Frauen in der finnischen Literatur

Erste (schwedischsprachige) Schriftstellerinnen

Erste Generation der finnischsprachigen »Frauenliteratur» ab den 1880er Jahren: von der politisch-gesellschaftlichen Frauenemanzipation inspirierte Autorinnen, z.B.

Zweite Generation (Anfang 20. Jh.): selbständige Autorinnen auf der Suche nach ihrer sozialen, physischen und sexuellen Frauenidentität, z.B.

Modernistinnen der Zwischenkriegszeit, »neues Selbstbewusstsein»

Die Nachkriegsgenerationen: Frauen in der Literatur werden zu einer normalen Erscheinung

Trends der letzten Jahrzehnten

Trotz der immer größeren Vielfalt und des Ausmasses der »Frauenliteratur» bestehen die Stereotypien über »Frauen-/Männersprache» in der Literatur; zuletzt 2003 die von Tuulaliina Varis initiierte Debatte über die dominante Stellung der maskulin-trockenen »Birkenholzscheitprosa» (Veijo Meri und seine NachfolgerInnen).

Stellung der Frauen im heutigen Literaturkanon

Beispiele von genderbezogenen Vorstellungen, Sprachbildern und Metaphern in Presseinterviews von finnischen SchriftstellerInnen (Sanna Kivimäki in Gordon &al. 2002):

DIE LITERATUR IST EINE FRAU

Paavo Rintala on pumppaamassa uutta verta suomalaisen draaman kalveaan ruumiiseen. ‘P.R. pumpt neues Blut in den bleichen Körper des finnischen Dramas.’ [Dial. kalvea ‘blass’ statt hochspr. kalpea assoziiert mit dem romantischen »Märchen von der blassen Jungfrau» im ersten finnischsprachigen Roman ‘Die sieben Brüder’ von Aleksis Kivi.]

(MÄNNER)LITERATUR IST (MÄNNER)SPIEL/SPORT/KRIEG/WETTKAMPF

»‘Den Verteidigungskampf muss man in sowohl hohen als auch niedrigen [literarischen] Strukturen kämpfen.’ [...] Auf dem [metaphorischen] Sportplatz kann eine Gedichtsammlung einen Start darstellen, oder das Schreiben wird mit Rennen oder Ringen verglichen. Die finnische Literatur wird auch als ein hierarchisch organisierter Raum dargestellt. Der [männliche] Schriftsteller steht ‘in vorderster Linie’ der finnischen Literatur, ‘an der Speerspitze’, ‘auf dem Schrank’ [Hinweis auf ein berühmtes satirisches Gedicht, wo die großen Söhne der Nation als »Gipsköpfe auf dem Schrank» dargestellt werden] oder ‘im Gymnasium’ [...] Unter den männlichen Schriftstellern befinden sich auch die ‘unbestrittenen Meister’ und Vertreter der Avantgarde, die ‘Schrankenbrecher’ und ‘Ikonoklasten der Literatur’...»

Männer vertreten die nationale Kultur im allgemeinen und ihre Zukunft...

»Das Rednerpult wird regelmässig einem männlichen Nationaldissidenten übergeben, der uns erzählt, wie unangenehm er sich in der finnischen Kultur fühlt. Charakteristisch für dieselbige seien, unter anderem, die ‘unentbehrliche Selbstvernichtung’, ‘Eintönigkeit, Kleinigkeit und schlechtes Geschmack wie in einem A...loch’ und die ‘Schwere’ und ‘Melancholie’ des Lebensstils. Ursache zur Bedrücktheit des männlichen Literaten ist die finnische Kultur im großen und ganzen – nicht, zum Beispiel, das Altern, die Männlichkeit, die nordische Lebensweise oder irgendwelche kleinere Beschwerden. [...] Zum Beispiel werden Der unbekannte Soldat von Väinö Linna, Der Späherleutnant von Paavo Rintala oder Der Johannistagstanz von Hannu Salama gewöhnlich als Infragestellen von nationalen Stereotypen empfunden, nicht von Männer- oder Kriegsbild oder von den Werten der Arbeiterklasse.»

... während die Frauen die Vergangenheit vertreten, vor allem im Licht der Verwandtschaftsbeziehungen und persönlichen Erlebnisse

»Schriftstellerinnen sprechen über ihre Verwandten und Familien, über das verlorene Karelien, über die Lebensweise in Ostfinnland und Lappland. Schriftstellerinnen nehmen akribische Untersuchungen von historischen Dokumenten vor und schreiben historische Romane [...] Die nationale Aufgabe von Frauen wird als eine nostalgische empfunden, und dies wird dadurch bekräftigt, dass die Autorin normalerweise zu Hause dargestellt wird, in ihrem Wohnzimmer oder am Kaffeetisch. Laut Rita Felski wird das Moderne von einem tief nostalgischen Weiblichkeitsbegriff gekennzeichnet. Unter Männlichkeit versteht man oft Modernität und Entfremdung, während die Weiblichkeit die nichtentfremdete, nicht-zerfallene, nichtmoderne Vergangenheit vertritt. Anu Koivunen zufolge ist die Nostalgie ein gutes Beispiel von einer kulturell konstruierten Emotion. In der Nostalgie fließen die gemeinschaftliche und die individuelle Geschichte zusammen, sie ist zugleich psychologisch und sozial. Die Nostalgie kann in uns Sehnsucht nach etwas solches erwecken, das wir nie erlebt haben.»

Frauen in der estnischen Literatur: kurzer Überblick

Portalfigur und Nationaldichterin Lydia Koidula

Zeit der großen Dichterinnen: zweite Welle des nationalen Erwachens, Spätromantik

Sowjetisierung: Zeit der großen Dichterinnen 2

Neueste Trends:

Beispiel von der Widersprüchlichkeit der Frauenrollen in den finnisch-estnischen Literaturbeziehungen: Schriftstellerinnenaustausch im frühen 20. Jh.

Aino Kallas (geb. Krohn [erste Werke mit dem Federnamen ihres Vaters, als (Aino) Suonio]), 1878–1956

Hella (Ella) Wuolijoki (geb. Murrik; auch unter Pseudonymen Felix Tuli, Juhani Tervapää), 1886–1954

Aino Kallas und Hella Wuolijoki sind eine Herausforderung für alle Dichotomien, alle strengen schwarz-weißen Zweiteilungen. Sie entsprechen weder den nationalen Stereotypen (»starke, selbständig arbeitende Finninnen» – Sozietätsschönheit Aino Kallas, die außerhalb ihres künstlerischen Schaffens im Schatten ihres Mannes lebte und ihrer großen Liebe treu blieb, trotz leidenschaftlicher platonischer Verhältnisse zu anderen Männern, geschickte Darstellerin der verhängnisvollen Leidenschaft und Mutterliebe; »unterdrückte, ultraweibliche Estinnen» – Geschäftsfrau und Politikerin Hella Wuolijoki, die sich ziemlich früh von ihrem trunksüchtigen Mann scheiden ließ, als Schriftstellerin für ihre starken und selbständigen Frauengestalten berühmt) noch den monistischen Ideen von ewigen und unüberbrückbaren Grenzen zwischen Nationen.

Beide haben die Sprach- und Kulturgrenze überquert, Kallas thematisch (ihre wichtigsten Werke behandeln die Geschichte des estnischen Volkes, wurden gleich nach dem Erscheinen ins Estnische übersetzt und in Estland wie »einheimische» rezipiert), Wuolijoki auch sprachlich (nach ihren ersten estnischsprachigen Werken – Schauspiel Talulapsed 1912, Roman Udutagused 1914 – schrieb sie auf finnisch). Beide haben das wegen eines Mannes getan, die eine ihrem Schicksal folgend (für Aino Kallas war Oskar Kallas einfach »ihr Schicksal» und Estland, wie ihre 1947 erschienenen Erinnerungen betitelt wurden, Mu saatuse maa ‘das Land meines Schicksals’), die andere ihren Schicksal selbst gestaltend – und obwohl beide viel berühmter geworden sind als ihre Männer, sind beide immer noch unter den Namen Kallas und Wuolijoki bekannt.

Aino Kallas, obwohl in ihren Werken sehr stark mit »femininen» Themen verbunden (leidenschaftliche Liebe, »der tötende Eros»; Mutterliebe und die moralischen Konflikte der Mutterschaft), eine starke, intelligente und selbstbewusste Frau, die ihre künstlerischen Ambitionen schon früh erkannt hat, war keine Feministin; sie glaubte an die geistige Überlegenheit des Mannes und versuchte nie, eine aktive gesellschaftlich-politische Rolle zu spielen. Hella Wuolijoki, obwohl eine radikale Sozialistin, Kritikerin des Kapitalismus und Freundin vieler bedeutenden Marxisten, war selbst eine gut situierte Geschäftsfrau und Gutsbesitzerin, die die irdischen Güter nicht verachtete und schließlich mit ihren beliebten Niskavuori-Schauspielen fast als eine Bewunderin der wohlhabenden südfinnischen Bauernkultur in der finnischen Kulturgeschichte verblieb.

 

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Aktualisiert 12.01.2004.

johanna.laakso@univie.ac.at