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Von der
Sprachphilosophie führen im neunzehnten Jahrhundert radikalisierende
Schritte zu einer Sprachkritik, die zur Kulturkritik ausgeweitet
wird. Eine Wegmarke ist hier der polemische Essay Friedrich
Nietzsches "Über Wahrheit und Lüge im
außermoralischen Sinne", den er als Grundlage für Studien zur
Rhetorik 1873 geschrieben hat, der jedoch vorerst unveröffentlicht
blieb. Es
geht in diesem Text gegen die Macht des Metaphorischen,
die Nietzsche an der Sprache entlarvt.
Kritik des semantischen
Realismus
Der Semantische Realismus bedeutet die Annahme, dass die Welt sprachlich
strukturiert ist, wenn Sprache der Welt adäquat sein soll. Dass
Sprache die Welt in Worten repräsentiert, kritisiert Nietzsche
vehement. Er denkt von der Musik her und sieht eine fundamentale
Beschränkung der Grammatik (der sprachlichen Aussagemöglichkeiten)
darin, andere Formen der Erfahrungsorganisation zu unterdrücken.
Sprache aber ist metaphorisch, wir bewegen uns in historisch
abgenutzten Begrifflichkeiten, die kein adäquater Ausdruck der Welt
sind. Die menschliche Gattung stellt für ihre Mitglieder eine Art
Verpflichtung auf, "nach einer festen Konvention zu lügen". Damit
projizieren sie ihre sprachliche Struktur auf die Wirklichkeit (aber
immer im Glauben, diese zu beschreiben).
Der "Sprachschock" (Mauthner), den dies
impliziert, wurde immer mehr zum Thema und die Sprachskepsis war zum
Fin-de-siecle geradezu Zeitgeist. Davon zeugt die Wirkung
eines fiktiven Briefes, den Hugo von Hofmannsthal im Oktober 1902 in
der Berliner Zeitung "Der Tag" publiziert hat und in dem auch Fritz
Matuhner sein Anliegen wiedererkannte: "Mein Fall ist, in Kürze,
dieser: Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über
irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu
sprechen."
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Kritik der Sprache
Die Frage, ob sich dies nicht ändern
ließe, hat auch den Sprachkritiker Fritz Mauthner bewegt: läßt sich
durch eine Dekonstruktion des Sprachlichen eine Veränderung der
Wirklichkeit bewirken, und läßt sich über eine Sprachkritik das
Aufklärungsprojekt fortsetzen?
Anfang der dreißiger
Jahre läßt sich der fast erblindete James Joyce
in Paris von Samuel Beckett aus einem Werk vorlesen, das seine Radikalität hinter einem
altbackenen und bescheidenen Titel verbirgt: den "Beiträgen zu einer Kritik der
Sprache" Fritz Mauthners.
Fritz Mauthners Ansatz
radikalisiert die Sprachabhängigkeitsthese, nach der Sprache die historische Bedingung allen Denkens ist, indem er die
Erkenntniskritik zu einer Kritik der Sprachherrschaft (er nennt es Logokratie)
erweitert. "Kritik der Vernunft muß Kritik der Sprache werden. Alle kritische
Philosophie ist Kritik der Sprache."
Die "Philosophie" ist für Mauthner - wie er in seinem 1997 neu
augelegten "Wörterbuch der Philosophie" (1910) schreibt, eine Arbeit an
abstrakten Begriffen, die es einem leicht mache, in "skeptische Resignation"
darüber zu verfallen, was wir überhaupt wissen können, und ist somit
"die Einsicht in die Unannehmbarkeit der Wirklichkeitswelt, ist keine
Negation, ist unser bestes Wissen; die Philosophie ist Erkenntnistheorie,
Erkenntnistheorie ist Sprachkritik; Sprachkritik aber ist die Arbeit an dem befreienden
Gedanken, daß die Menschen mit den Wörtern ihrer Sprachen und mit den Worten ihrer
Philosophien niemals über eine bildliche Darstellung der Welt hinaus gelangen
können." (Mauthners Einleitung zu: Wörterbuch der Philosophie)
Gegenstand der Kritik ist die Möglichkeit einer Wirklichkeitserschließung durch die
Wortsprache; Sprache ist der ideologische Schleier, der sich über die Wirklichkeit legt.
"Im Anfang war das Wort." Mit dem Worte stehen die Menschen am Anfang der Welterkenntnis
und sie bleiben stehen, wenn sie beim Wort bleiben. Wer weiter schreiten will, auch nur um
den kleinwinzigen Schritt, um welchen die Denkarbeit eines ganzen Lebens weiter bringen
kann, der muß sich vom Worte befreien und vom Wortaberglauben, der muß seine Welt von
der Tyrannei der Sprache zu erlösen versuchen.
Die sprachliche Realität ist mächtiger als gemeinhin angenommen wird: in einer Art
Wiederbelebung des mittelalterlichen Nominalismus untersuchte Mauthner ideologiekritisch
die sprachlichen Realabstraktionen, die sich dennoch in der Realität bestimmend
auswirken; er nannte das den Wortaberglauben. Mauthner bekämpfte "die
absurden Ungeheuer der Sprache".
Der Fortschritt der Menschheit (Aufklärung) hängt
davon ab, wie sehr sie ihre eigenen Wortfetische erkennen und damit ihre gesellschaftliche
Konstruiertheit durchschauen kann. Mauthners Sprachkritik enthält die Pointe, daß
Sprache an der Realität zu messen sei und nicht Realität an den sprachlichen Begriffen.
Sprache ist ein ungeeignetes Erkenntnisinstrument, da wir durch sie und unsere Sinne nur
einen zufälligen Ausschnitt der Welt kennenlernen. Unsere Erkenntnisbedingungen sind
sprachlich/grammatikalisch bedingt.
"Einge Wochen lang verbrachte ich
die halben Nächte damit, meine Flüche hinzuwühlen darüber, daß wir so gar nichts
wissen können, daß die menschliche Vernunft gar kein anders Ausdrucksmittel hat als die
elende Sprache, daß die Sprache ein Handwerkszeug ist, mit dem wir an nichts Wirkliches
herankommen können, weder an die Natur noch an unsere eigenen Empfindungen." (Mauthner über seine Anfänge der Sprachkritik, in: Die
Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen, Leipzig: Meiner Verlag, 1922, Seite 126)
Die Ordnung der Dinge ist nach Mauthner ein Konstrukt
zwischen Subjektivität und Wirklichkeit, welches über drei verschiedene, in der Sprache
repräsentierte Modi funktioniert:
- das Adjektiv den Wahrnehmungseindrücken,
- das Verb entspricht den verbindenden Aktivitäten,
- und das Substantiv den (fiktiven) stabilen Gestalten.
Letzteres ermöglicht den Bereich des
Wortaberglaubens, der willkürlichen Festschreibungen. Eine Möglichkeit der
objektiven Erklärung ist hier ausgeschlossen,
denn die Sprache wirkt wie ein ideologisches Gefängnis.
Auch die Wissenschaften erklären nichts, sie beschreiben nur. Die
Welt ist ein Konstrukt der Sprache,
Mauthner entwirft folgende 3-Welten-Theorie:
| Welt 1 |
Sinneseindrücke |
Eigenschaften der Dinge |
ADJEKTIVISCH |
| Welt 2 |
Handlungen, Bezüge |
Zeit und Bewegung |
VERBAL |
| Welt 3 |
Theorien, Fiktionen |
Wissenschaft und Religion |
SUBSTANTIVISCH |
| Hintergrund |
Schweigen |
gottlose Mystik |
Jenseits der Sprache |
Ganz in der Manier Nietzsches bekennt
Mauthner: "Wir haben nur Worte, wir wissen nichts". In
tausenden von Druckseiten versuchte er, Sprachkritik als
kulturhistorisches Unternehmen zu berteiben und einzelne
philosophische Begriffe zu dekonstruieren. Eine systematische Rekonstruktion
der Begriffe sollte einen neue Basis theoretischen
Ausdrucks schaffen.
Die zunehmend problematische Verbindung von
Sprache und Welt und die damit verbundene Unvollkommenheit der
Sprache (Ausdruck und Bedeutung fallen auseinander) bei Nietzsche
und Mauthner reflektieren die Krisenerfahrung einer
Moderne
, die zunehmend Unsicherheiten produziert - worauf die Theorie
dann mit "Sprachreinigung" zu reagieren begann.
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Fritz Mauthner (1849-1923) "Kritik der Vernunft muß Kritik der Sprache
werden. Alle Kritische Philosophie ist
Kritik der Sprache."
>>> Fritz Mauthner Gesellschaft
Mauthner hat in seinem Leben drei große Projekte
verfolgt: ein dichterisches (er war Literat, Kritiker, Journalist, Dramatiker), ein
geschichtliches (Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande, 4 Bände,
1920ff, Neuauflage 1989) und ein erkenntniskritisches (Beiträge zu einer
Kritik der Sprache, 3 Bände, 1896ff / Wörterbuch der Philosophie,
2 Bände, 1910ff, Neuauflage 1997)
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