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Geert Lovink: My First Recession.
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Kritische Netzkultur
Auf die Party folgt nicht selten
Katerstimmung. Die große Party - das war der Internet-Boom der
90er Jahre, auf den der Zusammenbruch der New-Economy Märkte
erfolgte. Ist nach den aufgeblasenen Phantasien und digitalen
Visionen jetzt Zeit für Reflexion und ein wenig Theorie?
Geert Lovink hat von einer
außeruniversitären Perspektive her die Entwicklung des
Internet kritisch mitverfolgt und den Diskurs dazu über die
Mailingliste "Nettime" auch laufend kommentiert. Sein Ansatz
der Netzkritik hat einen medienaktivistischen Hintergrund, und
nicht das große Denken oder die spekulative Theorie.
Regelmäßig publiziert er seine Interviews mit der
Netz-Intelligenzia, den Künstlern, Theoretikern, Aktivisten,
Netzwerkern (zuletzt: "Uncanny Networks. Dialogues with the
Virtual Intelligentsia, MIT Press 2002). Nun liegt seine erste
Monografie vor, eine kulturtheoretische Studie des Übergangs -
wissenschaftliche und künstlerische Diskursprozesse im Netz
werden einer kritischen Detailanalyse unterworfen.
Lovink stört das theoretische
Defizit, was die tatsächliche Netzsituation anbelangt. Das
wird an seiner Kritik der Theoriebildung zur aktuellen
Informationsgesellschaft (u.a. Manuel Castells) deutlich.
Relativ ausführlich kommt die einschlägige Literatur zur
Darstellung - auffällig oft handelt es sich bei sogenannten
"New Media Studies" um verdeckte Literaturberichte, die nicht
Medien- und Netzkultur selbst diskutieren, sondern in Form von
Publikationen die akademischen Reflexe dazu. Bei Lovink jedoch
kommen im weiteren, methodisch als "close readings"
erschlossen, Initiativen und Listen der Netzkultur zur
Darstellung.
Diskutiert werden unterschiedliche Modelle, nach denen neue Technologien für neue Kultur- oder gar Gesellschaftsformen stehen sollen (Free Software, Ökonux, Peer-to-Peer Netzwerke, Open Publishing, Weblogs). Auch neue Unterrichtsmodelle werden befragt, und zwar nicht auf die verwendete Lernsoftware, sondern auf die methodischen Konzepte hin, wie "Neue Medien" im künstlerischen und kulturellen Kontext unterrichtet werden können.
Lovinks Studie stellt das Internet als ein Medium vor, das gerade erst im Begriff ist, erwachsen zu werden. Ihm mit kulturpessimistischen Zynismus zu entgegnen hält er ebenso für falsch wie die Euphorien des E-Business und seiner akademischen Advokaten. Dieses Medium braucht mehr Forschung, mehr Lehre, und vor allem Engagement, um seine Potenziale zu entfalten; aber dieses besteht nicht in Prognose und Prophetie, sondern im Ausloten des Hier und Jetzt seiner Möglichkeiten.
[Frank Hartmann, Mrz. 2004]
Geert Lovink:
My First Recession.
Critical Internet Culture in Transition
Rotterdam: V2_Publishing 2003, 296 Seiten
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