Im nationalromantischen Denken ist die Nationalität etwas angeblich Allgemein- oder Übermenschliches, zugleich Natürliches (Biodeterminismus) und Immaterielles. Gleichzeitig wird die Nationalität mit männlichen Werten verknüpft: Die Geschichte ist die patrilineare Geschichte der Männer (der homosozialen Männerbeziehungen), die Position der Frau ist von der des Mannes abhängig und nie umgekehrt, und diese Genderordnung wird überall konsequent wiederholt und bestätigt. Der Mann ist der prototypische Vertreter der Nation.
In Herder’s thought the very essence of tradition is masculine. ‘Paternal love... is best displayed by a manly education.’ [...] The patriarchal order thus pervades all levels of society and, like tradition, is made inviolable by rooting it in human nature and vesting it with religious sanction. [...] What is generally associated in the Western tradition with the feminine and given a negative value in comparison to its masculine counterpart [i.e. Fatherland, intuition, imagination, emotion] is reversed in Romantic Nationalist ideology. (Fox 1993: 34, 35, 37)
... man könnte glauben: Wenn man explizit über Nationalität spricht, spricht man über eine zeitlose Ordnung, die größer ist als das profane, geschlechtbezogene Leben. Die Nationalität ist etwas Erhabenes und Immaterielles. Hinter diesen immateriellen Ideen kommen jedoch genderbezogene Körper zum Vorschein. Hinter der geschlechtslosen, »nostrischen» [fi. meinen ← me ‘wir’] Gesellschaftsfassade werden Mütter und Väter, Töchter und Söhne sichtbar, alle auf ihren eigenen Plätzen. Die Frau ist die »Pflegerin», die Mutter der Gesellschaft und der Nation, und wohin auch immer sie sich bewegt, folgen ihr – anders als dem Mann – als Kontext das Zuhause und die Familie mit. Symptomatisch für diese »flache» Genderordnung ist, dass die Position der Frau immer mit der des Mannes verglichen wird, nie umgekehrt. Diese stabile Identifizierbarkeit wiederholt sich in Texten, auch wenn sich die Paradigmen, Methoden und sogenannte wissenschaftliche Trends verändern. Die scheinbar stabile Genderordnung wird zu einem einheitlichen, unteilbaren Meinungssystem, das »allen» gemeinsam ist. Diese Ordnung werde ich hier das nationale Gender nennen. [Kirsti Lempiäinen in Gordon & al. 2002: 33]
Die Nation (ebenso wie die Muttersprache), als Kontrast zu der aktiven Rolle seines Vertreters, ist statisch und feminin, wie eine Mutter und/oder eine Geliebte, und kann sich sogar in einer konkreten Frau »verkörpern», die für den Mann die Zusammengehörigkeit zur Nation symbolisiert.
Mythische Erzählungen definieren die Nationalität als etwas Ererbtes und Natürliches, eine ausgedehnte Familie – die Nation wird ebenso naturalisiert wie die Genderrollen.
Die Frau ist generisch und kann als Nationalsymbol verwendet werden (wie Gebäuden, Natur oder traditionelle Gerichte), die Männer sind Einzelindividuen.
(Beispiele von Tuula Gordon in Gordon &al. 2002: junge Finnen sprechen über nationale Symbole und die Möglichkeit, die Freiheitsstatue und das Bild einer Flamencotänzerin mit Männergestalten zu ersetzen:)
ILARI: Bill... Bill Clinton, glaub ich, er könnte Amerika symbolisieren, glaub ich, so wie die Freiheitsstatue, aber, eh, ich weiß nicht, Spanien zum Beispiel. Mir fällt nichts ein. Na ja, ich kenne ja auch keine Spanier, aber, ich mein...
LEO: Na ja, du könntest ja den Vorsitzenden des olympischen Komitees dorthin setzen, aber das ist dann nur er, der Samaranch.
ILARI: O, ja, ich weiß ja nicht einmal, wer er ist.
LEO: Ja, aber das steht ja eigentlich nicht für Spanien. Das würde nur das olympische Komitee bedeuten. ---
![]() | (S. auch "The Finnish Maiden"!) |
[Könnte es ein entsprechendes Symbol geben wie die »Jungfrau Finnland» (Suomi-neito), eine männliche Gestalt?]
(Gelächter)
EETU: Nein, zum Glück. Kann nichts anderes sagen.
---
[Was für Bilder könnten die traditionellen Frauenfiguren ersetzen?]
ISMO: Für Finnland sind diese Seen im Hintergrund genug, glaub ich. Die Frau [im Vordergrund] kann man weglassen.
Frauen vertreten die Vergangenheit und die zeitlose innere Natur der Nation, ihre Kontinuität und Tradition, während Männer die individuelle Tätigkeit, die persönliche Verantwortung und den Fortschritt symbolisieren. Auch die Frauen, wenn sie über sich selbst als aktive Subjekte sprechen, identifizieren sich mit den Männern (Vätern) und den typischen Männertätigkeiten:
|
Ylös nuoriso! Nostata hoitelemaan hyvät haltiat maaemoamme, min rinnat on riistaa tulvillaan ja sen kauneus lumoojamme. Tuhatlaumat se vuossadat ruokkinut on, yhä nuorena kukkien keväin, raviten ne, kun korpia kuokkinut on, yhä ruumiin ja hengen eväin. |
Auf, Jugend! Erwecke die guten Geister unsere Land-Mutter zu pflegen, deren Brüste voll von Reichtum sind und deren Schönheit uns bezaubert. Tausendköpfige Scharen hat sie jahrhundertelang genährt, immer jung blühend im Frühling, die erhaltend, die die Wildnisse gerodet haben, mit Nahrung für Körper und Seele. |
| (Aus Anlass eines Schulfestes im 1913 von einem Lehrer verfasst.) | |
|
... Ah, runsain, runsain määrin meille isät on antanehet! Tääll’ lehdot on muistona vielä, minne isämme uhreja toi, [...] Me kynnämme yhteisvoimin, ei kenkään saa väistyä pois, me jatkamme isien työtä, suvi kestävä meillä et ois! |
... Ach, in Hülle und Fülle haben die Väter uns gegeben! Hier stehen noch die heiligen Haine als Erinnerung, wo unsere Väter ihre Opfer gebracht haben [...] Wir pflügen mit vereinten Kräften, keiner darf ausweichen, wir setzen die Arbeit unserer Väter fort, damit unser Sommer ewig währe! |
| (Aus Anlass eines Schulfestes im 1933 von einer Schülerin verfasst.) | |
Die Paradoxe des Folklorismus und der konfliktierenden Bilder:
Die moderne, aktive Frau (Freiheit der Frau v.a. als freie Sexualität verstanden – aber auch als Vernachlässigen der Familie) als Gefahr für die Nation:
Der Mythos (?) der aktiven und starken (?) finnischen (und estnischen?) Frau: nur nationalistische Selbstverherrlichung, versteckter Patriarchalismus (fi. ylistämällä alistaminen, ‘Unterdrücken durch Hochloben’) oder eine fruchtlose Wiederholung des alten Frauenforschungsklischees women have always worked?
Negative nationale Stereotypen, Gender und Ursprungsmythen:
»[Zu den »ausgedehnten Selbstmorden»:] Offensichtlich ein finnisches Verbrechen, dass man seine eigene Familie so vernichtet. Im Hintergrund steht diese japanische oder fernöstliche Angst vor Scham, weil man vor dem Bankrott steht oder als Verbrecher enttarnt wird. Um die Familienmitglieder vor dem Leiden zu retten, tötet man sie.» [Ein anonymer finnischer Intellektueller im Buch Pidot Suomessa, 1972.]
Dem (maskulinen) Finnentum, das als geschlechtslos dargestellt wird, werden manchmal Charakteristika angeknüpft, mit denen man auch Totschläge und Selbstmorde beschreibt. Ein Finne trinkt viel, wird aggressiv im alkoholisierten Zustand, leidet an Minderwertigkeitsgefühlen, ist eifersüchtig und dominierend. Mörder und Selbstmörder werden nicht als abweichende Persönlichkeiten betrachtet, eher wird ihr pathologisches Verhalten als kennzeichnend für den nationalen Charakter empfunden, oder als kennzeichnend für die finnische Mentalität oder das von der finnischen Kultur erzeugte Minderwertigkeitsgefühl. Im Kontext der Nationalität und Kultur ist das aktive Subjekt meistens, implizit oder explizit, männlich – wenn man über Frauen spricht, werden eher universal-biologische Erklärungen bevorzugt, besonders solche, die mit der Mutterschaft verbunden sind. [Minna Nikunen in Gordon & al. 2002: 276-277]
Spatialisierung der Zeit und Zivilisation im kolonialistischen und rassistischen Denken: Die Naturvölker der Dritten Welt (»untere Rassen») vertreten die »zeitlose» Vergangenheit, Primitivität, Irrationalität und Fehlen der Kontrolle, Passivität und Feigheit, die man mit weiblichen Attributen symbolisiert.
Auch die konkreten Vertreter der Minderheiten, die Kolonisierten, sind wie Frauen: gefühlvoll, passiv und weniger fähig zur rationellen, entschlossenen Handlung.
Großmuttersprache: Bei vielen fiu. Minderheiten sind die letzten Sprecher Frauen gewesen – weil die Frauen im Durchschnitt länger leben (besonders bei vielen Völkergruppen Russlands, wo sich die Lebenserwartung bei Männern u.a. wegen des Alkoholismus deutlich vermindert hat), oder weil sie generell konservativer sind, oder weil sie früher weniger Möglichkeiten zur Erlernung von fremden Sprachen gehabt haben (während die Männer in Städten od.ä. entlegenen Arbeitsstellen gearbeitet oder Wehrdienst geleistet haben)?
Natürlich hat es auch männliche letzte Sprecher gegeben, z.B. »Niittahon Jussi» (Johan Johansson Oinonen), der letzte Sprecher des Värmlandfinnischen in Schweden, oder Mikkel Sausais, der letzte Sprecher des Krewinischen in Lettland. Bei einigen von diesen Fällen erhebt sich aber die Frage, auf welcher Grundlage die »besten» Informanten einer aussterbenden Sprachvarietät gewählt werden.
Sind die Frauen im Sprachgebrauch konservativer? In der dialektologischen Feldforschung heißt der traditionelle Idealinformant NORM (non-mobile older rural male), und es wird oft behauptet, dass sich die Frauen in ihrer Sprache stärker als die Männer zur Standard-, Schrift- oder Hochsprache orientieren (während den Männern das versteckte Prestige, d.h. die für die lokale Sprechergemeinschaft typischen nicht-Standardformen, bleibt). Andererseits weiss man vielleicht noch nicht genug über die Sprache der Frauen in den fiu. Sprechergemeinschaften, weil die Perspektive der traditionellen Sprachforschung »verzerrt» ist (oder gilt die Kritik des Androzentrismus in der westeuropäisch-angloamerikanischen Soziolinguistik auch für die traditionelle finnougristische Dialektologie?).
»Besonders in England – zu einem geringeren Mass auch anderswo – hat die Sprachforschung die Frauen marginalisiert. Auch wenn man sie miteinbezogen hat, dann nur als Ergänzung zur Informationsbank des Dialektforschers, nicht als vollwertige Mitglieder der Sprechergemeinschaft. Die Dialektologie hat die Frauen auch durch die Themenwahl marginalisiert: die Männerwelt ist auch in den Fragebögen stärker vertreten. [...] Die Erforschung von statuslosen Sprachvarietäten hat jedoch nicht dazu geführt, dass man den Sprachgebrauch von Frauen an sich erforscht hätte, ohne ihn dauernd auf den der Männer zu projizieren. Obwohl beide Geschlechter jetzt als Forschungsobjekte vorkommen, interessieren sich die Forscher immer noch mehr für die Männer. Es gibt [1988!] Studien zur Sprache von afroamerikanischen Männern oder Schülern in Edinburgh, aber keine soziolinguistische Variationsstudien zur Sprache von (nur) Frauen. [...] Die Frauen leben in unseren Kulturen nicht als Gruppe von Männern getrennt, und vielleicht hat man sie eben deshalb nicht als eine Gruppe betrachten können. Dass Männer jedoch als eine Gruppe erforscht worden sind, ist wahrscheinlich nicht damit zu erklären, dass man sie für eine Gruppe hält, sondern dass ihre Existenz und ihr Verhalten als irgendwie grundlegend gegolten hat. Durch das Beschreiben von Männern hat man geglaubt, etwas Wesentliches vom Verhalten des Menschen erreichen zu können. Man hat die Sprache der Männer so behandelt, als ob sie die Sprachvarietäten von beiden Geschlechtern vertreten könnte.» (Pirkko Nuolijärvi in Laitinen [Hg.] 1988.)
»Im Jahr 1924 erschien das ‘Handbuch für die Wortschatzsammler der finnischen Dialekte’ von Lauri Hakulinen. Im Büchlein werden die Kriterien eines guten Informanten, des Sprachmeisters, aufgezählt. Der Sprachmeister sollte ein gebürtiger Ortsansässiger sein, eine wenn möglich ungebildete, ältere Person, die sich in ihren Lebzeiten kaum außerhalb von ihrer Heimat bewegt hat. Andererseits sollte der Sprachmeister eine schnelle Auffassungsgabe besitzen, rüstig sein, ein gutes Gedächtnis und persönliche Erfahrungen von vielen Seiten des volkstümlichen Lebens haben. Im Handbuch stellt man fest: ‘Oft sind Frauen für diese Tätigkeiten besser geeignet gewesen als Männer.’ Trotzdem soll man einer Frau als Informantin mit Vorbehalt gegenüberstehen. Die Anfänger werden, aus Erfahrung eines alten Feldforschers, vorgewarnt: ‘Die eigenen Erörterungen eines aus dem gemeinen Volk auserwählten Sprachmeisters soll man nur mit großem Vorbehalt hinnehmen. Was sie heute gesagt haben, können sie in einer Woche streng bestreiten, oder sie können selbst so ein Wort verwenden, die sie, wenn sie es gesondert hören, überhaupt nicht kennen wollen. Vor allem bei Frauen ist die Fähigkeit zur Abstraktion sehr gering.’ [...] Obwohl die meisten Sammler von lokalen Dialektwortschätzen Männer waren, war die Zahl von weiblichen Informantinnen in den 1920er–1930er Jahren nicht mehr wesentlich kleiner als die der Männer. [...] Interessant ist, dass sowohl weibliche als auch männliche Feldforscher in ihren Forschungsberichten fast immer eine Frau als ihre ‘beste’ oder ‘hauptsächliche’ Sprachmeisterin erwähnen.» (Kirsti Kosonen in Laitinen [Hg.] 1988.)
Gilt die Konservativität der Frauen beim Sprachgebrauch auch für die Sprachwahl und Erhaltung einer gefährdeten Sprache? Laut Haarmann (1999) zeigt die Volkszählung der Sowjetunion 1970 ([!] die einzige, wo das Geschlecht als verwendbare Variable vorkommt) leicht aber konsequent größere Zahlen der Spracherhaltung bei Frauen als bei Männer; z.B. haben bei den städtischen Udmurten 66,9% von den Frauen und 61,2% von den Männern Udmurtisch als Muttersprache angegeben, bei den ländlichen Wepsen sprachen 34,3% von den Frauen aber nur 30,4% von den Männern Wepsisch als Muttersprache. Vielleicht spielt hier die größere Lebenserwartung von Frauen eine Rolle?
Unter den AktivistInnen, die sich mit der Identitätsbildung bei Minderheiten und mit der Revitalisierung von gefährdeten Sprachen beschäftigen, gibt es auch oft sehr viele Frauen. Das kann sich wenigstens teilweise mit dem großen Anteil von Frauen im Lehrpersonal und in den Geisteswissenschaften überhaupt erklären. Auffallend ist jedoch die wichtige Rolle von Frauen bei dem nationalen Erwachen der Saamen. Inför lif eller död – sanningsord i de lappska förhållanden (‘Vor Leben oder Tod – Worte der Wahrheit in den lappischen Umständen’, 1904) von Elsa Laula ist wahrscheinlich die wichtigste Schrift, die zu der Organisierung von Saamen beigetragen hat; Elsa Laula organisierte saamische Vereine in Schweden und Norwegen und war die Hauptveranstalterin der ersten saamischen Landessammlung in Trondheim (6.2.1917 – wird auch heute als Nationaltag der Saamen gefeiert).
Andererseits sind es oft eben die jüngeren Frauen, die sozial mobil und weniger an die traditionellen sozialen Netzwerken verbunden sind, die sich besonders gern und schnell assimilieren. In Susan Gals berühmter Untersuchung zu den burgenländischen Ungarn (1979) wurde festgestellt, dass die jungen Ungarinnen durch ihre Partnerwahl (Ehe mit einem Deutschsprachigen als Mittel der sozialen Mobilität) die Assimilation der ungarischsprachigen Volksgruppe deutlich fördern und beschleunigen. Dies kann man als eine »typische Frauenstrategie» zum sozialen Aufstieg charakterisieren: Sein statt Machen. Birger Winsa berichtet, dass die jungen Tornedalfinninnen in Nordschweden besonders oft unwillig sind, ihre Muttersprache (Tornedalfinnisch, meänkieli) zu verwenden, auch wenn sie eigentlich die Sprache besser beherrschen würden als viele jungen Männer – Tornedalfinnisch ist deutlich mit männlichen Aktivitäten (z.B. Elchjagd) und Männernetzwerken verbunden und gehört zur Sozialisation von jungen Männern.
Frauen und Minderheiten leiden beide unter »Stimmlosigkeit»: ihre Identität, ihre Erfahrungen, ihre Perspektiven sind oft von Männern/Mehrheiten definiert und formuliert worden, sie selbst kommen nicht zu Wort, sogar die Sprache der Machthabenden ist ihnen vielleicht fremd. Werden die Frauen der Minderheiten zweifach mundtot gemacht? (Und wie passt dies damit zusammen, dass die Frauen in Wirklichkeit eine bedeutende Rolle bei der Erhaltung von kleinen Sprachen und Minderheitenidentitäten spielen?)
Minderheitenkulturen und die Frauen: Die Arbeit im Bereich der nationalen Kultur kann auch eine typische Frauenstrategie darstellen, nicht nur weil Kultur und Geisteswissenschaften Frauendomänen sind, sondern auch weil sie eine Kompromisslösung bietet, die die »Selbstverwirklichung» mit dem »relationalen» Frauenethos (sich für die Anderen aufopfern...) vereint.
Aktualisiert 16.01.2004.