Genderforschung und Sprachforschung
Gender und Sprache
Fragestellungen:
- Sprache von Frauen/Männern: Sprechen Frauen anders als Männer? Wenn es Unterschiede gibt, sind sie auf außersprachliche Faktoren (z.B. Macht) reduzierbar? Was geschieht (und warum), wenn Männer "wie Frauen" oder Frauen "wie Männer" sprechen? Wie werden genderbezogene Strukturen (Rollen, Machtverhältnisse) durch Sprache, Sprechen und Schweigen aufgebaut?
- Sprache über Frauen/Männer: Wie wird Gender in der Sprache ausgedrückt (Morphologie, Lexikon, ?andere sprachliche Mittel)? Was für Asymmetrien gibt es in diesen Systemen, und wie spiegeln sie die sozialen Rollen der Geschlechter wider?
- Sprache über Sprache: Ist die Sprachwissenschaft androzentrisch? Ist die Sprache an sich ein Bestandteil der patriarchalen Machtstrukturen? Was kann die Genderlinguistik zur Sprachwissenschaft beitragen?
Geschlechtsspezifische Züge im Sprachgebrauch (Frauen- bzw. Männersprache)?
Stereotypien:
- kleine Mädchen lernen früher sprechen, sprechen nuancierter und geschickter als Knaben; Frauen sprechen und schreiben geschickter und müheloser als Männer (aber die echten literarisch-sprachlichen Genies sind Männer?). (Laut Sisko Brunni (in Heikkinen & al. 1998) können Vorschulbuben die Bedeutungen von Wörtern besser definieren als die Mädchen!)
- Frauen sprechen auch nur um den Kontakt aufrechtzuerhalten ("phatische Kommunikation"), die Männer nur, um Information zu vermitteln.
- Frauen weisen öfter auf Personen hin, verwenden mehr interaktionale Elemente (Fragen wie question tags) als Männer.
- Frauen verwenden mehr Ausdrücke der Unsicherheit oder des Zögerns, "Platzhalter", defekte Sätze...
- Frauen verwenden Prosodie (Intonation) und paralinguistische Mittel (Gebärden usw.) expressiver als Männer.
- Frauen werden im Gespräch öfter unterbrochen als Männer.
- es gibt einen spezifischen Frauen- vs. Männerwortschatz (Frauen: [positive] emotionale und affektive Wörter; Männer: Schimpf- und Fluchwörter, Tabubruch, verbale Gewalt).
- Sind diese Stereotypien a) wahr, b) universal und nicht nur den westeuropäisch-nordamerikanischen Kulturen eigen, c) nicht auf andere Faktoren als Geschlecht (z.B. Macht) reduzierbar, d) eher bewusste doing-gender-Performanzen als "unbewusste" ("angeborene" oder "eingeprägte") Neigungen? Die Verallgemeinerungen über "Frauensprache", die die Genderlinguistinnen der ersten Generation (Robin Lakoff u.a.) bekannt gemacht haben, werden immer stärker in Frage gestellt.
"Genus": Klassifikation von Substantiva
"Geschlechtslose" Sprachen (z.B. fiu. Sprachen, Türksprachen, Englisch u.v.m.): keine Nominalklassen, alle Substantiva sind gleichwertig.
Klassifikatorsprachen (z.B. Chinesisch, Japanisch, Indonesisch): Substantiva sind in Klassen (oft z.B. nach der Form: z.B. lange / flache / runde Gegenstände) geteilt, und in bestimmten Kontexten (z.B. in Zahlwortkonstruktionen) muss die Klassangehörigkeit mit selbständigen Wörtchen ausgedrückt werden, z.B. statt "drei Bücher" sagt man "drei flacher.Gegenstand Buch".
Nominalklassensprachen: alle Substantiva sind in (selten mehr als 20) Klassen geteilt, die Klassangehörigkeit wird (fast) immer, auch auf den Bestimmungen des Substantivs (Adjektive, determinierende Pronomina usw.), gekennzeichnet (Genus- od. Klassenkongruenz). Unterkategorien:
- Sprachen mit eigentlichem gramm. Genus (z.B. viele indogermanische Sprachen, semitische Sprachen): nur wenige (2–3) Genera, die Genusmarkierung ist mit dem Gender/Geschlecht verbunden, entweder direkt (d.h. Wörter für [biologisch] weibliche Wesen sind fast immer grammatische Feminina usw.) oder indirekt (durch versch. Entwicklungen, die von Assoziationen mit anderen Wörtern und Worttypen ausgelöst werden: vgl. dt. der Übermut, der Hochmut – die Sanftmut, die Anmut, die Armut).
- Nominalklassensprachen mit vielen Klassen, die nicht (deutlich) mit Geschlecht/Gender verbunden sind (z.B. die Bantusprachen).
Genderkategorien
Grammatisches Genus (in den eigtl. Genussprachen): formell und semantisch (Konflikte zwischen diesen zwei Prinzipien sind möglich) bestimmte inhärente Eigenschaft von jedem Substantiv (der Mann, die Banane, das Mädchen).
Lexikales Genus: semantisch (extralinguistisch) bestimmte Eigenschaft von (Wörtern für) Menschen/Lebewesen (ung./fi. anya / äiti ‘Mutter’, fiú / poika ‘Sohn’ vs. diák / opiskelija ‘StudentIn’, rokon / sukulainen ‘Verwandte/r’).
Referentielles Genus: Verhältnis zwischen dem sprachlichen Ausdruck und der extralinguistischen Wirklichkeit, das Betreffende wird als (symbolisch) männlich/weiblich/neutral gekennzeichnet (das Mädchen... sie; ein Mädchen für alles [auch über einen Mann, der symbolisch als "weiblich" bezeichnet wird]).
"falsche Generika": Maskulinum wird auch neutralisiert, generisch für "menschlich" verwendet (an American drinks his coffee black), Femininum sehr selten (schwed. sjuk+sköter+ska [‘krank’ + ‘Pfleger’ + FEM] ‘Krankenpfleger/in, Krankenschwester’, syster ‘Schwester’ als Anredewort jetzt auch für männliche Krankenpfleger!); umgekehrt: generisch/geschlechtslos wird als Maskulinum gedeutet:
Suomalaiselle alkoholi tarkoittaa paria pulloa keskiolutta saunan jälkeen. Ne nautitaan kotona vaimon kanssa lottotuloksia odotellessa. ‘Für einen Finnen / *eine Finnin bedeutet Alkohol ein paar Flaschen Bier nach der Sauna. Die konsumiert man zu Hause mit der Gattin, während man auf die Ziehung von Lottozahlen wartet.’
Soziales Genus:
(Bitte zuerst, falls möglich, die folgende Geschichte auf finnisch oder ungarisch lesen [und nachdenken], erst dann die deutsche Übersetzung!)
Olipa kerran pieni perhe: kansainvälisesti tunnettu kirurgi, hänen sosiaalityöntekijänä toimiva puolisonsa ja heidän kahdeksanvuotias poikansa. Melko vauraalla perheellä oli huvila Suvisaaristossa Espoossa. Siellä he kävivät aina, kun vain aikaa siihen oli. Eräänä päivänä isä ja poika olivat matkalla huvilalle, kun he joutuivat liikenneonnettomuuteen. Isä kuoli, mutta poika vietiin henkihieverissä sairaalaan. Sairaalassa leikkaava lääkäri sanoi: "Tämähän on minun poikani." Miten tämä on mahdollista?
[Volt egyszer egy kis család: a szülők — egy nemzetközileg ismert sebész, egy szociális munkás — és a nyolcéves fiuk. Viszonylag jómódú volt a család, volt egy szép nyaralójuk a Balatonon. Ott annyi időt töltöttek, amennyit csak lehetett. Egyszer, amikor éppen odafelé autózott az apa a fiúval, baleset érte őket. Az apa meghalt, az életveszélyesen sérült fiút kórházba szállították. A kórházban a mûtő orvos rögtön azt mondta: "De hiszen ez az én fiam!" Ez hogyan lehetséges?]
[Es war einmal eine kleine Familie: ein/e international berühmte/r Chirurg/in, ihr/seine Ehepartner/in, der/die als Sozialarbeiter/in tätig war, und ihr 8jähriger Sohn. Die Familie war ziemlich wohlhabend und hatte ein schönes Sommerhaus. Dorthin fuhren sie immer, wenn es nur die Zeit erlaubte. Eines Tages, als der Vater mit dem Sohn zum Sommerhaus fuhr, passierte ein Verkehrsunfall. Der Vater war sofort tot, den schwer verletzten Sohn brachte man zum Spital. Dort sagte der/die operierende Arzt/Ärztin gleich: "Das ist ja mein Sohn!" Wie ist dies möglich?]
Jan-Håkan Öberg (Acatiimi 5/2003: 25–26): "Ich habe diese Geschichte mit derselben Frage vielen Leuten erzählt, aber nur wenige haben die Frage richtig beantworten können. ... Die Mehrheit der Hörer versteht die Geschichte so, dass — da der Vater, der Chirurg, gestorben ist — der operierende Arzt ein anderer Mann ist, ein "echter" oder "falscher" Vater. Diese Erklärung wird sowohl von Männern als auch von Frauen angeboten..."
Genderbezogene Asymmetrien und Genuskonflikte
Wortbildung – oft asymmetrisch: das weibliche Glied der Opposition ist
- markiert (Lehrer – Lehrerin); Movierungsmaskulina sind sehr selten (vgl. dt. Hexe → Hexer aber Geburtshelfer statt *Hebammer)
- individuell (die behandelnde Ärztin, Frau Dr. X.Y.) oder kontrastiv bezogen (Sind Ärztinnen rücksichtsvoller als Ärzte?) im Vergleich mit dem generischen Maskulinum; und/oder
- weniger wertvoll oder negativ (auch sexuell) geprägt: Sekretär (der Partei) – Sekretärin (im Büro); poln. profesor "bezeichnet normalerweise einen Universitätsprofessor, profesorka eine Gymnasiallehrerin"; niederl. "eine caissière arbeitet in einem Laden, ein kassier in einer Bank; eine directrice kann einen Kindergarten oder ein Altersheim leiten, aber eine Frau, die ein Gymnasium oder eine größere Organisation leitet, nennt sich directeur"; engl. governor ‘Gouverneur’ – governess ‘Gouvernante, Hauslehrerin’; master ‘Meister, Herr’ – mistress ‘Mätresse, Geliebte’
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Kongruenz: Bestimmungen des Substantivs in den Genus-Sprachen werden gekennzeichnet (die junge Frau, die dort steht; frz. elle est belle ‘sie ist schön (f.)’; russ. ona prishla ‘sie ist gekommen’ (< *(ist) die Gekommene), ja/ty prishla ‘ich bin / du bist gekommen (f.)’.
Pronominalisierung (oft Konflikte zwischen natürlichem und grammatischem Genus): der Mann – er; jemand, der/?die...; wer hat seinen/?ihren Koffer vor der Tür gelassen?; russ. kto prishël? ‘wer ist gekommen (m.)?’.
Bestimmung von Genus: laut D. Steinmetz ist Maskulinum das Default-Genus im Dt. (d.h. Wörter, deren Genus mit keiner anderen Regel zu bestimmen ist, sind Maskulina).
Koordination: Genuskonflikte werden typischerweise mit gener. Maskulinum oder Neutrum gelöst (isländisch Óli og Elsa eru ung ‘Óli [m.] und Elsa [f.] sind jung [n.pl.]’; arabisch Lab u bnatu ‘yyanin ‘Der Vater [m.] und die Töchter [f.pl.] sind müde [m.pl.]).
Weitere Ausdrücke von Gendersystemen im Sprachsystem
- Höflichkeit: z.B. von Frauen wird ein gehobener, höflicher Stil erwartet; die Anrede- und Höflichkeitswörter für Frauen und Männer sind oft asymmetrisch (z.B. Herr – Frau / Fräulein).
- Reihenfolge: sehr oft 1) Mann, 2) Frau (Vater und Mutter, Sohn und Tochter, Herr und Frau Müller) — mit Höflichkeitsausnahmen wie meine Damen und Herren.
- ‘Mann’ = ‘Mensch (im allgemeinen), Subjekt einer Handlung’ – ‘Frau’ = ‘(Sexual- od. konkretes) Objekt’: vgl. fi. perä+mies ‘Steuermann’ ("Achter+Mann") — *perä+nainen könnte man eher als ‘Frau mit einem großen Hintern’ verstehen; mie+kkonen ‘Männchen (ein kleines, sympathisches Wesen); Glücklicher, Glückspilz’ — nai+kkonen ‘Schlampe, leichtes Mädchen’; frz. moissonneur ‘Erntearbeiter’ — moissonneuse ‘Mähdrescher (Maschine)’, poln. dyplomata ‘Diplomat’ — dyplomatka ‘Aktentasche’ usw.
- Pejoration: Die Wörter für Frauen, Bezeichnungen für Frauenberufe usw. verlieren an Wert (und müssen ersetzt werden):
- dt. Weib urspr. ‘(Ehe)frau’, Dirne urspr. ‘junge Frau’; Frau [urspr. ‘Herrin, vornehme Frau’] > Dame
- Fi. emäntä ‘Hausherrin’, dt. Dame und engl. lady werden, anders als die männlichen Äquivalente, in immer mehreren Berufsbezeichnungen (mit relativ niedrigem Prestige) verwendet, z.B. baari+emäntä ‘Bardame’ (– *baari-isäntä, *Barherr), engl. cleaning lady (– *cleaning lord).
- Namen:
- Vornamen für Frauen werden von Männernamen abgeleitet: Louis+e, Wilhelm+ina
- verheiratete Frauen nehmen den Familiennamen des Mannes an
- Familiennamen für Frauen können/müssen aus den männlichen Familiennamen (des Vaters oder des Ehemannes) abgeleitet werden, z.B. mit einer femininen Poss.-Adj.-Suffix (tschech./slowakisch -ová) oder Genitivform (griech. Stassinopoulos → Stassinopoulou): eine Frau muss sich entweder als ‘männlich’ oder ‘Eigentum/Anhang des Mannes’ kennzeichnen.
- Idiome, Sprichwörter usw.: ‘Mann’ oft als positiv, ‘Frau’ als negativ bewertet:
- Tytär syntyi, tyhjä syntyi; poika syntyi, kaski kaatui. ‘Eine Tochter wurde geboren, nichts wurde geboren; ein Sohn wurde geboren, ein Schwendacker wurde gerodet’ (fi. Sprichwort).
- fi. (se on) miehen (~ *naisen) puhetta, estn. mehejutt "Mannesrede" (‘ernst(zunehmend)e Worte’), estn. ole meheks (~ *naiseks)! ‘danke!’ ("sei ein Mann!"), fi. se on poikaa (~ *tyttöä)! ("das ist Knabe") ‘das ist/tut gut!’
- fi. akka ‘(altes) Weib; Feigling; Sturz (beim Skilaufen)’, ämmänsolmu "Altweiberknoten" usw.
Gleichberechtigung in der Sprache, Kampf gegen sexistischen Sprachgebrauch:
- Vermeiden von beleidigenden oder verachtenden Ausdrücken (alte Jungfer; engl. girls für erwachsene Frauen usw.).
- Vermeiden von generischen Maskulina durch entweder Sichtbarmachen von Frauen oder wirklich geschlechtsneutrale Formen: die Lehrer → die LehrerInnen ~ die Lehrerinnen und Lehrer ~ die Lehrenden ~ die Lehrkräfte ~ das Lehrpersonal.
- Umkehren der traditionellen Mann-Frau-Reihenfolge: alle Österreicherinnen und Österreicher.
- Sexismus außerhalb des Wortschatzes: in der Syntax, in den textuellen Konventionen – und in der Denkweise?
A man who suffered head injuries when attacked by two men who broke into his home in Beckenham, Kent, early yesterday, was pinned down on the bed by intruders who took it in turns to rape his wife. (Nachricht aus "Daily Telegraph", zitiert in Cameron (Hg.) 1998.) Die patriarchale Idee, dass die Vergewaltigung eigentlich ein Verbrechen gegen den "Eigentümer" der Frau ist, wird hier mit syntaktischen Mitteln weitergegeben (‘Mann’ als Thema, psychologisches und grammatisches Subjekt des Satzes), ohne politisch unkorrekte Ausdrücke zu verwenden.
Hintergründe von genderrelevanten Systemen in der Sprache:
- Macht: Frauenstrategien im Sprachgebrauch sind typisch für sozial Untergeordnete?
- Prestige: Maskulinum wird positiv bewertet, weil das männliche Gender, das Mann-Sein an sich in vielen Kulturen für positiv gehalten wird.
- Soziale Rollen und Aktivität: das Männliche wird mit Aktiv, Agens, Subjekt identifiziert, das Weibliche mit Passiv, Patiens, Objekt usw., weil die Rollen der Männer typischerweise durch ‘Machen’ definiert werden, die der Frauen durch ‘Sein’ (z.B. Aussehen, Alter, Biologie)?
- Sozialisation der Frauen und Männer: Frauen (da sie in der Kindheit von anderen Frauen aufgezogen werden?) werden "relational" sozialisiert, für zwischenmenschliche Beziehungen sensibilisiert, Männer (die sich von ihren Müttern trennen müssen, um Männer zu werden) dagegen für Autonomie, scharfe Grenzen zwischen dem Ich und der Welt?
- "Metaphors we live by" (← George Lakoff u.a.): Begriffe der Männlichkeit und Weiblichkeit werden mit anderen Begriffen assoziiert; konzeptuelle Nähe von Metaphern (z.B. Sexualität und Aggression werden beide mit Wärme/Hitze und Essen/Beißen assoziiert und dadurch auch miteinander verknüpft)?
Ist die Sprachwissenschaft androzentrisch?
Metapher: DIE SPRACHE IST EINE FRAU
Die Sprache
- gehört dem Menschen (dem Mann) ‘natürlich’, ‘von Geburt an’.
- kann trotzdem gewählt oder "verlassen" werden.
- ist schön, voll von Naturkraft, braucht trotzdem Schutz vor Gewalt, Verseuchung, "Vergewaltigung".
- ist rätselhaft, launisch, direkt mit den irrationalen Naturkräften verbunden.
- ist gut und schön an sich, muss jedoch reguliert und diszipliniert werden.
- stellt das Objekt der (männlichen) Kreativität dar.
Ist die Sprachwissenschaft männlich?
Die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft ist (ungefähr) gleichzeitig mit der Nationalromantik und dem (männlichen) romantischen Geniuskult entstanden. Dem letzteren ist eine eingebaute Frauenfeindlichkeit typisch: Die Frau wird, als symbolische Vertreterin des Objekts (Sprache / Kunst / Volk / Natur...), der Mittel (schöpferische Arbeit, Inspiration, Genius) und des Kontextes (Natur; Familie; Nation; Institutionen und Disziplinen) von der Agensrolle in der schöpferischen, geistigen Arbeit ausgeschlossen.
Während die Geschlechterdichotomie, zur Zeit des entstehenden Industrialkapitalismus, immer strenger wurde (und die Frauen als immer mehr asexuelle Wesen betrachtet wurden), wurde die Ideologie der Wissenschaft mehr und mehr androzentrisch. Die Dichotomien "objektiv/subjektiv", "Natur/Kultur" wurden immer schärfer, und die Auffassung von der Natur wurde leblos und mechanisch.
In der Sprachwissenschaft und in den Naturwissenschaften haben dieselben Prinzipien gegolten: Objektifizierbarkeit, "Weißbarkeit" (knowability) und die strenge Objekt/Subjekt-Dichotomie. "Wenn wir glauben, dass die Natur blind und dumm ist, werden wir mit einfacheren Erklärungen zufrieden sein, als wenn wir denken, dass die Natur vielseitig und einfallsreich ist." (Evelyn Fox Keller)
Kritik der autonomen Linguistik: Sprache, Sprachwissenschaft und Wirklichkeit:
- Viele theoretische Richtungen der Linguistik, z.B. Generativismus: Die Sprachwissenschaft beschäftigt sich nur mit dem autonomen Sprachsystem (Kodierung und Deutung von Ausdrücken — conduit metaphor, die Sprache als "Packung", die Informationsinhalte von Gehirn zu Gehirn vermittelt) und hat nichts mit der außersprachlichen Wirklichkeit zu tun. Diese Annäherung ist problematisch und widersprüchlich (Ideal der Objektivität — wichtige Rolle der Introspektion; theoretischer Vorrang der gesprochenen Sprache — praktischer Vorrang der [konstruierten] schriftsprachlichen Modellsätzen usw.).
- Naiver Relativismus: Die Sprache wird von der außersprachlichen Wirklichkeit bestimmt.
- Postmodernismus: Die "Wirklichkeit" wird durch die Sprache konstruiert (als eine "Narrative" usw.); die Sprache ist dadurch v.a. ein untrennbarer Bestandteil der sozial-psychologischen Machtstrukturen (die Sprache als "Gesetz des Vaters" od.ä.; Lacan u.a.).
- "Konnektionismus": Die Sprache und die "Wirklichkeit" haben beide ihre eigenen Gesetze, aber sind auch durch eine enge und komplexe Wechselwirkung verbunden.
Die autonome Sprachwissenschaft ist scheinbar geschlechtsneutral aber eben dadurch angreifbar. Die postmodernen Betrachtungsweisen haben zur Genderlinguistik viel Wertvolles beigetragen (das Infragestellen der Autonomie des Sprachsystems, die Normen des Sprachgebrauchs als tief eingeprägte Machtstrukturen, das sprachliche Verhalten als Performanz usw.), haben aber oft äußerst wenig mit der Empirie der Sprachforschung zu tun, d.h. mit dem tatsächlichen Sprachgebrauch und mit den sprachinternen Gesetzmässigkeiten.
Vertreter der konnektionistischen Annäherungsweise sind neben der Genderlinguistik auch z.B. die kognitive Linguistik, die kritische Linguistik, die Ökolinguistik usw. In dieser Annäherungsweise wird die Selbstkritik und Selbstreflexion der Sprachwissenschaft "eingebaut", ohne die Empirie der alltäglichen Sprache aus den Augen zu verlieren.
Aktualisiert 25.10.2003.
johanna.laakso@univie.ac.at