Vorlesung Medienphilosophie

Doz. Dr. Frank Hartmann
Institut für Publizistik
Universität Wien

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2.3. Zur Dialektik der Aufklärung
Die Ambivalenz des kulturellen Fortschritts


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Nachdem Max Horkheimer 1931 in seiner Antrittsrede als neuer Direktor des "Instituts für Sozialforschung" und auch im Vorwort der berühmten "Zeitschrift für Sozial- forschung" eine umfassende Theorie der Gesellschaft gefordert und dazu eine breite empirische Untersuchung der "gegenwärtigen menschlichen Wirklichkeit" gefordert hatte, bildeten Literatur und Medien, Presse, Belletristik und Musik selbstverständliche Forschungsgegenstände der kritischen Analyse.

So tauchen Kunst und Massenkulturin verschiedensten Beiträgen der Zeitschrift auf, von Theodor W. Adornos bissiger Kritik von Populärmusik und Jazz über Walter Benjamins berühmten Kunstwerk-Aufsatz (siehe > Vorlesung 2.4) und Herbert Marcuses Thesen zum affirmativen Charakter der Kultur bis hin zu Paul Lazarsfelds Plädoyer für eine administrative Kommunikationsforschung (1941 - dieses bereits im amerikanischen Exil publizierte Heft 1 des 9. Jahrgangs behandelte insgesamt Probleme der modernen Massenkommunikation).

Verschiedenste Analysen aufgrund emprischer Erhebungen, die am Frankfurter Institut in den dreißiger Jahren gemacht wurden, drehten sich um die Themen Autorität, Antismeitismus, Massenkultur. Vor dem Hintergrund einer Kritik der auf Triebverzicht gebauten Kultur mit all ihren verinnerlichten Aggressionen, die irgendwann ein Ventil suchen, und der Verdrängung sowohl religiöser wie fortschrittsskeptischer Fragen zugunten eines reibungslosen "Funktionierens" baute sich ein immer düstereres Geschichtsbild auf.   

"Das Staunen darüber, dass die Dinge, die wir erleben, im zwanzigsten Jahrhundert 'noch' möglich sind, ist kein philosophisches. Es steht nicht am Anfang einer Erkenntnis, es sei denn der, dass die Vorstellung von Geschichte, aus der es stammt, nicht zu halten ist." (W. Benjamin: Über den Begriff der Geschichte 1940)
 

 

 

 

 

Selbstzerstörung der Aufklärung

Die "Dialektik der Aufklärung" mit dem berühmten Kapitel über die Kulturindustrie sollte dies alles auf den Punkt bringen. Der Text wurde im kalifornischen Exil geschrieben, und dem Text liegen Diskussionen Horkheimers mit Pollock, Marcuse, und vor allem mit Adorno zugrunde. Vorausgegangen waren Vorlesungen Horkheimers an der Columbia University in New York, die 1947 unter dem Titel "Eclipse of Reason" - Verfinsterung der Vernunft - publiziert wurden; im selben Jahr wie die "Dialektik der Aufklärung", die im auf Exilliteratur spezialisierten Amsterdamer Verlag Querido erschien und bis in die sechziger Jahre relativ unbemerkt geblieben ist.

Nicht umsonst besagt der Untertitel, dass es sich bei diesem Text um philosophische Fragmente handelt. Die ergänzenden empirischen Erhebungen konnten in der Emigration nicht durchgeführt werden. Die Autoren weisen auch darauf hin: "Mehr noch als die anderen Abschnitte ist der über Kulturindustrie fragmentarisch", so das Vorwort.


"Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils." (Begriff der Aufklärung)

Der Text diskutiert die Ambivalenz der Aufklärung, mit dem Fortschritt auch zur Zerstörung und Unterdrückung beizutragen - Aufklärung im Dienst der Interessen der Herrschenden - vor dem Hintergrund des politischen Mythos des Nationalsozialismus. Die Motive des Textes sind bei anderen Autoren vorgefasst, die jedoch nicht zitiert werden:

  • Max Webers Soziologie der modernen Rationalität, welche die unpersönlichen Mächte des Systems unter dem Stichwort von der "Entzauberung der Welt" thematisiert
  • Ludwig Klages philosophische Kritik der modernen Naturbeherrschung als Umweltzerstörung [ > Klages Biografie ]

Die Themen des Textes sind vernunftkritisch und kreisen um eine Diagnose der Kultur, ja der menschlichen Zivilisation als einem grundsätzlichen Unterdrückungsverhältnis. Nicht nur die äußere Natur wird im Sinne einer Naturbeherrschung unterworfen, sondern auch die innere - Zivilisation ist auf Lustfeindschaft und Triebverzicht gebaut. Aber laut Freud (der auch nicht zitiert wird) kehrt das Verdrängte irgendwann unheilvoll zurück. So kommt es zu Frauenunterdrückung und zum Ausbruch von Antisemitismus. Die Geschichte des Verdrängten und der unterdrückten Sinnlichkeit wird bis in die Antike zurückverfolgt [der Exkurs zu Odysseus] und mit der Amoralität des modernen Freiheitsversprechens illustriert [Exkurs zum Marquis de Sade]. 

Dass die Welt nicht ist, wie sie sein soll, wird durch die Produkte einer Kulturindustrie verdeckt, welche die Massen bei der Stange halten soll und sie mit "Shows" und "Hits" die Realität vergessen läßt: das große Versprechen solcher "Kultur" ist nicht mehr das Glück oder die Lust, sondern - wie Adorno es ausgedrückt hat - das Versprechen "blendend weißer Zähne" und "Freiheit von Achselschweiss".

Aufklärung wird hier aber nicht mit dem Gestus der Verabschiedung kritisiert, wie es im postmodernen Diskurs üblich wurde. Übrig bleibt die These, dass alle bisherige Aufklärung keine wirkliche war, weil sie im Dienst verschiedenster Interessen stand und zwanghafte Angleichung der Menschen an ihre Kulturprodukte fordert. Dem gegenüber steht die Idee einer Versöhnung mit Natur und einem wirklich lustbetonten Leben (für Adorno waren bestimmte Formen der Musik eine Art Kundschafter). 

     

    Dialektik der Aufklärung

    "Wir hegen keinen Zweifel - und darin liegt unsere
    petitio principii -, dass Freiheit in der Gesellschaft vom aufklärenden Denken unabtrennbar ist." (1947)


    >>> Radio Bremen: 50 Jahre Dialektik der Aufklärung









    Theodor W. Adorno

     

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