10. Kapitel - Das Technische als Kultur. Der neue Blick bei Walter Benjamin

10.1. Affirmativer Charakter aller Kultur?
10.2. Das produktive Moment der Reproduzierbarkeit
10.3. Die Begegnung von Mensch und Technik
10.4. Zur Recodierung der Codes
10.5. Veränderungen in der Diskursproduktion
10.6. Das Ende der typographischen Kodifikationen

Zusammenfassung: Walter Benjamin diagnostiziert eine gravierende Veränderung im Medium der Wahrnehmung, die nichts mehr läßt, wie es bis vor kurzem noch war. Der Ästhetik des Kunstwerks folgt die Ästhetik des Massenmediums, das heißt was wir als Kultur begreifen, ist ebenso gesellschaftliche wie technisch bestimmt. Die Ästhetik des Kunstwerks bedeutet Versenkung im Kunstritual, eine wiederholte Bestätigung des Einzelnen über die auratische Magie der Einmaligkeit. Die neuen Medienspeicher stellen das 'Original' der Kunst aber in einen völlig neuen Zusammenhang. Daß die Ästhetik der Massenmedien neben einer Demokratisierung des Zugangs zu Kunstwerken auch Zerstreuung und Ablenkung heißt, zeigt das konsequente Aufgehen des Einzelnen im Gebilde des Kollektiven, in der Massenwahrnehmung.

Das Emanzipatorische an diesem Prozeß changiert zwischen Vergrößerung und Verkleinerung: eine Maximierung der Möglichkeiten durch Technik, die Unbewußtes entlarvt; aber auch Minimierung des Produktionsaufwandes und der Formate, was der Distribution von Kulturprodukten zugute kommt. Ein dritter Effekt ist die Vervielfältigung, immer schon ein Teil des Kunstwerks, der jetzt durch Technik überhöht wird und ein demokratisierendes Potential beinhaltet.
Nur oberflächlich ist Benjamins Blick auf diesen Prozeß einer grundlegenden Recodierung des kulturellen Codes resignativ. Unter dieser Oberfläche nimmt Benjamin diese Veränderung ernst wie kaum ein anderer Philosoph der Moderne: mit allen Konsequenzen, die auch die intellektuelle Produktionsweise betreffen.

Benjamin diagnostiziert bereits das Ende des Buches zugunsten neuer medialer Konstellationen. Die Krise des bürgerlichen Kulturmodells und die Veränderung der kulturellen Werkzeuge bedingen sich gegenseitig. Damit ändert sich die philosophische Ästhetik, die nicht reine Wissenschaft von der Wahrnehmung sein kann, sondern politische, gesellschaftliche wie technische Bedingungen beinhaltet. Kritisierte die Kritik der Kulturindustrie (Horkheimer/Adorno) die Übertragung des Profitmotivs auf alle geistigen Gebilde, so sieht Benjamin die mögliche Vergesellschaftung der geistigen Produktionsmittel als Chance zu einer neuen Kultur.


© Frank Hartmann, WUV/ UTB 2000