Vorlesung Medienphilosophie

Doz. Dr. Frank Hartmann
Institut für Publizistik
Universität Wien

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1.4. Kultur- und Sprachphilosophie 
Zur Kritik der Transzendentalphilosophie


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Während Kants das Subjekt transzendental zu bestimmen versucht hat, d.h. über die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von Denken und Handeln, wird die Sprache als Thema der Philosophie neu entdeckt: Sprache - als "Werkzeug des Denkens" - ist eine "Erscheinung", die erkennbar und wissenschaftlich rekonstruierbar ist. Sprache wird gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts zunehmend als das Regelsystem begriffen, das unsere Weltauffassung (und damit auch die Erfahrungen) schon vorgängig determiniert.

Wie aber kommt der Mensch zur Sprache? Gehört sie zu den angeborenen Ideen? Wird sie erworben? Was ist ihr Wesen? Ist ihr Ursprung göttlich oder tierisch?

Kritik der Vernunftkritik

Einige Schlüsseltexte für den Zusammenhang von Denken und Sprechen beziehen sich auf Kants Kritik der reinen Vernunft: vor allem Johann Georg Hamann (1730-1788), ein Freund und Lehrer Herders, wendet sich gegen den philosophischen Dualismus von Sinnlichkeit und Intellekt, der sich in der Kantschen Vernunftkritik findet: hier kontrastiert die apriorische Erkenntnisqualität (Spontaneität der Begriffe) mit der aposteriorischen (Rezeptivität der Sprache).
Hamanns Schriften sind unsystematisch und wirr (manchmal heißt es: irrationalistisch), denn er polemisierte auch mit diesem Stilmittel gegen die rationale Abstraktion seiner Zeitgenossen. 1784 verfaßte Hamann als Reaktion auf Kants 'Kritik der reinen Vernunft' eine Metakritik über den Purismus der Vernunft (1800 posthum veröffentlicht), in welcher Hamann die dreifache Reinigung der Vernunft bei Kant kritisiert. Es ist dies die Reinigung:

  • von Überlieferung, Tradition und Glauben
  • von der Erfahrung und ihrer "alltäglichen Induction"
  • von der Sprache, jenem "einzigen und letzten Organon und Kriterion der Vernunft."
Bereits 1758 hatte Hamann seine Biblische Betrachtungen verfaßt, und die Texte jener Zeit bereiten ein "kommunikationsanthropologisches " Verständnis von Sprache und Schrift vor. Die Bibel wird jetzt auch als ein geschichtliches Dokument gelesen, nicht nur als göttliche Offenbarung - ihre Sprache ist schon für Hamann historisch relativ, eine zeitgebundene Erzählung (hinter dieser Einsicht verbirgt sich auch schon eine gewisse Sprachskepsis). Es ist doch, wie Hamann bekennt, eindeutig der "Menschengriffel der heiligen Männer", durch den der Geist Gottes in die heilige Schrift fließt . . .


 

 

 

 

 

 

Denken und Sprechen

Denken und Sprechen werden also gegen die Abstraktionen der Vernunftkritik in einen intimen Zusammenhang gestellt. "Vernunft ist Sprache", heißt es bei Hamann, und ebenso heißt es dann bei Johann Gottfried Herder, daß durch die Sprache Vernunft ausgebildet wird, da wir "Sprachgeschöpfe" sind und die Sprache selbst als eine Art Instinkt (vgl. jetzt auch Pinker 1994) tierischen Ursprungs ist.Welt, Mensch und Sprache werden bei Herder ineins gesetzt, womit philosophische Fragen durch eine anthropologische Fragestellung ergänzt bzw. abgelöst werden.

Ob die Menschen, sich selbst und ihren natürlichen Fähigkeiten überlassen, Sprache hätten erfinden können, diese Preisfrage der Berliner Akademie der Wissenschaften von 1770 beantwortet Herder mit seiner berühmten "Abhandlung über den Ursprung der Sprache". Herder widerlegt darin die These vom adamitischen (göttlichen) Sprachursprung, wenn er diesen Traktat mit der These eröffnet, daß der Mensch "schon als Thier" Sprache habe. Sprache ist ihm Werkzeug der Welterschließung, und sie ist übrigens nicht eine verbalsprachlich beschränkte.
Allerdings ist es genau die Sprache, die den Menschen vom Tier qualitativ trennt, denn ohne Sprache gibt es keine Vernunft: "Alle Tiere bis auf den stummen Fisch tönen ihre Empfindungen; weswegen aber hat doch kein Tier, selbst nicht das vollkommenste, den geringsten, eigentlichen Anfang zu einer menschlichen Sprache. Man bilde und verfeinere und organisiere dies Geschrei wie man wolle: wenn kein Verstand dazukommt, diesen Ton mit Absicht zu brauchen, so sehe ich nicht, wie nach dem vorigen Naturgesetze je menschliche, willkürliche Sprache werde?"

Beeinflußt von der Sprachphilosophie der französischen Enzyklopädisten (Herder trifft sich 1769 in Paris mit d'Alembert und mit Diderot), die die rekonstruktive Qualität der Sprache als einem deskriptiven Instrument vergegenwärtigten (Blumenberg 1981), widmete sich schon der junge Herder der "logosmystischen" Tradition von der Sprachlichkeit der Welt, der Geschichte und des Denkens.
Vom englischen Empirismus her, der eine Therapie der Wissenschaften als Therapie der Sprache anbahnt, läßt sich bei Herder (der auch lange mit Goethe befreundet war) der Zug zur sprachlichen Therapie der Nation deuten - einer der vielen Versuche, Einheitlichkeit in der zersplitterten Moderne herzustellen (und Grundlage für die spätere völkische Vereinnahmung Herders).

Herder nimmt in mancherlei Hinsicht jene Einsicht Wittgensteins vorweg, nach der die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt bedeuten. Herder spekuliert in seiner Preisschrift nicht, sondern argumentiert mit Tatssachen, die sich u.a. aus dem Bau der alten Sprachen erschließen lassen. Vernunft erscheint als relativ hinsichtlich ihrer Sprachgebundenheit (Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft, 1799). Sprache und Schrift nehmen auch eine zentrale Stellung bei Herders Bestimmung von "Humanität" in den 1784 bis 1791 erschienen Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit einnehmen. 

 

Herder

Johann Gottfried Herder (1744-1803):
Sprache ist für den
Menschen das Instrument
der Welterschließung - es
gibt keine Vernunft
ohne Sprache.



Kritik


J.G. Herder:
>>> "Abhandlung über den Ursprung der Sprache"



>>> "Sprachkritischer Protestantismus der Metakritik und das Zeugnis der Sprache"

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