2. Kapitel - Imaginäre Räume. René Descartes, oder der Auftritt des modernen Autors

2.1. Programm der Moderne
2.2. Die Methode als Lösung des Vermittlungsproblems
2.3. Methodische Buchführung
2.4. Auf der Suche nach neuer Gewißheit
2.5. Kulturtechnische Neuerungen
2.6. Buchkultur als Medium modernener Intellektualität
2.7. Die neue Rolle der Öffentlichkeit

Zusammenfassung: Auf der Suche nach einer neuen Gewißheit inmitten der sozio-ökonomischen Krise des neuzeitlichen Europa setzt die Philosophie von Descartes das abstrakte Denken als absolutes Wahrheitsinstrument ein - auf der Grundlage dessen, was 'klar und deutlich' erkannt werden kann. Die problematisch gewordene Vermittlung zwischen Ich und Welt wird neu erstellt, wobei an die Stelle der göttlichen Offenbarung die mathematische Beweisführung tritt.
Die Wissenschaftsgeschichte verzeichnet hier einen Neubeginn, der allgemein mit der Abstraktion vom gesellschaftlichen Kontext beschrieben wird. Einer der Effekte ist die dualistische Grundstruktur der Erkenntnis, die Trennung zwischen Materie und Geist. Eine Folge dieser Trennung ist in den Geistes- wissenschaften ein starker Theoriebegriff, der das Metaphysische (das über der Natur stehende) privilegiert. Für die Naturwissenschaften drückt dies eine Befreiung aus, als Öffnung von neuen Forschungswegen (der Körper ist nicht länger sakrosankt, der medizinische Eingriff 'berührt nicht die Seele'). Vor dem selbstbewußten Subjekt steht nichts weniger in Frage als die Existenz von Welt.
Die Vergewisserungen erfolgen vor dem Hintergrund einer bereits funktionierenden Rahmenbedingung, der Druck- und Verlagskultur. Das moderne Denken ist dieser spezifischen Buchkultur verpflichtet, der Philosoph reflektiert die Tatsache des Schreibens ebenso wie die des Denkens, und erfindet sich neu als Autor. Er wendet sich jenseits akademischer Kanonisierungszwänge an eine allgemeine Öffentlichkeit, die von nun an zum Prüfstein seiner Theoriebildung werden soll.
Das erkenntnistheoretische Problem der Moderne hat seinen Ausgangspunkt in der spezifischen 'Mediatisiertheit' von Welt. Sie ist in Bezug zu den Kulturtechniken zu sehen, die für die rationalistische Epoche kennzeichnend sind (Schriftlichkeit der Aussage, allgemeine Verbindlichkeit, universalistischer Anspruch, Zeitlosigkeit). Der Konstruktionseffekt in der Darstellungsweise wissenschaftlicher Aussagen bleibt zunächst ebenso verborgen wie die Rolle des Autors im philosophischen Aufschreibesystem selbst. Immauel Kants kritische Philosophie der Subjektivität wird eine zentrale Rolle für die Reflexion der neuen gesellschaftlichen Wirklichkeit spielen, die immer noch nach neuen Begründungen und einheitlichen Kodifizierungen (Ernest Gellner) für Wissen, Handeln und Moral sucht und nach einer verbindlichen kosmopolitischen Ordnung (Stephen Toulmin) strebt und dazu ihr Prinzip von Publizität reformuliert.


© Frank Hartmann, WUV/ UTB 2000