Vorlesung Medienphilosophie

Doz. Dr. Frank Hartmann
Institut für Publizistik
Universität Wien

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1.9. Semiotik 
Die Welt der Zeichen


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Semiotik, die Lehre oder besser die "Wissenschaft von den Zeichen", trägt der Tatsache Rechnung, dass der Mensch nicht nur Sprache im Sinn des Verbalen hat, sondern ist insgesamt ein symbolisches Wesen ist. Neben der Verbalsprache beeinflussen Kultur, Rituale, Institutionen etc. unser Handeln. Alle Kommunikationen haben daher einen Zeichencharakter. 

Im Sinne der Komplexitätsreduktion und zum Zweck des intersubjektiven Austausches kommunizieren wir strenggenommen nicht über Dinge, sondern ständig über Bedeutungsmodelle. In der Alltagskommunikation funktioniert dies automatisch, da die Bezugnahme quasi reflexhaft erfolgt. Die Grundlage ist aber immer eine sprachlich, kulturell etc. determinierte, jedoch unabgeschlossene Interpretation von Zeichen.


Semiosis - im Fluss der Zeichen
 

Diesen endlosen, unabschließbaren Prozeß nannte der amerikanische Logiker Charles S. Peirce (1839 - 1914) im Anschluß an eine alte Tradition die Semiosis - "an action, an influence, which is, or involves, a cooperation of three subjects, such as sign, its object, and its interpretant, this three relative influence not being in any way resolvable into actions between pairs". Dies impliziert eine dreiwertige Definition des Zeichens als etwas, das für jemanden in gewisser Hinsicht für etwas steht.

Das Konzept der Semiosis bricht bereits Ende des neunzehnten Jahrhunderts mit dem Paradigma der Kommunikation als einer 'Übertragung', das zentral für die nachrichtentechnische Kommunikationstheorie im zwanzigsten Jahrhundert werden sollte. Im Zentrum steht der Begriff des Zeichens, das nicht nur im Bezug auf sein Objekt (das Bezeichnete) steht, sondern auch durch die jeweilige Interpretation dieser Beziehung definiert ist (Interpretant).

Im Kommunikationsprozeß kann alles erneut zum Zeichen werden, und durch neue Zeichen verändert der Mensch seine Wirklichkeit bzw. wirkt auf die Welt ein. Diese Auffassung führt zu einer pragmatistischen Wahrheitstheorie, da die Beziehung Zeichen-Bezeichnetes je nach Kontext changiert. Wenn alles zum Zeichen werden kann, dann gilt das auch für bestehende Interpretationen. Sätze der klassischen Philosophie lesen wir z.B. nicht mehr als Propositionen, sondern mit dem Wissen der historischen Distanz, als Zeichen ihrer Zeit - also nicht als Aussagen über eine objektive, sondern über eine subjektive Wirklichkeit.

Es gibt nun verschiedene Zeichen, die je nachdem mehr oder weniger mit den Dingen verbunden sind, für die sie stehen, und nach bestimmten Codes verknüpft werden. Aus den verschiedensten Codes setzen sich unsere kulturellen Zeichensysteme oder "Sprachen" zusammen (Sprache der Mode, Sprache der Architektur, der Kunst, etc.) die ihrerseits ein System bilden (die Kultur). Unsere Verbalsprache ist damit kein universaler Code! Die mögliche Vielzahl von "Codes" und "Sprachen" evoziert eine virtuelle Unendlichkeit der Interpretation – diese stößt an keine wirkliche, wohl aber an eine pragmatisch gezogene Grenze.

"Eine Sprache im vollen semiotischen Sinn ist ist jede intersubjektive Menge von Zeichenträgern, deren Gebrauch durch syntaktische, semantische und pragmatische Regeln festgelegt ist." (Charles W.Morris, u.a. Herausgeber der Schriften von Peirce).

Denken als Kommunikationsprozeß: 
das triadische Modell der Zeichenbeziehung


Charles S.Peirce setzt im Anschluß an Kant und Hegel, deren Epistemologie er vereinen wollte, Fragen der Erkenntnistheorie in den kommunikativen Kontext der jeweiligen Interpretationsgemeinschaft - Erkenntnis beginnt mit der Zeicheninterpretation und die Kategorien der Erkenntnis gehen in einer mehr oder weniger komplexen Zeichentypologie auf. "Zeichen" steht letztlich für die Art und Weise, wie ein Bewußtseinsgegenstand dem Bewußtsein gegeben ist (obwohl in der Kommunikation das Bewußtsein nicht entscheidend ist, den die Kommunikationsprozesse beziehen sich keineswegs ausschließlich auf einen "bewußten" Interpretanten.)

Es sind dementsprechend drei Ebenen der Zeichendimension unterscheidbar:

  • Syntax - als Relation diverser Zeichen untereinander, wie sie die Sprachlogiker untersuchen,
  • Semantik - als Relation zwischen dem Zeichen und dem Bezeichneten, der sich die Bedeutungsanalyse widmet
  • Pragmatik - als Relation zwischen dem Zeichen und dem Zeichenbenutzer, wie sie die Sprechakttheorie untersucht.

Die Semiosis ist auf keinen dieser drei Aspekte allein reduzierbar. In der Art, wie ein Zeichen zum Zeichenobjekt steht, hat Peirce in dem berühmten Artikel "Logic as Semiotic: The Theory of Signs" (1897) ein komplexes System von zehn Zeichenklassen entworfen (vgl. nebenstehende Spalte).

Dieser semiotische Theorieentwurf (er blieb unabgeschlossen) von Peirce zeigt auf faszinierende Art und Weise, wie Theorie auf jenen hermeneutischen Spielraum zu reagieren vermag, der sich öffnet, sobald über eine bloße Textinterpretation hinausgegangen wird. Das Klassifikationssystem hat sich insgesamt so nicht durchsetzt, dazu war Peirce den Fachwissenschaftlern wohl zu interdisziplinär. Was von seiner theoretischen Anstrengung blieb, ist die dreigliedrige Unterteilung der Strukturbeziehung des Zeichens - jeweils als: 

  • ikonisches Zeichen, das durch eine große sprachliche oder bildliche Ähnlichkeitsbeziehung sein bezeichnetes Objekt repräsentiert [die Zeichnung oder das Foto eines Apfels]
  • indexikalisches Zeichen, das in einem Verweisungszusammenhang mit dem Bezeichneten steht (Verweisungsebene oder höher codierter Gegenstandsbezug) [die Buchstabenkombination A-P-F-E-L ] 
  • symbolisches Zeichen oder willkürlich (durch Tradition oder Konvention)festgelegter Zusammanhang [wie in der Aussage: der Apfel ist eine Frucht].

Damit wurde die durch die Sprachkritik initiierte Skepsis in die Ordnung der Dinge aufgelöst; keine Magie des Wortes rettet jenes semantische Vertrauen, das traditionell in den Bezug zwischen Wort/Zeichen und Welt gesetzt worden ist.

Peirce revolutionierte Ende des neunzehnten Jahrhunderts die wissenschaftliche Forschungslogik durch eine verblüffend pragmatische Lösung: an die Stelle einer erkenntnistheoretischen Gewißheit tritt die Vermittlung durch die Kommunikationsgemeinschaft. Gesellschaftliche Praxis und Konvention als Bedingungen aller Kommunikation werden in ihr Recht gesetzt; Karl Otto Apel spricht auch von einer Grundlegung der Geisteswissenschaft als Verständigungswissenschaft bei Peirce.

Semiotik oder Semiologie?

Angesichts des mächtigen, hier nur angedeuteten Zeichenmodells darf behauptet werden, dass die amerikanische Tradition der Semiotik (Peirce) weitaus differenzierter als jenes der französischen Tradition der Semiologie (Ferdinand de Saussure bis Roland Barthes) ist. Die Semiologie ist eine sprachwissenschaftliche Disziplin und unterscheidet zwischen Signifikant (Ausdrucksebene) und Signifikat (Bezeichnungsebene) des Zeichens. Sie nimmt die Verbalsprache als Grundlage für ihren Versuch, die Geistes- und Kulturwissenschaften auf eine harte empirische Grundlage zu stellen. Mit anderen Worten: während die Semiotik auf eine dreiwertige Logik des Zeichens gebaut ist, begnügt sich die Semiologie mit einen Dualismus. Überlegungen, die Umberto Eco [A Theory of Semiotics, Indiana UNiv. Press 1976] ausgeführt hat, legen nahe, dass es falsch ist zu glauben, jedes Zeichensystem beruhe auf einer der verbalen ähnlichen Sprache, und weiter, dass jede "Sprache" zwei feste Gliederungen haben müsse. Weder haben Zeichensysteme eine duale Gliederung, noch ist diese ein für allemal festgelegt - das folgt aus dem Theorieentwurf von Peirce.

Warum dann die Verwirrung im semiotischen Diskurs? In Zweifelsfällen empfiehlt sich da der Elchtest: fragen sie eine/einen passionierten Semiologen (Filmtheoretiker, Dekonstruktivisten, Poststrukturalisten) ganz einfach, ob sie/er denn auch Peirce gelesen habe.

  

 

"Ein Zeichen ist kein wirkliches Ding. Es ist so beschaffen, dass es in Replikas existiert. Man schaue auf eine Druckseite, und jedes 'der', das man sieht, ist dasselbe Wort, jedes 'e' derselbe Buchstabe. Ein wirkliches Ding existiert nicht auf diese Weise in Relikas. Das Sein eines Zeichens ist bloß ein Dargestelltsein. Nun sind wirklich Sein und Dargestelltsein sehr verschieden. Wenn man dem Wort Zeichen den vollen Umfang gibt, der ihm für logische Zwecke vernünftigerweise zukommt, dann ist ein ganzes Buch ein Zeichen; und eine Übersetzung davon ist eine Replika desselben Zeichens. Eine ganze Literatur ist ein Zeichen"

Charles S. Peirce:
>>> Leben und Werk

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Die zehn Zeichenklassen
nach Peirce 1897:

"The three trichotomies of Signs result together in dividing Signs into TEN CLASSES OF SIGNS,
of which numerous subdivisions have to be considered.

The ten classes of signs
are as follows: 

  1. Rhematic Iconic Qualisign
  2. Rhematic Iconic Sinsign
  3. Rhematic Indexical Sinsign
  4. Dicent Indexical Sinsign
  5. Rhematic Iconic Legisign
  6. Rhematic Indexical Legisign
  7. Dicent Indexical Legisign
  8. Rhematic Symbol Legisign/Symbolic Rheme
  9. Dicent Symbol Legisign (Proposition)
  10. Argument Symbolic Legisign
(. . .)
It is not impossible that some varieties are here overlooked. It is a nice problem to say to what class a given sign belongs; since alle the circumstances of the case have to be considered. But it is seldom requisite to be very accurate; for if one does not locate the sign precisely, one will easily come near enough to its character for any ordinary purpose of logic."

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