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Medienphilosophie: Beiträge zur Klärung eines Begriffs
>>> Reaktionen (Sandbothe-Homepage)
Philosophie im medialen Zeitalter
Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis das Thema "Medien" auch eine altehrwürdige Disziplin wie die Philosophie berührt. Doch eine Medienphilosophie im institutionellen Sinne gibt es (noch) nicht. Trotzdem kursiert dieser Begriff sowohl in den aktuellen Diskursen, als auch im grundlagenorientierten Nachdenken über die Medien innerhalb der akademischen Gefilde.
Was also ist Medienphilosophie? Ihr
Konzept kann sehr eng verstanden werden - Philosophie, die
sich Medien als Thema vornimmt - oder recht breit, dann ist
sie nichts weniger als eine Fortsetzung der klassischen
Philosophie mit anderen Mitteln. Zwischen diesen beiden
Extremen bewegt sich derzeit eine aktuelle Debatte.
Im gewissen Sinn haben Philosophen "immer schon" über Medien nachgedacht. Erinnert sei an Platons "Phaidros"-Dialog, in dem erstmals die Kritik der Schrift als einem für argumentierendes Philosophieren ungeeigneten Mediums geäußert wurde. In einer oral geprägten Lebenswelt der Antike spielten Texte eine untergeordnete Rolle. Doch mit dem phonetischen Alphabet war es ein neues Medium, welches erlaubt hat, die argumentierende Rede in Text-Verhältnisse zu übertragen.
Philosophie ist seither ein "Verschriftungs-Unternehmen", und zu den kanonisierten Texten wird gezwungen, wer sich mit Philosophie beschäftigen möchte. Das klingt banal, ist es im Zeitalter entfesselter Audiovisualitäten aber nicht: "Was philosophieren bedeutet", so die Berliner Philosophie-Professorin Sybille Krämer, "kann also nicht unabhängig von den Medien philosophischer Arbeit und Artikulation beantwortet werden."
Das ist auch mit ein Grund dafür, warum die meisten Autoren eher skeptisch sind, wenn es darum geht, einen in der philosophischen Tradition verankerten Blick auf die Medien zuzulassen. Nicht die Medien sind das Thema der Philosophie, sondern das Mediale oder das Medium, als Begriff nicht unähnlich dem der Sprache, die im zwanzigsten Jahrhundert für eine philosophische Reorientierung - den sogenannten "linguistic turn" - gesorgt hat.
"Philosophieprofessoren sind wie die Bäume in Tollkiens 'Herr
der Ringe'. Sie denken langsam und in großen Zeiträumen und bewegen sich nur im äußersten Notfall. Das Thema Medien halten die meisten von ihnen für ein Zeitgeistproblem, das man in aller Ruhe aussitzen kann. Nur keine Hektik! Nichts übereilen! Schließlich hat das Fach fast drei Jahrhunderte dazu gebraucht, um die Wende von der Bewusstseins- zur Sprachphilosophie zu vollziehen.
Sie können sich ausrechnen, welchen Weg die Medienphilosophie noch vor sich hat. Die heutigen Medienphilosophinnen und Medienphilosophen sind ungefähr in der Situation, in der sich de Maupertuis, Herder und Hamann im 18. Jahrhundert befunden haben. Ein Frege, der die medialen Strukturen von Bildern und Klängen, von Fernsehen und Internet logisch reformuliert, ist aber noch nicht in Sicht." (Mike Sandbothe)
Doch wie weit bestimmen Medien auch die Art und Weise unserer Weltwahrnehmung und das Zustandekommen von Erkenntnis? Schrift und die aus ihr entstandene Druckkultur formten ganz entscheidend das westliche Denken. Diese von Marshall McLuhan Anfang der 60er Jahre popularisierte These trifft mittlerweile kaum mehr auf Widerspruch. Aber bringen die neuen Audiovisualitäten, bringt die Netzmedialität gleich schon ein neues Denken hervor? Während sich unsere Kultur längst als Informationsgesellschaft definiert, sehen sich die reflexiven Konzepte ihrer Beschreibung meist immer noch den Idealen der Buchkultur verpflichtet.
Einzelne Philosophen wie
etwa Vilém Flusser, die dem widersprochen und in neuen
Kategorien der Information zu denken versucht haben, sind
seltsamerweise kein Thema im neuen medienphilosophischen
Diskurs. Hier geht es eher um die Anschlussfähigkeit des
fachphilosophischen Mainstreams, und nicht zuletzt um die
Institutionalisierung einer neuen akademischer Disziplin im
Zeitalter des Internets.
Inhaltlich wäre eine solche neue Disziplin jedenfalls gefordert, nicht allein aufgrund der Rolle von Information und der neuen nicht typografischen Codes, sondern weil technisch induzierte Phänomene (von den Hardware-Schaltungen bis hin zu den Software-Agenten) das Gebiet der Kognition verändern und damit genau das, was in der philosophischen Tradition "Geist" genannt wird. Ist der Diskurs nun offen für mediale Trends und technische Entwicklungen, oder geht es nur darum, dass Fachphilosophen sich zur Abwechslung auch einmal kritisch um das Thema Internet kümmern?
Der Ästhetik-Professor Martin Seel meint dazu, dass es eine berechtigte, jedoch "vorübergehende Sache" sei, die Philosophie über ihre Medienvergessenheit aufzuklären. Viel weiter gehen möchte hingegen der Innsbrucker Dozent Reinhard Margreiter: "Die Philosophie ist", schreibt er, "selbst ein mediales Unternehmen, von dem neuerdings freilich in Frage steht, ob die Neuen Medien ein historisches Ende dieses Unternehmens bedeuten ... oder ob unter den Bedingungen der Neuen Medien entweder eine problemlose Kontinuität oder Transformation traditionellen Philosophierens möglich bzw. notwendig ist."
Das sind in der Tat mehrere Fragen, die selbst vielleicht wichtiger sind als ihre möglichen Antworten. Jede kulturelle Ausprägung stößt irgendwo auf ihre Grenzen, so auch die Textkultur der kanonischen Verweise namens Philosophie. Und wenn ihr genuin moderner Anspruch immer noch der sein soll, dass sie "ihre Zeit in Gedanken erfasst" (G.W.F. Hegel), dann wäre die Philosophie nicht nur gefordert, sondern sogar verpflichtet, sich dem Thema Medien, und gar schon dem der Neuen Medien zu widmen.
[Frank Hartmann, Feb. 2003]
Medienphilosophie. Beiträge zur Klärung eines Begriffs
Hg. von Stefan Münker,
Alexander Roesler, Mike Sandbothe
Frankfurt/Main: Fischer Verlag, Januar 2003 (TB Nr. 15757) ca. 12,90 Euro
Mit Texten von: Martin Seel, Stefan Münker, Elena Esposito, Alexander Roesler, Lorenz Engell, Sybille Krämer, Barbara Becker, Matthias Vogel, Frank Hartmann, Reinhard Margreiter, Stefan Weber, Mike Sandbothe
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