Gender und Nationbildung

Gender und die nationale Symbolik

Im nationalromantischen Denken ist die Nationalität etwas angeblich Allgemein- oder Übermenschliches, zugleich Natürliches (Biodeterminismus) und Immaterielles. Gleichzeitig wird die Nationalität mit männlichen Werten verknüpft: Die Geschichte ist die patrilineare Geschichte der Männer (der homosozialen Männerbeziehungen), die Position der Frau ist von der des Mannes abhängig und nie umgekehrt, und diese Genderordnung wird überall konsequent wiederholt und bestätigt. Der Mann ist der prototypische Vertreter der Nation.

In Herder’s thought the very essence of tradition is masculine. ‘Paternal love... is best displayed by a manly education.’ [...] The patriarchal order thus pervades all levels of society and, like tradition, is made inviolable by rooting it in human nature and vesting it with religious sanction. [...] What is generally associated in the Western tradition with the feminine and given a negative value in comparison to its masculine counterpart [i.e. Fatherland, intuition, imagination, emotion] is reversed in Romantic Nationalist ideology. (Fox 1993: 34, 35, 37)

... man könnte glauben: Wenn man explizit über Nationalität spricht, spricht man über eine zeitlose Ordnung, die größer ist als das profane, geschlechtbezogene Leben. Die Nationalität ist etwas Erhabenes und Immaterielles. Hinter diesen immateriellen Ideen kommen jedoch genderbezogene Körper zum Vorschein. Hinter der geschlechtslosen, »nostrischen» [fi. meinenme ‘wir’] Gesellschaftsfassade werden Mütter und Väter, Töchter und Söhne sichtbar, alle auf ihren eigenen Plätzen. Die Frau ist die »Pflegerin», die Mutter der Gesellschaft und der Nation, und wohin auch immer sie sich bewegt, folgen ihr – anders als dem Mann – als Kontext das Zuhause und die Familie mit. Symptomatisch für diese »flache» Genderordnung ist, dass die Position der Frau immer mit der des Mannes verglichen wird, nie umgekehrt. Diese stabile Identifizierbarkeit wiederholt sich in Texten, auch wenn sich die Paradigmen, Methoden und sogenannte wissenschaftliche Trends verändern. Die scheinbar stabile Genderordnung wird zu einem einheitlichen, unteilbaren Meinungssystem, das »allen» gemeinsam ist. Diese Ordnung werde ich hier das nationale Gender nennen. [Kirsti Lempiäinen in Gordon & al. 2002: 33]

Die Nation (ebenso wie die Muttersprache), als Kontrast zu der aktiven Rolle seines Vertreters, ist statisch und feminin, wie eine Mutter und/oder eine Geliebte, und kann sich sogar in einer konkreten Frau »verkörpern», die für den Mann die Zusammengehörigkeit zur Nation symbolisiert.

... közben pedig az égboltozaton föl-fölbukkanó meteorrajokat nézték. Úgy tetszett, hogy a bánsági svábság is ilyen gazdátlan szikraraj, egy széthulló égitest elszabadult törmelékei. [...]
Az ország akkoriban tele volt egy kőnyomással, amely Hungária asszonyt ábrázolta. A kép nem volt valami művészi alkotás, Hungáriának azonban szakasztott olyan leányosan fennkölt, rajongó és kedvesen fontoskodó arca volt, mint a vicispán szép lányának. [...]
A vicispán kisasszony szépsége, amely olyan idegenszerűen magyaros volt, csodásan meghatotta és föllelkesítette. A nagy epedő honvágy, amelyet a magyarság után érzett, most Kamilla felé fordult.

‘... inzwischen betrachteten sie die auf dem Himmelsgewölbe immer wieder auftauchenden Meteorscharen. Es schien ihnen, als seien die Schwaben des Banats auch so eine herrenlose Funkenschar, Splitter eines zerfallenden Himmelkörpers. [...]
Das Land war damals voll von Kopien einer Lithographie, die die Frau Hungaria darstellte. Das Bild war kein großes Kunstwerk, aber Hungarias Gesicht, mädchenhaft erhaben, ekstatisch und anmutig wichtigtuerisch, war dem Gesicht von der schönen Tochter des Vizeispans ganz ähnlich. [...]
Die Schönheit der Tochter des Vizeispans, so fremdartig und ungarisch, bewegte und begeisterte ihn auf eine seltsame Weise. Das große, schmachtende Heimweh, das er dem Ungarntum gegenüber fühlte, wendete sich jetzt an Kamilla...’ [Ferenc Herczeg: A hét sváb, 1916]

Mythische Erzählungen definieren die Nationalität als etwas Ererbtes und Natürliches, eine ausgedehnte Familie – die Nation wird ebenso naturalisiert wie die Genderrollen.

... Heim(at), (Land der) Geburt und die Familie/Sippe/Verwandtschaft (heimo) sind Begriffe, die man bei der Beschreibung der nationalen Einheit verwendet. Durch die Zuhause-Metapher werden die Unterschiede zwischen Völkern naturalisiert und die Unterschiede binnen des Volkes ausgeschlossen: »Kinder von einer Familie / sind wir alle hier.» Die Konzeptualisierung der Völker als Familien oder Sippen verbirgt ihren Charakter als moderne, historische Konstruktionen. [Katri Komulainen in Gordon & al. 2002: 142–143.]

Die Frau ist generisch und kann als Nationalsymbol verwendet werden (wie Gebäuden, Natur oder traditionelle Gerichte), die Männer sind Einzelindividuen.

(Beispiele von Tuula Gordon in Gordon &al. 2002: junge Finnen sprechen über nationale Symbole und die Möglichkeit, die Freiheitsstatue und das Bild einer Flamencotänzerin mit Männergestalten zu ersetzen:)
ILARI: Bill... Bill Clinton, glaub ich, er könnte Amerika symbolisieren, glaub ich, so wie die Freiheitsstatue, aber, eh, ich weiß nicht, Spanien zum Beispiel. Mir fällt nichts ein. Na ja, ich kenne ja auch keine Spanier, aber, ich mein...
LEO: Na ja, du könntest ja den Vorsitzenden des olympischen Komitees dorthin setzen, aber das ist dann nur er, der Samaranch.
ILARI: O, ja, ich weiß ja nicht einmal, wer er ist.
LEO: Ja, aber das steht ja eigentlich nicht für Spanien. Das würde nur das olympische Komitee bedeuten. ---

(S. auch "The Finnish Maiden"!)

[Könnte es ein entsprechendes Symbol geben wie die »Jungfrau Finnland» (Suomi-neito), eine männliche Gestalt?]
(Gelächter)
EETU: Nein, zum Glück. Kann nichts anderes sagen.
---
[Was für Bilder könnten die traditionellen Frauenfiguren ersetzen?]
ISMO: Für Finnland sind diese Seen im Hintergrund genug, glaub ich. Die Frau [im Vordergrund] kann man weglassen.

Frauen vertreten die Vergangenheit und die zeitlose innere Natur der Nation, ihre Kontinuität und Tradition, während Männer die individuelle Tätigkeit, die persönliche Verantwortung und den Fortschritt symbolisieren. Auch die Frauen, wenn sie über sich selbst als aktive Subjekte sprechen, identifizieren sich mit den Männern (Vätern) und den typischen Männertätigkeiten:

Ylös nuoriso! Nostata hoitelemaan
hyvät haltiat maaemoamme,
min rinnat on riistaa tulvillaan
ja sen kauneus lumoojamme.
Tuhatlaumat se vuossadat ruokkinut on,
yhä nuorena kukkien keväin,
raviten ne, kun korpia kuokkinut on,
yhä ruumiin ja hengen eväin.
Auf, Jugend! Erwecke die guten Geister
unsere Land-Mutter zu pflegen,
deren Brüste voll von Reichtum sind
und deren Schönheit uns bezaubert.
Tausendköpfige Scharen hat sie jahrhundertelang genährt,
immer jung blühend im Frühling,
die erhaltend, die die Wildnisse gerodet haben,
mit Nahrung für Körper und Seele.
(Aus Anlass eines Schulfestes im 1913 von einem Lehrer verfasst.)

... Ah, runsain, runsain määrin
meille isät on antanehet!

Tääll’ lehdot on muistona vielä,
minne isämme uhreja toi, [...]

Me kynnämme yhteisvoimin,
ei kenkään saa väistyä pois,
me jatkamme isien työtä,
suvi kestävä meillä et ois!
... Ach, in Hülle und Fülle
haben die Väter uns gegeben!

Hier stehen noch die heiligen Haine als Erinnerung,
wo unsere Väter ihre Opfer gebracht haben [...]

Wir pflügen mit vereinten Kräften,
keiner darf ausweichen,
wir setzen die Arbeit unserer Väter fort,
damit unser Sommer ewig währe!
(Aus Anlass eines Schulfestes im 1933 von einer Schülerin verfasst.)

Die Paradoxe des Folklorismus und der konfliktierenden Bilder:

... während das ewige Wesen der Nation mit den agraren, landwirtschaftlichen Bildern vermittelt wurde, basierte die Erzählung des nationalen Erwachens, wie sie im Gymnasialunterricht dargestellt wurde, auf dem Bild einer bürgerlichen Familie. Frauen als Mütter, Gattinnen und Töchter wurden im häuslichen Kreis eingesetzt, entweder als Ernährerinnen und Pflegerinnen oder als schutzbedürftige Wesen. In der Schulerzählung des nationalen Erwachens gab es keinen Platz für die mythische starke und tüchtige finnische Bäuerin! In der Bildersprache der Volksschule dagegen war das Zuhause immer ein traditionelles Landgut.

Die moderne, aktive Frau (Freiheit der Frau v.a. als freie Sexualität verstanden – aber auch als Vernachlässigen der Familie) als Gefahr für die Nation:

»Aber während wir den vergangenen Generationen für ihre gewissenhafte Arbeit danken [...] müssen wir jedoch für die Zukunft zutiefst besorgt sein. Unsere Kultur ist nicht so gesund wie es scheint. [...] Das Schlimmste ist, dass, im Gefolge der Frauenemanzipation, die hemmungslose Sexualität einen Teil von unseren Jugendlichen verdorben hat und droht, die Grundlagen des häuslichen Glückes zu zerstören. [...] Sillanpää, unser großer Schriftsteller, hat gesagt, dass es drei Zeichen des echten und gesunden Lebens gibt: reine Jungfräulichkeit, Mutterschaft und treue Freundschaft. Heute sind alle drei problematisch geworden.» (Aus einer Predigt in einem Festgottesdienst, aus Anlass eines Schulfestes im 1965.) [Diese 3 »Schulbeispiele» und das vorige Zitat: Katri Komulainen in Gordon &al. 2002.]

Nationale Stereotypen und Gender: unsere starken Frauen und selbstzerstörerischen Männer?

Der Mythos (?) der aktiven und starken (?) finnischen (und estnischen?) Frau: nur nationalistische Selbstverherrlichung, versteckter Patriarchalismus (fi. ylistämällä alistaminen, ‘Unterdrücken durch Hochloben’) oder eine fruchtlose Wiederholung des alten Frauenforschungsklischees women have always worked?

»[Die Folkloristin Satu] Apo analysiert ihre eigene »finnische Verpflichtung», die sie als einen holistisch-demokratischen Kulturbegriff charakterisiert. Mit einem konkreten Beispiel zeigt sie, wie ein/e (von ihr kritisierte/r) zentraleuropäische/r ForscherIn seine/ihre Betrachtung auf die Stadtkultur einschränkt und den größten Teil der dortigen und derzeitigen Bevölkerung, d.h. die Landleute, vernachlässigt. [... Apo notiert auch] einen Unterschied zwischen großen und kleinen Sprachbereichen: die ForscherInnen in kleinen Ländern sind für die kontextuellen und kulturellen Verbindungen ihrer Arbeit stärker sensibilisiert. [...] Ist ein/e FrauenhistorikerIn, der/die sich mit Finnlands Geschichte oder Gegenwart beschäftigt, zum Wiederholen des mythischen starken Frauenbildes verurteilt? [-- Die Lösung für dieses Problem zeigt] die anscheinend einfache Beobachtung der britischen Historikerin Catherine Hall: Frauen- und/oder feministische HistorikerInnen haben sich auf die nationalen Erzählungen konzentriert, weil sie es für wesentlich gehalten haben, sich selbst und ihre Themen in der nationalen Geschichte zu positionieren. Wenn man über die ‘finnische’ oder ‘schwedische’ oder ‘deutsche’ Frau spricht, ist dies ein Teil des oft erwähnten Projekts des Sichtbarmachens.» [Pirjo Markkola in Gordon & al. 2002: 82, 85-86]

Negative nationale Stereotypen, Gender und Ursprungsmythen:

»[Zu den »ausgedehnten Selbstmorden»:] Offensichtlich ein finnisches Verbrechen, dass man seine eigene Familie so vernichtet. Im Hintergrund steht diese japanische oder fernöstliche Angst vor Scham, weil man vor dem Bankrott steht oder als Verbrecher enttarnt wird. Um die Familienmitglieder vor dem Leiden zu retten, tötet man sie.» [Ein anonymer finnischer Intellektueller im Buch Pidot Suomessa, 1972.]

Dem (maskulinen) Finnentum, das als geschlechtslos dargestellt wird, werden manchmal Charakteristika angeknüpft, mit denen man auch Totschläge und Selbstmorde beschreibt. Ein Finne trinkt viel, wird aggressiv im alkoholisierten Zustand, leidet an Minderwertigkeitsgefühlen, ist eifersüchtig und dominierend. Mörder und Selbstmörder werden nicht als abweichende Persönlichkeiten betrachtet, eher wird ihr pathologisches Verhalten als kennzeichnend für den nationalen Charakter empfunden, oder als kennzeichnend für die finnische Mentalität oder das von der finnischen Kultur erzeugte Minderwertigkeitsgefühl. Im Kontext der Nationalität und Kultur ist das aktive Subjekt meistens, implizit oder explizit, männlich – wenn man über Frauen spricht, werden eher universal-biologische Erklärungen bevorzugt, besonders solche, die mit der Mutterschaft verbunden sind. [Minna Nikunen in Gordon & al. 2002: 276-277]

Frauen, Minderheiten und die Anderen

Spatialisierung der Zeit und Zivilisation im kolonialistischen und rassistischen Denken: Die Naturvölker der Dritten Welt (»untere Rassen») vertreten die »zeitlose» Vergangenheit, Primitivität, Irrationalität und Fehlen der Kontrolle, Passivität und Feigheit, die man mit weiblichen Attributen symbolisiert.

Im Gegenteil, die Mentalität [der schwedischsprachigen Seite im sprachpolitischen Kampf in Finnland, im späten 19. Jh.], die, in ihrem brennenden Aktionsbedürfnis eine so grellfarbige Fahne benötigt hat, um sich sichtbar zu machen, verdient unsere Aufmerksamkeit, weil sie den Einfluss des skandinavischen, oder eher germanischen Blutes widerspiegelt. Dies ist um so mehr bemerkenswert, weil es sich so scharf von der bescheidenen Passivität des echten finnischen Charakters unterscheidet. Die finnische Rasse ist, wie Fredrik Cygnaeus schreibt, ‘eine Frau unter den Nationen’ gewesen, die mehr zum Leiden und Ertragen geneigt ist als zum Kampf und Widerstand. (E. G. Palmén 1904, zitiert in Siltala 1999: 789.)

Auch die konkreten Vertreter der Minderheiten, die Kolonisierten, sind wie Frauen: gefühlvoll, passiv und weniger fähig zur rationellen, entschlossenen Handlung.

Der finnische Literaturforscher Veli-Pekka Lehtola (in Heikkinen &al. 1998) hat die sog. Lapplandliteratur erforscht, die in Finnland teilweise die Rolle des »Wilden Westens» spielt: Heldentum und Abenteuer in der gnadenlosen, exotischen Natur, wo das Subjekt allein oder als Mitglied einer kleinen Gemeinschaft den großen Existenzfragen gegenüber steht. »Obwohl die überwiegende Mehrheit von [finnischen] Lapplandautoren Männer sind, hat der auffallend stereotypische Charakter der Frauengestalten [...] trotzdem mich überrascht. [...] Ich bemerkte, dass den Platz der Frau, als Vertreterin des Anderen, hier der Saame besetzt. Die Attribute, die für die Weiblichkeit geschaffen sind, werden in Beziehung zu den Saamen verwendet. Wie die Frauen, werden auch die Saamen deutlich in zwei Gruppen geteilt: die ideal(isiert)en – die Fjellsaamen z.B. – und die ‘Alltäglichen’, v.a. die Skoltsaamen. Typisch für einen guten Saamen sind eine ‘feminine’ Sanftmut, Milde und Empfindlichkeit, die sich zur Hysterie steigern kann. [...] Typisch für die Skoltsaamen, im Gegenteil, sind [...] Gemeinheit, Lügen, Dreckigkeit, Diebstahl und Gewaltsamkeit; vor Herausforderungen weichen diese Eigenschaften jedoch vor der Feigheit zurück. Er [...] wird nicht kämpfen sondern flieht. Diese Charakterzüge kann man leicht als Gegenteile von denen des Finnen sehen: Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Sauberkeit und Gesetzestreue. [...] Die Maskulinität wird als eine Ideologie präsentiert, die die herrschende Position des finnischen Mannes legitimieren soll. Der Finne erreicht sein Ziel mithilfe seines starken Willens, wenn nötig, mit Gewalt: er drängt sich in das unschuldige Lappland hinein, macht es sich zu eigen, dominiert es. Die Saamen, passiv und unfähig wie sie sind, können ihn nicht hindern. Maskulinität ist also mit Kolonialismus vergleichbar. Diese Einstellungen sind umso leichter zu vereinen, da die Maskulinität und der Kolonialismus aufgrund derselben Formel funktionieren. Die hegemonischen Modelle des Denkens basieren auf der Idee von einem selbständigen, unabhängigen Subjekt, das seine eigenen Grenzen verteidigt. [...] Aus der saamischen Perspektive betrachtet geraten aber die Versuche der Lapplandautoren zur Selbstbefreiung in ein ironisches Licht. Um seine Maskulinität aufzubauen, befreit sich der Mann von den Fesseln der Frau und der Heimat, drängt sich immer weiter in das Unbekannte und Extreme. Hier begegnet ihm der Saame, für den das Unbekannte und Fremde weder unbekannt noch fremd ist: er lebt in diesen Umgebungen seit Jahrhunderten. Die saamische Kultur, wie störend es auch sein mag, bildet ein Zuhause dort, wohin der Mann gekommen ist, um seinem Zuhause zu entkommen. Kein Wunder, dass die Bahnbrecher und Pioniere verärgert sind.»

Gender, die kleinen Völker und die gefährdeten Sprachen

Großmuttersprache: Bei vielen fiu. Minderheiten sind die letzten Sprecher Frauen gewesen – weil die Frauen im Durchschnitt länger leben (besonders bei vielen Völkergruppen Russlands, wo sich die Lebenserwartung bei Männern u.a. wegen des Alkoholismus deutlich vermindert hat), oder weil sie generell konservativer sind, oder weil sie früher weniger Möglichkeiten zur Erlernung von fremden Sprachen gehabt haben (während die Männer in Städten od.ä. entlegenen Arbeitsstellen gearbeitet oder Wehrdienst geleistet haben)?

med'd'ee čüläzä õli pal'l'o kanneita vad'd'alaisia. kõičči koolivade. nüd jäännüt tol'kko miä pačtii ühsinnääg. viil ono ühsi starikka. no tämä vähä pajatab. tožo lahzõt pajattõvat kõičči vennäässig, ainõ vennäässig. ii, ebõõ čenneekaa pajattaag.
‘In unserem Dorf gab es viele von diesen Woten. Alle sind gestorben. Jetzt bin nur ich geblieben, fast allein. Es gibt noch einen Alten. Aber er spricht wenig. Auch die Kinder sprechen alle Russisch, immer Russisch. Und, es gibt keinen, mit dem man sprechen kann.’ (Fjokla Wasiljewa, eine der letzten Sprecherinnen des Ostwotischen, geb. 1887, aufgezeichnet 1963)

Natürlich hat es auch männliche letzte Sprecher gegeben, z.B. »Niittahon Jussi» (Johan Johansson Oinonen), der letzte Sprecher des Värmlandfinnischen in Schweden, oder Mikkel Sausais, der letzte Sprecher des Krewinischen in Lettland. Bei einigen von diesen Fällen erhebt sich aber die Frage, auf welcher Grundlage die »besten» Informanten einer aussterbenden Sprachvarietät gewählt werden.

A. J. Sjögren, Mitglied der St. Petersburger Akademie, der im Auftrag der Russischen Geographischen Gesellschaft 1846 u.a. die letzten Krewinen – als erster und letzter »echter» ostseefinnischer Sprachforscher – besuchte, berichtet (zitiert in Eberhard Winkler, Krewinisch, S. 114): »Bei unserer Ankunft fanden wir... auf dem Kruge zu Neu-Rahden den Küster mit 7 Kreewingen vor, namentlich einen alten Greis von hoher Statur mit langem Gesichte, langer Nase und hoher Stirn, außerdem aber 6 Weiber, theils mittelmäßigen, theils kleinen Wuchses.» Der Mann, Mickel Sausais, wurde dann zu Sjögrens Sprachmeister gewählt. Obwohl dieser Mann laut Sjögren »anfangs etwas bessere Kenntnisse [der krewinischen Sprache] verrathen hatte», fragt ein/e spätere/r LeserIn sich, ob nicht sein – mit den »Weibern kleinen Wuchses» verglichen – beeindruckendes Äußeres bei der Wahl eine Rolle gespielt hatte. Es stellte sich später heraus, dass auch seine Sprachkenntnisse »wie ich bald bemerkte, im allgemeinen sich gleichfalls nur auf einzelne Wörter beschränkten, und auch da nicht immer mehr zuverlässig waren. [... A]uf die meisten Fragen, selbst über einzelne Wörter, bekam ich zur Antwort, er könne sich ihrer nicht mehr erinnern, oder die Zunge biege sich nicht mehr. [...] Bei so bewandten Umständen hielt ich es für ganz unnütz mich und ihn ferner zu quälen...»

Sind die Frauen im Sprachgebrauch konservativer? In der dialektologischen Feldforschung heißt der traditionelle Idealinformant NORM (non-mobile older rural male), und es wird oft behauptet, dass sich die Frauen in ihrer Sprache stärker als die Männer zur Standard-, Schrift- oder Hochsprache orientieren (während den Männern das versteckte Prestige, d.h. die für die lokale Sprechergemeinschaft typischen nicht-Standardformen, bleibt). Andererseits weiss man vielleicht noch nicht genug über die Sprache der Frauen in den fiu. Sprechergemeinschaften, weil die Perspektive der traditionellen Sprachforschung »verzerrt» ist (oder gilt die Kritik des Androzentrismus in der westeuropäisch-angloamerikanischen Soziolinguistik auch für die traditionelle finnougristische Dialektologie?).

»Besonders in England – zu einem geringeren Mass auch anderswo – hat die Sprachforschung die Frauen marginalisiert. Auch wenn man sie miteinbezogen hat, dann nur als Ergänzung zur Informationsbank des Dialektforschers, nicht als vollwertige Mitglieder der Sprechergemeinschaft. Die Dialektologie hat die Frauen auch durch die Themenwahl marginalisiert: die Männerwelt ist auch in den Fragebögen stärker vertreten. [...] Die Erforschung von statuslosen Sprachvarietäten hat jedoch nicht dazu geführt, dass man den Sprachgebrauch von Frauen an sich erforscht hätte, ohne ihn dauernd auf den der Männer zu projizieren. Obwohl beide Geschlechter jetzt als Forschungsobjekte vorkommen, interessieren sich die Forscher immer noch mehr für die Männer. Es gibt [1988!] Studien zur Sprache von afroamerikanischen Männern oder Schülern in Edinburgh, aber keine soziolinguistische Variationsstudien zur Sprache von (nur) Frauen. [...] Die Frauen leben in unseren Kulturen nicht als Gruppe von Männern getrennt, und vielleicht hat man sie eben deshalb nicht als eine Gruppe betrachten können. Dass Männer jedoch als eine Gruppe erforscht worden sind, ist wahrscheinlich nicht damit zu erklären, dass man sie für eine Gruppe hält, sondern dass ihre Existenz und ihr Verhalten als irgendwie grundlegend gegolten hat. Durch das Beschreiben von Männern hat man geglaubt, etwas Wesentliches vom Verhalten des Menschen erreichen zu können. Man hat die Sprache der Männer so behandelt, als ob sie die Sprachvarietäten von beiden Geschlechtern vertreten könnte.» (Pirkko Nuolijärvi in Laitinen [Hg.] 1988.)

»Im Jahr 1924 erschien das ‘Handbuch für die Wortschatzsammler der finnischen Dialekte’ von Lauri Hakulinen. Im Büchlein werden die Kriterien eines guten Informanten, des Sprachmeisters, aufgezählt. Der Sprachmeister sollte ein gebürtiger Ortsansässiger sein, eine wenn möglich ungebildete, ältere Person, die sich in ihren Lebzeiten kaum außerhalb von ihrer Heimat bewegt hat. Andererseits sollte der Sprachmeister eine schnelle Auffassungsgabe besitzen, rüstig sein, ein gutes Gedächtnis und persönliche Erfahrungen von vielen Seiten des volkstümlichen Lebens haben. Im Handbuch stellt man fest: ‘Oft sind Frauen für diese Tätigkeiten besser geeignet gewesen als Männer.’ Trotzdem soll man einer Frau als Informantin mit Vorbehalt gegenüberstehen. Die Anfänger werden, aus Erfahrung eines alten Feldforschers, vorgewarnt: ‘Die eigenen Erörterungen eines aus dem gemeinen Volk auserwählten Sprachmeisters soll man nur mit großem Vorbehalt hinnehmen. Was sie heute gesagt haben, können sie in einer Woche streng bestreiten, oder sie können selbst so ein Wort verwenden, die sie, wenn sie es gesondert hören, überhaupt nicht kennen wollen. Vor allem bei Frauen ist die Fähigkeit zur Abstraktion sehr gering.’ [...] Obwohl die meisten Sammler von lokalen Dialektwortschätzen Männer waren, war die Zahl von weiblichen Informantinnen in den 1920er–1930er Jahren nicht mehr wesentlich kleiner als die der Männer. [...] Interessant ist, dass sowohl weibliche als auch männliche Feldforscher in ihren Forschungsberichten fast immer eine Frau als ihre ‘beste’ oder ‘hauptsächliche’ Sprachmeisterin erwähnen.» (Kirsti Kosonen in Laitinen [Hg.] 1988.)

Gilt die Konservativität der Frauen beim Sprachgebrauch auch für die Sprachwahl und Erhaltung einer gefährdeten Sprache? Laut Haarmann (1999) zeigt die Volkszählung der Sowjetunion 1970 ([!] die einzige, wo das Geschlecht als verwendbare Variable vorkommt) leicht aber konsequent größere Zahlen der Spracherhaltung bei Frauen als bei Männer; z.B. haben bei den städtischen Udmurten 66,9% von den Frauen und 61,2% von den Männern Udmurtisch als Muttersprache angegeben, bei den ländlichen Wepsen sprachen 34,3% von den Frauen aber nur 30,4% von den Männern Wepsisch als Muttersprache. Vielleicht spielt hier die größere Lebenserwartung von Frauen eine Rolle?

Unter den AktivistInnen, die sich mit der Identitätsbildung bei Minderheiten und mit der Revitalisierung von gefährdeten Sprachen beschäftigen, gibt es auch oft sehr viele Frauen. Das kann sich wenigstens teilweise mit dem großen Anteil von Frauen im Lehrpersonal und in den Geisteswissenschaften überhaupt erklären. Auffallend ist jedoch die wichtige Rolle von Frauen bei dem nationalen Erwachen der Saamen. Inför lif eller död – sanningsord i de lappska förhållanden (‘Vor Leben oder Tod – Worte der Wahrheit in den lappischen Umständen’, 1904) von Elsa Laula ist wahrscheinlich die wichtigste Schrift, die zu der Organisierung von Saamen beigetragen hat; Elsa Laula organisierte saamische Vereine in Schweden und Norwegen und war die Hauptveranstalterin der ersten saamischen Landessammlung in Trondheim (6.2.1917 – wird auch heute als Nationaltag der Saamen gefeiert).

Andererseits sind es oft eben die jüngeren Frauen, die sozial mobil und weniger an die traditionellen sozialen Netzwerken verbunden sind, die sich besonders gern und schnell assimilieren. In Susan Gals berühmter Untersuchung zu den burgenländischen Ungarn (1979) wurde festgestellt, dass die jungen Ungarinnen durch ihre Partnerwahl (Ehe mit einem Deutschsprachigen als Mittel der sozialen Mobilität) die Assimilation der ungarischsprachigen Volksgruppe deutlich fördern und beschleunigen. Dies kann man als eine »typische Frauenstrategie» zum sozialen Aufstieg charakterisieren: Sein statt Machen. Birger Winsa berichtet, dass die jungen Tornedalfinninnen in Nordschweden besonders oft unwillig sind, ihre Muttersprache (Tornedalfinnisch, meänkieli) zu verwenden, auch wenn sie eigentlich die Sprache besser beherrschen würden als viele jungen Männer – Tornedalfinnisch ist deutlich mit männlichen Aktivitäten (z.B. Elchjagd) und Männernetzwerken verbunden und gehört zur Sozialisation von jungen Männern.

Frauen und Minderheiten leiden beide unter »Stimmlosigkeit»: ihre Identität, ihre Erfahrungen, ihre Perspektiven sind oft von Männern/Mehrheiten definiert und formuliert worden, sie selbst kommen nicht zu Wort, sogar die Sprache der Machthabenden ist ihnen vielleicht fremd. Werden die Frauen der Minderheiten zweifach mundtot gemacht? (Und wie passt dies damit zusammen, dass die Frauen in Wirklichkeit eine bedeutende Rolle bei der Erhaltung von kleinen Sprachen und Minderheitenidentitäten spielen?)

»Die Machthabenden haben jahrhundertelang versucht, die Stimmen Lapplands zum Schweigen zu bringen. Lange hat es ihnen auch gelungen, besonders, inwieweit es um die Stimmen der Frauen geht. Auch als Qvigstad und andere Forscher Märchen, Sagen und Volkstradition im saamischen Gebiet sammelten, sind fast nur Männer zu Wort gekommen. Darum sind mehr als 90% von den aufgezeichneten saamischen Märchen und Sagen so geschrieben, wie die Männer sie erzählt haben, obwohl die Frauen die größte Rolle bei der Weitergabe der Tradition von Generation zu Generation gespielt haben. Als die Missionäre nach Lappland kamen und Schulen gründeten, unterrichteten sie zuerst nur Knaben. Noch am Anfang des 20. Jahrhunderts konnte nur ein kleiner Teil der Saaminnen überhaupt in irgendwelcher Sprache schreiben.» (Interview mit Vuokko Hirvonen von Svein Lund.)

Minderheitenkulturen und die Frauen: Die Arbeit im Bereich der nationalen Kultur kann auch eine typische Frauenstrategie darstellen, nicht nur weil Kultur und Geisteswissenschaften Frauendomänen sind, sondern auch weil sie eine Kompromisslösung bietet, die die »Selbstverwirklichung» mit dem »relationalen» Frauenethos (sich für die Anderen aufopfern...) vereint.

»Eine besonders wichtige Rolle haben die Frauen [...] in der siebenbürgenungarischen Literatur [d.h. nach dem ersten Weltkrieg, zur Zeit der Unterdrückung] gespielt. Dies erklärt sich, neben der gemeinsamen Aufgabe, die eigene Sprache und Kultur entschlossen zu verteidigen, auch mit der relativen Größe des dortigen Leserpublikums: Die Literatur bot bescheidene aber anständige Verdienstmöglichkeiten auch den Gymnasial- und Volksschullehrerinnen, die ihre Stellen verloren hatten. Außerdem schuf die literarische Arbeit letztendlich eine gute Gelegenheit, das auf den traditionellen sozialen Aufgaben basierende protestantische Frauenethos mit der Einstellung einer modernen Frau zu vereinen, die für sich selbst, oder allein für ihre Familie verantwortlich ist.» (Fábri 1996)

 

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Aktualisiert 16.01.2004.

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