4. Kapitel - Die Schrift, die Sprache, das Denken. Zur Konjunktur des sprachphilosophischen Ansatzes

4.1. Säkularisationsprozess und die Erzeihung zum Text
4.2. Die Enzyklopädie als absoluter Text
4.3. Instrumentalisierung von Sprache
4.4. Sprache als Vernunftorgan bei Hamann und Herder
4.5. Die Sprachauszeichnung des Menschen
4.6. Zur Funktion von Schrift
4.7. Sprache als Medium bei Humboldt
4.8. Die doppelte Natur der Sprache


Individuelle Bildung wird im späten achtzehnten Jahrhundert großgeschrieben, und sie erfolgt über die mannigfaltigen Texte, die an die Stellen des einen, geoffenbarten Textes treten. Die Lesbarkeit der Welt wird zum Paradigma menschlicher Wirklichkeitserfahrung, wofür als herausragendes Beispiel die Encyclopédie steht, als ein Versuch, das gesamte bürgerliche Wissen zu systematisieren. Scheint dieses Wissen im Text als Kulturprodukt aufgehoben, so wird die Sprache als organische Einheit zum Aufenthaltsort der Vernunft. Von nun an wird die philosophische Forschungsfrage gefaßt, inwieweit die Grenzen menschlichen Denkens mit jenen der Sprache zusammenfallen.
In dem Moment, da Erkenntnis als Leistung oder vielmehr als Konstruktion des Subjekts durchschaut wird, wird diese 'Leistung' durchwegs angezweifelt. Kant stellt in seiner Erkenntniskritik die Frage danach, ob es eine Gewißheit im Erkennen gibt, und dies in Analogie zur laufenden Suche nach den Naturgesetzen. Die pragmatische Anthropologie Herders und Humboldts soll Kants Transzendentalphilosophie mit einer Kritik der dort vollzogenen Reinigung von Sprache, Kultur und Geschichte ergänzend überwinden: das menschliche Denkvermögen ist abhängig vom Sprachvermögen. Menschsein und Sprechenkönnen sind zusammengehörig, vor allem aber hinsichtlich dessen, was der Mensch sich kulturell als 'Vernunft' erarbeitet hat. Strukturale Eigenschaften von Sprache werden bei Humboldt erkannt, der in der Sprache gar einen Moment der Gewalt entdeckt, die sie gegen den Menschen ausübt. Er denkt bereits über die Struktureigenschaften von Sprache nach: als geistiger Akt wird Sprache stets neu erzeugt, allerdings aufgrund von objektivierten Prämissen, über die der einzelne Mensch keine unbedingte Gewalt hat.
Die einzelnen Sprachen zeigen eine gemeinsame Anlage der Menschen zur Wirklichkeitsbewältigung durch soziale Gebundenheit. Denk- und Sprechweisen werden zunehmend als Ergebnis einer historisch-kulturellen Entwicklung gesehen. In ihrer Abhängigkeit von der Schrift tritt abermals die doppelte Struktur der Sprache hervor, die im Bezug auf das Denken ebenso als Bedingung wie als Bedingendes betrachtet wird. Sprache ist das Medium menschlicher Existenz, Artikulation von Vernunft, und als solche eine Tätigkeit oder ein Teil des menschlichen Handelns, der darüber hinausgeht, sich nur mit der objektiven Welt auseinanderzusetzen.


© Frank Hartmann, WUV/ UTB 2000