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Nachdem Max Horkheimer 1931 in
seiner Antrittsrede als neuer Direktor des "Instituts für
Sozialforschung" und auch im Vorwort der berühmten "Zeitschrift für
Sozial- forschung" eine umfassende Theorie der Gesellschaft
gefordert und dazu eine breite empirische Untersuchung der
"gegenwärtigen menschlichen Wirklichkeit" gefordert hatte, bildeten
Literatur und Medien, Presse, Belletristik und Musik
selbstverständliche Forschungsgegenstände der kritischen
Analyse.
So tauchen Kunst und
Massenkulturin verschiedensten Beiträgen der Zeitschrift auf, von
Theodor W. Adornos bissiger Kritik von Populärmusik
und Jazz über Walter Benjamins
berühmten Kunstwerk-Aufsatz (siehe > Vorlesung 2.4) und Herbert
Marcuses Thesen zum affirmativen Charakter der
Kultur bis hin zu Paul
Lazarsfelds Plädoyer für eine administrative
Kommunikationsforschung (1941 - dieses bereits im
amerikanischen Exil publizierte Heft 1 des 9. Jahrgangs behandelte
insgesamt Probleme der modernen
Massenkommunikation).
Verschiedenste Analysen aufgrund
emprischer Erhebungen, die am Frankfurter Institut in den dreißiger
Jahren gemacht wurden, drehten sich um die Themen Autorität,
Antismeitismus, Massenkultur. Vor dem Hintergrund einer Kritik
der auf Triebverzicht gebauten Kultur mit all ihren verinnerlichten
Aggressionen, die irgendwann ein Ventil suchen, und der Verdrängung
sowohl religiöser wie fortschrittsskeptischer Fragen zugunten eines
reibungslosen "Funktionierens" baute sich ein immer düstereres
Geschichtsbild auf.
"Das Staunen
darüber, dass die Dinge, die wir erleben, im zwanzigsten Jahrhundert
'noch' möglich sind, ist kein philosophisches. Es steht nicht am
Anfang einer Erkenntnis, es sei denn der, dass die Vorstellung von
Geschichte, aus der es stammt, nicht zu halten ist." (W. Benjamin:
Über den Begriff der Geschichte 1940)
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Selbstzerstörung der Aufklärung
Die "Dialektik der Aufklärung" mit dem
berühmten Kapitel über die Kulturindustrie sollte
dies alles auf den Punkt bringen. Der Text wurde im kalifornischen
Exil geschrieben, und dem Text liegen Diskussionen Horkheimers mit
Pollock, Marcuse, und vor allem mit Adorno zugrunde. Vorausgegangen
waren Vorlesungen Horkheimers an der Columbia University in New
York, die 1947 unter dem Titel "Eclipse of Reason" - Verfinsterung
der Vernunft - publiziert wurden; im selben Jahr wie die "Dialektik
der Aufklärung", die im auf Exilliteratur spezialisierten
Amsterdamer Verlag Querido erschien und bis in die sechziger Jahre
relativ unbemerkt geblieben ist.
Nicht umsonst besagt der
Untertitel, dass es sich bei diesem Text um philosophische
Fragmente handelt. Die ergänzenden empirischen Erhebungen
konnten in der Emigration nicht durchgeführt werden. Die
Autoren weisen auch darauf hin: "Mehr noch als die anderen
Abschnitte ist der über Kulturindustrie fragmentarisch", so das
Vorwort.
"Seit je hat Aufklärung im
umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von
den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen.
Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen
Unheils." (Begriff der Aufklärung)
Der Text diskutiert die Ambivalenz
der Aufklärung, mit dem
Fortschritt auch zur Zerstörung und Unterdrückung beizutragen - Aufklärung im Dienst der Interessen
der Herrschenden - vor dem Hintergrund des politischen Mythos des
Nationalsozialismus. Die Motive des Textes sind bei anderen Autoren
vorgefasst, die jedoch nicht zitiert werden:
- Max Webers Soziologie der modernen
Rationalität, welche die unpersönlichen Mächte des Systems unter dem Stichwort
von der "Entzauberung der Welt" thematisiert
- Ludwig Klages philosophische Kritik der
modernen Naturbeherrschung als Umweltzerstörung
[ > Klages Biografie ]
Die Themen des Textes sind vernunftkritisch und
kreisen um eine Diagnose der Kultur, ja der menschlichen
Zivilisation als einem grundsätzlichen Unterdrückungsverhältnis.
Nicht nur die äußere Natur wird im Sinne einer Naturbeherrschung unterworfen, sondern auch die
innere - Zivilisation ist auf Lustfeindschaft und Triebverzicht gebaut. Aber laut
Freud (der auch nicht zitiert
wird) kehrt das Verdrängte irgendwann unheilvoll zurück. So kommt
es zu Frauenunterdrückung und zum Ausbruch von Antisemitismus.
Die Geschichte des Verdrängten und der
unterdrückten Sinnlichkeit wird bis in die Antike zurückverfolgt [der Exkurs zu
Odysseus] und mit der Amoralität des modernen Freiheitsversprechens illustriert
[Exkurs zum Marquis de Sade].
Dass die Welt nicht ist, wie
sie sein soll, wird durch die Produkte einer Kulturindustrie
verdeckt, welche die Massen bei der Stange halten
soll und sie mit "Shows" und "Hits" die Realität vergessen
läßt: das große Versprechen solcher "Kultur" ist nicht mehr das Glück
oder die Lust, sondern - wie Adorno es ausgedrückt hat -
das Versprechen "blendend weißer Zähne" und "Freiheit von Achselschweiss".
Aufklärung wird hier aber nicht
mit dem Gestus der Verabschiedung kritisiert, wie es im
postmodernen Diskurs üblich wurde. Übrig bleibt die These, dass alle
bisherige Aufklärung keine wirkliche war, weil sie
im Dienst verschiedenster Interessen stand und zwanghafte Angleichung der Menschen
an ihre Kulturprodukte fordert. Dem gegenüber steht die Idee einer Versöhnung
mit Natur und einem wirklich lustbetonten Leben (für Adorno
waren bestimmte Formen der Musik eine Art
Kundschafter).

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