Genderforschung und Sprachforschung

Gender und Sprache

Fragestellungen:

Geschlechtsspezifische Züge im Sprachgebrauch (Frauen- bzw. Männersprache)?

Stereotypien:

"Genus": Klassifikation von Substantiva

"Geschlechtslose" Sprachen (z.B. fiu. Sprachen, Türksprachen, Englisch u.v.m.): keine Nominalklassen, alle Substantiva sind gleichwertig.

Klassifikatorsprachen (z.B. Chinesisch, Japanisch, Indonesisch): Substantiva sind in Klassen (oft z.B. nach der Form: z.B. lange / flache / runde Gegenstände) geteilt, und in bestimmten Kontexten (z.B. in Zahlwortkonstruktionen) muss die Klassangehörigkeit mit selbständigen Wörtchen ausgedrückt werden, z.B. statt "drei Bücher" sagt man "drei flacher.Gegenstand Buch".

Nominalklassensprachen: alle Substantiva sind in (selten mehr als 20) Klassen geteilt, die Klassangehörigkeit wird (fast) immer, auch auf den Bestimmungen des Substantivs (Adjektive, determinierende Pronomina usw.), gekennzeichnet (Genus- od. Klassenkongruenz). Unterkategorien:

Genderkategorien

Grammatisches Genus (in den eigtl. Genussprachen): formell und semantisch (Konflikte zwischen diesen zwei Prinzipien sind möglich) bestimmte inhärente Eigenschaft von jedem Substantiv (der Mann, die Banane, das Mädchen).

Lexikales Genus: semantisch (extralinguistisch) bestimmte Eigenschaft von (Wörtern für) Menschen/Lebewesen (ung./fi. anya / äiti ‘Mutter’, fiú / poika ‘Sohn’ vs. diák / opiskelija ‘StudentIn’, rokon / sukulainen ‘Verwandte/r’).

Referentielles Genus: Verhältnis zwischen dem sprachlichen Ausdruck und der extralinguistischen Wirklichkeit, das Betreffende wird als (symbolisch) männlich/weiblich/neutral gekennzeichnet (das Mädchen... sie; ein Mädchen für alles [auch über einen Mann, der symbolisch als "weiblich" bezeichnet wird]).

"falsche Generika": Maskulinum wird auch neutralisiert, generisch für "menschlich" verwendet (an American drinks his coffee black), Femininum sehr selten (schwed. sjuk+sköter+ska [‘krank’ + ‘Pfleger’ + FEM] ‘Krankenpfleger/in, Krankenschwester’, syster ‘Schwester’ als Anredewort jetzt auch für männliche Krankenpfleger!); umgekehrt: generisch/geschlechtslos wird als Maskulinum gedeutet:
Suomalaiselle alkoholi tarkoittaa paria pulloa keskiolutta saunan jälkeen. Ne nautitaan kotona vaimon kanssa lottotuloksia odotellessa. ‘Für einen Finnen / *eine Finnin bedeutet Alkohol ein paar Flaschen Bier nach der Sauna. Die konsumiert man zu Hause mit der Gattin, während man auf die Ziehung von Lottozahlen wartet.’

Soziales Genus:

(Bitte zuerst, falls möglich, die folgende Geschichte auf finnisch oder ungarisch lesen [und nachdenken], erst dann die deutsche Übersetzung!)

Olipa kerran pieni perhe: kansainvälisesti tunnettu kirurgi, hänen sosiaalityöntekijänä toimiva puolisonsa ja heidän kahdeksanvuotias poikansa. Melko vauraalla perheellä oli huvila Suvisaaristossa Espoossa. Siellä he kävivät aina, kun vain aikaa siihen oli. Eräänä päivänä isä ja poika olivat matkalla huvilalle, kun he joutuivat liikenneonnettomuuteen. Isä kuoli, mutta poika vietiin henkihieverissä sairaalaan. Sairaalassa leikkaava lääkäri sanoi: "Tämähän on minun poikani." Miten tämä on mahdollista?

[Volt egyszer egy kis család: a szülők — egy nemzetközileg ismert sebész, egy szociális munkás — és a nyolcéves fiuk. Viszonylag jómódú volt a család, volt egy szép nyaralójuk a Balatonon. Ott annyi időt töltöttek, amennyit csak lehetett. Egyszer, amikor éppen odafelé autózott az apa a fiúval, baleset érte őket. Az apa meghalt, az életveszélyesen sérült fiút kórházba szállították. A kórházban a mûtő orvos rögtön azt mondta: "De hiszen ez az én fiam!" Ez hogyan lehetséges?]


[Es war einmal eine kleine Familie: ein/e international berühmte/r Chirurg/in, ihr/seine Ehepartner/in, der/die als Sozialarbeiter/in tätig war, und ihr 8jähriger Sohn. Die Familie war ziemlich wohlhabend und hatte ein schönes Sommerhaus. Dorthin fuhren sie immer, wenn es nur die Zeit erlaubte. Eines Tages, als der Vater mit dem Sohn zum Sommerhaus fuhr, passierte ein Verkehrsunfall. Der Vater war sofort tot, den schwer verletzten Sohn brachte man zum Spital. Dort sagte der/die operierende Arzt/Ärztin gleich: "Das ist ja mein Sohn!" Wie ist dies möglich?]

Jan-Håkan Öberg (Acatiimi 5/2003: 25–26): "Ich habe diese Geschichte mit derselben Frage vielen Leuten erzählt, aber nur wenige haben die Frage richtig beantworten können. ... Die Mehrheit der Hörer versteht die Geschichte so, dass — da der Vater, der Chirurg, gestorben ist — der operierende Arzt ein anderer Mann ist, ein "echter" oder "falscher" Vater. Diese Erklärung wird sowohl von Männern als auch von Frauen angeboten..."

Genderbezogene Asymmetrien und Genuskonflikte

Wortbildung – oft asymmetrisch: das weibliche Glied der Opposition ist

.

Kongruenz: Bestimmungen des Substantivs in den Genus-Sprachen werden gekennzeichnet (die junge Frau, die dort steht; frz. elle est belle ‘sie ist schön (f.)’; russ. ona prishla ‘sie ist gekommen’ (< *(ist) die Gekommene), ja/ty prishla ‘ich bin / du bist gekommen (f.)’.

Pronominalisierung (oft Konflikte zwischen natürlichem und grammatischem Genus): der Mann – er; jemand, der/?die...; wer hat seinen/?ihren Koffer vor der Tür gelassen?; russ. kto prishël? ‘wer ist gekommen (m.)?’.

Bestimmung von Genus: laut D. Steinmetz ist Maskulinum das Default-Genus im Dt. (d.h. Wörter, deren Genus mit keiner anderen Regel zu bestimmen ist, sind Maskulina).

Koordination: Genuskonflikte werden typischerweise mit gener. Maskulinum oder Neutrum gelöst (isländisch Óli og Elsa eru ung ‘Óli [m.] und Elsa [f.] sind jung [n.pl.]’; arabisch Lab u bnatu ‘yyanin ‘Der Vater [m.] und die Töchter [f.pl.] sind müde [m.pl.]).

Weitere Ausdrücke von Gendersystemen im Sprachsystem

Gleichberechtigung in der Sprache, Kampf gegen sexistischen Sprachgebrauch:

Hintergründe von genderrelevanten Systemen in der Sprache:

Ist die Sprachwissenschaft androzentrisch?

Metapher: DIE SPRACHE IST EINE FRAU
Die Sprache

Ist die Sprachwissenschaft männlich?

Die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft ist (ungefähr) gleichzeitig mit der Nationalromantik und dem (männlichen) romantischen Geniuskult entstanden. Dem letzteren ist eine eingebaute Frauenfeindlichkeit typisch: Die Frau wird, als symbolische Vertreterin des Objekts (Sprache / Kunst / Volk / Natur...), der Mittel (schöpferische Arbeit, Inspiration, Genius) und des Kontextes (Natur; Familie; Nation; Institutionen und Disziplinen) von der Agensrolle in der schöpferischen, geistigen Arbeit ausgeschlossen.

Während die Geschlechterdichotomie, zur Zeit des entstehenden Industrialkapitalismus, immer strenger wurde (und die Frauen als immer mehr asexuelle Wesen betrachtet wurden), wurde die Ideologie der Wissenschaft mehr und mehr androzentrisch. Die Dichotomien "objektiv/subjektiv", "Natur/Kultur" wurden immer schärfer, und die Auffassung von der Natur wurde leblos und mechanisch.

In der Sprachwissenschaft und in den Naturwissenschaften haben dieselben Prinzipien gegolten: Objektifizierbarkeit, "Weißbarkeit" (knowability) und die strenge Objekt/Subjekt-Dichotomie. "Wenn wir glauben, dass die Natur blind und dumm ist, werden wir mit einfacheren Erklärungen zufrieden sein, als wenn wir denken, dass die Natur vielseitig und einfallsreich ist." (Evelyn Fox Keller)

Kritik der autonomen Linguistik: Sprache, Sprachwissenschaft und Wirklichkeit:

Die autonome Sprachwissenschaft ist scheinbar geschlechtsneutral aber eben dadurch angreifbar. Die postmodernen Betrachtungsweisen haben zur Genderlinguistik viel Wertvolles beigetragen (das Infragestellen der Autonomie des Sprachsystems, die Normen des Sprachgebrauchs als tief eingeprägte Machtstrukturen, das sprachliche Verhalten als Performanz usw.), haben aber oft äußerst wenig mit der Empirie der Sprachforschung zu tun, d.h. mit dem tatsächlichen Sprachgebrauch und mit den sprachinternen Gesetzmässigkeiten.
Vertreter der konnektionistischen Annäherungsweise sind neben der Genderlinguistik auch z.B. die kognitive Linguistik, die kritische Linguistik, die Ökolinguistik usw. In dieser Annäherungsweise wird die Selbstkritik und Selbstreflexion der Sprachwissenschaft "eingebaut", ohne die Empirie der alltäglichen Sprache aus den Augen zu verlieren.

Aktualisiert 25.10.2003.

johanna.laakso@univie.ac.at