 |
Während Kants das Subjekt transzendental
zu bestimmen versucht hat, d.h. über die Frage nach den Bedingungen
der Möglichkeit von Denken und Handeln, wird die Sprache als Thema
der Philosophie neu entdeckt: Sprache - als "Werkzeug des Denkens" -
ist eine "Erscheinung", die erkennbar und wissenschaftlich
rekonstruierbar ist. Sprache wird gegen Ende des achtzehnten
Jahrhunderts zunehmend als das Regelsystem
begriffen, das unsere Weltauffassung (und damit auch die
Erfahrungen) schon vorgängig determiniert.
Wie aber kommt der Mensch zur Sprache? Gehört sie zu den
angeborenen Ideen? Wird sie erworben? Was ist ihr Wesen? Ist ihr
Ursprung göttlich oder tierisch?
Kritik der
Vernunftkritik
Einige Schlüsseltexte für den Zusammenhang von
Denken und Sprechen beziehen sich auf Kants Kritik der reinen
Vernunft: vor allem Johann Georg Hamann
(1730-1788), ein Freund und Lehrer Herders, wendet sich
gegen den philosophischen Dualismus von Sinnlichkeit und Intellekt,
der sich in der Kantschen Vernunftkritik findet: hier kontrastiert
die apriorische Erkenntnisqualität (Spontaneität der Begriffe) mit
der aposteriorischen (Rezeptivität der Sprache).
Hamanns Schriften sind unsystematisch und wirr (manchmal heißt es: irrationalistisch), denn er polemisierte auch mit
diesem Stilmittel gegen die rationale Abstraktion seiner Zeitgenossen.
1784 verfaßte Hamann als Reaktion auf Kants 'Kritik der reinen Vernunft' eine
Metakritik über den Purismus der Vernunft (1800 posthum veröffentlicht), in welcher Hamann die
dreifache Reinigung der Vernunft bei Kant kritisiert. Es ist dies
die Reinigung:
- von Überlieferung, Tradition und Glauben
- von der Erfahrung und ihrer "alltäglichen Induction"
- von der Sprache, jenem "einzigen und letzten Organon und
Kriterion der Vernunft."
Bereits 1758
hatte Hamann seine Biblische Betrachtungen verfaßt, und die Texte jener Zeit bereiten ein
"kommunikationsanthropologisches
" Verständnis von Sprache und Schrift vor.
Die Bibel wird jetzt auch als ein geschichtliches Dokument gelesen, nicht nur als göttliche Offenbarung - ihre
Sprache ist schon für Hamann historisch relativ, eine zeitgebundene Erzählung (hinter dieser Einsicht verbirgt sich auch schon eine gewisse Sprachskepsis). Es ist doch, wie Hamann bekennt, eindeutig
der "Menschengriffel der heiligen Männer", durch den der Geist Gottes in die heilige Schrift fließt . . .
|
|
 |
Denken und Sprechen
Denken und Sprechen werden also gegen
die Abstraktionen der Vernunftkritik in einen intimen Zusammenhang
gestellt. "Vernunft ist Sprache", heißt es bei Hamann, und ebenso
heißt es dann bei Johann Gottfried Herder, daß
durch die Sprache Vernunft ausgebildet wird, da wir
"Sprachgeschöpfe" sind und die Sprache selbst als eine Art
Instinkt
(vgl. jetzt auch Pinker 1994) tierischen Ursprungs ist.Welt, Mensch und Sprache werden bei Herder ineins gesetzt,
womit philosophische Fragen durch eine anthropologische
Fragestellung ergänzt bzw. abgelöst werden.
Ob die Menschen, sich selbst und ihren natürlichen Fähigkeiten überlassen, Sprache hätten erfinden können, diese
Preisfrage der Berliner Akademie der Wissenschaften von 1770 beantwortet Herder mit seiner berühmten
"Abhandlung über den Ursprung der Sprache". Herder widerlegt darin
die These vom adamitischen (göttlichen) Sprachursprung, wenn er
diesen Traktat mit der These eröffnet, daß der Mensch "schon als
Thier" Sprache habe. Sprache ist ihm Werkzeug der Welterschließung,
und sie ist übrigens nicht eine verbalsprachlich beschränkte.
Allerdings ist es genau die Sprache, die den Menschen vom Tier
qualitativ trennt, denn ohne Sprache gibt es keine Vernunft:
"Alle Tiere bis auf den stummen Fisch tönen ihre Empfindungen;
weswegen aber hat doch kein Tier, selbst nicht das vollkommenste,
den geringsten, eigentlichen Anfang zu einer menschlichen Sprache.
Man bilde und verfeinere und organisiere dies Geschrei wie man
wolle: wenn kein Verstand dazukommt, diesen Ton mit Absicht zu
brauchen, so sehe ich nicht, wie nach dem vorigen Naturgesetze je
menschliche, willkürliche Sprache werde?"
Beeinflußt von der Sprachphilosophie der
französischen Enzyklopädisten (Herder trifft sich 1769 in Paris mit
d'Alembert und mit Diderot), die die rekonstruktive Qualität der
Sprache als einem deskriptiven Instrument vergegenwärtigten
(Blumenberg 1981), widmete sich schon der junge Herder der
"logosmystischen" Tradition von der Sprachlichkeit der Welt, der
Geschichte und des Denkens. Vom englischen Empirismus her, der
eine Therapie der Wissenschaften als Therapie der Sprache anbahnt,
läßt sich bei Herder (der auch lange mit Goethe befreundet war) der
Zug zur sprachlichen Therapie der Nation
deuten - einer der vielen
Versuche, Einheitlichkeit in der zersplitterten Moderne herzustellen (und Grundlage für
die spätere völkische Vereinnahmung Herders).
Herder nimmt in
mancherlei Hinsicht jene Einsicht Wittgensteins vorweg, nach der die
Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt bedeuten. Herder
spekuliert in seiner Preisschrift nicht, sondern argumentiert mit
Tatssachen, die sich u.a. aus dem Bau der alten Sprachen erschließen
lassen. Vernunft erscheint als relativ hinsichtlich ihrer
Sprachgebundenheit (Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft,
1799). Sprache und Schrift nehmen auch eine zentrale Stellung bei
Herders Bestimmung von "Humanität" in den 1784 bis 1791 erschienen
Ideen zur Philosophie der Geschichte der
Menschheit einnehmen.
 |

|