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Vilém Flusser: Vogelflüge | Dinge und Undinge
Die Desorientierung verstehen
Naturalmente, meint Flusser: wir, die wir
uns in einer restlos kodifizierten Welt bewegen, haben den
Kontakt zur Natur längst verloren und sind voll durchbestimmt
von unserer zweiten Natur, der Kultur. Sämtliche technisch
realisierten Projekte, nicht einfach nur die "Medien",
determinieren eine Weltanschauung, die Natur als einen
"existenziellen Impakt" kategorisch ausschließt. Dass die
Menschen Flugmaschinen gebaut haben, lässt sie beispielsweise
den Vogelflug nicht mehr so sehen, wie ihn ihre Vorfahren
gesehen hatten - beseelt von einer Poesie, die sich mit dem
unmöglichen Traum vom menschlichen Fliegen verband. Wer sich
heute in Umgehung der technischen Modelle an solcher Poesie
versucht, endet notwendig im Kitsch, und das Wort Natur
stiftet nurmehr Verwirrung.
Soweit die Kernaussage der vorliegenden Skizzen Vilém Flussers, die sich mit so unterschiedlichen Dingen befassen wie mit Wegen und Tälern, dem Regen draußen vor dem Fenster, einer Wiese, oder der Zeder in einem Park von Anjou. Diese philosophischen Versuche sind aus dem Nachlass herausgegeben, und ergänzen die Wahrnehmungsstudien, die zuvor unter dem Titel "Dinge und Undinge" erschienen sind. In beiden Texten kann man erleben, wie der Denker den sicheren Boden einer wissenschaftlichen Reflexion verlässt, um seine Leser an der eleganten Art und Weise teilhaben zu lassen, mit der er sich einer Erfahrung der Dinge stellt.
"Beim Ansehen der Dinge kann ich zwischen Kultur und Natur nicht unterscheiden, nur wenn ich lerne, was die Dinge sind, kann ich es." Wie aber lernt man, was die Dinge sind? Flusser verpflichtet sein Denken der phänomenologischen Methode. Sie besteht darin, den eingewöhnten weltlichen Kontext auszuklammern und dadurch die Dinge in einem ungewohnten, überraschenden Licht zu sehen. Wir nähern uns der Wirklichkeit nach bestimmten Modellen, der philosophische Blick aber soll naiv werden, das heißt sich von Vorurteilen und halbverdautem Wissen befreien. Die von Edmund Husserl stammende Phänomenologie hat im vergangenen Jahrhundert eine versteckte Karriere erlebt; Flusser ist dafür bekannt geworden, sie auf die telematische Gesellschaft anzuwenden, um den Umbruch zu ergründen, den die neuen Medientechnologien bewirkt haben.
Dadurch wurden alle seine Studien, auch die vorliegenden Skizzen, zu Versuchen, sich in einer überholten Wirklichkeit zu orientieren. Überholt ist diese Wirklichkeit, weil wir zwar noch so tun, als gäbe es eine apparatefreie Authentizität - Natur pur, sozusagen - während das Mediatisierte doch nicht mehr zu durchbrechen ist. Aufmerksamen Leser wird nicht entgehen, dass in diesen doch vor längerer Zeit verfassten Texten Flusser sich in der Bewertung des Übergangs noch etwas unsicher ist und zu einer kulturpessimistischen Einschätzung tendiert. Er bewegt sich an der Bruchlinie zwischen Wirklichkeit und Konstruktion, erkundet die Zwischenwelt von Politik (Engagement) und Ästhetik (Rezeption), und endet im Zweifel an der Möglichkeit, das Gegebene (Natur) vom Kodifizierten (Kultur) überhaupt noch unterscheiden zu können: "Ich befinde mich weder in der Natur noch in der Kultur, sondern vergehe mich ständig an beiden."
Natur ist - aller
romantisierenden Idiotie zum Trotz - nicht an sich gut, weil
sie den Menschen bekanntlich einschränkt und auf Kultur
angewiesen ist, um für ihn gut zu werden. Kultur ist noch
nicht gut, weil auf ein Drittes abzielt, auf die Technik,
deren Versprechungen noch offene sind. Von der Einsicht, dass
Natur kein solider Boden unserer konkreten Wirklichkeit mehr
darstellt, stoßen die Gedanken vor in Richtung einer Analyse
der Medienwirklichkeit, die Flusser andernorts das "Lob der
Oberfläche" nennen wird. Ihr Ziel ist durchaus ein Verstehen
in der Desorientierung, nachdem in einer telematischen Welt
Erfahrung sich nicht länger in Subjekt-Objekt-Verhältnissen
fassen lässt. Im Gegensatz zu traditionellen Philosophen nahm
Flusser die Herausforderung einer künftig immateriellen
Kultur, wie sie sich bereits abzeichnet, an. Er sah sich als
Aufklärer, der Klarheit im Einzelnen sucht und nicht die
Allgemeingültigkeit einer Metaphysik. Daher beschäftigt er
sich mit der Oberfläche, nicht mit der Tiefe, und pflegt eine
misstrauische Einstellung auch gegen allem Verdacht, dass
unter dieser Oberfläche sich überhaupt etwas verberge. Ganz im
Gegenteil scheint solcher Verdacht, wie die Geschichte des
vermeintlich tiefschürfenden Denkens im abendländischen
Philosophieren ja zeigt, von der Beschäftigung mit der
Oberfläche geradezu abzuhalten.
Weder Nostalgie noch der von manchen Kritikern unterstellte Messianismus prägt Flussers Blick, der sich eher einer Art Vivisektion des Werdenden verdankt. Davon kann man sich gerade anhand dieser kleinen Skizzen überzeugen - nachdem anscheinend kein Verlag sich dazu durchringen kann, die von Stefan Bollmann begonnene Gesamtausgabe der Schriften Flussers fortzuführen.
[Frank Hartmann, Dez. 2000]
Vilém Flusser:
Vogelflüge. Essays zu Natur und Kultur.
München: Hanser/Edition Akzente 2000, 130 Seiten
Dinge und Undinge. Phänomenologische Skizzen
München: Hanser/Edition Akzente 1993, 149 Seiten
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