7. Kapitel - Die befreite Symbolik. Frege und die Problematik logischen Ausdrucks

7.1. Die Unvollkommenheit der Sprache
7.2. Eine neue BEgrifsschrift für logische Verhältnisse
7.3. Das neue logische Zeichensystem
7.4. Zweifelhafte Reinheit einer Formelsprache

Zusammenfassung: Nach vielen historischen Versuchen, eine den Gedanken adäquate Ausdrucksebene zu finden, besinnt sich der Logiker Gottlob Frege auf die Medialität der Schrift selbst. Ohne Zeichen wären wir nicht in der Lage, begrifflich zu denken. Gleichzeitig wissen wir, daß unsere Sprache nicht logisch vollkommen ist, sondern vieles nur andeutet. Eine Präzisierung könnte hier, wie Frege meinte, zum Fortschritt der Wissenschaften beitragen. Analog zur chemischen Formel etwa müßte eine neue Form des Ausdrucks geschaffen werden, eine strenge Zeichenverwendung, die den Inhalt definitiv festhält. Es fehlt ein Mittel, schon auf der Ausdrucksebene Fehler im eigenen Denken ebenso zu vermeiden wie Mißverständnisse bei anderen.

Eine neue Anschaulichkeit der Denkformen sollte weit über die Mathematik hinausreichen und die überall wiederkehrenden logischen Verhältnisse adäquat bezeichnen helfen, während die Umgangssprache hier unzulänglich bleibt. Deshalb entwickelte Frege eine Begriffsschrift, die unter Ausnutzung der zweifachen Ausdehnung der Schreibfläche die Bedeutung eines Ausdrucks nicht nur abstrakt erschließt, sondern auch aus seiner Lokalisierung auf der physischen Ausdrucksebene Damit revoltiert der Logiker gegen eine lineare Abstraktion der typographischen Anordnung von Zeichen.

Das Motiv der Begriffsschrift ist eine durchaus instrumentalistische Verbesserung wissenschaftlichen Ausdrucks im Sinne von dessen Rationalisierung. Formale Logik ist nicht kommunikativ, sondern sie hat eine Funktion, die verbessert werden kann. Sie bildet damit einen teils unbewußten Protest gegen die technischen Mittel einer typographischen Kultur, die den wissenschaftlichen Diskurs behindern.

Freges Neuansatz ist ein wichtiger Schritt in der Formalisierung der logischen Denkleistung, und die Anlage seiner Begriffsschrift erinnert nicht von ungefähr an den Schaltplan von Maschinen. Die Sprache des logischen Ausdrucks wird explizit vom Urteil befreit, um die Zeichenverbindungen selbst im Vorfeld der Urteilsbildung zu rationalisieren. Diese neue Schrift erfüllt keinerlei kommunikative Zwecke mehr, sondern nurmehr rein funktionale. Frege leistet damit zweierlei:
erstens macht er erste Schritte in Richtung einer Maschinenkommunikation, indem geistige Operationen implizit als rationalisierbar vorgestellt werden. Zweitens bahnt sich mit der Begriffsschrift bereits das Ende der "Gutenberg-Galaxis" (McLuhan) an, indem die bestehenden typographischen Mittel zum Zweck wissenschaftlichen Ausdrucks radikal in Frage gestellt werden.


© Frank Hartmann, WUV/ UTB 2000