Vorlesung Medienphilosophie

Doz. Dr. Frank Hartmann
Institut für Publizistik
Universität Wien

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2.5. Die Antiquiertheit des Menschen
Eine Philosophie des technischen Zeitalters (Günther Anders)


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"Abendgebet vor der Statue eines Zyklopen, eines Götzen,
dessen rechteckiges, von Kämpfen triefendes Auge uns fasziniert,
beherrscht, empört, mit Abscheu, Schrecken, und Mitleid erfüllt.
Einst wohnte der Fetischkasten in unseren Häusern;
jetzt wohnen wir in diesem Käfig, dieser Höhle aus Holz und Glas.
- Michel Serres (1995) über das Fernsehen


Technik- und Medienkritik


Dass die technische Reproduzierbarkeit von Kunstwerken ein gesellschaftliches Potenzial darstellt, war Thema der medientheoretischen Reflexion Walter Benjamins (vgl. Vorlesung 2.4 ). Seine Zeitgenossen sahen das nicht unbedingt so: die zeitdiagnostische Kulturkritik nimmt gern apokalyptische Züge an, wenn sie sich mit den neuen audiovisuellen Medien befasst. Dazu zählt Günther Anders, ein Außenseiter der neueren Philosophiegeschichte, der sich bis ins hohe Alter polemisch einzumischen pflegte und zuletzt noch in der Anti-Kriegsbewegung (u.a. im >>> Vietnam War Crimes Tribunal von Bertrand Russell) und in der Anti-Atombewegung aktiv war.

Sein maßloser, übertreibender Gestus macht die Lektüre seiner pessimistischen "Philosophie der Technik" oft schwer verdaulich - hat jedoch folgende Methode: durch Übertreibung Wahrheiten ans Licht zu bringen, oder wie er selbst sagt: "Bagatellisierte Gegenstände erfordern übertreibende Formulierungen." Auch klingen viele seiner Thesen heute teils wie Gemeinplätze, was mit einer "stillen Rezeption" zu tun hat: Susan Sontag etwa oder Neil Postman schulden Anders mehr, als sie in ihren Texten kenntlich machen.

"Anders" - das war das journalistische Pseudonym - wurde als Sohn des Psychologen William Stern (vgl. >>> Sterns Entwicklungspsychologie) geboren, studierte in den frühen zwanziger Jahren Philosophie bei Husserl und Heidegger. 1927 scheiterte er mit dem Plan, sich mit einer "Phänomenologie des Zuhörens" zu habilitieren. Bis 1936 (Emigration USA) verheiratet mit Hannah Arendt. In den USA Kontakt zu HorkheimersKreis, Mitarbeiter der Zeitschrift für Sozialforschung. Keine akademische Tätigkeit, Jobs u.a. als Requisiteur in Hollwood. 1950 kehrt Anders zurück und lebt bis zu seinem Tod 1992 in Wien. 1983 Adorno-Preisträger der Stadt Frankfurt.

 

 

 

 

 

 

Die Prometheische Scham

"Wir sind invertierte Utopisten: während Utopisten dasjenige, 
was sie sich vorstellen, nicht herstellen können, 
können wir uns dasjenige, was wir herstellen, nicht vorstellen." 
- Günther Anders

In seinen frühen Essays entwirft Anders ein Bild der Verlorenheit und der Weltfremdheit des modernen Menschen vor der zunehmend zutage tretenden Monstrosität des Technischen. Vor den Maschinen und den "kybernetischen Apparaten", wie es 1942 heisst, entwickelt der Mensch eine spezifische "prometheische" Scham - aufgrund des Gefälles zwischen dem Gewordenen und dem Gemachten. Durch vorauseilenden Gehorsam versucht der Mensch dem "Human Engineering" zu entgehen: durch physische Gleichschaltung mit den Maschinen. Als schwächstes Glied im Gerätesystem erfährt der Mensch eine Veränderung an Leib und Seele, auf die er mit zunehmender Selbstverdinglichung reagiert: durch die Überformung des Selbst mittels Kosmetik, Mode, Sport, Bodybuilding, und andere Huldigungen des industriellen Dionysos-Kults

Zur Huldigung der Apparatewelt gehört als Schlüsselphänomen das, was Anders als die Ikonomanie seines Zeitalters geißeln sollte: eine hypertrophische Bildproduktion, die sich in der allgegenwärtigen Foto-Knipserei ausdrückt, als ständiges Opfer vor dem "Altar des Apparates": wirklich ist nurmehr, wovon man sich ein Bild gemacht hat.

Die Welt als Phantom und Matrize


In Anders' erst 1956 publizierten Hauptwerk Die Antiquiertheit des Menschen. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution wird dann eine "Phänomenologie des Fernsehens " mit enthalten sein: Die Welt als Phantom und Matrize. Diese Philosophie des technischen Zeitalters ist eine negative Anthropologie, nach der der Mensch nicht bestimmt festgelegt ist (= negative Freiheit im Existentialismus). Ihre Ausgangsfrage lautet: wie strukturieren Medien die akustischen und visuellen Wahrnehmungen der Menschen? Ihre These ist das Verschwinden des Menschen hinter seinen technischen Triumphen: das Herstellen überlagert Vorstellen. Das Reproduzierte verändert seine Konsumenten negativ, da sie ihm die Wirklichkeit vorenthält und ihnen stattdessen Surrogate bietet. Das Fernsehen produziert einen neuen Menschentypus, denn es vermittelt nicht Wirklichkeit, sondern schafft wirklichkeitsanaloge Situationen.

Dieser Reflexion zugrunde liegt eine radikale Neubewertung der Eigendynamik unserer Technik: Der Mensch stellt sich eine bedürfnisstillende Welt her, die dann aber über seine Bedürfnisse weit hinausreicht. Zwischen den Menschen und ihren Produkten entsteht ein Gefälle besonderer Art - Anders diagnostiziert eine 'prometheische Scham' angesichts der "Tatsache der täglich wachsenden Asynchronisiertheit des Menschen mit seiner Produktewelt" - die menschliche Vorstellungskraft hält mit dem Potential der Maschinen einfach nicht mehr mit. Die vom Medium des Fernsehens erzeugte Welt ist zugleich Phantom (weder unmittelbare Realität noch deren Abbild) und Matrize (d.h. die Welt wird danach geformt, das konstruierte Pseudo-Abbild wird zum Vorbild der neuen gesellschaftlichen Wirklichkeit). Anders erkennt wesentliche Momente einer "Medienwirklichkeit" zwischen Sein und Schein, zwischen Realität und deren Abbild. Weitere Thesen in Stichworten:

  • Das Wirkliche wird erst über seine Abbildung wirklich (Photographie)
  • Die Wirklichkeit der Bilder ist ein Substitut für die genuine Welterfahrung
  • Nachrichten übertragen keine Informationen, sondern sind bereits vorgefaßte Urteile, Rezipienten können über die gebotenen Informationen nicht verfügen
  • Fernsehen ist kein Medium, sondern eine Maschine zur Produktion von Wirklichkeitsanalogien, die wirklicher als die Wirklichkeit sind (Serien!)
  • Menschen, die sich nicht mehr selbst artikulieren, werden infantilisiert und um ihre Subjektivität betrogen.

Anders beklagte selbstverständlich den Sprachverlust, die Bilderflut und das "postliterarische Analphabetentum"; allerdings wurde er durch den Lauf der Zeit korrigiert. Seine Analysen sind philosophisch-weltfremd, abgehoben von der realen Mediensituation, mit der er sich nicht als Forscher auseinandergesetzt hat (er war stolz darauf, nie mehr als ein paar Minuten ferngesehen zu haben).

Es ging ihm doch um eine fundamentale "Kritik der Grenzen des Menschen" angesichts der Technik. Aber auch um politisches Engagement, wie eingangs erwähnt, und in diesem Zusammenhang stellt er fest:

"Meine damaligen Thesen (erfordern) eine Ergänzung, und zwar eine ermutigende: Unterdessen hat es sich nämlich herausgestellt, daß Fernsehbilder doch in gewissen Situationen die Wirklichkeit, denen wir sonst überhaupt nicht teilhaftig würden, ins Haus liefern und uns erschüttern und zu geschichtlich wichtigen Schritten motivieren können. Wahrgenommene Bilder sind zwar schlechter als wahrgenommene Realität, aber sie sind doch besser als nichts. Die täglich in die amerikanischen Heime kanalisierten Bilder vom vietnamesischen Kriegsschauplatz haben Millionen von Bürgern die auf di Mattscheibe starrenden Augen erst wirklich 'geöffnet' und einen Protest ausgelöst, der sehr erheblich beigetragen hat zum Abbruch des damaligen Genozids."

(Vorwort zur 5. Auflage der "Antiquiertheit des Menschen", 1979)



 

Die Antiquiertheit des Menschen - Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution (1956)


"Eine Kritik der Grenzen des Menschen, also nicht nur der seiner Vernunft, sondern der Grenzen aller seiner Vermögen (der seiner Phantasie, seines Fühlens, seines Verantwortens, usf.) scheint mir heute, da sein Produzieren alle Grenzen gesprengt zu haben scheint, und da diese spezielle Grenz-sprengung die noch immer bestehenden Grenzen der anderen Vermögen um so deutlicher sichtbar gemacht hat, geradezu das Desiderat der Philosophie geworden zu sein."

 

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