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"Abendgebet vor der Statue eines Zyklopen,
eines Götzen, dessen rechteckiges, von Kämpfen triefendes Auge
uns fasziniert,
beherrscht, empört, mit Abscheu, Schrecken, und Mitleid erfüllt.
Einst wohnte der
Fetischkasten in unseren Häusern; jetzt wohnen wir in diesem
Käfig, dieser Höhle aus Holz und Glas.
- Michel Serres (1995) über das Fernsehen
Technik-
und Medienkritik
Dass die technische
Reproduzierbarkeit von Kunstwerken ein gesellschaftliches Potenzial darstellt, war Thema der
medientheoretischen Reflexion Walter Benjamins (vgl. Vorlesung 2.4
). Seine Zeitgenossen sahen das nicht unbedingt so: die
zeitdiagnostische Kulturkritik nimmt gern apokalyptische Züge an, wenn sie sich mit den neuen audiovisuellen
Medien befasst. Dazu zählt Günther Anders, ein Außenseiter der neueren Philosophiegeschichte, der sich bis ins
hohe Alter polemisch einzumischen pflegte und zuletzt noch in der Anti-Kriegsbewegung
(u.a. im >>>
Vietnam War Crimes Tribunal von Bertrand Russell)
und in der Anti-Atombewegung aktiv war.
Sein maßloser, übertreibender Gestus macht die
Lektüre seiner pessimistischen "Philosophie der Technik" oft schwer
verdaulich - hat jedoch folgende Methode: durch Übertreibung
Wahrheiten ans Licht zu bringen, oder wie er selbst sagt:
"Bagatellisierte Gegenstände erfordern übertreibende
Formulierungen."
Auch klingen viele seiner Thesen heute teils wie Gemeinplätze,
was mit einer "stillen Rezeption" zu tun hat: Susan Sontag etwa oder
Neil Postman schulden Anders mehr, als sie in ihren Texten kenntlich
machen.
"Anders" - das war das journalistische Pseudonym - wurde als Sohn des
Psychologen William Stern (vgl. >>> Sterns Entwicklungspsychologie)
geboren, studierte in den frühen zwanziger Jahren Philosophie bei
Husserl und Heidegger. 1927 scheiterte er mit dem
Plan, sich mit einer "Phänomenologie des Zuhörens" zu habilitieren. Bis 1936
(Emigration USA) verheiratet mit Hannah Arendt. In
den USA Kontakt zu HorkheimersKreis, Mitarbeiter der
Zeitschrift für Sozialforschung.
Keine akademische Tätigkeit, Jobs u.a. als Requisiteur in Hollwood.
1950 kehrt Anders zurück und lebt bis zu seinem Tod 1992 in Wien.
1983 Adorno-Preisträger der Stadt Frankfurt.
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Die Prometheische Scham
"Wir sind invertierte Utopisten: während
Utopisten dasjenige, was sie sich vorstellen, nicht
herstellen können, können wir uns dasjenige, was wir
herstellen, nicht vorstellen." - Günther
Anders
In seinen frühen Essays entwirft Anders
ein Bild der Verlorenheit und der Weltfremdheit des modernen
Menschen vor der zunehmend zutage tretenden Monstrosität des
Technischen. Vor den Maschinen und den "kybernetischen
Apparaten", wie es 1942 heisst, entwickelt der Mensch eine
spezifische "prometheische" Scham - aufgrund des Gefälles
zwischen dem Gewordenen und dem Gemachten. Durch vorauseilenden
Gehorsam versucht der Mensch dem "Human Engineering" zu entgehen:
durch physische Gleichschaltung mit den Maschinen. Als
schwächstes Glied im Gerätesystem erfährt der Mensch eine
Veränderung an Leib und Seele, auf die er mit zunehmender
Selbstverdinglichung reagiert: durch die Überformung des Selbst
mittels Kosmetik, Mode, Sport, Bodybuilding, und andere Huldigungen
des industriellen Dionysos-Kults
Zur Huldigung der Apparatewelt gehört als Schlüsselphänomen das, was Anders als
die Ikonomanie seines Zeitalters
geißeln sollte: eine hypertrophische Bildproduktion, die sich in der
allgegenwärtigen Foto-Knipserei ausdrückt, als ständiges Opfer vor
dem "Altar des Apparates": wirklich ist nurmehr, wovon man sich ein
Bild gemacht hat.
Die Welt als Phantom und Matrize
In Anders' erst 1956 publizierten Hauptwerk
Die Antiquiertheit des Menschen. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen
Revolution wird dann eine "Phänomenologie des Fernsehens
" mit enthalten sein: Die Welt als Phantom und Matrize. Diese Philosophie des technischen
Zeitalters ist eine negative Anthropologie, nach der der Mensch
nicht bestimmt festgelegt ist (= negative Freiheit im
Existentialismus). Ihre Ausgangsfrage lautet: wie strukturieren
Medien die akustischen und visuellen Wahrnehmungen der Menschen?
Ihre These ist das Verschwinden des Menschen hinter seinen
technischen Triumphen: das Herstellen überlagert Vorstellen. Das
Reproduzierte verändert seine Konsumenten negativ, da sie ihm die
Wirklichkeit vorenthält und ihnen stattdessen Surrogate bietet. Das
Fernsehen produziert einen neuen Menschentypus, denn es vermittelt
nicht Wirklichkeit, sondern schafft wirklichkeitsanaloge
Situationen.
Dieser Reflexion
zugrunde liegt eine radikale Neubewertung der Eigendynamik unserer
Technik: Der Mensch stellt sich eine bedürfnisstillende Welt her,
die dann aber über seine Bedürfnisse weit hinausreicht. Zwischen den
Menschen und ihren Produkten entsteht ein Gefälle besonderer Art -
Anders diagnostiziert eine 'prometheische Scham' angesichts der
"Tatsache der täglich wachsenden Asynchronisiertheit des Menschen
mit seiner Produktewelt" - die menschliche Vorstellungskraft hält
mit dem Potential der Maschinen einfach nicht mehr mit. Die vom
Medium des Fernsehens erzeugte Welt ist zugleich Phantom
(weder unmittelbare Realität noch deren Abbild) und Matrize
(d.h. die Welt wird danach geformt, das konstruierte Pseudo-Abbild
wird zum Vorbild der neuen gesellschaftlichen Wirklichkeit). Anders
erkennt wesentliche Momente einer "Medienwirklichkeit" zwischen Sein
und Schein, zwischen Realität und deren Abbild. Weitere Thesen in
Stichworten:
- Das Wirkliche wird erst über seine Abbildung wirklich (Photographie)
- Die Wirklichkeit
der Bilder ist ein Substitut für die genuine
Welterfahrung
- Nachrichten
übertragen keine Informationen, sondern sind bereits vorgefaßte
Urteile, Rezipienten können über die gebotenen Informationen nicht
verfügen
- Fernsehen ist
kein Medium, sondern eine Maschine zur Produktion von
Wirklichkeitsanalogien, die wirklicher als die Wirklichkeit sind
(Serien!)
- Menschen, die
sich nicht mehr selbst artikulieren, werden infantilisiert und um
ihre Subjektivität betrogen.
Anders beklagte
selbstverständlich den Sprachverlust, die Bilderflut und das
"postliterarische Analphabetentum"; allerdings wurde er durch den
Lauf der Zeit korrigiert. Seine Analysen sind
philosophisch-weltfremd, abgehoben von der realen Mediensituation,
mit der er sich nicht als Forscher auseinandergesetzt hat (er war
stolz darauf, nie mehr als ein paar Minuten ferngesehen zu
haben).
Es ging ihm doch um eine fundamentale "Kritik der Grenzen des Menschen"
angesichts der Technik. Aber auch um politisches Engagement, wie
eingangs erwähnt, und in diesem Zusammenhang stellt er fest:
"Meine damaligen Thesen (erfordern) eine Ergänzung, und zwar
eine ermutigende: Unterdessen hat es sich nämlich herausgestellt,
daß Fernsehbilder doch in gewissen Situationen die Wirklichkeit,
denen wir sonst überhaupt nicht teilhaftig würden, ins Haus
liefern und uns erschüttern und zu geschichtlich wichtigen
Schritten motivieren können. Wahrgenommene Bilder sind zwar
schlechter als wahrgenommene Realität, aber sie sind doch besser
als nichts. Die täglich in die amerikanischen Heime kanalisierten
Bilder vom vietnamesischen Kriegsschauplatz haben Millionen von
Bürgern die auf di Mattscheibe starrenden Augen erst wirklich
'geöffnet' und einen Protest ausgelöst, der sehr erheblich
beigetragen hat zum Abbruch des damaligen Genozids."
(Vorwort zur 5. Auflage der "Antiquiertheit des Menschen",
1979)

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Die Antiquiertheit des Menschen -
Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution
(1956)
"Eine Kritik der Grenzen des Menschen, also
nicht nur der seiner Vernunft, sondern der Grenzen aller seiner
Vermögen (der seiner Phantasie, seines Fühlens, seines
Verantwortens, usf.) scheint mir heute, da sein Produzieren alle
Grenzen gesprengt
zu haben
scheint, und da diese spezielle Grenz-sprengung die noch
immer bestehenden Grenzen der anderen Vermögen
um so deutlicher sichtbar gemacht hat,
geradezu das Desiderat der Philosophie geworden zu sein."
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