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Régis Debray: Einführung in die Mediologie
>>> Cahiers de Médiologie
Was ist Mediologie?
Die gegenwärtige Medienkultur hat eine
Fülle theoretischer Ansätze hervorgebracht. Das Versprechen
der Medientheorie, kulturelle Kommunikation zu erklären, wird
dabei keineswegs eingelöst. Statt eine Diagnose zu liefern,
bleibt die Kulturanalyse nicht selten in einer sporadischen
Beschreibung von Symptomen ("Cultural Studies"), in ermüdenden
Historisierungen ("Medienarchäologie") oder in leeren
Begriffsspielereien ("Dekonstruktivismus") stecken. Wurde die
Chance auf eine neue Forschungslogik bereits auf dem Altar
akademischer Verbindlichkeiten geopfert?
Der Ansatz einer "Mediologie" versucht nun, in diesem Umfeld den Rahmen für einen kulturwissenschaftlichen Neuansatz abzustecken. Als kulturwissenschaftliche Reorientierung unter Bedingungen der Informationsgesellschaft stellt Mediologie neue Fragen im Zwischenraum von Erkenntnis, Ästhetik und Technik. Phänomene der kulturellen Übertragung rücken ins Zentrum des Interesses. Zentral für die Mediologie sind weder einzelne Medien noch menschliche Kommunikation - sie theoretisiert nicht das Ideal des Dialogs, sondern interessiert sich mehr für die Analyse der Übertragungswege, ihrer Geschichte und ihrer Ideologien. Ihre Fragen gelten u.a. der Rolle von Bildern (Iconic turn), der Bedeutung von Digitalisierung, der Dimension der Wissensgesellschaft, der Medienästhetik.
Fand Erwin Panofsky für die neue Form der
kunsttheoretischen Bildwissenschaft schon vor Jahrzehnten die
Bezeichnung "Ikonologie" (griech. eikon+logos), so bezeichnete
Vilém Flusser seine medienphilosophischen Reflexionen als
"Kommunikologie", um sich von der Technologie-Fixiertheit des
Diskurses um Neue Medien abzugrenzen. Für die
wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den geschichtlichen
Bedingungen, den kulturellen Effekten und den Ideologien der
Medien verwendet der politisch umstrittene (er hat eine
Vergangenheit als Guerillakämpfer an der Seite von Che Guevara
in Bolivien) französische Intellektuelle Régis Debray seit gut
zwei Jahrzehnten den Begriff Mediologie. Er versteht darunter
ein Forschungsfeld, das auf Themen neu reagiert - nicht
unähnlich der 'Soziologie' (Auguste Comte) Ende des 19.
Jahrhunderts mit ihrem neuen Forschungsgegenstand
'Gesellschaft'.
"Der Ansatz des mediologischen
Geistes besteht nun darin, den Finger auf die Überschneidungen
zwischen intellektuellem, materiellem und sozialem Leben zu
legen und diese allzu gut geschmierten Scharniere zum
Quietschen zu bringen." (Régis Debray)
Hintergrund der Medien als Paradigma der Kulturwissenschaften ("medial turn") ist ein aktueller Transformationsprozess der Geisteswissenschaften. Diese lösen sich von ihrer aus dem 19. Jahrhundert stammenden Aufgabenstellung: Philologie und Hermeneutik zu betreiben, also im wesentlichen Text produzierende und interpretierende Wissenschaft zu sein. Diesen Fokus auf Text und Buch - den es trotz aller Neigung zum Interdisziplinären immer noch gibt - nimmt die Mediologie aufs Korn. Gerade fortgeschrittene Medientechnik nämlich zeigt, dass Übertragung nicht allein an sprachlichen Code gebunden ist. Die traditionelle methodische Orientierung an Sprache und Schrift (Hermeneutik) ist dem Verständnis postmoderner Kulturen hinderlich. Die Mediologie hingegen denkt Prozesse der Kommunikation zusammen mit Prozessen der Transmission (Übertragung, auch im Sinne traditioneller Überlieferung oder interkultureller Übersetzung) mit einem starken Akzent auf die zugrundeliegende Technik - die keineswegs ident ist mit dem je konkreten "Medium". Eher geht es um den kulturbestimmenden Code, und die damit definierte Mediasphäre, etwa ihre Ausprägung als alphabetische Schrift (Logosphäre), als Druck (Graphosphäre), als Audiovisualität (Videosphäre) oder als Digitalcomputer (Numerosphäre). Damit wird die in den 60er-Jahren von Marshall McLuhan provozierte Debatte um eine "Grammatik" von Medialität jenseits der Mythen der Buchkultur neu aufgegriffen.
Die Frage nach den Medien ist immer auch
eine politische: Wie kommt die Technik ins Spiel der Begriffe?
Jenseits scheinbarer begrifflicher Absicherung in
Theorietraditionen kann die symbolischen Produktionen einer
Kultur in Bezug zu ihren aktuellen Organisations-,
Archivierungs- und Zirkulationsformen gesetzt werden. Damit
ist nicht das Medium angesprochen, sondern Medialität:
Prozesse des Übermittelns, die Kultur bedingen und
ermöglichen, als technischer Eigensinn ebenso wie als
menschlicher Eingriff. Kultur ist kein Produkt des Geistes
allein, sondern von historisch veränderlichen Kulturtechniken.
So fragt Debray, was in einer zunehmend von technischen Medien
bestimmten Wirklichkeit die Zeichen zur Geltung und die Ideen
zur Wirkung bringt? Was ist Medienkultur, dieses Hybrid aus
Menschen und Maschinen, aus Bewusstsein und Technologien, aber
auch aus Kultgeschäften und Sinnestäuschungen, aus
Theoriemythen und den Überspanntheiten des Cyberhypes?
"Ziel der Mediologie ist es, die Rätsel
und Paradoxien kultureller Übertragung aufzuklären. Wir
versuchen zu verstehen, wie ein Bruch in unseren Übertragungs-
und Transportmethoden eine Änderung in Mentalitäten und
Verhaltensweisen hervorruft, und umgekehrt ebenso, wie eine
kulturelle Tradition eine technische Innovation hervorbringt,
angleicht oder verändert. Ganz allgemein beinhaltet die
Perspektive technische und kulturelle Interaktionen an der
Überschneidung dessen, was höhere Formen des sozialen Lebens
genannt wird (Religion, Kunst, Politik), mit den höchst
bescheidenen Aspekten des materiellen Lebens (das Gewöhnliche,
Banale oder Triviale)." (Régis Debray)
Eine von Neuen Medien geprägte Lehr- und Forschungssituation verlangt nach einem Ansatz, der den Blick über den Tellerrand der etablierten "Massenkommunikationsforschung" wagt. Obwohl die Diskussion gerade erst begonnen hat, bietet die Mediologie hier drei offensichtliche Vorteile:
- Eine Neufassung eines Kommunikationsbegriffs, der den Realitäten einer Informationsgesellschaft entspricht und geistige Kategorien mit technischer Mediatisierung ins Verhältnis setzt: Kommunikation nicht als Aussenden von Botschaften, sondern als Herstellen von Beziehungen
- Eine methodische Reorientierung im Forschungsansatz. Im Gegensatz zum medienwissenschaftlichen Mainstream geht es weniger um die Medien als solche, sondern um ihre sozialen und kulturellen Effekte.
- Eine Repolitisierung - Wissenschaft und Forschung im Zeitalter der globalen Netzwerke und zynisch gewordener Mediendiskurse kann sich keine Wertfreiheit leisten und muss durch engagierte Reflexionsansätze ein Grundlage für kritische Eingriffe erzeugen.
[Frank Hartmann, Nov. 2003]
Régis Debray:
Einführung in die Mediologie
Bern: Haupt 2003, 256 Seiten, ca. 30,- Euro
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