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Semiosis - im
Fluss der Zeichen
Diesen endlosen, unabschließbaren Prozeß
nannte der amerikanische Logiker Charles S. Peirce (1839 - 1914) im
Anschluß an eine alte Tradition die Semiosis - "an action, an
influence, which is, or involves, a cooperation of three subjects,
such as sign, its object, and its interpretant, this three relative
influence not being in any way resolvable into actions between
pairs". Dies impliziert eine
dreiwertige Definition des Zeichens als etwas, das für jemanden in
gewisser Hinsicht für etwas steht.
Das Konzept der
Semiosis bricht bereits Ende des neunzehnten Jahrhunderts mit dem
Paradigma der Kommunikation als einer 'Übertragung', das zentral für
die nachrichtentechnische Kommunikationstheorie im zwanzigsten
Jahrhundert werden sollte. Im Zentrum steht der Begriff des
Zeichens, das nicht nur im Bezug auf sein Objekt (das Bezeichnete)
steht, sondern auch durch die jeweilige Interpretation dieser
Beziehung definiert ist (Interpretant).
Im Kommunikationsprozeß kann alles erneut zum
Zeichen werden, und durch neue Zeichen verändert der Mensch seine
Wirklichkeit bzw. wirkt auf die Welt ein. Diese Auffassung führt zu
einer pragmatistischen Wahrheitstheorie, da die
Beziehung Zeichen-Bezeichnetes je nach Kontext changiert. Wenn alles
zum Zeichen werden kann, dann gilt das auch für bestehende
Interpretationen. Sätze der klassischen Philosophie lesen wir z.B.
nicht mehr als Propositionen, sondern mit dem Wissen der
historischen Distanz, als Zeichen ihrer Zeit - also nicht als
Aussagen über eine objektive, sondern über eine subjektive
Wirklichkeit.
Es gibt nun verschiedene Zeichen, die je nachdem mehr oder weniger mit den Dingen verbunden sind,
für die sie stehen, und nach bestimmten Codes verknüpft werden. Aus den verschiedensten Codes
setzen sich unsere kulturellen Zeichensysteme oder "Sprachen" zusammen (Sprache der Mode,
Sprache der Architektur, der Kunst, etc.) die ihrerseits ein System bilden (die Kultur).
Unsere Verbalsprache ist damit kein universaler Code! Die mögliche Vielzahl von "Codes" und "Sprachen"
evoziert eine virtuelle Unendlichkeit der Interpretation – diese stößt an keine wirkliche, wohl
aber an eine pragmatisch gezogene Grenze.
"Eine Sprache im
vollen semiotischen Sinn ist ist jede intersubjektive Menge von
Zeichenträgern, deren Gebrauch durch syntaktische, semantische und
pragmatische Regeln festgelegt ist."
(Charles W.Morris, u.a. Herausgeber der Schriften von Peirce).
Denken als
Kommunikationsprozeß: das triadische Modell der
Zeichenbeziehung
Charles S.Peirce setzt im Anschluß an Kant und Hegel, deren Epistemologie er
vereinen wollte, Fragen der Erkenntnistheorie in den kommunikativen
Kontext der jeweiligen Interpretationsgemeinschaft - Erkenntnis
beginnt mit der Zeicheninterpretation und die Kategorien der
Erkenntnis gehen in einer mehr oder weniger komplexen
Zeichentypologie auf. "Zeichen" steht letztlich für die Art und
Weise, wie ein Bewußtseinsgegenstand dem Bewußtsein gegeben ist
(obwohl in der Kommunikation das Bewußtsein
nicht entscheidend ist, den die Kommunikationsprozesse beziehen sich keineswegs ausschließlich auf
einen "bewußten" Interpretanten.)
Es sind dementsprechend drei Ebenen der Zeichendimension unterscheidbar:
- Syntax - als Relation diverser Zeichen untereinander, wie sie die Sprachlogiker untersuchen,
- Semantik - als Relation zwischen dem Zeichen und dem Bezeichneten, der sich die Bedeutungsanalyse widmet
- Pragmatik - als Relation zwischen
dem Zeichen und dem Zeichenbenutzer, wie sie die Sprechakttheorie
untersucht.
Die Semiosis ist auf keinen dieser drei Aspekte allein
reduzierbar. In der Art, wie ein Zeichen zum Zeichenobjekt
steht, hat Peirce in dem berühmten Artikel "Logic as Semiotic:
The Theory of Signs"
(1897) ein komplexes System von zehn Zeichenklassen entworfen (vgl.
nebenstehende Spalte).
Dieser semiotische Theorieentwurf (er blieb unabgeschlossen) von
Peirce zeigt auf faszinierende Art und Weise, wie Theorie auf jenen
hermeneutischen Spielraum zu reagieren vermag, der sich öffnet,
sobald über eine bloße Textinterpretation hinausgegangen wird. Das
Klassifikationssystem hat sich insgesamt so nicht durchsetzt, dazu
war Peirce den Fachwissenschaftlern wohl zu interdisziplinär. Was
von seiner theoretischen Anstrengung blieb, ist die dreigliedrige
Unterteilung der Strukturbeziehung des Zeichens -
jeweils als:
- ikonisches Zeichen,
das durch eine große sprachliche oder bildliche
Ähnlichkeitsbeziehung sein bezeichnetes Objekt
repräsentiert [die Zeichnung oder das Foto eines Apfels]
- indexikalisches Zeichen, das in einem
Verweisungszusammenhang mit dem Bezeichneten
steht (Verweisungsebene oder höher codierter Gegenstandsbezug) [die Buchstabenkombination A-P-F-E-L ]
- symbolisches Zeichen oder
willkürlich (durch Tradition oder Konvention)festgelegter
Zusammanhang [wie in der Aussage: der Apfel
ist eine Frucht].
Damit
wurde die durch die Sprachkritik initiierte Skepsis in die Ordnung der
Dinge aufgelöst; keine Magie des Wortes rettet jenes semantische
Vertrauen, das traditionell in den Bezug zwischen Wort/Zeichen und
Welt gesetzt worden ist.
Peirce revolutionierte Ende des neunzehnten Jahrhunderts die
wissenschaftliche Forschungslogik durch eine verblüffend
pragmatische Lösung: an die Stelle einer erkenntnistheoretischen
Gewißheit tritt die Vermittlung durch die
Kommunikationsgemeinschaft. Gesellschaftliche Praxis und Konvention
als Bedingungen aller Kommunikation werden in ihr Recht gesetzt;
Karl Otto Apel spricht auch von einer
Grundlegung der Geisteswissenschaft als
Verständigungswissenschaft bei Peirce.
Semiotik oder Semiologie?
Angesichts des mächtigen, hier nur
angedeuteten Zeichenmodells darf behauptet werden, dass die
amerikanische Tradition der Semiotik (Peirce)
weitaus differenzierter als jenes der französischen Tradition der
Semiologie (Ferdinand de Saussure bis Roland
Barthes) ist. Die Semiologie ist eine sprachwissenschaftliche
Disziplin und unterscheidet zwischen Signifikant
(Ausdrucksebene) und Signifikat (Bezeichnungsebene) des Zeichens.
Sie nimmt die Verbalsprache als Grundlage für ihren
Versuch, die Geistes- und Kulturwissenschaften auf eine harte
empirische Grundlage zu stellen. Mit anderen Worten: während
die Semiotik auf eine dreiwertige Logik des Zeichens
gebaut ist, begnügt sich die Semiologie mit einen Dualismus.
Überlegungen, die Umberto Eco [A Theory of Semiotics, Indiana
UNiv. Press 1976] ausgeführt hat, legen nahe, dass es falsch
ist zu glauben, jedes Zeichensystem beruhe auf einer der verbalen
ähnlichen Sprache, und weiter, dass jede "Sprache" zwei feste
Gliederungen haben müsse. Weder haben Zeichensysteme eine duale
Gliederung, noch ist diese ein für allemal festgelegt - das folgt
aus dem Theorieentwurf
von Peirce.
Warum dann die Verwirrung im semiotischen
Diskurs? In Zweifelsfällen empfiehlt sich da der Elchtest:
fragen sie eine/einen passionierten Semiologen (Filmtheoretiker,
Dekonstruktivisten, Poststrukturalisten) ganz einfach, ob sie/er
denn auch Peirce gelesen habe.
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"Ein Zeichen ist kein wirkliches Ding.
Es ist so beschaffen, dass es in Replikas existiert. Man schaue auf
eine Druckseite, und jedes 'der', das man sieht, ist dasselbe Wort,
jedes 'e' derselbe Buchstabe. Ein wirkliches Ding existiert nicht
auf diese Weise in Relikas. Das Sein eines Zeichens ist bloß ein
Dargestelltsein. Nun sind wirklich Sein und Dargestelltsein sehr
verschieden. Wenn man dem Wort Zeichen den vollen
Umfang gibt, der ihm für logische Zwecke vernünftigerweise zukommt, dann
ist ein ganzes Buch ein Zeichen; und eine Übersetzung davon ist
eine Replika desselben Zeichens. Eine ganze Literatur ist ein Zeichen"
Charles S. Peirce:
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Leben und Werk
********************** Die zehn
Zeichenklassen nach Peirce 1897:
"The three trichotomies
of Signs result together in dividing Signs into TEN CLASSES OF
SIGNS, of which numerous subdivisions have to be
considered.
The ten classes of signs
are as
follows:
- Rhematic Iconic
Qualisign
- Rhematic Iconic Sinsign
- Rhematic Indexical Sinsign
- Dicent Indexical Sinsign
- Rhematic Iconic Legisign
- Rhematic Indexical Legisign
- Dicent Indexical Legisign
- Rhematic Symbol Legisign/Symbolic Rheme
- Dicent Symbol Legisign (Proposition)
- Argument Symbolic Legisign
(. . .) It is not impossible that
some varieties are here overlooked. It is a nice problem to say to
what class a given sign belongs; since alle the circumstances
of the case have to be considered. But it is seldom requisite to be
very accurate; for if one does not locate the sign precisely, one
will easily come near enough to its character for any ordinary
purpose of logic."
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