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Referat im Dipl-Seminar Dr. Hartmann, Uni Wien, Wintersemester 2002
Oliver Aitzetmüller
Vampyroteuthis Infernalis
Vgl. Vilém Flusser, Louis Bec: Vampyroteuthis Infernalis. Eine Abhandlung samt Befund des Institut Scientifique de Recherche Paranaturaliste. Göttingen 1987
Wie wäre die menschliche Kultur zu beurteilen, könnte man sie aus einer nicht-anthropozentrischen, idealerweise gegen-anthropologischen Sicht heraus erfahrbar machen? Was machen die Dimensionen der menschlichen Gesellschaft wirklich aus, wenn man aus Geschichte, Moral, Politik und Kunst den Faktor Mensch synthetisierbar und kritisierbar machen könnte? Möglicherweise eine Antwort, zumindest aber einen interessanten Ansatz liefert die veritabel fabelhafte Untersuchung des Tiefseebewohners Vampyrotethis Infernalis, die Flusser zusammen mit Louis Bec im gleichnamigen Essay unternimmt.
Am Anfang der Entwicklung von Mensch und Vampyroteuthis stehen sogenannte Eucoelomata, also Lebewesen die zumindest ein Vorne und Hinten haben und einen Organismus herausbilden, der so etwas wie links und rechts unterscheidet, also bilateral ist. Aber schon an dieser frühen und einfachen Form des Lebens, das überwiegend im Strandbereich zu finden ist, beginnt die vampyroteuthische und menschliche Entwicklung eine unterschiedliche Richtung zu nehmen. Die einen haben eine verstärkte Weiterentwicklung des Nervenapparates vor sich, während bei den anderen der Verdauungsapparat die größte Veränderung erfahren wird. Der Mensch gehört allerdings nicht, wie zu vermuten wäre, zu den Zerebralwesen, sondern zur Gruppe der entwickelten Verdauungsapparate. Während also die Chordata ein Skelett hervorbringen und ihren Verdauungsgenese forcieren, entwickelt sich bei den Mollusca, also bei den Weichtieren, vor allem der Nervenapparat. Ihre typische Erscheinungsform besteht aus einem Eingeweidesack und dem schützenden Mantel. Das Hinterteil wandert nach oben, während der Kopf nach unten gerichtet ist. Die Cephallopeda schließlich beschreiben eine weitere 90° Drehung des Kopfes zum Hinterteil hin, verschmelzen somit Fuß, Kopf und Hinterteil, und beschreiben hierbei eine entgegengesetzte Entwicklung zum Menschen. Während wir uns aufrichten, um die Hände frei zu bekommen, wandern die Sinnesorgane der Kopffüßler nach unten. Der Vampyroteuthis schließlich gehört zu der Gruppe der Octapoda, also Cephallopoda mit acht Tentakeln, und erreicht eine riesenhafte Größe um die zwanzig Meter.
Ab diesem Punkt des Essays verlässt der Text die herkömmliche Biologie und Paläoontologie und kippt in eine Fabel über, in der metaphorisch versucht wird durch den Vergleich von Mensch und Vampyroteuthis, der in dieser Fabel ein gleichwertiges Wesen darstellt, eine Methode zu Entwickeln, die sich außerhalb von menschlicher Vorstellung von Subjekt und Objekt bewegen könnte. Flusser versucht eine phänomenologische Sichtweise der Existenz des fremden Wesens zu geben, indem er sich sowohl auf den Organismus ausführlich konzentriert, als auch auf dessen Umwelt. Nebenbei gibt er Aufschluss über seine Sichtweise von Evolution und Erkenntnistheorie.
"Konkret ist die Umwelt kurz und gut das, was wir erleben, und wir sind kurz und gut das, wo die Umwelt erlebt wird. Es geht um ein Gewebe von konkreter Relationen. Die Dinge der Umwelt sind nichts als Knoten dieses Gewebes, und wir selbst sind derartige Knoten. Wir sind mit diesen Dingen verknüpft, sie sind für uns da. Und die Dinge sind mit uns verknüpft, wir sind für sie da. Beides, Umwelt und Organismus, sind abstrakte Extrapolationen aus der Konkretizität der Relationen. Der Organismus spiegelt die Umwelt, die Umwelt spiegelt den Organismus, und wenn sich das Feld der Relationen wandelt, verändert sich sowohl die Umwelt als auch der Organismus. Darwin betont in dieser Spiegelung den Organismus, Lamarck die Umwelt. Beide betonen sie Abstraktionen. Ihr Streit erweist sich als abstraktes Geplänkel." [S. 30]
Das Wesen Vampyroteuthis Infernalis Giovanni ist grundlegend ein libidöses und auf Liebe und Selbstaufgabe konzentriert, da es in der Entwicklung eben diese Drehung der Cephallopeda der Annäherung von Mund und After vollzogen hat. Dies steht im Gegensatz zur kämpferischen Grundeinstellung des Menschen, der sich aufgerichtet und somit seinen Mund vom Geschlecht entfernte. Doch die Entwicklung zum Vampyroteuthis geht einen Schritt weiter, er verneint den permanenten Orgasmus und die bukkal-anale Verschmelzung. Er pervertiert die totale Liebe zum totalen Tod, und macht aus sich ein aggressives Raubtier, das Betrug, Selbstmord und Kannibalismus in den Lebensmittelpunkt stellt. Er ist der diabolische Antipode zum Menschen. Seine Entwicklung geht vom grundlegend liebenden Geschöpf zum kämpferisch pragmatischen Wesen hin, während der Mensch sich von der anderen Seite aus zur Liebe hin bewegt. Im Mittelpunkt des Lebens des Vampyroteuthis steht also der Koitus, der ungleich länger, intensiver und gesellschaftlich wichtiger ist als beim Menschen. Allein seine Geschlechtsorgane übersteigen in ihrer Quantität und Qualität bei weitem den menschlichen Sexualapparat. Der Vampyrotethis hat nicht weniger als drei Penisse, analog dazu die Weibchen drei Klitorisse, die im Geschlechtsakt verschiedenste Bedeutungen und Funktionen haben. Doch nicht nur im Akt der Begattung, der sich von der ersten Befruchtung bis zum Schlüpfen der Jungen hinzieht, finden diese Organe Verwendung. Auch in der Wahrnehmung der Umwelt werden sie, neben zusätzlichen Geschlechtsorganen auf den Tentakeln, eingesetzt.
Vampyroteuthis nimmt seine Umwelt also geschlechtlich wahr. Eine Umwelt die in Wasserströmen auf ihn zustürzt, und die er ansaugt um sie nach verdaulichem und unverdaulichem zu unterscheiden. Dies ist seine Kultur; eine diskriminierende Kritik von Eindrücken, die er passiv aber leidenschaftlich in sich aufnimmt und bewertet. Nicht untersuchend sondern überraschend ist seine Wahrnehmung der Umwelt, die nicht wie beim Menschen auf Realitäten hin durchforstet wird, sondern mit aristotelischen Staunen erlebt wird. Die Welt erregt den Vampyroteuthis. Da er sie mit Klitoris und Penis wahrnimmt, hat das Männchen auch andere Eindrücke als das Weibchen. Logische Widersprüche werden nicht kalt und nüchtern "syllogistisch" überwunden, sondern im Koitus. Das Lösen von Widersprüchen ist sein Orgasmus. - Ein philosophischer Taumel.
Die Kunst des Vampyroteuthis ist eine Immaterielle. Seine Medien der Kunst sind seine Drüsen, die teils trügerische teils sexuelle Motive ausdrücken. Zum einen kann er seine Haut verfärben, was vom Gehirn direkt gesteuert wird und entsprechend kodifiziert ist. Eine weitere Drüse macht ihn transparent um zu betrügen, während eine andere wiederum Gift verströmt um zu paralysieren. Jene Drüse schließlich, die Wolken von Sepia ins Wasser schleudert, um von seinen Tentakeln modelliert zu werden um wiederum zu täuschen, steht der menschlichen Vorstellung von Kunst wohl am nächsten. Zusammen mit seiner Fähigkeit seine Umwelt mit eigenen Beleuchtungsorganen Kegelförmig untrügerisch wahrnehmbar zu machen, ergibt dies seine Begriffe von Kultur und Geschichte als Informationen sammelndes Wesen.
"Und zwar sendet er Lichtkegel in die Welt, reißt mit den Tentakel Informationsbrocken aus diesen Kegeln und paralysiert sie zu Daten. Im Zentralnervensystem angelangt, werden diese Daten verarbeitet, mit schon gelagerten verglichen und durch intraspezifischen Codes mittels Drüsen an weitere Vampyroteuthes gesendet, um in deren Gedächtnissen gelagert zu werden. So entsteht ein sich entwickelnder Dialog zwischen den Vampyroteuthes, dank welchem die Summe der verfügbaren Informationen sich immer steigert. Das ist Vampyroteuthisgeschichte." [S. 46]
Diese Kultur ist eine trügerische, den anderen vergewaltigende. Keine Materie wird informiert wie beim Menschen, sondern das kulturelle Allgemeinverständnis wird im trügerischen Schein orgiastisch kommuniziert und hergestellt. Somit bleibt es im kulturellen Gedächtnis des Vampyroteuthis. Wie, lässt Flusser dahingestellt. Doch zieht er von hier die Verbindung zur Entwicklung der materielosen Kunst des Menschen, im Zuge der zweiten industriellen Revolution. Während der Vampyroteuthis ein derart komplexes Weichtier wurde, dass er sein Gehirn mit einem Panzer schützen musste (eine Strategie der Wirbeltiere), hat nun auch der Mensch einen Komplexitätsgrad erreicht, an dem er Weichtierstrategien einsetzen muss. - Er entwickelt eine Kunst ohne Medium, eine vampyroteuthische wenn man so will. Hier schließt sich der Bogen der Fabel, indem er die vampyroteuthische Fratze im menschlichen kulturellen Umfeld "auftauchen" lässt. Sie tritt zum Beispiel als die Taten der Nazis, in den Texten der logischen Analyse oder in einigen theologischen Texten in Erscheinung, und wirkt hier wie eine Bombe. Denn taucht der Vampyroteuthis in unserem Lebensraum auf, zerplatzt er aufgrund seines großen inneren Drucks. Es ist eine Art Spiegelwelt der Oberflächen der jeweiligen Lebensräume. Tauchen wir mit falschen Absichten zum Vampyroteuthis hinunter, wird uns dieser verschlingen. - Eine metaphorische Anspielung auf eine obsolete Wissenschaft, die eventuell durch eine phänomenologisch dialektische Methode überwunden und erneuert werden könnte. Die Gefahren des Zusammenstoßens des vampyroteuthischen und des menschlichen Lebensraumes, beherbergt hier also fabelhaft die Warnung vor einer überheblichen und anthropozentrischen Wissenschaft. Die Sicht des Vampyroteuthis demaskiert den Kern der menschlichen Kultur der Massenkommunikation darüber hinaus, als ein widersinniges Streben nach Materialität.
"Der Künstler vergisst, daß er an der Übertragung erworbener Information an andere Menschen engagiert ist, und er erlaubt dem Gegenstand, sein Engagement zu verschlucken. Diese typisch menschliche Absorption des existentiellen Interesses durch das Objekt, diese Arbeitsmoral droht aus den Objekten nicht Kommunikationsmedien, sondern Kommunikationsbarrieren zwischen Menschen zu machen. Das ist im Grunde genommen der lächerliche Irrtum, auf dem die menschliche Kunst beruht, und der aus vampyroteuthischer Sicht an den Tag tritt." [S. 55]