Rezensionen 


 

Aktuelle Bücher zu Medienkultur und Medienphilosophie



  

Foucault-Reader Diskurs und Medien  


Diskurs und Kanal

Dass Kommunikation und Medien nicht nur mit Hardware zu tun haben, sondern mit sozialer Herrschaft, und dass die physische wie ideelle Verfügbarkeit über die Technik Macht bedeutet, kann Ende der neunziger Jahre nicht mehr als grosse Erkenntnis gelten. Aber Einsichten, die zum scheinbaren Allgemeingut geworden sind, verdienen besonders im Kontext der wissenschaftlichen Abfallverwertungsmaschinerie namens Publizistik- und Kommunikationswissenschaften eine zumindest rudimentäre Kenntnis der Quellen. Die Diskussion von Macht und Herrschaft also geht zurück auf den eminenten wissenschaftsgeschichtlichen Beitrag von Michel Foucault, der in den sechziger und siebziger Jahren publiziert hat.

Foucault ist ein Theoretiker des Archivs und des Diskurses; er hat sich kaum je explizit über Medien geäussert. Dennoch hat es schon seine Richtigkeit, wenn jetzt ein Reader über "Diskurs und Medien" erscheint. Die Entscheidung des Verlages, diesen Reader herauszugeben, mag beeinflusst gewesen sein vom Erfolg ähnlicher Projekte, namentlich dem Flusser-Reader und dem McLuhan-Reader, die beide im mittlerweile Pleite gegangenen Bollmann-Verlag erschienen sind. Aufmachung und Layout zeigen die eindeutige Verwandtschaft der vorliegenden Ausgabe. Ihre Berechtigung ziehen diese Ausgaben aus der Tatsache, dass kaum wer die entsprechenden Originale im Arbeitsregal stehen hat und die teils katastrophalen Übersetzungen Foucaults der siebziger Jahre im Suhrkamp Verlag bis heute unverändert aufgelegt werden.

Zum Glück fällt das niemandem auf, denn wer hat schon die berühmten Monographien Foucaults ernsthaft gelesen: Die Ordnung der Dinge, Wahnsinn und Gesellschaft, Überwachen und Strafen, Archäologie des Wissens. Sogar wer sich diese intellektuelle STW-Munition besorgt hat, kann damit nicht immer die argumentativen Waffen nachladen; Foucault hat nämlich zentrale Aussagen nicht immer ins eher subtil angelegte wissenschaftliche Werk verpackt. Interviews und Kurzbeiträge, etwa die Pariser Antrittsvorlesung "Die Ordnung des Diskurses" oder der Vortrag "Was ist ein Autor?" sind im vorliegenden Reader zugänglich gemacht.

Die intellektuelle Qualität von Foucault - der gestorben ist, ohne das Internet und die damit verbundenen diskursiven Transpositionen zu kennen - zeigt sich an den sporadischen Bemerkungen zur Mediensituation. "Ich träume von einem neuen Zeitalter der Wissbegierde", sagte er in einem Interview vor etwa zwei Jahrzehnten. Gleichzeitig nahm er eine andere Haltung ein als die Linke seiner Zeit, die von einer Eroberung der Sendehoheit träumte, um gute Informationen gegen die schlechten (im Sinne des gesellschaftlichen Fortschritts) auszuspielen. Im Gegensatz zu den politischen, aber auch den apokalyptischen Kritikern der herrschenden Medienkultur sah Foucault in den technischen Medien durchaus Mittel, die einer Wissensgesellschaft entgegenkommen würden. Was sie hindert, sind "ungenügende, quasi-monopolitische, kurze, enge Kanäle". Die protektionistische Haltung, die auch eine linke Medienpolitik der sechziger/siebziger Jahre anstrebte, entspricht nicht der erforderlichen Veränderung, denn ein Modell der Unterscheidung von guter und schlechter Information, von passendem und unpassendem Wissen ist letzten Endes immer restriktiv. Foucault sagte: "Man müsste eher die Hin- und Her-Wege und -Möglichkeiten vermehren. (...) Differenzierung und Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Netze." Differenzierungen wie diese (die heutzutage wieder gefragt wären) begründen wohl den Ruhm ihres Autors.

Im Vorwort von GRAMMOPHON FILM TYPEWRITER schrieb Friedrich Kittler einst apodiktisch: "Von Leuten gibt es immer nur das, was Medien speichern und weitergeben können." Die (Schein-)Probleme des Humanismus könnten dementsprechend auf die Materialitäten ihrer Kommunikationsmedien reduziert werden - "Mithin zählen nicht die Botschaften oder Inhalte ... sondern einzig ihre Schaltungen", wie Kittler schließt. Im Geleitwort zu diesem Reader würdigt Kittler den Autor Foucault, den er nicht in Übersetzungen kennengelernt hat, als Begründer eines "Strukturalismus der Materialitäten". Foucault seinerseits war alles andere als ein Theoretiker der diskursiven Hardware. Wenn er verlagstechnisch dennoch einschlägig vereinnahmt, ja fast als Wegbereiter Kittlers präsentiert wird, dann ist das ebenso erklärbar wie unnötig.

Der Wissensarchäologe Foucault war kein Medientheoretiker. Seine Thesen sind freilich medientheoretisch relevant. "Wenn ich die Rationalität von Herrschaft untersuche, versuche ich Schaltungen darzustellen." - dieses auf dem Umschlagdeckel zitierte Foucault'sche Diktum allerdings stellt eine künstliche Tradition her, die allzu offensichtlich dem Gusto deutscher Lektoren für eine bestimmte Spielart deutscher Medientheorie entspricht und daher inszeniert wirkt. Bei aller Wertschätzung für Kittlers Ansatz, seine Medienarchäologie dem Publikum unterschwellig als Erfüllung von Foucaults Analysen zu präsentieren, das evoziert ideologische Bilder wie die der einstigen deutschen Besetzung von Paris. 'Cum grano salis' ist daher auch die editorische Bemerkung einzuschätzen, in den Medienwissenschaften stünde jetzt ein "Foucault-Turn" an. Wir müssen schließlich alle unsere Miete bezahlen.

[Frank Hartmann, Juni 1999]

Foucault. Botschaften der Macht
hg. von Jan Engelmann
Reader Diskurs und Medien
Stuttgart: DVA 1999, 228 Seiten