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Horst Wenzel (Hg): Die Verschriftlichung der Welt | Audiovisualität vor und nach Gutenberg
Von Anfang und vom Ende der Gutenberg-Galaxis
Seit Marshall
McLuhan sie in den sechziger Jahren geprägt hat, steht die
Metapher von der "Gutenberg-Galaxis" im Raum jeder
medientheoretischen Diskussion. Sie bezeichnet all die
Prägungen der Buchkultur, die von Fernsehen und den
elektronischen Medien bedrängt werden. Nach einer
schwarzweißen Welt der Texte lockt die Buntheit einer neuen,
nie da gewesenen Audiovisualität. Aber es geht um mehr als nur
um bunte Bilder. Nachdem das Potenzial des typografischen
Systems sich zusehends erschöpft hat, sind wir mit neuen
Formen der Informationsverarbeitung und mit einer neuen
medialen Logik konfrontiert. Im Gegensatz zu früheren Zeiten
wird dieser kulturelle Umbruch von Diagnosen und Theorien
begleitet. Vermutlich noch nie hat eine Kultur ihre Umbrüche
selbst so intensiv analysiert, wie dies derzeit der Fall
ist.
Dazu gehört offensichtlich,
dass sich die Kulturwissenschaften unterm Paradigma des
Medialen neu definieren. Von den Analysen und Reflexionen zur
Medienevolution bleibt kaum eine akademische Disziplin
verschont. Welche Diskussion hier läuft, darüber kann man sich
in einem Band des Wiener Internationalen Forschungszentrums
Kulturwissenschaften (IFK) informieren. Die Beiträge zeigen
zweierlei: einerseits, dass Medien weitgehend ein blinder
Fleck sind, da die Kulturwissenschaften trotz viel guter
Absichtserklärungen immer noch an Sprache, Schrift und dem
entsprechenden methodischen Paradigma von Textualität und
Lesbarkeit kleben bleiben. Andererseits tritt eine fast
erschreckende programmatische Banalität hervor, die dieses
nicht mehr ganz taufrische Projekt der "Cultural Studies"
kennzeichnet. Denn wenn sich die materiale Forschungspraxis
kulturwissenschaftlichen Arbeitens tatsächlich in den
"Alltagsvollzügen der kulturellen Praktiken" erschöpfen
sollte, ohne den Wandel von Technik, Politik, und Ökonomie
einer globalisierten Netzkultur zu berücksichtigen, dann
bleibt diese Disziplin trotz dauerndem Pochen auf Praxis eine
akademische Reflexion im schlechten Sinn des Wortes.
Dass der gegenwärtige Medienumbruch in
einen breiten Interpretationszusammenhang gestellt wird, ist
eigentlich nur zu begrüßen. Der Berliner Altphilologe Horst
Wenzel wollte es etwas genauer wissen. Anlässlich seines
Forschungsaufenthaltes in Wien konzipierte er eine Tagung, die
Mittelalter und Postmoderne, Manuskriptkultur und Internet
aufeinandertreffen ließ. Das Ergebnis dieser etwas künstlich
forcierten Konfrontation der Zeit vor Gutenberg mit der Zeit
nach Gutenberg liegt jetzt in zwei voluminösen, opulent
bebilderten Bänden des Kunsthistorischen Museums vor.
Doch die Kunstbuchqualität der
Publikation macht geübten Theorie-Lesern wohl eher zu
schaffen. Inhaltlich ein Konferenz- bzw. Debattenband, wäre
etwas weniger Opulenz in diesem Fall wohl mehr gewesen. Sie
steht der Theorie nicht zu Gesicht, und macht sie zudem wenig
rezeptionsfreundlich: schließlich produziert gleich der erste
Beitrag zu ganzen 17 Textseiten gleichsam als Signatur der
Gelehrsamkeit eine Bleiwüste von nicht weniger als 193
Fußnoten (!). Nicht nur, dass im weiteren die Abbildungen in
einem nicht immer erkennbaren Verhältnis zu den Texten stehen,
entsprechen auch die Beiträge selbst einer recht unklaren
Strategie seitens der Herausgeber.
Mit einigem guten Willen kann zwar
festgestellt werden, dass es um eine Kulturgeschichte des
nichtlinearen Lesens geht. Doch die Aussage, dass Bild und
Text immer in einem gewissen Spannungsverhältnis standen, ist
nicht eigentlich neu. Trotz an sich verdienstvoller Beiträge
renommierter Medientheorie-Stars wie Aleida Assmann oder
Friedrich Kittler fragt man sich, was manche der thematisch
eher abschweifenden Erörterungen zur Klärung derzeitiger
medialer Verfasstheiten eigentlich beitragen. Mit dem typisch
geisteswissenschaftlichen Gestus eines "immer schon da
gewesen!" muss eine Annäherung an die gegenwärtige Netzkultur
jedenfalls scheitern.
So findet
sich zwar disziplinäre Nabelschau zu "Kulturwissenschaften in
den neuen Medienwelten", so gut wie nichts hingegen über diese
neuen Medienwelten selbst. Besser zur Darstellung kommt
allerdings die Bildlichkeit der Manuskriptkultur vor
Gutenberg, doch die weitere Rekonstruktion von
Text-Bild-Verhältnissen lässt viel zu wünschen übrig. Es wäre
beispielsweise schön gewesen, wenn der Band über "Die
Verschriftlichung der Welt" mit dem Tagungsband zur
"Audiovisualität" stärker korrespondiert, indem etwa die
Grenzen des Paradigmas von der Lesbarkeit der Welt gezeigt
werden. Was hier vor allem fehlt ist eine Auseinandersetzung
mit der Bilderfeindlichkeit der Aufklärung, die das Prinzip
der Verschriftlichung als mediales Dispositiv schließlich erst
absolut gesetzt hat.
Während
manch gelehrter Beitrag den Weg aus der historischen Anekdote
heraus nicht so recht finden mag, versuchen andere erst gar
nicht, die so oft beschworene kulturwissenschaftliche
Kontextualisierung zu leisten. So gibt der abschließende
Beitrag unter dem Titel "Von der Hieroglyphe zum Hypertext"
vor, Medienumbrüche in der Evolution visueller Texte zu
behandeln, unterschlägt aber die kulturell wirkungsmächtige
Tradition des "Orbis Pictus" von Jan Comenius ebenso wie seine
Aktualisierung durch Otto Neuraths "Bildersprache" im
zwanzigsten Jahrhundert.
Nun
fragt man sich, ob es aus der Geschichte der Diskurse um Texte
und Bilder nicht mehr zu lernen gäbe als die hier insgesamt
vorgestellte Beschwichtigung, die sozusagen ein Kontinuum der
medialen Umbrüche behauptet. Ist diese Relativierung denn
angebracht? Geht es in der gegenwärtigen Medienrevolution
nicht um viel mehr als um Text-Bild-Beziehungen? Altphilologen
und Literaturwissenschaftler, die sich dieser Frage überhaupt
stellen, verdienen gebührenden Respekt - noch mehr allerdings,
würden sie nicht bei ihr stehen bleiben.
[Frank Hartmann, Feb. 2002]
Hort Wenzel, Wilfried Seipel, Gotthart Wunberg (Hg):
Die Verschriftlichung der Welt
Bild, Text und Zahl in der Kultur des Mittelalters und der frühen Neuzeit
Schriften des Kunsthistorischen Museums Band 5, 246 Seiten, ca. 58,- Euro
Audiovisualität vor und nach Gutenberg
Zur Kulturgeschichte der medialen Umbrüche
Schriften des Kunsthistorischen Museums Band 6, 291 Seiten, ca.58,- Euro
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