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Die Botschaft des Mediums

In diesem neuen Essay rekapituliert der Kulturtheoretiker Boris Groys seine Thesen über das ‚Neue' und erweitert seine Kulturökonomie zu einer Phänomenologie der Medien. Herausgekommen ist eine Neuauflage der alten Frage zum Verhältnis von Sein und Schein: Gründlich aufgeräumt wird mit der Illusion, mediale Bedeutung entstamme aus der Relevanz, die sie für eine außermediale Wirklichkeit hat.

Groys nähert sich der Frage nach den Medien von der Kunst her. Seit der Zeit des Post-Impressionismus ist diese nicht länger eine repräsentierende Instanz, sie schafft vielmehr Operationen jenseits einer bewussten Aussage. Bei moderner Kunst fragt nur noch der Banause nach Bedeutung. So manifestiert sich im Readymade etwa die Ununterscheidbarkeit von Natur und Konvention, von Wirklichkeit und Kunst. Bestand das Unternehmen der klassischen Avantgarde darin, Verwirrungen auf Ebene der Signifikation in der Absicht zu stiften, das Mediale selbst zur Offenbarung zu bringen, so analysiert Groys genau diesen fortgesetzten kritischen Versuch, unter der Oberfläche die eigentliche Botschaft des Mediums bloßzustellen.

Von daher stammt der Titel des vorliegenden Essays: Alle Kritik unterliegt der allgemeinen Ökonomie des Verdachts. Wahre Werte verdeckend oder Wahrheiten unbewusst entdeckend - wie immer Kritik ihren Ansatz wählt, traditionell oder progressiv, immer lebt in ihr wieder der grundsätzliche Verdacht, unter den die mediale Oberfläche als solche gestellt wird. Groys entdeckt darin die keineswegs neue philosophische Einsicht, dass die Dinge in ihrem Inneren anders sind, als sie sich uns zeigen. Folglich ist Medientheorie für ihn nicht anderes als die Fortsetzung der alten ontologischen Frage danach, was sich hinter den Erscheinungen verbirgt. Er nennt es den "submedialen Raum".

Jeder Glaube an die Entzifferung einer eigentlichen Botschaft, die dort verborgen sein könnte, wird als das Betriebsgeheimnis auch des medientheoretischen Diskurses dargeboten. Dieser Glaube zumindest ist das Erbe der klassischen Avantgarde, und tatsächlich findet sich beim Medientheoretiker McLuhan eine von der Theorie verdrängte Parallele zur Kunstavantgarde: als Bezug zum Kubismus dort, wo er in Understanding Media vom ‚Medium' als der ‚Botschaft' spricht. "Die Intention der klassischen Avantgarde", folgert Groys, "bestand von Anfang an darin, die Botschaft des verborgenen Mediums erklingen zu lassen, statt eine eigene Botschaft zu verkünden."
Der Tonfall, in dem Groys seine Überlegungen präsentiert, ist zynisch - es geht weder um den Menschen, noch um die Errettung von Intentionalität, noch um eine unterbewusste Botschaft, die vielleicht ideologiekritisch zu entschlüsseln wäre.

Vielmehr wird die nicht-menschliche Dimension befragt, der von einer hermeneutisch ansetzenden Kommunikationswissenschaft gern ausgeblendete Maschinen-Anteil in der Kommunikation. Dieses Thema einer Austreibung von Sinn wird in Groys' Essay ständig umkreist: der Beschäftigung mit dem Medialen werden Fragen des Verstehens ebenso gründlich ausgetrieben wie Fragen der Repräsentation eine äußeren Wirklichkeit.
So also triumphiert ein Zynismus der medialen Oberfläche. Kunst mag weiterhin die Topografie dieser Oberfläche thematisieren, sie offenbart aber nichts. Wie Kritik und Theorie schafft sie es nämlich nicht, den medienontologischen Verdacht auszuräumen: dass sich etwas hinter der Oberfläche verberge, das uns zwingt, ständig danach zu fragen, ob die Zeichenverschiebungen der Medienwirklichkeit eine bewusste oder eine natürliche Ursache haben, ob sie einer theatralischen Inszenierung entstammen oder einer Reportage.

Im gesamten zweiten Teil seines Buches diskutiert Groys strukturalistische und poststrukturalistische Ansätze - die Lektüre verliert an Leichtigkeit. Es handelt sich um eine abgrenzende Rekonstruktion des zentralen poststrukturalistischen Arguments, nach dem der Sinn eines Zeichens nicht durch sein Verhältnis zur sogenannten Realität bestimmt wird, sondern durch seine Stellung in einem Zeichensystem. Der Kontext entscheidet über den Text, nie zeigt sich das Mediale wirklich: einzig als Spur im Künstler vielleicht, aber nicht wenn dieser Subjekt ist, sondern wenn er als ein Botschafter des Mediums auftritt. Sonst nur Zeichenoberfläche hier, der im submedialen Raum vermutete Zeichensouverän dort. Übrig bleibt der Betrachter in all seiner Ohnmacht: dass ihm der submediale Raum verschlossen bleibt, sorgt für den fortgesetzten Verdacht. Das ist fatal, vielleicht aber auch nicht: Solange die Werte gelten, die zum Verdacht geführt haben, solange wird man den Verdacht nicht los. Der Verdacht ist aber das zentrale Medium der Kunstkommunikation. Solange man den Verdacht nicht loswird, solange wird er unweigerlich immer wieder neue (Medien-)Kunstwerke hervorbringen.

Kunst lebt vom schönen Schein, Avantgarde aber vom Hinweis auf dessen materiellen Träger. Der avantgardistische Künstler rettet die Subjektivität, indem er sich als Subjekt zurücknimmt und dem Medialen zum Ausdruck verhilft. Das konnte man schon vor Jahrzehnten bei Heidegger lesen, aber sei's drum. Zynismus hin oder her - Groys zeigt zumindest, dass der kulturkritische Diskurs ohne kulturapokalyptisches Lamento funktionieren kann. In der dürftigen Landschaft medientheoretischer Analysen wirkt Groys Ansatz, der mit Fragen nach der Wahrheit im Zusammenhang mit den Medien endgültig aufräumt, ungemein erfrischend.

[Frank Hartmann, April 2001]

Boris Groys:
Unter Verdacht. Eine Phänomenologie der Medien
München: Hanser Verlag, 231 Seiten - ca.19,90 Euro