitte (.) .hh meijän on vihitty k-=
16 F:      =ka[ksky[mmentä.
17 M:         [u-  [kakskymmentä.=
18 F:      =joo:, hh
19         (4.0)
20 I:      kuinka paljo teill'on: (.) lapsia.

F: Aber ich bin so ein wildes Ding gewesen, dass, (lacht), ich’s eigentlich nicht gewusst habe, gedacht, dass ich überhaupt heiraten werde.
I: In welchem Alter haben Sie geheiratet?
M: So ungefähr 24.
F: Ja, ungefähr so, es war...
I: Gleich nachdem Sie von dort gekommen sind...
M: Nein, nicht gleich, aber bald danach.
F: Ja, na, du bist ja zuerst im Wehrdienst gewesen, und dann, wenn du vom Militär gekommen bist, dann haben wir ja geheiratet, damals, im Sommer...
M: ... na, es war, also... im Frühjahr 1919 als ich von dort gekommen bin und dann, sind wir getraut worden...
F: 1920.
M: 1920.
F: Ja. (Pause.)
I: Wieviele Kinder haben Sie?

(Dialektinterview: Ehepaar Ida (73 J.) und Matti (74 J.) aus Reisjärvi sowie zwei Interviewer, ein Mann (MI) und eine Frau (FI). Die Interviewerin hat eben den Mann nach seiner Kindheit ausgefragt; Matti hat erzählt, wie er als Kind bei den Nachbarn um Brot betteln musste.)

01 Matti:  siihen minä menin ku se oli niinku tutt:uin pai:kka
02         mull:e niim minä menin siihen.=
03 FI:     =.jhoo=
04 Matti:  =joo:.
05         (2.5)
06 Ida:    °mm:°
07         (.)
08 Matti:  annappas nyt tummu tul[la.
09 Ida:                          [m(h)hh
10 MI:                           [sittet te olitte yhtä aikaa
11         sielä Savolassa.
12         (.)
13 Matti:  joo.=sielä me: oltii yhtä ai[kaa sitte
14 Ida:                                [°m(h)mhh°
15 Matti:  palaveluksessa.
16         (1.0) ((Ida naurahtelee hiljaa))
17 Matti:  tämän ka[ns.
18 Ida:            [°m(h)hh m(h) [hh°
19 FI:                           [ja tyttöjä kiusat[tiin.
20 Ida:                                            [m(h)h
21         m(h)hh mhe mhe [mhee he mhehh mheh mheh he
22 Matti:                 [no:: hohh
23 Matti:  <ei sunkaan me kiusattu vaan tytö:t mei:tä>.
24 Ida:    m(h) [hh m(h)hh m(h) m(h) m(h)
25 FI:          [he hehh
26         (.)
27 MI:     kuinkahan p(h)äin s(he) nyt oli:, hhh
28 Ida:    m(h) [hh m(h) hh [m(h)hh m(h) m(h) m(h)
29 FI:          [ni (h)i hi [hhh
30 Matti:                   [mhehh
31         (.)
32 Matti:  täytyhän sitä nyt vähä vastaan sitte hätistellä ku
33         [ne tuli ensin kiini.
34 (Frau?) [thi hi
35 Ida:    ↓oi:: hyvä: isä h(h)h
36 FI:     e he he [he hhh
37 Ida:            [.h(h)hhh hhhh[hh
38 FI:                           [°hi hi hi° hh
39         (0.4)
40 Ida:    ↑jaa:, (.) valavottaa ettei saa nukkua.
41         (.)
42 ?Ida:   ↑m(h)h
43         (.)
44 Matti:  ↓joo:[::.
45 Ida:         [°mm::°.
46         (1.0)
47 Matti:  sehän se olikit teiän mieli- a- asia hh että
48         valavott:aa.
49 Ida:    ↑@jaa::@ hhh
50         (.)
51 FI:     hehehh
52         (1.0)
53 Matti:  .hhh ↓joo:. hh
54         (1.2)
55 Ida:    m(h)
56         (1.0)
57 MI:     palijoko sieloli renkiä.

Matti: Dorthin bin ich gegangen, weil es so wie ein Haus von Bekannten war, dann bin ich dorthin gegangen.
FI: Ja.
Matti: Ja. (Kleine Pause.)
Ida: Mmm...
Matti: Lass nun raus, Oma. (Ida: Mmm...)
MI: Dann sind Sie gleichzeitig dort in Savola gewesen?
Matti: Ja. Dort sind wir dann gleichzeitig gewesen, dann, im Dienst... mit dieser hier. (Ida lacht leise.)
MI: Und die Mädels belästigt? (Ida lacht leise.)
Matti: Na, wir haben ja niemanden belästigt, sondern die Mädels uns. (Ida und die Interviewerin lachen.)
MI: Wie war es nun (wer wen)? (Gemeinsames Kichern.)
Matti: Man muss sie schon ein bisschen wegscheuchen, wenn sie zuerst einen angreifen.
Ida: O Herrgott (lacht). (Die Interviewerin lacht mit.) Ja, wach halten, dass sie[/wir?] nicht schlafen können. (Schmunzeln, eine kleine Pause.)
Matti: Ja. Das war ja eure Lieblings-, -Sache, eh, nicht schlafen lassen.
Ida: Ja... (Gemeinsames Schmunzeln. Die Interviewerin kichert mit. Eine kleine Pause.)
MI: Wieviele Knechte waren dort?

(Notation:
. fallende Intonation; , leicht fallende Intonation
↑ ↓ Ton im folgenden Abschnitt etwas höher bzw. tiefer als sonst
unterstrichen Betonung oder steigende Intonation innerhalb des Wortes
[ ] Anfang bzw. Ende der gleichzeitigen Rede
(.) Mikropause (weniger als 0.3 Sek.), (0.5) Länge der Pause in Sekunden
.hhh Einatmung
= Fortsetzung ohne Pause
< > langsames Tempo
° ° Abschnitt leiser als sonst
a:: Dehnung des Lautes
@ @ Änderung im Tonfall)

Jyrki Pöysä in Laitinen (Hg.) 1988 analysiert die Gespräche von Männergruppen im sog. Alko-Material (Tonbandaufnahmen von Gesprächen im Restaurant, ursprünglich als Material für eine soziologische Untersuchung gemeint). In diesen Gesprächen werden auch "frauentypische" Themen behandelt (zwischenmenschliche Beziehungen, Kinder, Kleidung) und "frauentypische" Strategien verwendet (viele interaktionale Elemente, sogar "frauentypische" Adjektive wie kauhee, hirvee ‘schrecklich’). "Der Mechanismus des Tratsches, die geschickte rhythmische Gliederung des intimen Sprechens, kann geschlechtsneutral sein. Ich glaube, es bewiesen zu haben, dass sich eine Männergruppe in der geborgenen Intimsphäre, wo sich die Gruppenstimmung verstärkt, ganz so benimmt, wie sich die tratschenden Frauen laut Vermutungen oder Untersuchungen benehmen sollen. Damit soll nicht ausgeschlossen werden, dass einige solche Eigenschaften des Tratsches, die sich hier als typisch situationsbedingt erwiesen, nicht als kennzeichnend für eine solche Menschengruppe etabliert werden könnten, deren zentralsten Sprachgebrauch die Plauderei in der engen Intimsphäre darstellt."

Gender im Sprachgebrauch: von den Fragen der "Frauen-" bzw. "Männersprache" zu den Grundproblemen der Forschung

Die Diskursanalyse/kritische Textanalyse nimmt den Diskurs (Wertsysteme, Strukturen, in deren Rahmen bestimmte Bräuche oder Denkweisen "naturalisiert", d.h. zu Selbstverständlichkeiten werden können, wie z.B. die Männerhegemonie) als Ausgangspunkt, und verlangt, dass jedes einzelne Objekt der Erforschung (eine konkrete Gesprächssituation, ein konkreter Text) im Rahmen des relevanten gesellschaftlichen Diskurses betrachtet werde (Richtung "warum?" → "wie?"). Der Genderdiskurs ist aber "keine stabile, einheitliche und kontinuierliche Narrative sondern eine Sammlung von Bedeutungen, die mit dem Gender verknüpft sind" (Tainio 2001: 18). Diskurskritische feministische Verallgemeinerungen, wie sie z.B. Dale Spender (im berühmten Buch Man Made Language) oder die namhaften französischen Poststrukturalistinnen (Julia Kristeva, Hélène Cixous, Luce Irigaray) gemacht haben, d.h. dass die Sprache an und für sich "Männersprache" ist, können die eigentliche Genderdynamik der Macht- und Arbeitsteilung im Diskurs verbergen. Schlimmstenfalls werden durch die "Analyse" nur die eigenen Erwartungen des Forschers/der Forscherin bestätigt.

Die ethnomethodologische Gesprächsanalyse (die in der finnischen Genderlinguistik eine sehr starke Rolle gespielt hat) geht von sehr detaillierten empirischen Analysen der konkreten Gesprächsituation und ihrer internen Strukturierung aus. Es geht vor allem darum, welche Funktion/Bedeutung die Elemente des Gespräches in ihrem jeweiligen Kontext haben, und die Dynamik der sprachlichen Wechselwirkung rückt in den Brennpunkt. Die Funktionen ("warum?") von den analysierten Details bleiben aber oft vieldeutig und unklar, und die Berechtigung der ForscherInnen, die persönlichen Motivationen und Intentionen hinter dem Text auch als Strategien ("X will mit dem Unterbrechen signalisieren, dass...") zu deuten, ist weiterhin umstritten.

Ein typisches Problem der Analyse stellt die Mehrdeutigkeit — oder die eingebaute Paradoxalität der Genderrollen — dar. Ganz ähnliche Erscheinungen können auf unterschiedliche Weisen bewertet werden, abhängig vom Kontext oder von der Perspektive. Die mehrdeutige Genderlosigkeit ermöglicht einen versteckten Sexismus, zwingt aber nicht dazu.

Tainio (2001: 171) deutet die Brot-Metapher in einem Beziehungshandbuch als ein Beispiel von der Objektifizierung der Frau:
"Sanat ovat voita leivän päälle naisen seksuaalielämässä. Kuivaa näkkileipää Ø jyystää kyllä ilman sanojakin, mutta hyvänmakuinen limppu vaatii sanoja."
‘Sprechen ist Butter auf dem Brot im Sexualleben der Frau. Trockenes Knäckebrot kann man [Nullperson] auch ohne Worte kauen, aber ein schmackhafter Laib verlangt Worte.’ [...] "In diesem Beispiel wird die Frau mit einer Nahrungsmetapher dargestellt — eine ziemlich typische Art von Metaphern für Frauen [...] In diesem Fall beschreibt man eine sexuelle Frau als Knäckebrot oder Sauerbrot, das der Mann mit Butter, d.h. Wörtern, bestreichen kann. Die Perspektive ist männlich, wie der letzte Satz des Zitates zeigt: Wer in diesem Nullpersonsatz Brot kaut, kann im Lichte der vorangehenden Metapher nur ein Mann sein, und durch die Fokalisierung wird der/die LeserIn wieder dazu gelenkt, die Frau aus männlicher Perspektive zu betrachten."
Als Muttersprachlerin kann ich mich an Tainios Deutung nicht anschließen. Wie ich den Text lese, geht es hier ausschließlich um die Gefühle und Empfindungen der Frau: ihr schmeckt der Sex ohne Worte ebensowenig wie Brot ohne Butter ihr schmecken würde.

Eine gendersensibilisierte Analyse des Sprachgebrauches muss mit der Mehrdeutigkeit von Bedeutungen und Intentionen rechnen können. Demgemäß ist es wohl auch unmöglich, eindeutige Mechanismen oder Eigenschaften der Männer- bzw. Frauensprache zu definieren. Die Genderbezogenheit in der Sprache ist organisch mit der sprachexternen Wirklichkeit zusammengewachsen: der Sexismus in der Sprache existiert als Teil eines Teufelskreises, zusammen mit dem sprachexternen Sexismus. Auch wenn es Unterschiede zwischen dem Sprachgebrauch von Frauen und Männern geben würde, sind sie vielleicht weniger interessant als die Frage, warum man über diese Unterschiede spricht.

Aktualisiert 9.11.2003.

johanna.laakso@univie.ac.at