Fredrika Runeberg (geb. Tengström, 1807–1879): Ehefrau und Muse (im Schatten) des Nationaldichters Johan Ludvig Runeberg, sozial-gesellschaftlich aktiv, Autorin von zahlreichen Novellen [u.a. Facetter av kvinnans liv, Novellen über das Frauenleben], Gedichten, [wenigstens] zwei historischen Romanen...
Frauenkreise um Runeberg und die »Samstagsgesellschaft» (Kreis von nationalistisch gesinnten Intellektuellen in den 1830er Jahren), Autorinnen von Novellen, Feuilletons und Gedichten: u.a. Carolina Runeberg, Augusta Lundahl, Emilie Björksten...
Erste Generation der finnischsprachigen »Frauenliteratur» ab den 1880er Jahren: von der politisch-gesellschaftlichen Frauenemanzipation inspirierte Autorinnen, z.B.
Minna Canth (1844–1897): realistische und gesellschaftskritische Dramatikerin und Geschäftsfrau, Werke z.B. Työmiehen vaimo (‘Die Frau eines Arbeiters’, 1885)
Zweite Generation (Anfang 20. Jh.): selbständige Autorinnen auf der Suche nach ihrer sozialen, physischen und sexuellen Frauenidentität, z.B.
L. Onerva (1882–1972): Spätromantik und Dekadenz, Gedichte, skandalöser Roman Mirdja (1908)
Maria Jotuni (1880–1943): realistisch-kritische, ironisch-groteske Behandlung von »sozialen Frauenthemen»: Liebe, (unglückliche) Ehe und Geld, Ausbeutung von Menschen; z.B. Suhteita (‘Beziehungen’, Novelle 1905), Huojuva talo (‘Das schwankende Haus’, Roman 1963 [posthum!]), Tohvelisankarin rouva (‘Die Frau des Pantoffelhelden’, Schauspiel 1924)
Modernistinnen der Zwischenkriegszeit, »neues Selbstbewusstsein»
Expressionistinnen, Pioniere des freien Rhythmus in der Lyrik: z.B. Edith Södergran (1892–1923), Katri Vala (1901–1944) u.a.
Prosaistinnen und Dramatikerinnen mit »biologistischem» (v.a. Perspektive der Frau als Mutter) oder politischem Radikalismus, Pazifismus, Reaktion gegen die patriarchalen Werte des »weißen Finnlands»: z.B. Helvi Hämäläinen (1907–1989; Lyrik, milde-satirische Beschreibungen der finnischen Intelligenzia der 1930er Jahre), Hagar Olsson (1893–1978; expressionistische Dramatikerin), Hella Wuolijoki (1886–1954; gesellschaftskritische Dramatikerin, Sozialistin – u.a. Iso-Heikkilän isäntä ja hänen renkinsä Kalle, von Bertolt Brecht als »Herr Puntila und sein Knecht Matti» umgearbeitet)
Die Nachkriegsgenerationen: Frauen in der Literatur werden zu einer normalen Erscheinung
Die Nachkriegszeit: Männer mit den Kriegserfahrungen beschäftigt, eine neue Generation von modernistischen Lyrikerinnen mit ‘frauenbezogenen’ Themen (Subjektivität, Gefühle, Sexualität, Kinder): z.B. Eeva-Liisa Manner (1921–), Aila Meriluoto (1921–)
Viele von diesen fliehen später, in den 1950er Jahren, die von dem angloamerikanisch-modernistischen, männlichen Intellektualismus dominiert werden, in andere Bereiche: Übersetzen, Prosa, Kinderliteratur; z.B. Kirsi Kunnas (1924–; Gedichte für Kinder, z.B. Tiitiäisen satupuu [‘Meischens Märchenbaum’] 1956), Tove Jansson (1914–2001; zuerst bildende Künstlerin, dann Verfasserin der Mumingeschichten [Småtrollen och den stora översvämningen 1945 usw.], später auch Kurzprosa für Erwachsene)...
Veisaisinpa virsiä
jos muistuttaisin Kirsiä.
Jos muistuttaisin Tuomasta,
lakkaisin lauluja luomasta.
(Kirsi Kunnas, Tiitiäisen satupuu)
Ich würde wohl Kirchenlieder singen,
wenn ich der Kirsi ähnelte.
Wäre ich so wie der Tuomas [Hinweis auf den Literaturpapst Tuomas Anhava],
würde ich aufhören, Lieder zu schaffen.
die 60er Jahre: Politischer Aktivismus, Zeit der linksradikalen Kulturbewegungen, viele Frauen als Schauspielerinnen, Sängerinnen, Regisseurinnen usw. aktiv aber relativ wenige in der Literatur; z.B. Aulikki Oksanen (1944–; gesellschaftskritische Lyrikerin und Prosaistin)
»Der ganze Radikalismus der 60er Jahre, Underground und auch die spätere ‘Unterhaltungsphase’, das war nur ein einziger unheimlicher Eifer, eine Großtuerei von jungen Männern. Die Männer brüsten sich, die Frauen schweigen.» (M. A. Numminen, zitiert von Timo Harakka)
die 70er Jahre: Rückkehr zu den individuellen Themen (Liebe, Gefühle, Sexualität, Frauenidentität); z.B. Eeva Kilpi (1928–; erotischer Roman Tamara 1970), Märta Tikkanen (1935–; Gedichtsammlung Århundradets kärlekssaga [‘Die Liebessaga des Jahrhunderts’, auf schwed.] 1978 u.a. Werke, die auch im Ausland den »skandinavischen Feminismus» vertreten):
Behåll dina rosor
duka av bordet
istället
behåll dina rosor
ljug lite mindre
istället
behåll dina rosor
hör vad jag säjer
istället
älska mej mindre
tro på mej mera
Behåll dina rosor!
(Århundradets kärlekssaga)
Behalte deine Rosen
statt dessen
deck den Tisch ab
behalte deine Rosen
statt dessen
lüge mich weniger an
behalte deine Rosen
statt dessen
hör zu was ich sage
liebe mich weniger
traue mir mehr
Behalte deine Rosen!
Trends der letzten Jahrzehnten
mehr und vielseitigere »Frauenliteratur» als je zuvor
Frauen »erobern» typische Männerdomänen:
epische Prosa: z.B. Eeva Joenpelto (1921–; Romane und Romanserien über Südfinnland in der Zwischenkriegszeit)
historischer Roman: z.B. Kaari Utrio (1942–; auch als Sachbuchautorin bekannt), Laila Hietamies (1938–; v.a. Zeit- und Lokalgeschichte: das verlorene Karelien, Finnen in St. Petersburg...) – »rehabilitierte Unterhaltung» (s. unten)?
Phantasie, Science fiction: z.B. Leena Krohn (1947–; philosophische Phantasien), Johanna Sinisalo (1958–; Science fiction)
Schilderung und Erörterung von philosophischen Problemen des Bösen (z.B. Annika Idström, Eira Stenberg, Leena Lander)
Entwicklungsroman (z.B. Anja Kauranen [nunmehr Snellman, 1954–]: Sonja O. kävi täällä ‘Sonja O. war hier’ 1981; Anna-Leena Härkönen [1965–]: Häräntappoase (dt. Erste Liebe) 1984)
die Grenze zwischen Hochkultur und Unterhaltung schwindet; offizielle Anerkennung für
romantische Unterhaltung: z.B. die »Herrinnen der Auflagen» Hilja Valtonen [1897–1988] und Anni Polva [1916–2003] rehabilitiert als Vertreterinnen der »Frauenstimme ihrer Generation»,
Krimi (z.B. Eeva Tenhunen [1937–], Leena Lehtolainen [1964–])
Kinderliteratur
Trotz der immer größeren Vielfalt und des Ausmasses der »Frauenliteratur» bestehen die Stereotypien über »Frauen-/Männersprache» in der Literatur; zuletzt 2003 die von Tuulaliina Varis initiierte Debatte über die dominante Stellung der maskulin-trockenen »Birkenholzscheitprosa» (Veijo Meri und seine NachfolgerInnen).
Stellung der Frauen im heutigen Literaturkanon
Beispiele von genderbezogenen Vorstellungen, Sprachbildern und Metaphern in Presseinterviews von finnischen SchriftstellerInnen (Sanna Kivimäki in Gordon &al. 2002):
DIE LITERATUR IST EINE FRAU
Paavo Rintala on pumppaamassa uutta verta suomalaisen draaman kalveaan ruumiiseen.
‘P.R. pumpt neues Blut in den bleichen Körper des finnischen Dramas.’ [Dial. kalvea ‘blass’ statt hochspr. kalpea assoziiert mit dem romantischen »Märchen von der blassen Jungfrau» im ersten finnischsprachigen Roman ‘Die sieben Brüder’ von Aleksis Kivi.]
(MÄNNER)LITERATUR IST (MÄNNER)SPIEL/SPORT/KRIEG/WETTKAMPF
»‘Den Verteidigungskampf muss man in sowohl hohen als auch niedrigen [literarischen] Strukturen kämpfen.’ [...] Auf dem [metaphorischen] Sportplatz kann eine Gedichtsammlung einen Start darstellen, oder das Schreiben wird mit Rennen oder Ringen verglichen. Die finnische Literatur wird auch als ein hierarchisch organisierter Raum dargestellt. Der [männliche] Schriftsteller steht ‘in vorderster Linie’ der finnischen Literatur, ‘an der Speerspitze’, ‘auf dem Schrank’ [Hinweis auf ein berühmtes satirisches Gedicht, wo die großen Söhne der Nation als »Gipsköpfe auf dem Schrank» dargestellt werden] oder ‘im Gymnasium’ [...] Unter den männlichen Schriftstellern befinden sich auch die ‘unbestrittenen Meister’ und Vertreter der Avantgarde, die ‘Schrankenbrecher’ und ‘Ikonoklasten der Literatur’...»
Männer vertreten die nationale Kultur im allgemeinen und ihre Zukunft...
»Das Rednerpult wird regelmässig einem männlichen Nationaldissidenten übergeben, der uns erzählt, wie unangenehm er sich in der finnischen Kultur fühlt. Charakteristisch für dieselbige seien, unter anderem, die ‘unentbehrliche Selbstvernichtung’, ‘Eintönigkeit, Kleinigkeit und schlechtes Geschmack wie in einem A...loch’ und die ‘Schwere’ und ‘Melancholie’ des Lebensstils. Ursache zur Bedrücktheit des männlichen Literaten ist die finnische Kultur im großen und ganzen – nicht, zum Beispiel, das Altern, die Männlichkeit, die nordische Lebensweise oder irgendwelche kleinere Beschwerden. [...] Zum Beispiel werden Der unbekannte Soldat von Väinö Linna, Der Späherleutnant von Paavo Rintala oder Der Johannistagstanz von Hannu Salama gewöhnlich als Infragestellen von nationalen Stereotypen empfunden, nicht von Männer- oder Kriegsbild oder von den Werten der Arbeiterklasse.»
... während die Frauen die Vergangenheit vertreten, vor allem im Licht der Verwandtschaftsbeziehungen und persönlichen Erlebnisse
»Schriftstellerinnen sprechen über ihre Verwandten und Familien, über das verlorene Karelien, über die Lebensweise in Ostfinnland und Lappland. Schriftstellerinnen nehmen akribische Untersuchungen von historischen Dokumenten vor und schreiben historische Romane [...] Die nationale Aufgabe von Frauen wird als eine nostalgische empfunden, und dies wird dadurch bekräftigt, dass die Autorin normalerweise zu Hause dargestellt wird, in ihrem Wohnzimmer oder am Kaffeetisch. Laut Rita Felski wird das Moderne von einem tief nostalgischen Weiblichkeitsbegriff gekennzeichnet. Unter Männlichkeit versteht man oft Modernität und Entfremdung, während die Weiblichkeit die nichtentfremdete, nicht-zerfallene, nichtmoderne Vergangenheit vertritt. Anu Koivunen zufolge ist die Nostalgie ein gutes Beispiel von einer kulturell konstruierten Emotion. In der Nostalgie fließen die gemeinschaftliche und die individuelle Geschichte zusammen, sie ist zugleich psychologisch und sozial. Die Nostalgie kann in uns Sehnsucht nach etwas solches erwecken, das wir nie erlebt haben.»
Frauen in der estnischen Literatur: kurzer Überblick
Portalfigur und Nationaldichterin Lydia Koidula
1843 als Tochter des Zeitungsherausgebers und Volksaufklärers J. W. Jannsen geboren
debüttiert mit der Gedichtsammlung Waino Lilled (‘Wiesenblumen’) 1866; Emmajöe Öpik (‘Nachtigall am Emajõgi [Embach] –Fluss’) 1867, unter vielen vaterländischen Gedichten auch der Text der späteren inoffiziellen Nationalhymne (während der Sowjetzeit) Mu isamaa on minu arm; Federname Koidula aus koit ‘Morgenröte’
erstes estnisches Schauspiel Saaremaa onupoeg 1870 (Nachbildung des »Vetters aus Bremen» von Th. Körner)
heiratet den deutsch-lettischen Militärarzt Eduard Michelson 1873, lebt mit ihm und ihren 3 Kindern in Kronstadt vor St.-Petersburg (auch in Mitteleuropa, u.a. Wien), stirbt an Krebs 1886
wird schon zu ihren Lebzeiten als Symbol des nationalen Erwachens und der Vaterlandliebe verehrt, übersiedelt trotzdem ins Ausland; kämpft für die estnische Sprache, gibt sie ihren eigenen Kindern nicht weiter...
Zeit der großen Dichterinnen: zweite Welle des nationalen Erwachens, Spätromantik
Anna Haava (Haavakivi < Espenstein, 1864–1957): romantische Liebes- und Naturlyrik
Marie Under (1883–1960): zentrales Mitglied der Siuru-Gruppe in den 1910er Jahren, bekannt v.a. für ihre starke, sensuelle Liebeslyrik
Sowjetisierung: Zeit der großen Dichterinnen 2
Kersti Merilaas (1913–1986) und Betti Alver (1906–1989) debüttieren als Lyrikerinnen in den 30er Jahren, bleiben im sowjetisierten Estland und zeichnen sich (trotz Repressionen) durch philosophische Tiefe und brillante Beherrschung der Sprache und Form aus (auch als Übersetzerinnen)
»Tauwetter» der 1960er Jahre: in der neuen Lyrikergeneration auch bedeutende Dichterinnen: Ellen Niit (1928–, Pionierin der freien Versform, auch beliebte Kinderbuchautorin), Viivi Luik (1946–; später auch als Prosaistin bekannt) u.a.
Politische Stagnation (1970er und 1980er Jahre): neben den männlichen Meistern der Groteske und des Absurden auch einige Prosaistinnen (Ene Mihkelson); debüttierende Dichterinnen z.B. Doris Kareva (1958–), Mari Vallisoo (1950–)
Neueste Trends:
Die Grenze zwischen Hochkultur und Unterhaltung schwindet, (auch) Autorinnen von Frauenunterhaltung (»naistekad») werden zu Marktphänomenen und Medienerscheinungen, die persönlich mit ihren Werken identifiziert werden (Kerttu Rakke u.a.)
Zerfall der Hierarchien, Frauen spielen sogar eine führende Rolle bei Marginal- und Minderheitsliteraturen: z.B. Kauksi Ülle (1962–) als Pionierin der neueren südestnischen Literatur, Punkdichterin Merca (Merle Jääger)
Beispiel von der Widersprüchlichkeit der Frauenrollen in den finnisch-estnischen Literaturbeziehungen: Schriftstellerinnenaustausch im frühen 20. Jh.
Aino Kallas (geb. Krohn [erste Werke mit dem Federnamen ihres Vaters, als (Aino) Suonio]), 1878–1956
Debut als Dichterin mit Lauluja ja balladeja [Lieder und Balladen] 1897
verheiratet mit dem estnischen Folkloristen und Diplomaten Oskar Kallas ab 1900
Wohnsitze ab 1900 in St.-Petersburg, Estland und England (1922–1934), ab 1941 im Exil in Schweden und Finnland
Wichtige Werke:
Novellen, u.a.: Barbara von Tisenhusen 1923, Reigin pappi [Der Pastor von Reigi] 1926, Sudenmorsian [Wolfsbraut] 1928
Schauspiele: z.B. Mare ja hänen poikansa [Mare und ihr Sohn] (auch als Libretto zur Oper von Tauno Pylkkänen)
Gedichte
Tagebücher, hg. in den 1950er Jahren
Hella (Ella) Wuolijoki (geb. Murrik; auch unter Pseudonymen Felix Tuli, Juhani Tervapää), 1886–1954
Matura in Tartu/Dorpat, Universitätsstudien in Helsinki, verheiratet mit dem finnischen Politiker, Journalisten und Schriftsteller Sulo Wuolijoki 1907–1923
Geschäftsfrau, Gutsbesitzerin, politische Gefangene, 1946–48 Abgeordnete der kommunistischen Partei im Parlament, 1945–49 Chefdirektorin des Finnischen Rundfunks
Schauspiele (u.a. Juurakon Hulda 1937; mit Bertolt Brecht: Herr Puntila und sein Knecht Matti 1940; die – auch als Verfilmungen sehr beliebte – Niskavuori-Serie)
Memoiren: Enkä ollut vanki (dt.: Und ich war nicht Gefangene, 1987)
Aino Kallas und Hella Wuolijoki sind eine Herausforderung für alle Dichotomien, alle strengen schwarz-weißen Zweiteilungen. Sie entsprechen weder den nationalen Stereotypen (»starke, selbständig arbeitende Finninnen» – Sozietätsschönheit Aino Kallas, die außerhalb ihres künstlerischen Schaffens im Schatten ihres Mannes lebte und ihrer großen Liebe treu blieb, trotz leidenschaftlicher platonischer Verhältnisse zu anderen Männern, geschickte Darstellerin der verhängnisvollen Leidenschaft und Mutterliebe; »unterdrückte, ultraweibliche Estinnen» – Geschäftsfrau und Politikerin Hella Wuolijoki, die sich ziemlich früh von ihrem trunksüchtigen Mann scheiden ließ, als Schriftstellerin für ihre starken und selbständigen Frauengestalten berühmt) noch den monistischen Ideen von ewigen und unüberbrückbaren Grenzen zwischen Nationen.
Beide haben die Sprach- und Kulturgrenze überquert, Kallas thematisch (ihre wichtigsten Werke behandeln die Geschichte des estnischen Volkes, wurden gleich nach dem Erscheinen ins Estnische übersetzt und in Estland wie »einheimische» rezipiert), Wuolijoki auch sprachlich (nach ihren ersten estnischsprachigen Werken – Schauspiel Talulapsed 1912, Roman Udutagused 1914 – schrieb sie auf finnisch). Beide haben das wegen eines Mannes getan, die eine ihrem Schicksal folgend (für Aino Kallas war Oskar Kallas einfach »ihr Schicksal» und Estland, wie ihre 1947 erschienenen Erinnerungen betitelt wurden, Mu saatuse maa ‘das Land meines Schicksals’), die andere ihren Schicksal selbst gestaltend – und obwohl beide viel berühmter geworden sind als ihre Männer, sind beide immer noch unter den Namen Kallas und Wuolijoki bekannt.
Aino Kallas, obwohl in ihren Werken sehr stark mit »femininen» Themen verbunden (leidenschaftliche Liebe, »der tötende Eros»; Mutterliebe und die moralischen Konflikte der Mutterschaft), eine starke, intelligente und selbstbewusste Frau, die ihre künstlerischen Ambitionen schon früh erkannt hat, war keine Feministin; sie glaubte an die geistige Überlegenheit des Mannes und versuchte nie, eine aktive gesellschaftlich-politische Rolle zu spielen. Hella Wuolijoki, obwohl eine radikale Sozialistin, Kritikerin des Kapitalismus und Freundin vieler bedeutenden Marxisten, war selbst eine gut situierte Geschäftsfrau und Gutsbesitzerin, die die irdischen Güter nicht verachtete und schließlich mit ihren beliebten Niskavuori-Schauspielen fast als eine Bewunderin der wohlhabenden südfinnischen Bauernkultur in der finnischen Kulturgeschichte verblieb.