13. Kapitel - Pendeln von Punkt zu Punkt. Flussers diskursive Epistemologie

13.1. Ende der Geschichte
13.2. Telematische Gesellschaft
13.3. Sprachphänomenologische Provokation
13.4. Hand/Schrift
13.5. Einbilden - Erzählen - Informieren
13.6. Krise der Linearität
13.7. Vom Subjekt zum Projekt
Exkurs 4 - Wunschmaschinen, Rhizomanie und die MEMEX

Zusammenfassung: Jede Sprache ist an sich schon eine Abstraktion von der Wirklichkeit. Da wir diese programmierte Struktur in Wirklichkeit aber nicht wahrnehmen und nur indirekt erkennen können, nennt Flusser unsere Welt eine kodifizierte. Die Menschheit hat sich mittels 'Kultur' eine künstliche Hülle geschaffen, die zwischen Mensch und Welt vermittelt und gleichzeitig die Menschen von der Welt abschirmt. Menschen existieren, das heißt sie stehen 'außerhalb' der Naturverfallenheit, und sie kommunizieren, um über diese Existenz zu meditieren - sie stellen Versuche an, den Abgrund zwischen sich selbst und der Welt künstlich zu überbrücken.

Dabei entstanden charakteristische Codes, allen voran die der menschlichen Sprache, nach denen menschliches Dasein vorprogrammiert (und damit auf eine bestimmte Art 'informiert') ist. Die kodifizierte Welt speichert die Informationen anders als die traditionelle Welt der alphanumerischen Codes. Das bedeutet eine Krise der jahrhundertelang ausgebildeten Linearität, die mit der Fotokamera beginnt und deren Effekt kommunikationstheoretisch untersucht werden muß - den sprachwissenschaftlichen Ansatz auf eine Ebene transponierend, die dem Einbruch des Technoimaginären gerecht wird und die als medienphilosophisch zu bezeichnen wäre.
Flusser skizziert dazu das komuptierende Denken, dessen Anspruch einer neuen Einbildungskraft die Kultur vor die neue Aufgabe stellt, die Welt als Möglichkeitsfeld zu verändern. In der gegenwärtigen Situation ist nicht klar, ob die Menschen mit der Entwicklung der Medien ihren Sinn für Wirklichkeit verloren haben oder ob sie nicht vielleicht schon beginnen, mit einer anderen Wirklichkeit zu leben. Menschen wären dann nicht länger Subjekte einer gegebenen objektiven Welt, sondern Projekte von alternativen Welten.
Damit stellt sich der Übergang in eine telematische Gesellschaft nicht als eine Kulturapokalypse dar, sondern als die Herausforderung, ihn als technisch/soziales Projekt einer kollektiven Herstellung von Autonomie zu gestalten. Dies wird vorerst eingelöst, indem eine neue Anthropologie verfaßt wird - unter medienphilosophischen Aspekten.
Es ist dies vor allem die Auseinandersetzung mit den Technobildern, an denen es zu verstehen gilt, wie sie hergestellt wurden und wie man von ihnen programmiert wird. In einer Welt, in der wir uns nicht mehr historisch, sondern komputatorisch befinden, macht die humanistische Perspektive als Grundlage der Kulturwissenschaften keinen Sinn mehr. Kommunikationstheorie bedeutet in diesem Sinn auch die Radikalisierung des Forschungsansatzes, um Tendenzen eines diskursiven Totalitarismus entgegenzuwirken - als Kommunikologie untersucht sie die Potentiale des Netzdialogs.


© Frank Hartmann, WUV/ UTB 2000