"Gender" (< engl. < frz. genre < lat. genus): soziales Geschlecht, der vielseitige Komplex der geschlechtbezogenen Verhaltensmodelle, Einstellungen, Ideologien usw.
Im Gegenteil zum biologischen Geschlecht ist Gender
"Dominance or difference": Probleme und Knackpunkte des Feminismus (und der Genderforschung)
"Differenz": Essentialismus ("Frauen sind einfach anders und können nichts als anders sein"), schlimmstenfalls
"Gleichheit": die Unterschiede zwischen Frauen und Männer werden bestritten
"Generische Geschlechtsneutralität" als eingebauter Androzentrismus enttarnen
"Der Sport wird durch die männliche Physiologie definiert, die Fragen der Sozialversicherung durch die männlichen Gesundheitsprobleme, die beruflichen Erwartungen durch den normalen Verlauf des Männerlebens, die erfolgreiche Wissenschaft durch die Perspektive der Männer, die Staatsbürgerschaft durch den Wehrdienst, die Familie durch das Vorhandensein eines Mannes, die Geschichte durch die Umgangsprobleme der Männer (Kriege und Machtspiele), Gott ist ein Abbild des Mannes und Kriterium der Sexualität sind die männlichen Genitalien." (Catharine A. MacKinnon in Rhode [Hg.] 1990.)
Dekonstruktion, Infragestellen von Dichotomien und Stereotypen
"Die große Erzählung der Männer wurde in einer Sprache geschrieben, in deren Syntax die Verallgemeinerungen hoch geschätzt werden. Die enumerativen Verallgemeinerungen (Listen) sind glaubhaft, aber kraftlos. Die statistischen Verallgemeinerungen dulden Ausnahmen, aber lassen sie zugleich außer acht. Die metaphysischen Verallgemeinerungen sind moralisch vernichtend (‘Frauen sind Pflegerinnen und Beschützerinnen’ > ‘wenn du als Frau keine solche bist, bist du eine unnatürliche Frau, ein Monstrum’). Alle Verallgemeinerungen sind ungerecht für die Einzelfälle." (Marilyn Frye in Rhode (Hg.) 1990)
Traditionelle Binäroppositionen, die mit der Opposition der Geschlechter identifiziert werden:
Emanzipation, Gleichberechtigung, Kampf gegen die Diskriminierung
" ...I have called for approaches to the study of gender and communication which do the following: place power and resistance at the centre of analysis; define power as multi-faceted; place an emphasis on revealing violence against women; draw from interdisciplinary resources in methods and methodology; allow us to make links among local acts of oppression and global feminist movements; and truly emancipate the oppressed." (Victoria DeFrancisco in Wodak (Hg.) 1997)
Herausforderungen aus anderen Kulturen und Gesellschaften
Die Situation im postsozialistischen Osteuropa:
"Natürlich kann man immer noch darüber debattieren, ob es in Estland überhaupt Nährboden für den Feminismus gibt und was der Feminismus in so einer Gesellschaft zu suchen hat, die sich immer noch die Wunden der sowjetischen Gleichberechtigung leckt. [...] Oft behauptet man, dass der Feminismus, das Wenige, das bei uns jetzt entstanden ist, nur Importgut ist. [...] Wie auch anderswo im ehemaligen Mittel-Ost-Europa, wird die Verbreitung der feministischen Theorie auch von einer gähnenden Leere anstelle des sozialen Denkens verhindert; charakteristisch für dieses Vakuum sind das Fehlen eines psychoanalytischen und postmodernistischen Diskurses und die Verzerrung der marxistischen Tradition im ehemaligen Ostblock. [...] In Estland gibt es heute sogar einen Kult der Unterschiede. Diese können pekuniär/wirtschaftlich sein (wie toll, dass wir wieder in einer Klassengesellschaft leben können!), national (wir und die anderen) und natürlich geschlechtlich. Die Armen in Estland sollen arm sein, die Reichen reich, die Frauen sollen Frauen sein und Männer Männer im aller-"wirklichsten" Sinn des Wortes. Dies erklärt sehr gut, warum sich der essentialistische Feminismus in Estland verkauft, die gleichen Rechte aber nicht. [...] Wie bekannt, wurde während der Sowjetperiode das Geschlecht als eine [gesellschaftlich] bedeutungsvolle Kategorie abgeschafft. Es gab weder Frauen noch Männer, nur GenossInnen [estn. seltsimehed, wortwörtlich ‘Gesellschafts-Männer’ - JL]. [...] Das Geschlecht wurde völlig eliminiert, es war nur eine individuelle Eigenschaft, wie Optimismus oder Empfindsamkeit. Dadurch erklärt sich, warum das Wort Identität in der Gedankenwelt der Estinnen und Esten nichts mit dem Geschlecht zu tun hat. [...] Im Westen ist man zu der Auffassung gekommen, dass sich sowohl die Frauen als auch die Männer der Frauenfrage schon bewusst sind und dass man sich eher mit mainstreaming beschäftigen soll, d.h. die Frauenangelegenheiten erneut in die allgemein-gesellschaftlichen integrieren. In Estland hat das Geschlecht offiziell nicht existiert, und die Lage ist in dem Sinn schon Mainstream, wenigstens formell." (Pilvre s.a.)
Frauen der unterdrückten Minderheiten sind oft "doubly disadvantaged", der Mainstreamfeminismus ist ihnen fremd, weil sie sich mehr mit ihren "eigenen" Männern als mit den Frauen der Mehrheit solidarisieren wollen.
Versteckte genderbedingte Strukturen in der Sprache, Kultur und Gesellschaft entdecken
"Die Entstehung der (wenn auch humoristisch geprägten) Ableitung sihteerikkö [Fi. sihteeri ‘SekretärIn’ + fem. -kkO] zeigt, wie eine latente Kategorie in der Sprache funktioniert." (Auli Hakulinen)
"Überall in der Welt ist es ja leider so, dass in den ‘männlichen’ Berufen größere Gehälter bezahlt werden, aber ich weiß von keiner anderen Sprache, wo es so einen Ausdruck gibt wie ‘ein Gehalt, der eines Mannes würdig ist’. Auf estnisch kann man nämlich sagen: Das ist zu wenig für einen ‘Manneslohn’." (Pilvre s.a.)
Neue Perspektiven und Forschungsprobleme entdecken
"Die großen national-gesellschaftlichen Themen der finnischen Literatur — der Finnische Krieg [1808-09], die Jahre der Unterdrückung [zaristischer Zentralismus 1899-1905], der Bürgerkrieg [1918] und der zweite Weltkrieg — haben für Frauen als Inspirationsquelle eine viel geringere Rolle gespielt als für die männlichen Schriftsteller. Und wenn die Frauen diese Themen behandelt haben, haben sie es entweder ironisch-distanziert gemacht oder sich auf individuelle Probleme konzentriert, aus einer sehr nahen, konkreten Perspektive. In der von Frauen geschriebenen Literatur sieht man die große Linie der finnischen Literatur, das Schildern des finnischen Volkes, zerfallen." (Nevala 1989: 753)
Frauen in den Männerdomänen sichtbar machen: "Pantheon der Frauengeschichte"
"In den meisten einschlägigen Werken zur estnischen Literaturgeschichte wird im allgemeinen Eduard Vilde (1865-1933) als der erste Berufsschriftsteller bezeichnet, der von seiner Feder gelebt habe. [...] Wenn man jedoch, sensibilisiert durch die Genderforschung, etwas genauer nach den Frauen in der fraglichen Zeit schaut, stellt man schnell fest, daß die ein Jahr ältere Anna Haava (1864-1957) — ebenso wie Vilde fest verankert im Kanon der estnischen Literatur — ebenfalls freiberuflich tätig war und damit sogar noch ein wenig früher begonnen hatte. Nicht Vilde, sondern ihr gebührt der Ruhm des Erstlings." (Hasselblatt 2003)
Die "kleinen" Frauen (Frauen außerhalb der Männerdomänen) sichtbar machen
Die aktive Rolle der Frauen sichtbar machen
"[T]he image of women in the research can be said to have changed from the vessel-like image of woman as a receptacle of meanings to an intersubjective woman who produces multi-voiced meanings." (Terhi Utriainen in Apo & al. (Hg.) 1998)
Die "Stimme der Frauen" in der Sprache und Kultur definieren (> Gefahr des Essentialismus ?!)
"Laut der üblichen Denkweise stellen der männliche Intellekt und die männlichen Gefühle die Norm dar. Abweichungen von dieser Norm werden entweder als schlechter Geschmack (Stilbruch) gedeutet oder als Unfähigkeit zum literarischen Ausdruck von bestimmten Erscheinungen. Dieses Problem haben die Frauen oft mithilfe der Ironie gelöst, die notorisch schwer zu entdecken ist. Ein anderes traditionbildendes Prinzip stellt die frauentypische Bildersprache dar. Vom Anfang des 19. Jahrhunderts an wiederholen sich in der [finnischen] Frauenliteratur als Symbole die Blumen, die Kletterpflanzen, der Sumpf und der Wolf. [...] Offensichtlich wird die schwer zu definierende ‘Weiblichkeit’ in der Literatur durch die Wahl von Genre und Bilder bestimmt sowie durch den Erzählstil." (Nevala 1989: 752-753)
Selbstreflexion: Frauen-/Genderforschung als Wissenschaft vs. Feminismus als Politik?
Gibt es eine kohärente feministische Theorie? Das Objekt der feministischen Theorie / des Feminismus stellt keine kohärente oder universale Kategorie dar (wenn wir den Vulgäressentialismus nicht akzeptieren) sondern ein politisches Projekt, das sich in Zukunft hoffentlich unnötig machen wird.
Muss (kann) die Genderforschung feministisch/emanzipatorisch sein? Ist die Neutralität der Wissenschaft nur eine Illusion? Oder führt die Politisierung der Forschung zu einer fatalen Vereinfachung der komplexen Wirklichkeit oder zu Blindheit für bestimmte Forschungsprobleme?
Wie verhält sich die Frauenforschung mit der Gender- oder Männerforschung? Ist die Männerforschung ein notwendiger Gegenpol oder eine Strategie zum Untertreiben der Gleichberechtigungsprobleme, zur Wiederherstellung der gefährdeten Männerherrschaft?
Beispiel Frauengeschichte (< Andrea Pető in Pető & Rásky [Hg.] 1999)
Die "kompensationalistische Schule" ("herstory" statt "his-story")
Die "kontributionalistische Schule": Beitrag der Frauen zur Sozialgeschichte
Die "Genderanalyse": Verhältnis zwischen Gender und Macht.
Männerforschung (< Jorma Sipilä in Sipilä & Tiihonen 1994)
Seit den 1970er Jahren (als Reaktion zur großen Feminismuswelle der späten 1960er Jahre) zwei Hauptrichtungen:
Probleme
Fragestellungen
Die Herausforderung von genuslosen Sprachen an die indogermanische linguistische Genderforschung
"In dem Moment, wo wir beweisen können, dass diskriminierender Sprachgebrauch auch in Sprachen vorkommt, die kein grammatisches Geschlecht und nur ein Personalpronomen in der dritten Person Singular haben, haben wir gleichzeitig bewiesen, dass die Morphologie einer Sprache nicht die Ursache, zumindest in keinem Fall die einzige Ursache, für sexistischen Sprachgebrauch ist. Wenn also ein Deutscher — oder eine Deutsche, denn Uneinsichtigkeit ist ja keinesfalls ein männlicher Privileg — daherkommt und sagt, es liege nun mal am Deutschen, dass man dies und jenes soundso ausdrücke, da könne man gar nichts machen, dann ist das nur die halbe Wahrheit." (Hasselblatt 2003)
Finno-Ugrisch und Gender — ist die Erforschung der Sprachverwandtschaft genderneutral?
Gibt es andere mögliche Verknüpfungen zwischen Genderforschung und Sprachgeschichte als Etymologie (mit ihren Verbindungen mit der außersprachlichen Wirklichkeit)? Sind mögliche Frauen- oder Männersprachen oder andere genderrelevante sprachliche Mechanismen rekonstruierbar? Gibt es ein genderrelevantes Finno-Ugrisches?
Vielfalt der Sprachen, Kulturen, Gesellschaften — Herausforderung an den westeuropäisch-nordamerikanischen Mainstream-Feminismus
Obwohl das Frau-Sein das Leben von allen Frauen beeinflusst, gilt es nicht auf dieselbe Art und Weise für alle Frauen. Es gibt andere soziale Kategorien (Klasse, Rasse, Beruf, Ethnizität, Religion usw.), und keine Frau wird ‘nur als Frau’ mit der Welt konfrontiert. Viele Verallgemeinerungen von FeministInnen über Frauen sind von anderen Frauen, aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen, bestritten worden. (< Marilyn Frye)
Gender und Selbstbild der jungen Nationen
"Die Muttersprache und der Unterricht der Muttersprache sind mit der nationalen Geschichte verknüpft, insbesondere mit der neuen Unabhängigkeit Finnlands und das Schaffen der nationalen Identität. Die Schulbücher trugen und tragen noch immer dem ‘Selbstbildnis’ des Volkes bei. Dieses nationale Selbstporträt, wie es in Äidinkielen oppikirja [Schullehrbuch von Finnisch als Muttersprache] weitergegeben wird, ist teilweise von einem feierlichen Heroismus, topelianischem [< Z. Topelius (1818-1898), beliebter nationalromantischer Dichter, Kinderbuch- und Romanautor] Erzählstil, vom [Nationalepos] Kalevala und den ‘Vätern’ der Literatur geprägt. Andererseits wird das Finnischsein als eine unbestrittene finnische Mentalität, ‘wir’, mit ‘den anderen’ verglichen. Das Finnischsein wird als eine maskuline Konstruktion, ein maskulines Erlebnis dargestellt." (Tarja Palmu in Gordon &al. 2002)
Typische Paradoxe des Genders im Kontext des nationalen Erwachens:
Motivation, Legitimation, Definition und Selbstreflexion der Genderforschung und Finnougristik
Die Genderforschung und die Finnougristik im weiten Sinn sind eher objektdefinierte interdisziplinäre und internationale Forschungsbereiche als methodisch definierbare wissenschaftliche Disziplinen.
Beide leiden an der Heterogeneität des Forschungsobjekts: Gibt es ein einheitliches/sinnvolles Finno-Ugrisches außerhalb der Finnougristik im engen Sinn (historisch-vergleichende Erforschung der Sprachverwandtschaft)? Gibt es Frauensprache(n) oder Frauenkultur(en) als sinnvoll definierbare Forschungsobjekte? Wenn nicht, wie legitimiert man die Existenz des Forschungsbereichs?
Beide haben (auch) ideologische Hintergründe und politische Motivationen (nationale/antikolonialistische bzw. Frauenemanzipation), die hinsichtlich des traditionalen Ideals der wissenschaftlichen Objektivität und Neutralität problematisch sind. Sowohl im poststrukturalistischem Feminismus als auch in den antikolonialistischen Annäherungsweisen (native studies, Ethnofuturismus, Ökolinguistik usw.) gibt es "antirationalistische" Richtungen, die die Neutralität und Objektivität der westeuropäisch-nordamerikanischen Wissenschaft und des wissenschaftlichen Denkens überhaupt bestreiten wollen und sich deshalb nur sehr schwer in die traditionellen Definitionen der Wissenschaft einordnen lassen.
Aktualisiert 20.10.2003.